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Die Zehn-Minuten-Herausforderung

von Jens Dittrich

Über Science Slams.

Die Zehn-Minuten-Herausforderung© Kuzma - iStockphoto.comScience Slams bieten Wissenschaftlern zehn Minuten Zeit, ihr Projekt vorzustellen
Die Uhr tickt, der Vortragende hat zehn Minuten Zeit, sein Projekt einem fachfremden Publikum zu erklären, möglichst verständlich und unterhaltsam. Science Slams boomen in Deutschland, inzwischen werden sogar Meisterschaften ausgetragen.*

Der Hörsaal ist brechend voll, fast alle Laptops sind geöffnet, die Zu"hörer" aktualisieren fleißig ihren Facebook-Status ("wieder langweilig!"), beantworten E-Mails, spielen Computerspiele oder diskutieren den neusten Klatsch. Der Dozent kämpft sich mühsam durch Powerpoint-Textwüsten und liest leicht genervt fünfhundert erwachsenen Menschen seine Folien vor. Wir haben das alle schon mal als Dozent oder Zuhörer erlebt: Willkommen zum Konferenzvortrag, Willkommen zur Vorlesung!

Der Konzertsaal ist brechend voll. Niemand hat einen Laptop geöffnet. Die Stimmung ist ausgelassen. Der Dozent erklärt sein neuestes Forschungsergebnis. Das Publikum hat Spaß und versteht. Spaß an Wissenschaft. Versteht ein völlig fremdes Thema aus einem ganz anderen Fachgebiet. Es hätte für heute Abend viele andere spannende Optionen gegeben. Aber fünfhundert Menschen sind lieber hierher gekommen: Willkommen zum Science Slam!

Ohne Zweifel gibt es bereits viele exzellente Konferenzvorträge und Vorlesungen, die didaktisch gelungen und zugleich unterhaltsam sind. Aber Science Slams treiben diesen Anspruch auf die Spitze. Bei einem Science Slam haben Vortragende nur zehn Minuten Zeit, ihre Bachelor-/Master-/Doktorarbeit oder ihr Forschungsprojekt einem fachfremden Publikum möglichst prägnant und witzig zu erklären.

Zehn Minuten reichen nicht aus, um komplexe Fachbegriffe einzuführen, langatmig auszuschweifen, mich in Details zu verlieren oder die Struktur meines Vortrags spontan über den Haufen zu werfen und zu improvisieren. Zehn Minuten reichen auch nicht aus, um zum Beispiel mir als Informatiker einem Nicht-Informatiker den Grundstudiumsstoff zu vermitteln, den man eigentlich verstanden haben muss, um die Fragestellungen meines Spezialgebiets innerhalb der Informatik überhaupt begreifen zu können. Zehn Minuten reichen nur noch für die Essenz. Den Kern. Und diese Essenz muss ich so erklären, dass jeder Student die Chance hat sie zu verstehen. Und so, dass er sich nicht dabei langweilt. Und so, dass er nicht hinterher denkt "Informatik ist aber doof!". Das ist die Herausforderung.

Popularitätsgewinn

Science Slams haben in den letzten Jahren enorm an Popularität gewonnen. 2006 in Darmstadt begonnen gibt es inzwischen in über fünfzig Städten Veranstaltungen. Hinzu kommen 'Slams' in der Schweiz, Österreich, Dänemark, Schweden, Finnland, Russland und sogar Chile. Es gibt deutsche Meisterschaften (den Deutschlandslam am 9. November 2012 in Karlsruhe, Livestream und Voting unter scienceslam.ard.de), thematisch spezialisierte Slams (z.B. den Science Slam im Wissenschaftsjahr: Zukunftsprojekt Erde, gefördert vom Bundesbildungsministerium) bis hin zu Science Slams für Jugendliche (Junior Science Slam). Erste Universitäten integrieren Science Slams in Wissenschaftstage (z.B. Berlin, Potsdam und Stuttgart) oder bieten Workshops an (z.B. die Universität des Saarlandes).

Ein typischer Science Slam

Wie verläuft ein typischer Science Slam? Veranstaltungsorte sind neben Hörsälen gerne auch Kino-, Konzert- oder Theatersäle. Die meisten Veranstaltungen finden abends statt. Da der Auftritt als erster Slammer etwas undankbar ist, startet der Abend mit einem 'Opferlamm'. Dies ist ein erfahrener Slammer, der als Warm-up den ersten Vortrag außerhalb der Wertung hält. Danach beginnt der eigentliche Wettbewerb. Die Reihenfolge der Vortragenden wird ausgelost. Nach zehn Minuten wird jeder der Vortragenden unterbrochen und das Publikum befragt, ob sie oder er noch eine kurze Verlängerung bekommt, um den Vortrag zu beenden. Die Bewertung der Vorträge findet - je nach Veranstalter - direkt nach jedem Vortrag oder am Ende der Veranstaltung statt (durch Punktkarten, Klatschen oder Murmeln). Der Sieger bekommt als Siegprämie das "goldene Gehirn". Die Siegervideos landen oft auf Youtube.

Wer tritt auf? Science Slams sind zunächst nicht beschränkt auf eine bestimmte Gruppe oder Altersklasse. Meistens treten Nachwuchswissenschaftler auf. Aber es treten auch immer öfter Professorenkollegen auf wie z.B. in Kassel, Münster, Mannheim, Stuttgart, Bodensee, bis hin zur Langen Nacht der Wissenschaften in Berlin, wo kürzlich ein Science Slam vom Präsidenten der TU Berlin eröffnet wurde. Einzige Bedingung für die Teilnahme ist, dass man über ein eigenes Forschungsgebiet zu berichten weiß.

Sieben Argumente dafür

Warum sollte mich das interessieren?

1. Science Slams trainieren die eigenen Präsentationskünste und verbessern damit mit hoher Wahrscheinlichkeit den nächsten Konferenzvortrag oder die nächste Vorlesung.

2. Science Slams entschlüsseln Wissenschaft. Was vorher durch Fachterminologie verborgen und nur für eine kleine Schar Eingeweihter zugänglich war, ist jetzt entschlüsselt und damit durch eine breite Masse versteh- und bewertbar. Im Idealfall kann fachfremdes Publikum inhaltliches Feedback geben.

3. Science Slams verbessern den Transfer zwischen unterschiedlichen Forschungsgebieten.

4. Science Slams verbessern den Transfer zwischen Forschung und Industrie.

5. Science Slams können als Begleitung zu einer Veröffentlichung deren "Impact" erhöhen.

6. Science Slams können im Idealfall Schüler für das eigene Fach und für die eigene Universität begeistern und als Studierende gewinnen.

7. Science Slams machen einfach Spaß.

* Informationen zu aktuellen Veranstaltungen finden sich auf scienceslam.org, scienceslam.de und scienceslam.net. Auf Youtube finden sich zahlreiche Videos.


Über den Autor
Prof. Dr. Jens Dittrich ist Informatiker an der Universität des Saarlandes. Er hat bereits mehrfach erfolgreich an Science Slams teilgenommen.

Aus Forschung & Lehre :: September 2012

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