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Drama um die Software zur Studienplatzvergabe


VON JAN-MARTIN WIARDA

Endloses Drama um die Software zur Studienplatzvergabe: Wie konnte so viel schiefgehen? Und wer ist schuld?

Drama um die Software zur Studienplatzvergabe© subwaytree - Photocase.comDie Software zur Studienplatzvergabe ist noch nicht einsatzbereit
Das Desaster beginnt mit einer wirren Pressemitteilung. Erste Testläufe des neuen Systems seien erfolgversprechend verlaufen, verkündet im März die Stiftung für Hochschulzulassung, besser bekannt unter ihrem alten Kürzel ZVS. Allerdings hätten sich Instabilitäten im »Zusammenspiel aller Komponenten« herausgestellt.

Geschickt verpackt in technisches Kauderwelsch, war es das scheibchenweise abgegebene Eingeständnis eines dramatischen Versagens. Doch erst jetzt, sieben Monate später, wird so richtig deutlich, welche Folgen die Nachricht von damals für die Abiturienten des Jahres 2011 hat: Zehntausende von ihnen werden keinen Studienplatz ergattern, obwohl irgendwo noch welche frei sind. Schuld ist ein bildungspolitischer Super-GAU: die Millionen Euro teure Onlineplattform, an der unzählige Experten unter Hochdruck gearbeitet hatten, damit sie im Jahr des größten Studentenansturms aller Zeiten fertig würde. Das neue, zentrale Zulassungssystem, das die Flut der Bewerber bewältigen sollte, kommt nicht. Zumindest nicht dieses Jahr. In einem Wirrwarr föderaler Zuständigkeiten ist über Jahre so ziemlich alles schiefgegangen, was schiefgehen kann. Wobei das eigentlich zu unpersönlich klingt. Denn es gibt Leute, die dafür verantwortlich sind, dass es so gekommen ist. Doch was ist überhaupt passiert? Eine Chronologie.

2005: Jahrelang haben die Hochschulen die Entmachtung der ZVS gefordert, der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen, die bis dato den Zugang zu fast allen Massenfächern verwaltet hatte. Die Rektoren wollen sich die besten Studenten endlich selber aussuchen dürfen - und bekommen ihren Willen. Das Ergebnis: Die Abiturienten beginnen, 10, 15, 20 Bewerbungen zu verschicken, an jede einzelne ihrer Wunschhochschulen. Doch der zentrale Abgleich fehlt: So erhalten die einen jede Menge Zusagen, während andere komplett leer ausgehen. Die erste ironische Wendung in diesem Drama: Die Kultusminister erinnern sich einer mit damals über 100 unkündbaren Beamten besetzten Behörde, die neuerdings fast ohne Aufgabe dasteht, der Dortmunder ZVS. Auch auf Druck Nordrhein-Westfalens beschließen sie 2007, die ZVS zu einer »Serviceeinrichtung für Hochschulzulassung« weiterzuentwickeln. Von 2008 an sollen die Bewerber ihre Mappen nicht mehr bei jeder Uni einzeln einreichen. Die ZVS soll die Koordinierung übernehmen - natürlich ohne die neue Freiheit der Hochschulen bei der Auswahl einzuschränken. So weit der salomonische Plan. Er scheitert grandios: Die ZVS, gewohnt an Jahrzehnte der Standardisierung, bekommt die EDV nicht hin. Und ihr Chef Ulf Bade liefert sich einen monatelangen Streit mit der Hochschulrektorenkonferenz (HRK).

Je länger das System auf sich warten lässt, desto belämmerter steht nicht nur die Behörde da, auch die Kultusminister sehen nicht gut aus. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) gerät ebenfalls unter Druck. So bereitet sie 2009 dem Elend ein vermeintliches Ende und spendiert 15 Millionen Euro für eine »Software für das Bewerbungsmanagement«. Das Geld ermöglicht es, über eine öffentliche Ausschreibung Profis mit der Entwicklung zu beauftragen, die - so der Plan - ein revolutionär anderes, vollkommen papierloses System entwickeln sollen. »Dialogorientiertes Serviceverfahren« heißt das Zauberwort. Man will nicht nur ein System, das funktioniert, es soll Weltspitze her, und das in kürzester Zeit: Bis zum Wintersemester 2011/12 soll die Plattform funktionstüchtig sein. Erleichtertes Aufatmen allenthalben. Dass Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Rechnerarchitektur und Softwaretechnik den Zeitplan als »extrem zeitkritisch « bezeichnen, verhallt ungehört. Die technische Einschätzung muss sich dem politischen Willen unterordnen. Es ist der gleiche politische Wille, der - ironische Wendung Nummer zwei - unbedingt die ZVS erhalten will.

