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Dieser Bau muss sein!

VON ACHATZ VON MÜLLER

Warum das Libeskind-Projekt für die Universität Lüneburg so wichtig ist.

Dieser Bau muss sein!© Leuphana Universität LüneburgDie Kritik am Neubauvorhaben der Lüneburger Universität reißt nicht ab
In der Skandalisierung des Libeskind-Projektes für die Leuphana Universität Lüneburg in einem Teil der Presse ist klamme Häme kaum zu überhören: Eine Universität verschwendet Geld wie alle öffentlichen Bauträger. Darüber hinaus liegt ein kleines Gerüchlein von Vitamin B in der Luft. Ausschreibungspflichten wurden angeblich umgangen, private Geschäftsverbindungen gepflegt.

Es ist nicht an dem Verfasser dieser Zeilen, den Anschuldigungen und ihrer angeblichen Grundlage im nicht öffentlichen Bericht der europäischen Antikorruptionsbehörde nachzugehen. Solange hierüber mehr Gerüchte als Informationen kursieren, erübrigt sich eine Widerlegung aus dritter Hand. Vielmehr ist es dringend geboten, über den seltsamerweise ausgesparten Charakter des geplanten Universitätsbaus und seine Einbettung in geschichtliche Zusammenhänge zu reflektieren.

Der Amerikaner Daniel Libeskind, Architekt des in Bau befindlichen neuen Zentralgebäudes, ist in den letzten Jahren mit bemerkenswerten Projekten zur ästhetischen Präsentation von gebauter Erinnerung hervorgetreten. Mit seinem Entwurf zur architektonischen Fixierung des Gedächtnisses von Ground Zero in New York schuf er eine umstrittene - wie auch nicht - Lösung zur Vernarbung und zugleich Offenlegung der tiefen Wunde dieses Ortes im geschichtlichen Selbstverständnis der USA als Gods own nation. Sein berühmter Keil im Rekonstruktionsbau des Militärhistorischen Museums in Dresden dekonstruierte das Museum als Gedächtnisort militärischer Heroisierung oder auch nur soldatischer Pflichterfüllung. Die inzwischen längst in das Berliner Geschichtsensemble aufgenommene Gestaltung des Jüdischen Museums bot und bietet die Wahrnehmung der deutsch-jüdischen Tragödie als unabweisbare, immer neu schmerzliche Notwendigkeit.

Die Leuphana

Modelluniversität

Die Universität Lüneburg wurde 1946 als Pädagogische Hochschule gegründet und später in eine Uni umgewandelt. Sie ist in einer ehemaligen Kaserne untergebracht. 2005 fusionierte sie mit der Fachhochschule Nordostniedersachsen und richtete sich als Modelluniversität neu aus. Sie gab sich einen neuen Namen, Leuphana, und baute ein besonderes Studienmodell auf. Das erste Semester beispielsweise absolvieren alle Studienanfänger, unabhängig von ihrem Fach, gemeinsam. Ziel ist es, der Uni ein interdisziplinäres Profil zu geben.

Untreuevorwurf

Zuletzt machte die Uni durch ein umstrittenes Bauprojekt von sich reden. Der Professor und Stararchitekt Daniel Libeskind hat für die Leuphana einen futuristischen Neubau entworfen. Laut eines bislang nicht veröffentlichten Berichts der Europäischen Antibetrugsbehörde Olaf soll die Hochschule vor Baubeginn unter anderem gegen Vergaberichtlinien verstoßen haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt jetzt gegen den Vizepräsidenten Holm Keller wegen des Verdachts auf Untreue. Die Universität bestreitet die Vorwürfe.
Und nun Leuphana. Wie immer die Idee entstand, auf dem Gelände des 1935 geschaffenen Kasernenareals in Lüneburg eine Universität zu errichten - es war gewiss nicht die Entscheidung des jetzigen Universitätspräsidiums. Aber wie keine Hochschulleitung zuvor empfand sie die ungeheure historische Vulgarität der Kasernierung von Wissenschaft. Dies umso mehr, als die Leuphana Universität ein Reformprojekt zu entwickeln begann, das die kulturanalytische Reflexion wissenschaftlicher Theorie und Praxis für alle Fächer ins Auge fasst. Damit entstand in Lüneburg das nahezu einzigartige Modell einer nicht nur Theorie und Praxis vermittelnden Universitätsbildung, sondern die darüber hinausweisende Idee, kulturelle Reflexion, methodologische Kompetenz und sozioökonomische Verantwortung zu festen Bestandteilen jedweden Studiums zu erheben. Wie sollte vor solchen Zielen die geschichtliche Wüste einer allenfalls als Travestie wahrzunehmenden Kasernenarchitektur mit ihrer unheilvollen Verankerung im NS-Militarismus zu verorten sein?

