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Dr. Leidenschaft

AUFGEZEICHNET VON INES SCHIPPERGES

Nicht jedem geht es beim Promovieren um Titel und Karriere. Manche Doktoranden lässt einfach ihr Thema nicht los. Drei Liebeserklärungen.

Dr. Leidenschaft© roobcio - Fotolia.comWenn eine Promotion keiner Verbesserung der Berufschancen dient, dann ist es Leidenschaft

»Ohne diese Arbeit zu leben, kann ich mir nicht mehr vorstellen«

Anne Julia Fett, 30, Doktorandin und Stipendiatin des Promotionsprogramms »Interzones«

»Am schönsten sind diese Momente, in denen ich das Gefühl habe, etwas wirklich Neues zu entdecken. Selbst wenn es nur ein Detail ist, ein Wort, ein Bild, ein Blick vielleicht - und ich interpretiere das in einer Weise, in der es noch niemand vor mir getan hat. Dann erwacht meine Arbeit zum Leben. Es ist ein großes Privileg, sich täglich mit etwas zu beschäftigen, was man selbst geschaffen hat. Ich promoviere, weil das für mich der Inbegriff selbst bestimmter Arbeit ist, weil mich das Thema begeistert, weil es mir sehr am Herzen liegt. Genau das beeindruckt mich auch an Pasolini und Fassbinder: diese Begeisterung für die Kunst, diese Bedingungslosigkeit, mit der sie dafür gelebt haben. Beide waren als Schriftsteller und als Regisseure tätig, und ich will herausfinden, welche Wechselwirkungen zwischen den Ausdrucksformen sie kreierten. Ihre Filme und ihre literarischen Werke habe ich schon immer geliebt. Dass es nun mein Job ist, darüber zu forschen, zu schreiben, nachzudenken, bedeutet mir viel. Natürlich habe ich auch mal Durchhänger, aber die akzeptiere ich eher, als dass ich mit aller Macht versuche, sie zu überwinden. Inzwischen kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, wie es ist, ohne diese Arbeit zu leben. Mein Thema ist überall. Vieles, was ich lese, höre, erlebe, sehe ich nun durch eine Art Brille, filtere Verbindungen zu meiner Arbeit heraus, entdecke so neue und überraschende Aspekte. Ich hoffe, dass meine Arbeit nicht nur eine eingeschworene Forschergemeinde interessiert, sondern auch bei anderen Neugierde und Leidenschaft für Pasolini und Fassbinder weckt. Und selbst wenn die Promotion mich beruflich nicht weiterbringen sollte: Ich sehe sie in erster Linie als Chance für mich selbst, nicht beim einmal Gelernten stehen zu bleiben, sondern Gedanken weiterzuentwickeln und zu vertiefen.«

Fachbereich: Cultural Studies in Literary Interzones
Thema: Literatur-Film-Beziehungen im Werk von Pier Paolo Pasolini und Rainer Werner Fassbinder


»Ich beschäftige mich ständig mit meinem Thema - auch nachts«

Emanuele Porcu, 35, Doktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Biowissenschaften, Pharmazie und Psychologie der Universität Leipzig

