Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Dr. Vater

VON LILITH VOLKERT

Im Verhältnis zwischen Professor und Doktorand lauern viele Fallen. Schuld daran ist auch eine Bezeichnung, die familiäre Nähe vorgaukelt.

Dr. Vater© Alexander Raths - iStockphoto.comDer Doktorvater ist in hohem Maße am Gelingen oder Scheitern einer Promotion beteiligt
Anfangs ist Anna Mühlbach so begeistert, dass sie die große Leere an ihrer Seite gar nicht bemerkt. Sie hat einen der begehrten Plätze in einem volkswirtschaftlichen Doktorandenprogramm ergattert, bei einem jungen, sympathischen Doktorvater, den sie wegen seiner fachlichen Brillanz »richtig vergöttert«. Sie duzen sich, der Professor ist freundlich, locker - und nie da, wenn sie ihn braucht. Auf E-Mails antwortet er schnell, aber knapp. Ratschläge, wie sie das »große Ganze« in den Griff bekommen kann, gibt er ihr gar nicht - keine Zeit. Ein bis zwei Mal im Jahr trifft Anna Mühlbach ihren Doktorvater zu einer ausführlichen Besprechung. Schon beim zweiten Treffen merkt sie, dass er sich mit ihrem Thema nicht besonders gut auskennt. »Das hat mir sehr zu schaffen gemacht, ich war total ernüchtert«, sagt sie heute. Fachliche Unterstützung holt sie sich bei Kollegen und auf Konferenzen. Nach drei Jahren fällt ihr auf, dass sie ihre Dissertation besser anders angegangen wäre. Anna Mühlbacher, die ihren echten Namen nicht preisgeben möchte, ist verzweifelt.

»Am Anfang dachte ich, dass ich mit meiner Arbeit einen wichtigen Beitrag zur Forschung leisten werde«, sagt sie. »Irgendwann ging's dann nur noch ums Fertigwerden.« Sie kann an nichts anderes mehr denken, schläft schlecht. Fünf Jahre braucht sie statt der geplanten drei, bis die Promotion in Volkswirtschaft abgeschlossen ist. Dass die 34-Jährige der Forschung vorerst den Rücken gekehrt hat und bei einer Versicherung arbeitet, hat auch mit dieser aufreibenden Zeit tun - und der fehlenden Unterstützung ihres Doktorvaters.

Etwa 200.000 Menschen arbeiten in Deutschland an einer Dissertation. Ihr wichtigster Ansprechpartner ist: der Erstgutachter, auch Doktorvater - oder Doktormutter - genannt. Im Idealfall hilft dieser Professor dabei, ein Thema zu finden, das sich in drei Jahren bearbeiten lässt, berät bei inhaltlichen wie methodischen Fragen und benotet letztlich die fertige Arbeit. Er ist gleichzeitig Mentor und Prüfer. Von ihm hängt ab, ob und wie die Promotion gelingt.

Den Begriff Doktorvater gibt es allerdings nur im Deutschen, und er macht die Beziehung zwischen Professor und Doktorand nicht einfacher. Er lässt an ein besonderes Vertrauensverhältnis denken und gaukelt familiäre Nähe vor, wo vielleicht nur einseitiges Interesse besteht. Seit wann man vom Doktor-»Vater« spricht, ist selbst Wissenschaftshistorikern nicht bekannt, in einschlägigen Lexika ist der Begriff nicht zu finden. Es ist aber anzunehmen, dass er sich im Laufe des 19. oder frühen 20. Jahrhunderts eingebürgert hat, als Professor und Doktorand noch ein exklusiveres Verhältnis hatten.

Wie viel Zeit sich Betreuer heute für ihre Doktoranden nehmen sollen, regelt die Promotionsordnung selten, es bleibt ihnen also selbst überlassen. Dass es wie bei Anna Mühlbach oft zu wenig ist, fällt besonders auf, wenn die typischen Probleme auftauchen: Zweifel am Thema oder den eigenen Fähigkeiten, schwindende Motivation, Überforderung durch Lehrtätigkeit, Zukunftsangst. Wie gut ein Doktorand damit fertig wird, hängt auch davon ab, ob er am Lehrstuhl, im Rahmen eines Forschungsprojekts oder Doktorandenprogramms oder auf eigene Faust promoviert. »Einzelkämpfer tun sich erfahrungsgemäß schwerer«, sagt die Psychologin Edith Püschel, die seit 30 Jahren Studenten an der Freien Universität Berlin berät. Speziell für Doktoranden bietet sie Treffen an, bei denen sich die Teilnehmer aus verschiedenen Fachbereichen über inhaltliche und persönliche Probleme austauschen können. Bei Letzteren hilft oft schon ein neutraler Blick: Was der oder die Betroffene als harsche Kritik des Doktorvaters versteht, empfinden Außenstehende meist nur als eine etwas knappe Anmerkung.

