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Doktor Schusselkopf

VON ULRICH BAHNSEN UND ULRICH SCHNABEL

In der spektakulären Arbeit über geklonte Menschenzellen wurde offenbar geschlampt. Warum hat das keiner der Gutachter gemerkt?

Doktor Schusselkopf© patpitchaya - Fotolia.comGehen die Fehler in der Veröffentlichung zum Klonen menschlicher Zellen auf Schlamperei zurück?
Es war das blanke Entsetzen. Als am Freitag vergangener Woche die Nachricht von Fehlern in Shoukhrat Mitalipovs aufsehenerregender Veröffentlichung die Runde machte, war aus der Riege der Stammzellforscher zunächst kaum mehr als Schnappatmung zu vernehmen.

Wenige Tage zuvor hatte das Team des Zellbiologen von der Oregon Health & Science University im Fachblatt Cell verkündet, erstmals sei es gelungen, Embryonen aus menschlichen Hautzellen zu klonen und diese in Kulturen embryonaler Stammzellen zu verwandeln. Rund 15 Jahre nach dem Klonschaf Dolly, nach zahlreichen gescheiterten Anläufen schien damit endlich bewiesen: Auch menschliches Leben kann geklont werden.

Und dann das: Anonyme Gutachter der Internetplattform PubPeer entdeckten, dass in der gefeierten Arbeit Fotos und eine Abbildung mehrfach verwendet worden waren. Ein Versehen? Absichtliche Manipulation oder gar Fälschung? Auf einmal war die peinigende Erinnerung an den Betrüger Hwang Woo Suk wieder in allen Köpfen, der die scientific community 2004 mit erfundenen und gefälschten Klonerfolgen genarrt hatte. Hatte es nach diesem Skandal noch einmal jemand gewagt, Klonexperimente zu fälschen? Die mehrfach verwendeten Bilder waren nur das eine. Plötzlich fiel auch auf, wie eilig die Arbeit Mitalipovs bei Cell durchgewinkt worden war. Nur vier Tage nach ihrem Einreichen war sie von den bestellten Fachgutachtern geprüft und akzeptiert worden. In der Regel dauert dieser Prozess der »Peer Review« sonst gern mehrere Wochen oder gar Monate.

Ließ man es angesichts der vermeintlichen Sensation diesmal an der erforderlichen Sorgfalt fehlen? In der Zunft ist man fassungslos. »Es geht einfach nicht in meinen Kopf, dass eine solche Schlamperei passieren kann«, schimpfte der Stammzellexperte Hans Schöler vom Münsteraner Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin. Noch am Tag, als die Vorwürfe aufkamen, erklärte sich Mitalipov. Ja, es habe Fehler gegeben; man habe die Abbildungen in der Eile falsch beschriftet. Er habe sein Manuskript unbedingt noch vor einer Stammzellkonferenz in Juni veröffentlichen wollen. Aber er habe nichts manipuliert oder gar gefälscht: »Die Ergebnisse sind echt, die Zelllinien sind echt, alles ist echt.«

Um alle Zweifel auszuräumen, will der Forscher nun seine geklonten embryonalen Stammzellen anderen Labors zur Prüfung zur Verfügung stellen. Dann werde sich erweisen, dass seine Ergebnisse korrekt seien. Gleichwohl bleibt die Frage: Wieso wurde die Schlamperei - bei einer Arbeit von solcher Tragweite - nicht vor der Veröffentlichung bemerkt? Schließlich haben doch gleich fünf Gutachter im Auftrag von Cell die Arbeit geprüft. Ist keinem etwas aufgefallen? Warum bedurfte es erst der Untersuchung im Internet durch PubPeer, um die Fehler aufzudecken?

Das Muster erinnert in fataler Weise an den Nachweis der Plagiate in den Doktorarbeiten von Politikern: Auch da kam der Anstoß meist von anonymen Kritikern, die sich im Internet äußerten. Was heißt das für die viel beschworene »Selbstreinigungskraft« des Wissenschaftsbetriebs? Bedarf es erst des kritischen Blicks von außen, um Mängel aufzudecken?

