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Doktor werden mit System

VON CHRISTIAN HEINRICH

Von wegen einsame Forschung: Graduiertenschulen bieten Austausch und kompetente Betreuung.

Doktor werden mit System©.marqs - Photocase.comAn Graduiertenschulen werden Promovierende umfassend betreut
Alina Kokoschka promoviert allein, aber einsam ist sie dabei nicht. Sie sitzt an einem hellen Arbeitsplatz im ersten Stock des Gebäudes ihrer Graduiertenschule an der Freien Universität Berlin, elf weitere Promovierende sind auf derselben Etage, mittags gehen sie zusammen essen. »Unser Jahrgang«, nennt das Kokoschka. Die 29-Jährige ist Teil eines Graduiertenkollegs der Exzellenzinitiative »Muslim Cultures and Societies«, muslimische Kulturen und Gesellschaften. Auf drei Jahre ist ihre Promotion mit dem Thema »Islam, Konsum und Lebensstil im zeitgenössischen Syrien« ausgelegt, die im Oktober 2010 startete. Im ersten Semester besucht sie mit den anderen ein Seminar über die theoretischen und methodologischen Grundlagen von Sozial- und Kulturwissenschaften, im zweiten Semester werden die zwölf Promovierenden wöchentlich ein Kolloquium absolvieren, in dem jeder seine Arbeit vorstellt. Gleichzeitig bereitet Kokoschka sich auf ihre »Feldrecherche« in Syrien vor: Im zweiten Jahr ihrer Promotion wird sie im Land Interviews führen. Kürzlich hat sie dazu 20 Privatstunden in syrischem Dialekt genommen. Weil sie den für ihre Recherche braucht, hat die Graduiertenschule die Stunden bezahlt. Das dritte Jahr ist fürs Schreiben reserviert.

Im Grunde ist Kokoschkas Promotion schon bis zum Ende durchgeplant. Monatlich erhält sie rund 1500 Euro - es ist erwünscht, dass sie sich auf ihre Promotion konzentriert und nicht nebenher arbeitet. Wie alle in ihrem Jahrgang hat sie drei Betreuer; wenn sie mit einem von ihnen unzufrieden wäre, könnte sie sich an eine Ombudsfrau wenden. Kokoschka hat ein Maß an Sicherheit und Rückhalt, von dem andere Promovierende nur träumen können. Eine ehemalige Kommilitonin von Kokoschka etwa. Sie promoviert auf die traditionelle, immer noch weitverbreitete Art und Weise: Mit einer halben Stelle arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut, gibt Seminare und hilft bei der Forschung. Häufig macht sie Überstunden. In ihrer freien Zeit soll sie promovieren. Sie weiß nur nicht, worüber eigentlich genau. Das Thema steht noch nicht fest. Sie fühlt sich »schlecht betreut und irgendwie verloren«. »Der Trend geht hin zu mehr strukturierten Doktorandenprogrammen«, sagt Susanne Schilden von der Hochschulrektorenkonferenz. Diese werden häufig in Graduiertenkollegs oder -schulen angeboten: Studien- und Forschungsprogramme zu einzelnen Themen wie »Bionik« oder »Integrierte Küsten- und Schelfmeerforschung«, in denen die Teilnehmer möglichst strukturiert und zielorientiert an ihrer Promotion arbeiten. Vor mehr als zwei Jahrzehnten hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) die ersten Graduiertenkollegs ins Leben gerufen, damals wie heute dienten sie als Modell, um die Promotionen zu verbessern. Heute fördert die DFG mehr als 200 Graduiertenkollegs, in denen jeweils etwa zehn bis zwanzig Promovierende arbeiten.

»Wir fördern Graduiertenkollegs in allen Fächern - vorausgesetzt, das Forschungsprogramm ist hochwertig und wird durch ein passendes Studienprogramm und Betreuungskonzept ergänzt«, sagt Anjana Buckow von der DFG. Die Förderung verteilt sich gleichmäßig, in den vergangenen Jahren entfielen 30 Prozent auf Lebenswissenschaften wie Medizin und Biologie, 30 Prozent auf Naturwissenschaften, 30 Prozent auf Geisteswissenschaften und 10 Prozent auf Ingenieurwissenschaften. Das Modell hat sich bewährt: Universitäten gründen eigene Graduiertenkollegs, hinzu kommen die der Exzellenzinitiative. Sogenannte Einzelpromotionen werden aber, da sind sich die Experten einig, auch künftig eine zentrale Rolle spielen. Denn nicht immer ist die Betreuung hier so schlecht wie bei Kokoschkas Kommilitonin, die inzwischen überlegt, etwas anderes zu machen. Immerhin werden rund 25 000 Promotionen in Deutschland pro Jahr erfolgreich abgeschlossen, seit einigen Jahren stagniert die Zahl auf diesem hohen Niveau - und die beliebten Graduiertenkollegs machen immer noch nur einen kleinen Teil aus.