Auch bei der Vorbereitung von Gesprächen mit dem Betreuer hilft die Psychologin: »Wenn die Betroffenen ihre Bedürfnisse klar und sachlich auf den Punkt bringen können, treten sie ihrem Professor gegenüber bestimmter auf.« Bei ernsthaften Meinungsverschiedenheiten rät Püschel zu einem klärenden Gespräch mit einer dritten Person, etwa mit dem Zweitgutachter oder einem Mitarbeiter der Studienberatung. Laut einer im Dezember 2012 erschienenen Studie des Hochschul-Informations-Systems ist jeder fünfte Doktorand mit seiner Betreuung unzufrieden. Doch viele trauen sich nicht, die Probleme offen anzusprechen, schließlich sind sie weiterhin vom Wohlwollen des Doktorvaters abhängig.

Aber auch die Betreuer haben ihre Schwierigkeiten - nicht zuletzt mit dem Rollenverständnis an der Universität. »Ich bin kein Doktorvater«, sagt Thomas Hoeren, Professor für Medienrecht an der Uni Münster. »Dieses Wort macht aus einem Menschen, der ein Studium erfolgreich abgeschlossen hat, einen wissenschaftlichen Säugling, der hilfesuchend zum allwissenden Vater aufblickt«, sagt der 51-Jährige. »Das entspricht nicht meinem Verständnis von eigenständiger Forschung.« Trotzdem ist Hoeren in schwierigen Situationen für seine Doktoranden da. Er ermuntert sie, sich regelmäßig bei ihm zu melden, sie kennen seine private Adresse und Telefonnummer. Das führt dazu, dass er immer wieder verzweifelte Anrufe am späten Abend bekommt. Vor Jahren hat ein aufgelöster Doktorand um drei Uhr nachts an seiner Tür geläutet. Hoeren ist am Küchentisch die Arbeit mit ihm durchgegangen und hat festgestellt, dass sie völlig in Ordnung war. »Der Doktorand litt unter einer ganz normalen Promotionsdepression, die bekommt jeder irgendwann«, erklärt er. Dann erscheint alles Geschriebene banal, Freunde und Familie sind längst genervt von dem Thema. In diesen Momenten spürt der Jura-Professor die »hohe soziale Verantwortung«, die er mit der Betreuung von Doktoranden übernimmt.

Manchmal fühlt sich Hoeren aber auch in unangenehmer Weise wie ein Sensei, ein japanischer Meister, dem sich die Schüler nur mit übertriebener Ehrfurcht nähern. »Jedes meiner Worte wird fünfmal auf die Goldwaage gelegt«, sagt er. »Schlimm wird es, wenn Leute ihre eigenen Überlegungen einer beiläufigen Bemerkung von mir unterordnen.« Das sei ein Zeichen dafür, dass sie den Überblick verloren hätten und ihre Leistung nicht mehr richtig einschätzen könnten.

Wer monatelang über seiner Arbeit brütet, entwickelt häufig auch eine emotional aufgeladene Beziehung zu seinem Betreuer und projiziert Ängste, Wünsche und Aggressionen auf ihn. In ihrem Ratgeber Der Weg zum Doktortitel beschreibt die Psychotherapeutin Helga Knigge-Illner das Verhältnis zum Doktorvater als ähnlich problematisch wie das zu den leiblichen Eltern in der Pubertät: »Es ist fast immer eine Geschichte, die von Liebe und Enttäuschung, ernüchternder Erkenntnis und Ablösung geprägt ist.« Spätestens wenn sich der Doktorand - inzwischen Experte auf seinem Gebiet - von der Meinung seines Betreuers emanzipiert, kann es zu einem schmerzhaften Ablösungsprozess kommen. Und nicht jeder Vater findet es gut, wenn Tochter oder Sohn selbstständig werden.

Um die Promotionsphase nicht ausufern zu lassen und nebenbei die Abhängigkeit von dem einen Doktorvater zu vermeiden, ersetzen immer mehr Universitäten das klassische »Meister-Schüler-Modell« durch intensive Teambetreuung. An der Graduiertenschule LEAD für empirische Bildungsforschung der Universität Tübingen, die 2012 im Rahmen der Exzellenzinitiative entstanden ist, werden Doktoranden von mindestens zwei gleichberechtigten Professoren betreut. »Den klassischen Doktorvater gibt es bei uns nicht«, sagt Benjamin Nagengast, Professor für Pädagogische Psychologie. Der 33 Jahre alte Dozent hat selbst erst 2009 seine Promotion abgeschlossen. Er erinnert sich noch gut an das Gefühl, »im stillen Kämmerlein mit der Arbeit, dem Prof und der Welt zu hadern«.

In Tübingen hat man sich ein Betreuungskonzept überlegt, das die Rechte und Pflichten beider Seiten regelt: Die Betreuer sollen möglichst schnell auf Anfragen reagieren, die Doktoranden müssen regelmäßig Exposés vorlegen und ihre Arbeit in Seminaren vorstellen. Ein knappes Jahr vor dem geplanten Abschluss setzen sich Professor und Doktorand zusammen, um gemeinsam über die Zeit nach der Promotion nachzudenken. »Als Betreuer ist es meine Aufgabe, dem Promovierenden die Tür zur Wissenschaft zu öffnen«, sagt Nagengast. »Und dann dafür zu sorgen, dass er oder sie den Schritt über die Schwelle schafft.«

Aus DIE ZEIT :: 31.01.2013

Ausgewählte Artikel