Schon die Existenz von Internetforen wie Pub-Peer weist auf ein Manko hin. Deren Betreiber begründen ihre Anonymität in einem Interview auf ZEIT ONLINE damit, dass sie »frustriert waren, wie schwierig und riskant es ist, wissenschaftliche Veröffentlichungen ehrlich zu bewerten«. Gerade junge Forscher riskierten ihre Karriere, wenn sie andere Forscher offen kritisierten. »Die Wissenschaftler, deren Arbeit man heute bewertet, entscheiden morgen vielleicht über den eigenen Antrag auf Forschungsförderung, eine Job-Bewerbung oder sind Gutachter der eigenen Veröffentlichung.« Deshalb versuchen auch Fachzeitschriften, das Peer-Review-Verfahren möglichst anonym zu gestalten.

Doch innerhalb der Community weiß man in der Regel genau, wer in speziellen Fachgebieten als Gutachter überhaupt infrage kommt. Und so lässt sich immer wieder eine gewisse Beißhemmung gegenüber etablierten Kollegen beobachten. Studien belegen beispielsweise, dass Gutachter die Arbeiten von Forschern angesehener Universitäten erheblich freundlicher beurteilen als jene von no-names aus der akademischen Provinz. Hätte Shoukhrat Mitalipov seine Klonstudie nicht in Oregon, sondern in, sagen wir, Kasachstan durchgeführt, wäre die gutachterliche Prüfung möglicherweise viel schärfer ausgefallen.

Dabei gilt gerade das System der Peer Review als der Fels, auf dem die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft ruht. Nun zeigt sich einmal mehr: Dieser Fels ist ziemlich bröselig. Werden Schlampereien bei den Abbildungen übersehen, wie in Mitalipovs Arbeit, ist das noch das kleinere Übel. Viel dramatischer ist die Tatsache, dass in der hart umkämpften Biomedizin die meisten Studien schlicht unbrauchbar sind. Zu diesem Ergebnis kommt der Krebsforscher C. Glenn Begley, der lange für die Biotech-Firma Amgen arbeitete. Er und sein Team machten sich in den vergangenen Jahren die Mühe, 53 wichtige Arbeiten in ihrem Feld unter die Lupe zu nehmen.

Dabei konnten sie nur elf Prozent reproduzieren. Das heißt: Rund 90 Prozent der veröffentlichten Studien hielten nicht, was sie versprachen. »Ein schockierendes Resultat«, konstatierte Begley. Deshalb beschrieb der Onkologe kürzlich im Fachblatt Nature - in derselben Ausgabe, in der die Klonexperimente aus Oregon diskutiert wurden - »sechs Warnzeichen«, an denen man verdächtige Arbeiten erkennen könne. Stutzig müsse man immer werden, wenn es sich um Einmalergebnisse handele, die von den Forschern nicht wiederholt wurden; wenn nur ein Teil der Resultate - jener, der am besten zur Hypothese passt - präsentiert werde; wenn entsprechende Kontrollgruppen fehlten oder der Experimentator seine Versuche nicht »blind« durchführte, wenn er also nicht im Unklaren war, wer zur Versuchs- und wer zur Kontrollgruppe zählte.

Nun ist keine dieser Forderungen radikal oder erstaunlich. Im Gegenteil: Das Erstaunlichste ist ihre Selbstverständlichkeit. Jedem Doktoranden müssten sie geläufig sein. Warum halten sich dennoch so wenige Forscher daran? Begleys Antwort fällt für den Wissenschaftsbetrieb wenig schmeichelhaft aus: »Zum Teil liegt es daran, dass den Forschern oder Fachjournalen keine echten Konsequenzen drohen. Zum Teil liegt es daran, dass viel beschäftigte Gutachter (und enttäuschenderweise auch Co-Autoren) die Arbeiten nicht wirklich lesen; dass Fachzeitschriften ihre Seiten mit einfachen, überzeugenden Geschichten füllen müssen; und daran, dass Interessenkonflikte der Autoren, die ihr Urteil trüben, offensichtlich nicht erkannt werden.« Diesen Unsicherheiten können Medien nur begegnen, indem sie in Zukunft darauf hinweisen, dass Studien misstraut werden muss, solange sie nicht reproduziert worden sind.

Ob Shoukhrat Mitalipovs Klonergebnisse am Ende auch in die Rubrik »nicht reproduzierbar« gehören, wird sich erst in den kommenden Wochen erweisen. Für die Wissenschaft ist der ganze Vorgang allerdings schon jetzt mehr als peinlich. An einer gründlichen Debatte über Sinn und Unsinn des Gutachterwesens kommt sie nicht mehr vorbei.

Aus DIE ZEIT :: 29.05.2013

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