Mit der Entscheidung des Jahres 2007, die Kasernenklötze und das in ihnen schlummernde geschichtliche Unheil architektonisch zu kontrastieren, versuchte die Universität, dieses Versprechen auf historische Vergegenwärtigung einzulösen. Es ging somit nicht um einen beliebigen Hochschulbau, sondern um das Gesicht der Universität, das dem Leuphana-Projekt entsprach und zugleich die ihm aufgebürdete geschichtliche Last der Kasernierung und Militarisierung zu brechen vermochte.

Hierfür einen Intellektuellen zu gewinnen, der zunächst als Hochschullehrer über geschichtliche Verantwortung von Architektur und Baukörpern als Bedeutungsträgern mit der Universität als Lehrender kommunizierte, entsprach diesem Projekt. Mit Daniel Libeskind vermochte die Universität somit einen weltweit angesehenen - wenn nicht den angesehensten - Spezialisten für eine solche keineswegs allein architektonisch-ästhetische Aufgabe zu gewinnen.

Denn worum ging und geht es genau? Thema war ja nicht die allgemeine und notwendige Spannung zwischen Militär und Universität, Gehorsam und wissenschaftlicher Freiheit. Thema war und bleibt jene Versuchung zur historischen Relativierung, die der österreichische Schriftsteller Jean Améry die »Versuchung historischer Entropie« nannte. Also jenes Langzeitmotiv der deutschen Geschichtsdebatte, das »endlich einen Schlussstrich« unter die deutsche Schuld ziehen will.

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Dieser Versuchung zu »Schlussstrich«, Objektivierung, Relativierung oder Historisierung galt es, im Namen von Wissenschaft und Moral entgegenzutreten. Die Kontrastierung der Ensembles, wie sie das Libeskind-Modell nun vorsieht, entsprach dieser Vorgabe aufs Sorgsamste. Es geht auch in ihm um das geschichtliche Gedächtnis und die aus ihm erwachsende Fähigkeit zu Wissenschaft in Verantwortung.

Brechung, nicht Abriss und Vergessen, war schon die eindrucksvolle Lösung, die in der Hrdlicka-Skulptur am Hamburger Dammtor-Bahnhof sich dem ewigen Todesgang der deutschen Soldaten um den NS-Gedenkklotz mit seinem furchtbaren Motto »Deutschland muss leben, auch wenn wir sterben müssen« entgegengestellt hat. Doch der Lüneburger Entwurf einer solchen Kontrastierung weist darüber hinaus. Er will nicht nur Moral und Geschichte aufeinander beziehen, sondern sie mit Wissenschaft und Leben verbinden.

Ist es vor diesem Hintergrund nötig, daran zu erinnern, was es bedeutet, mit Daniel Libeskind nicht nur den Historiker unter den Architekten, sondern auch einen jüdischen Intellektuellen gewonnen zu haben, der sich der Aufarbeitung der deutsch-jüdischen, jüdisch-deutschen Tragödie wie kaum ein anderer zugewandt hat? Und ist es müßig zu fragen, was die Wiederkehr diffamierender Stereotype aus dem Grab der Geschichte bedeutet?


Über den Autor
Achatz von Müller ist emeritierter Ordinarius für Geschichte an der Universität Basel und zurzeit Professor für Kulturwissenschaft am Leuphana College Lüneburg.

Aus DIE ZEIT :: 04.07.2013

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