Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Diese Mittel helfen gegen die Gutachteritis

VON MARTIN SPIEWAK

Vier Vorschläge, um das traditionelle Peer-Review besser zu machen - und einer, um es zu ersetzen.

Diese Mittel helfen gegen die Gutachteritis© kallejipp - photocase.deJüngere Wissenschaftler verändern ihren Kommunikationsstil

Mehr Geld

Wer einen Zeitschriftenartikel beurteilt oder einen Antrag bewertet, leistet einen Dienst an der Wissenschaft. Geld bekommt er keines dafür. In jüngster Zeit jedoch wird der Ruf lauter, das Peer-Review zu vergüten. Das soll den Anreiz für Gutachter erhöhen und gleichzeitig die Zahl der angeforderten Gutachten reduzieren. In Deutschland hält man davon bislang wenig: »Das Peer-Review ist Ausdruck des zweckfreien wissenschaftlichen Diskurses. Den wollen wir erhalten«, sagt die Generalsekretärin der Deutschen Forschungsgemeinschaft Dorothee Dzwonnek. Im Ausland sieht man das anders. Der Wellcome Trust, einer der größten privaten Wissenschaftsförderer weltweit, hat fest bezahlte Gutachter. Als Mitglied eines »Peer Review College« bekommt ein Forscher im Jahr 1.000 Pfund und schreibt dafür zwischen einem und sechs Gutachten.

Auch die EU und die deutsche Volkswagen-Stiftung arbeiten zunehmend mit Gutachtergruppen, deren Mitglieder eine Aufwandsentschädigung erhalten. Dass der monetäre Stimulus wirkt, selbst wenn er klein ist, haben Studien gezeigt: Bezahlte Gutachten werden im Schnitt zügiger und zuverlässiger angefertigt als unbezahlte. Fachzeitschriften aus großen Verlagen belohnen ihre Gutachter seit einiger Zeit mit freien Zeitschriftenabonnements oder Buchgutscheinen. Geldzahlungen lehnen sie bisher ab. »Wir appellieren weiterhin an die intrinsische Motivation der Wissenschaftler«, sagt Philippe Terheggen, Leiter der Fachzeitschriftensparte bei Elsevier, dem weltweit größten wissenschaftlichen Fachverlag. Bei einer Disziplin macht der Verlag allerdings eine Ausnahme: Wirtschaftswissenschaftler bekommen 100 Euro pro Gutachten.

Mehr Ruhm

Die eigentliche Währung der Wissenschaft ist aber nicht Geld, sondern Reputation. Auch hier hat das Peer-Review bislang wenig zu bieten - schließlich erfolgt es meist anonym: Egal, wie viel Mühe man sich gibt, ein Manuskript mit Verbesserungsvorschlägen zu versehen, niemand merkt es. Das wurmt viele Wissenschaftler. Elsevier hat deshalb 2014 eine »Reviewer Recognition Platform« eingerichtet, auf der Wissenschaftler ihr Profil als Gutachter ausstellen können. Herausragende Gutachter werden besonders geehrt. Sie dürfen auch die eigene Homepage mit einer »Outstanding Reviewer«-Plakette schmücken. Eine verlagsübergreifende Lösung hat das Start-up Publons ersonnen. Für jedes Gutachten, so die Idee, erhalten Forscher Punkte, die auf der Internetseite gesammelt werden. Bisher hat Publons 40.000 registrierte Nutzer. Ihren aktuellen Kontoauszug können die Rezensenten Bewerbungen oder Forschungsanträgen beilegen. Auch für Verhandlungen mit der eigenen Universität könnte dieser Arbeitsbeleg interessant werden. Einige Hochschulen wie etwa die Universität Bremen erlassen Wissenschaftlern, die besonders aufwendige Gutachten verfassen, einen (kleinen) Teil ihrer Lehrverpflichtungen.

Mehr Gutachter

Die neue Wissenschaftlerbefragung des DZHW zeigt: Nur zehn Prozent der Forscher schreiben fast die Hälfte aller Gutachten, einige über hundert pro Jahr. Meist sind es erfahrene Wissenschaftler mit besonders gutem Ruf, die auch sonst viel beschäftigt sind. Die Folge: Sie kommen kaum noch zu ihrer eigenen Forschungsarbeit. Besser wäre es, die Arbeit auf mehr Gutachter zu verteilen und junge Wissenschaftler früher an die Aufgabe heranzuführen. Davon kann bisher keine Rede sein: Das Verfassen von Gutachten wird nicht gelehrt, man muss es sich selbst beibringen. Nur allmählich gehen Hochschulen wie auch Zeitschriftenverlage dazu über, das Review-Schreiben zu unterrichten. Der Wissenschaftsverlag Springer Nature zum Beispiel, der wie die ZEIT zur Holtzbrinck-Gruppe gehört, bietet dafür Online-Lernmodule für Autoren und Gutachter an.

