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Dreamliner in Richtung Scholastik

Von Winfried Thielmann

Die weltweite Dominanz der englischen Sprache in den Wissenschaften ist nicht unproblematisch. Denn was sind die Konsequenzen für wissenschaftliche Innovationen, wenn Wissenschaft in einer Sprache betrieben wird, in der nur ein Teil der wissenschaftlichen Gemeinschaft zu Hause ist?

Dreamliner in Richtung Scholastik© Pgiam - iStockphoto.com"Wissenschaftler, die Englisch nicht als Muttersprache sprechen, können in dieser Sprache allenfalls reduziert agieren"
Wer aus Internationalisierungsgründen etc. für eine Anglifizierung der europäischen Wissenschaft plädiert, muss sich mit der Tatsache konfrontieren lassen, dass die erste wissenschaftliche Universalsprache im europäischen Raum, nämlich das Lateinische, um der Wissenschaft willen aufgegeben wurde. Die Gründe hierfür liegen in der hohen Sprachabhängigkeit des Unternehmens Wissenschaft. Der scholastische Wissenschaftstyp war autoritätsbasiert. Der Wissenschaftler richtete Fragen (quaestiones) an einen autoritativen Text und beantwortete sie mit Hilfe dieses Textes auf dem Wege logischer Explikation. Mit dem Beginn der modernen Naturwissenschaft wendet sich der Blick des Wissenschaftlers von den tradierten Texten ab und richtet sich auf die Wirklichkeit.

Dies bringt neue sprachliche Anforderungen mit sich. Es geht nicht mehr darum, über Texte zu debattieren, sondern darum, andere davon zu überzeugen, was in der Wirklichkeit der Fall ist. An Galileis Discorsi und Newtons Opticks lässt sich deutlich zeigen: Diese Wissenschaftler haben das Lateinische aufgegeben, weil es für die Erfordernisse des neuen, offenen Wissenschaftstyps, nämlich für das intersubjektive Durchsetzen neuer Erkenntnisse, nicht die erforderlichen sprachlichen Mittel mitbrachte. Hierfür ein kleines Beispiel: In den Opticks verwendet Newton aus der englischen Gemeinsprache geschöpfte Formulierungen, mit denen er seine eigene Argumentation transparent macht und die Gedankengänge seiner Leser miteinbezieht: may be considered und therefore I have chosen. In der lateinischen Übersetzung, die er später von den Opticks noch anfertigen ließ, reduzieren sich diese Formulierungen auf dici possit ("kann gesagt werden") und malui ("wollte lieber"). Der mentale Bezug von consider ist hier völlig weg, und der begründete Argumentationsschritt ist auf die reine Präferenz reduziert.

An solchen Beispielen sieht man deutlich: Der Aufbruch in die europäischen Einzelsprachen und ihr sukzessiver Ausbau zu Wissenschaftssprachen erfolgte um der neuen Wissenschaft willen, die auf sprachliche Ressourcen angewiesen war, die nicht von einer kleinen Kaste, sondern von großen Sprachgemeinschaften vorgehalten wurden. Das Lateinische verhält sich zu diesen neuen Anforderungen bereits wie ein reduziertes Idiom, eine lingua franca, die genau für diejenigen Zweckbereiche keine Ressourcen vorhält, die für die moderne Wissenschaft zentral sind: die Zubereitung des neuen Wissens für die wissenschaftliche Auseinandersetzung in der Gemeinschaft der Wissenschaftler.

Scholastik statt Renaissance?

Das scheinbare Skandalon wissenschaftlicher Mehrsprachigkeit ist tatsächlich der Motor der europäischen wissenschaftlichen Innovation gewesen: Um der empirischen Forschung willen und derer, die sie tragen, büßt die Wissenschaft ihre Universalsprache ein, indem die Wissenschaftler auf Sprachen ausweichen, in denen die Basis für solche Mittel gesamtgesellschaftlich vorgehalten wird. Wer vor dem Hintergrund einer solchen historischen Erfahrung dafür plädiert, nun das Englische als eine der in diesem Zusammenhang ausgebauten Wissenschaftssprachen allen zu verordnen, muss sich folgendes klar machen: Er verordnet hiermit dem großen Teil der Wissenschaftler, die das Englische nicht als Muttersprachler sprechen, eine Sprache zur Wissenschaft, in der sie allenfalls reduziert agieren können.

