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Eine der schönsten Aufgaben - Freud und Leid einer Doktormutter

von Christiane Bender

Der Weg zur Promotion ist eine intensive Phase, die häufig, aber nicht immer, glücklich und erfolgreich endet. Was bedeutet es für eine "Doktormutter", diese wichtige Lebensphase eines Doktoranden zu begleiten? Welche Rolle spielt die eigene Biografie?

Eine der schönsten Aufgaben - Freud und Leid einer Doktormutter© AVTG - iStockphoto.comDer Weg durch die Dissertation aus Sicht einer "Doktormutter"
Zu meinen schönsten Aufgaben als Hochschullehrerin gehört es, junge Wissenschaftler beim Anfertigen ihrer Dissertation zu betreuen. Wer sich für eine Doktorarbeit in den Geistes- und Sozialwissenschaften entscheidet, tut dies zumeist aus "freien Stücken", aus Lust am Lesen, Schreiben und Forschen. Ich freue mich, wenn ich spüre, dass das Studium nicht als eine rasch abzuschüttelnde Last angesehen wird, sondern Leidenschaften für Ideen, Theorien und Autoren entstanden sind, wie ich sie selbst empfinde. In Gesprächen mit Doktoranden, die ein tragfähiges originelles Projekt vorlegen, wird die "alte" Universität als Ort der Neugier und der Kreativität wieder lebendig. Außerdem betrachte ich es als besondere Ehre, wenn jemand mir anvertraut, seine Arbeit als Doktormutter zu betreuen und damit eine so wichtige Lebensphase, oftmals über einige Jahre, zu begleiten.

Als Doktormutter stehe ich als Gesprächspartnerin für alle möglichen Fragen rund um die Arbeit zur Verfügung. Außerdem bieten wir Soziologen ein Kolloquium an, in welchem Thesen diskutiert werden und die Doktoranden untereinander ins Gespräch kommen, was sehr wichtig für die Betreffenden ist. Vor allem aber achte ich darauf, dass das in Angriff genommene Projekt zu einem guten Ende geführt wird. Aus leidvoller Erfahrung weiß ich: Die umfängliche Erforschung des Themas und die schriftliche Darstellung der Forschungsresultate folgen verschiedenen Logiken. Deshalb behalte ich über alle Etappen hinweg handwerkliche Gesichtspunkte im Auge, dränge darauf, frühzeitig und regelmäßig Teile der Arbeit vorzulegen und zu besprechen. Im Gespräch frage ich immer wieder nach dem "roten Faden". Mit solchem desillusionierenden Kommentar wie "weniger ist mehr" und der penetranten Aufforderung "schreiben Sie und bringen Sie die Seiten vorbei" kann ich manchmal ziemlich nerven!

Diese pragmatische Haltung resultiert aus eigener Erfahrung. Ich umkreiste jahrelang mein Thema, ohne je zum Kern zu gelangen. Als ich jedoch eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin antrat, machte mir mein Chef unmissverständlich klar, dass er an einer lebenslangen Promovendin kein Interesse habe. Er setzte sogar einen Abgabetermin fest! Da begann ich, meine Texte nicht mehr unter dem Aspekt der Selbstinspiration, sondern des Endprodukts zu schreiben. Zügig beendete ich die Arbeit und gab "termingerecht" ab. Auch wenn sich nicht alle Promovenden in ihr Thema derart hineinsteigern, ist die Arbeit an der Dissertation eine äußerst riskante Phase im Leben. Hohe Ansprüche an die eigene Leistung und das hehre Ziel, die Forschungslandschaft mit neuen Erkenntnissen zu bereichern, kollidieren mit lebenspraktischen Erfordernissen, nach dem Studium den Lebensunterhalt zu verdienen, eventuell Partnerschaften einzugehen und Familien zu gründen. Diejenigen, die für sich eine Universitätslaufbahn erträumen, sehen sich schon bald dem Druck ausgesetzt, in der Scientific Community nach Profilierungschancen Ausschau zu halten und diese zu nutzen. Zeit und Aufmerksamkeit, kostbarste Güter in Zeiten der Promotion, können sich in seltenen Fällen ausschließlich auf die Doktorarbeit richten. Das ist manchmal schwer durchzuhalten, gehört aber auch zum persönlichen Lernprozess. Viel öfter als mir lieb ist, erlebe ich, dass ein überschaubares, interessantes Projekt, mit dem ich Hoffnung verbunden habe, abgebrochen wird. Wenn jemand schon viel Energie investiert hat, empfinde ich das als sehr bitter. Für den Doktoranden und für mich.

Warum kommt es zum Abbruch? Allgemein kann man sagen, weil es dem Betreffenden nicht gelungen ist, den "roten Faden" der Arbeit zu finden und in der Hand zu behalten. Nach längeren Unterbrechungen werden die hohen Anforderungen als fremd und entfremdet erlebt. Wenn zudem das private Umfeld dem innerlich stark beanspruchten Doktoranden wenig Wohlwollen entgegenbringt, dann wird die Zerreißprobe zu groß. Dagegen hilft nur, was schon der Anthropologe Arnold Gehlen dem schwachen, wenig fokussierten Menschen, also uns allen, empfiehlt: Routinisierung und Habitualisierung durch Institutionalisierung. Das heißt, sich der "Arbeit an der Arbeit" täglich zur festgesetzten Zeit am festgelegten Ort zu widmen und Entspannungspausen ebenso zu planen. Davor hat auch die Umwelt Respekt. Ich neige selten zum Feiern, aber Promotionsfeste machen mir großen Spaß: Denn sie sind wirklich verdient.


Über die Autorin
Christiane Bender ist Professorin für Soziologie an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.

Aus Forschung & Lehre :: August 2012

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