Die Zahl der Gutachten ließe sich außerdem reduzieren, indem man Doppel- und Dreifachgutachten vermeidet. Bisher wandern abgelehnte Artikel oder Anträge von einem Journal oder Forschungsfinanzier zum nächsten. Das jeweilige Gutachten wandert in der Regel aber nicht mit. Das »Portable Peer Review« soll genau das tun. Viele Verlage geben bereits Gutachten weiter - bislang jedoch meist nur intern.

Mehr Transparenz

Das anonyme Peer-Review sei intransparent, langsam und voller Mängel - aber immer noch besser als jede andere Form der Qualitätskontrolle. Diese an Churchills Ausspruch über die Demokratie angelehnte Wissenschaftlerweisheit gilt im digitalen Zeitalter nicht mehr unbedingt. Das Internet macht Alternativen möglich. Die Schlagworte heißen »Open Peer Review«, »Preprint« oder »Post Publication Peer Review«. Bei all diesen neuen Formen erfolgt die Begutachtung nicht anonym, sondern mehr oder minder öffentlich im Internet. Man kann die Gutachten lesen, manchmal auch die Namen ihrer Autoren. Beim »Open Peer Review« wird das Gutachten so zum Teil des Fachartikels - und kann wie dieser öffentlich kommentiert werden. Seit einigen Jahren praktizieren die Zeitschriften der European Molecular Biology Organization (EMBO) dieses Verfahren. Dabei bleibt es den Gutachtern überlassen, ob sie ihren Namen nennen. Bei den EMBO-Publikationen haben die Artikelautoren zudem die Möglichkeiten, auf die Kritik ihrer Gutachter (offen) zu antworten. Auch der Elsevier-Verlag setzt verstärkt auf Offenheit. »Wir haben vor, in den nächsten drei Jahren für alle unsere Journale offene Gutachterverfahren einzuführen«, sagt Philippe Terheggen. Die Kommentare der Gutachter seien mitunter so interessant wie der Artikel selbst. Das bringe auch für die Leser einen Mehrwert, meint der Elsevier-Geschäftsführer.

... oder einfach Schwarmintelligenz

Es geht aber auch ganz ohne formelles Gutachterverfahren. Die Beurteilung funktioniert dann ähnlich wie die Produktbewertungen bei Amazon: Wissenschaftler veröffentlichen einen Artikel auf einer Internetplattform, auch Repositorium genannt, und warten auf spontane Verbesserungsvorschläge ihrer Kollegen. Mit diesem Prinzip arbeitet die Plattform arXiv.org bereits seit 25 Jahren. Dort stellen Physiker und Mathematiker ihre Artikel halböffentlich zur Diskussion - um sie vor der offiziellen Veröffentlichung (»Preprint«) in einer Fachzeitschrift zu verbessern. Gleichzeitig erleichtern sie den Gutachtern damit ihre Arbeit. Aber warum die Qualitätskontrolle nicht ganz der Schwarmintelligenz des Netzes überlassen - und völlig auf den langwierigen offiziellen Peer-Review-Prozess verzichten? Mitunter dauert es von der Einreichung eines Manuskripts bis zur endgültigen Veröffentlichung in einer Zeitschrift bis zu zwei Jahre. Beim »Post Publication Peer Review« wird ein Beitrag dagegen sofort im Netz publiziert und erst dann begutachtet. Ein zusätzlicher Vorteil der kollektiven öffentlichen Bewertung: Die Autoren können auf die Kommentare im Netz reagieren und immer neue, bessere Versionen ihres Artikels schreiben. Noch ist diese offene, fluide Form der Begutachtung allerdings weit davon entfernt, das traditionelle Peer-Review zu ersetzen. Die formale, von Fachredakteuren der Zeitschriften gesteuerte Gutachterkontrolle erscheint den meisten zuverlässiger. Der Berliner Wissenschaftsforscher Martin Reinhart beobachtet jedoch, dass jüngere Wissenchaftler ihren Kommunikationsstil verändern. Wer mit Facebook, Twitter und Amazon sozialisiert sei, sagt der Professor von der Humboldt-Universität, für den werde es zunehmend normal, andere Formen der Qualitätskontrolle zu akzeptieren.

Aus DIE ZEIT :: 28.07.2016

Ausgewählte Stellenangebote