Und noch mehr als das: Ausgerechnet der gerade an der Softwareentwicklung gescheiterten Behörde übertragen die Kultusminister nun das Management des Millionenauftrags. Nebenher wandeln sie sie um in eine Stiftung für Hochschulzulassung, verpassen ihr eine schnittige Website, hochschulstart.de, und - als sei das das Problem gewesen - noch mehr Chefs: In den Stiftungsrat, der die Stiftung künftig beaufsichtigen soll, ziehen neben 16 Ländervertretern auch 16 Hochschulrepräsentanten ein. Und die Hochschulkonferenz hat noch eine Rechnung offen mit ZVS-Chef Bade. Die Rektoren wollen jetzt auch mal mitbestimmen, im Sinne ihrer neuen Autonomie. »Föderalismus im Quadrat « nennt das die SPD-Politikerin Ulla Burchardt. Im Sommer 2009 wird der Auftrag zur Softwareentwicklung so ausgeschrieben, dass er eigentlich nur passen kann auf eine bestimmte Kombination: aus der Telekom-Tochter T-Systems und dem von Bund und Ländern getragenen Hochschul-Informations-System (HIS), das mehr als zwei Drittel der Hochschulen seit Jahren mit Verwaltungs-EDV beliefert. Eine GmbH, deren Hochschulforscher große Reputation besitzen, deren IT-Produkte von Rektoren jedoch mit Bananen verglichen werden: Diese wie jene reiften beim Kunden. Stutzig macht das keinen. Auftragnehmer wird im Februar 2010 allein T-Systems, das HIS agiert als Subunternehmer. Einen direkten Vertrag hält niemand für nötig. Was später noch von Bedeutung sein wird. So vergeht Monat um Monat, alles scheint klarzugehen - zumindest bei der Entwicklung der Software. Immer wieder bekräftigt HIS-Chef Martin Leitner, man habe alles unter Kontrolle.

Die Mitglieder des Stiftungsrats hören das gern - schließlich haben sie schon genug Ärger mit der Leitung der früheren Behörde, die sie reformieren und fit machen sollen für die Anforderungen der neuen Online-Studienplatzvergabe. Gern wollen sie glauben, dass »die Anbindung des neuen Systems an die bestehende Verwaltungssoftware der Hochschulen nur ein Update erfordert«, wie Niedersachsens Staatssekretär für Wissenschaft, Josef Lange, es formuliert. »Dafür könnte ich mich heute ohrfeigen«, sagt Lange, ein mit jahrzehntelanger Erfahrung ausgestatteter Bildungspolitiker, heute trocken. Lange fungiert als stellvertretender Vorsitzender des Stiftungsrates, denn Vorsitzender ist auf Wunsch der HRK ein Rektor: Micha Teuscher, der junge, engagierte Chef der Hochschule Neubrandenburg. Teuscher wird wohl erst allmählich klar, was er sich da für einen Job aufgebrummt hat. Heute sagt er, ein wenig hilflos: »Wir hatten doch keinen Grund, an den Aussagen des HIS zu zweifeln.« Keinen Grund oder keine Zeit?

Erst Mitte November 2010 taucht im Stiftungsrat das Thema Anbindung ausführlicher auf der Agenda auf. Und der alte Hase Josef Lange beginnt nervös zu werden. Denn was er hört, klingt plötzlich ganz anders als gedacht. »Als ich hörte, dass das neue System erst an die EDV jeder einzelnen Hochschule individuell angepasst werden müsse, damit sie miteinander kommunizieren können, wurde mir heiß und kalt«, erinnert er sich. Viel zu spät entscheidet sich Teuscher, doch noch nachzuhaken, und erlebt eine Überraschung: Das HIS mauert. Ende Januar 2011 platzt die Bombe: Während die Telekom die neue Zulassungssoftware mit Ach und Krach zum Laufen bringt, muss HIS-Chef Leitner eingestehen, dass »die ursprünglichen Projektziele so nicht erreichbar sind«. Die Anbindung der HIS-Verwaltungssoftware klappt bei den meisten Hochschulen nicht. Punkt. Allen in der Runde muss ziemlich schnell klar gewesen sein, was das bedeutet: Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, hat sich das neue Zulassungssystem für 2011 erledigt. Eine Katastrophe im Jahr der 500 000 Studienanfänger - und ein potenzielles PR-Desaster für alle.