»EEG: Diese drei Buchstaben bestimmen momentan mein Leben. EEG steht für Elektroenzephalografie und ist eine Methode der Neurologie zur Untersuchung von Aktivität im Gehirn. Und wer jetzt bereits abschaltet, ist schon ganz nah bei meinem Thema. In meiner Arbeit untersuche ich nämlich die Begrenztheit der menschlichen Aufmerksamkeit: Verfügen unsere Sinne über ein jeweils eigenes Reservoir an Aufmerksamkeit, oder teilt sie sich zwangsläufig zwischen ihnen auf? Lesen Sie nicht mehr konzentriert weiter, weil draußen vielleicht ein Hund bellt? Hören Sie Ihrem Gesprächspartner nicht richtig zu, während Sie mit einem seltsam geformten Briefbeschwerer herumspielen? Aufmerksamkeit, das ist ein komplexes und zugleich alltägliches Thema. Aufmerksamkeit ist ein derart offensichtlicher Prozess, dass wir ihn kaum je bewusst wahrnehmen. Tatsächlich aber ist er unentbehrlich in unserem Leben, weil er viele unserer geistigen und körperlichen Tätigkeiten lenkt. Diese Ambivalenz fasziniert mich. Ich bin sehr neugierig, das ist mein Antrieb. Ich will entdecken, was dahintersteckt, wie das menschliche Gehirn wirklich funktioniert. Dafür arbeite ich hart und beschäftige mich ständig mit meinem Thema. Nicht nur tagsüber, wenn ich im Labor stehe, wenn ich Messungen durchführe oder auswerte, sondern auch später noch, nach Feierabend, beim Abendessen, nachts oder am Wochenende. Andere verstehen oft nicht, wieso man etwas scheinbar Banales so ausführlich erforschen muss. Gerade bin ich in der Endphase meiner Arbeit angekommen und frage mich nun natürlich auch: Was mache ich damit? Genau weiß ich es zwar noch nicht, aber eines weiß ich: Meine Promotion bewahrt mich davor, denkfaul zu werden. Sie bewahrt mich davor, Dinge als allzu gegeben hinzunehmen, als alltäglich oder banal.«

Fachbereich: Kognitive Neurowissenschaft
Thema: Processing resources and interplay between sensory modalities: an EEG investigation


»Was ich tue, ist komplex und effektiv zugleich - die perfekte Kombination«

Hanna Lagger, 31, Doktorandin am Fraunhofer-Institut für Werkstoffmechanik (IWM) in Freiburg

»Jeder Tag ist anders, und jeden Tag lerne ich ein Stückchen mehr. Dieses Gefühl ist für mich die größte Motivation. Ich tausche mich permanent aus mit anderen Wissenschaftlern, mit anderen Doktoranden. Wir fahren auf Konferenzen, hören und halten Vorträge, knüpfen Kontakte zu Kollegen und etablierten Experten. Es gibt keinen langweiligen Büroalltag, das ist das Tollste an meiner Arbeit. Ich führe Experimente durch - allerdings nicht im Labor, sondern am Computer. Ich simuliere, wie sich magnetorheologische Flüssigkeiten, kurz MRF, verhalten, die sich zwischen zwei Wänden befinden. Das sieht dann so ähnlich aus wie ein Sandwich, bei dem in der Mitte die Füllung ist. Erst bringe ich dem Programm physikalische Gesetze bei. Dann starte ich die Simulation und lasse mir vom Computer ausrechnen, was in welcher Situation passiert. Wenn mal etwas nicht so läuft, wie es soll, zieht einen das schon runter. Aber weil wir am Institut alle gemeinsam forschen, können wir uns aufmuntern und uns weiterhelfen. Mit Leuten außerhalb des Instituts ist das manchmal schwierig. Wenn ich mit Freunden oder Familie über mein Thema rede, nenne ich immer so wenige Details wie möglich - sonst wird es zu technisch, zu kompliziert. Manche finden das, was ich mache, sowieso viel zu theoretisch. Das ist es in Wirklichkeit aber gar nicht, ganz im Gegenteil. Anwendung finden magnetorheologische Flüssigkeiten zum Beispiel in Kupplungen oder Dämpfern von Autos. Die Industrie interessiert sich für mein Thema, und es hat einen klaren Praxisbezug. Das gefällt mir, weil ich mir dadurch vorstellen kann, was mit meinen Ergebnissen vielleicht mal passiert. Auch die Herangehensweise mag ich sehr. Im Vergleich zum klassischen Experiment vereinfacht eine Simulation die Dinge, reduziert sie aufs Wesentliche. Was ich tue, ist komplex und effektiv zugleich: für mich die perfekte Kombination.«

Fachbereich: Mikrosystemtechnik
Thema: Partikelbasierte Simulation magnetorheologischer Flüssigkeiten (MRF)

Aus DIE ZEIT :: 30.02.2014

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