Doch das Angebot der Universitäten wächst weiter. Anfang des Jahres hat zum Beispiel das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) noch eine Qualifikation draufgelegt und einen Turbo- Doppelabschluss ausgeschrieben: Drei Jahre dauert das gemeinsam mit dem Pariser Collège des Ingénieurs angebotene Promotionsprogramm »Science & Management«, an dessen Ende Promotion und MBA stehen, Wissenschafts- und Managementausbildung in einem. »Früher haben etwa im Bereich Chemie die großen Chemiekonzerne drei Viertel der Absolventen aufgesaugt. Heute gibt es immer mehr kleine Start-up-Unternehmen. Da braucht auch der normale Chemiker Managementerfahrung. Die können wir jetzt bieten«, sagt Stefan Bräse vom KIT. Zehn Studenten wird man pro Jahr voraussichtlich aufnehmen, die Zahl der Bewerber liegt um ein Vielfaches höher. Norman Weiss ist 34 Jahre alt, inzwischen selbst promoviert und Vorsitzender von Thesis, einem Netzwerk für Promovierende. Er sieht solche Turboprogramme skeptisch, ebenso wie die häufig starren Vorgaben bei Graduiertenkollegs. Die von der Politik vorgegebene Zeittaktung sei unrealistisch für eine gute Ausbildung: Bachelor und Master nach fünf Jahren, nach drei weiteren Jahren Promotion, drei Jahre Juniorprofessur, dann wird geschaut, ob man schon eine Professur auf Lebenszeit bekommen kann.

»Mit der verkürzten Schulzeit durch G 8 kann man, wenn man alles in der Regelzeit macht, mit 25 Jahren Juniorprofessor und mit 28 Jahren Professor auf Lebenszeit werden. Das ist absurd«, sagt Weiss. In dieser Zeit sei es fast unmöglich, zu erfassen, was etwa alles im Wissenschaftsbetrieb zu beachten ist. Gerade Turboprogramme seien daher weniger für eine akademische Karriere geeignet als für die Arbeit etwa in der Industrie. Dort sind die zwei Buchstaben häufig ein Türöffner. Sie zeigen unter anderem: Der Bewerber kann sich systematisch und eigenständig in ein einzelnes Thema einarbeiten. Zunehmend promovieren auch Fachhochschulabsolventen, in jüngster Zeit gab es unter den neu Promovierten jedes Jahr immerhin fast 200 von ihnen. Das wird von vielen begrüßt. »Wenn ein Fachhochschulabsolvent geeignet ist, dann soll er auch promovieren können«, sagt Schilden von der Hochschulrektorenkonferenz. Da Fachhochschulen keinen Doktorgrad verleihen dürfen, kann das jedoch nur in Kooperation mit Universitäten geschehen - nicht immer nur innerhalb Deutschlands. In Reutlingen etwa arbeitet man seit zwei Jahren mit der University of the West of Scotland (UWS) zusammen. »Unsere Promovierenden erhalten ihre Promotion an der UWS, aber betreut werden sie fast vollständig hier«, sagt Fritz Laux von der Hochschule Reutlingen. Mit dem Programm ist man sehr zufrieden. »Inzwischen schauen wir schon genau unter den Masterstudenten, ob nicht ein Kandidat für die nächste Pro mo tion dabei ist.« Bei Interesse suche man dann häufig gemeinsam ein geeignetes Thema.

Auch bei Alina Kokoschka von der FU Berlin war ihre Begeisterung fürs Thema mit ausschlaggebend dafür, dass sie ihren Promotionsplatz bekommen hat. »Ich habe mich mit Konsum und Lebensstil in Syrien schon in der Magisterarbeit auseinandergesetzt, dadurch hatte ich gewisse Vorkenntnisse. Außerdem hat das Thema gut in das Graduiertenkolleg gepasst«, sagt Kokoschka. Trotzdem musste sie ein längeres Exposé einreichen, sieht das aber als Vorteil und Rückversicherung: »Bei der Promotion hier wird von Anfang an darauf ge ach tet, ob sie sich wirklich umsetzen lässt.« Bei vielen anderen Promotionen ist das anders. »Fang doch erst mal eine halbe Stelle am Institut an, dann überlegen wir uns ein Thema«, heißt es häufig. Die ehemalige Kommilitonin von Alina Kokoschka hat auch heute noch keines, sechs Monate nachdem sie die Stelle angetreten hat.

Aus DIE ZEIT :: 14.04.2011

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