Die Stiftung räumt erst Wochen später explizit ein, der Start des Systems müsse leider verschoben werden, »um maximal zwei Semester«. Da haben die Verantwortlichen längst eine Sprachregelung vereinbart: Die »Komplexität des Vorhabens« sei schuld an dem Scheitern. Natürlich sind auch die zwei Semester Schönfärberei: Von 2008 an gerechnet, beläuft sich die Verspätung auf volle vier Jahre. Doch die gemeinsame Front hält angesichts des Mediendrucks nicht lange: Hinter vorgehaltener Hand wird das HIS zum alleinigen Sündenbock erklärt. Die seien die Einzigen gewesen, die ihre Software gut genug hätten kennen müssen, um die Probleme vorauszusehen. Sogar Gerüchte von der drohenden Schließung des Unternehmens machen die Runde. Bis der HIS-Chef zurückschlägt und einen Brief an 250 Hochschulrektoren schreibt: Es habe nie eine rechtliche Verpflichtung in Form eines Auftrags gegeben. Zudem habe es nie eine politische oder sonstige Verpflichtung »für HIS in Form finanzieller Mittel gegeben«. Anderslautende Vorwürfe ließen darauf schließen, »dass von vielen die Rolle von HIS hierbei nicht verstanden wurde«. Die Rektoren und Staatssekretäre im Stiftungsrat toben: Die neun Millionen Euro, die Bund und Länder dem HIS jedes Jahr als Zuschuss zahlten, müssten ja wohl reichen.

Noch mal zusammengefasst: Der Geschäftsführer einer staatseigenen GmbH (HIS) versäumt es, rechtzeitig vor dem sich abzeichnenden Reinfall zu warnen - und redet sich wahlweise damit heraus, ihn habe keiner damit beauftragt, seine Meinung zu sagen, oder dass es politisch fahrlässig gewesen wäre, das System »auf der Basis von Vermutungen und vorläufiger Versionen der Schnittstelle ... schlechtzureden«. Kontrolliert wird HIS von einer dysfunktionalen ehemaligen Behörde (ZVS), die offenbar aus politischen Gründen erhalten bleiben soll. Deren Aufsichtsrat wiederum ist selbst fast entscheidungsunfähig im föderalen Durcheinander von Bund, Ländern und Hochschulen; zudem fehlt ihm die Handhabe, weil man vergessen hat, einen formalen Auftrag an HIS zu erteilen. Und es kommt noch schlimmer: Exakt dieselbe Konstellation soll jetzt für nächstes Jahr die Lösung bringen. »Auf unsere Initiative hin wird die IT-Sparte bei HIS evaluiert«, beteuert zwar der Sprecher des Bundesbildungsministeriums, und Rektor Teuscher versichert: »Wir arbeiten mit Hochdruck gemeinsam mit HIS daran, dass das System 2012 zum Laufen kommt.«

Sicher indes ist derzeit nur eines: So wie Bund und Länder bereit waren, der ZVS eine Chance nach der anderen einzuräumen, so halten sie es jetzt mit dem Staatsunternehmen HIS. Dabei gäbe es offenbar Alternativen. So hat der private HIS-Konkurrent »Datenlotsen«, der ein Sechstel der Hochschulen mit Verwaltungs-EDV ausstattet, nach eigenen Angaben bereits vor Monaten dem Bund Bereitschaft signalisiert, sämtliche Hochschulen - auch die mit HIS-System - zum Festpreis so auszustatten, dass die Zulassungssoftware läuft. Und: In den Hochschulen mit Datenlotsen-EDV hat die Anbindung längst geklappt. Schavans Sprecher sagt, ein solches Pauschalangebot sei ihm nicht bekannt - und zieht gleich wieder die Föderalismuskarte: »Wenn, dann müsste es ja auch an den Stiftungsrat gehen.« Doch auch der weiß von nichts.

Der politische Wille, die eigenen Einrichtungen zu protegieren, scheint am Ende mehr zu zählen als ein weiteres Desaster auf Kosten der Studienanfänger. So soll jetzt jede Hochschule selbst entscheiden, ob sie den erforderlichen Konnektor bei den Datenlotsen oder vom HIS erwerben will. Geschätzte Kosten einer Dienstleistung, von der vergangenes Jahr keiner wusste, dass sie nötig ist: zehn Millionen Euro. Damit stiege die Gesamtrechnung für das neue System auf bis zu 25 Millionen. Wenn es überhaupt noch so weit kommt: Auch die Verschiebung um ein Jahr biete keine Gewähr dafür, »in vollem Funktionsumfang und Service für Bewerber/innen zu funktionieren«, hieß es bereits im April in einem internen Papier der Stiftung. Und immer mehr entnervte Rektoren überlegen offenbar, aus dem Projekt auszusteigen. Das Desaster geht in die nächste Runde.

Aus DIE ZEIT :: 20.10.2011

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