Ein solches Denken treibt die europäische Wissenschaft sprachlich hinter denjenigen Ausgangspunkt zurück, von dem aus sie einst die moderne Wissenschaftsgeschichte eingeläutet hat - Scholastik statt Renaissance. Es wäre daher an der Zeit, in größerem Rahmen die Rolle wissenschaftlicher Mehrsprachigkeit bei der wissenschaftlichen Innovation zu untersuchen, d.h. mit Konrad Ehlichs Forderung nach einer Komparatistik der Wissenschaftssprachen Ernst zu machen. Es ist noch kaum etwas darüber bekannt, wie sich die Charakteristika spezifischer Sprachen auf das Wissenschaft-Treiben auswirken. Auch bezogen auf das Sprachenpaar Englisch-Deutsch liegen erst wenige Ergebnisse vor.

Verschiedene Wissenschaftstraditionen

In einer größeren Untersuchung (2009) habe ich mich sprachvergleichend mit den Strukturen der wissenschaftlichen Einleitung, der Funktion der Konnektoren weil und because sowie den sprachlichen Mitteln auseinandergesetzt, die bei der Benennung des wissenschaftlichen Erkenntnisgegenstandes zum Einsatz kommen. Hierbei ist vor allem eines deutlich geworden: Die deutsche Wissenschaftstradition, wie sie sich sprachlich manifestiert, ist stark auf das Verstehen, die englische hingegen auf das Überzeugen ausgerichtet. Für deutsche wissenschaftliche Einleitungen ist demzufolge ein sprachliches Handlungsmuster textartkonstitutiv geworden: das Begründen. In einer Folge von Begründungsschritten, die als solche textuell nicht ausgewiesen sind, stellen die Autoren Verstehen hinsichtlich der Notwendigkeit des neuen Wissens her.

Englische Einleitungen sind demgegenüber wesentlich stärker vertextet; ihr Hauptzweck besteht in der Orientierung einer einschlägig vorinformierten Leserschaft auf das Neue hin. Der verstehensorientierte, hermeneutische deutsche Einleitungstyp ist daher, wenn er einfach im Englischen reproduziert wird, dysfunktional. Da der englische Leser nicht über das einschlägige Musterwissen verfügt, erscheinen ihm die deutschen Begründungsschritte als erratische Textblöcke. Ferner hatte sich herausgestellt, dass das Einbringen alternativen neuen Wissens in angelsächsische Diskussionszusammenhänge, also eines Wissens, das nicht im Zusammenhang der dort bereits vorhandenen Denkrichtungen und Schulen steht, höchster sprachlicher Virtuosität und der steten Motivierung am common sense bedarf - für deutsche Wissenschaftler, die den diffusen und in sich widersprüchlichen Wissensformen des gesunden Menschenverstandes von jeher misstrauen, ein nicht unerhebliches intellektuelles Verrenkungserfordernis. (Diese Befunde sind für die Übersetzungswissenschaft offenbar von so großem Interesse, dass Dirk Siepmann von der Universität Osnabrück sie in Forschung und Lehre 8/10» unter eigenem Namen referiert hat.)

"Weil" und "because"

Die Konnektoren weil und because sind höchst unauffällige sprachliche Ausdrucksmittel, die sich syntaktisch praktisch gleich verhalten und auch dieselbe Bedeutung zu haben scheinen. Umso überraschender ist es zu sehen, dass because in englischen wissenschaftlichen Aufsätzen nicht nur wesentlich häufiger vorkommt als weil in deutschen, sondern dass mit diesen Mitteln auch z.T. völlig verschiedene sprachliche Handlungen vollzogen werden. Mit weil wird im Deutschen i.d.R. dasjenige Wissen versprachlicht, das für die mit dem Hauptsatz vollzogene sprachliche Handlung entscheidungsrelevant geworden ist.

In der Wissenschaft wird weil demzufolge dafür genützt, die Argumentation an den zentralen Stellen auf diejenigen Schritte hin durchsichtig zu machen, die für sie entscheidungsrelevant geworden sind - typischerweise erfolgt dies im Zusammenhang der Fassung eines argumentativen Ausgangspunktes, der Lancierung neuen Wissens oder der Formulierung einer wissenschaftlichen Erkenntnis. Die Strittigkeit wissenschaftlichen Wissens wird so durch die Herstellung von Verstehen bearbeitet. Demgegenüber geschehen im Englischen mit because z.B. oft Rückführungen auf anderen Wissenschaftlern unterstellte Beweggründe ("Nevertheless, P adopts the solution, because it eliminates the need for tri-tonal accents"). Das neue Wissen wird - im Rahmen einer antagonistischen Konzeption des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses - in Profilierung am wissenschaftlichen Gegner durchgesetzt. Das Ziel ist es hierbei, den Leser zu überzeugen.

Im Bereich der sprachlichen Mittel, die für die Benennung des wissenschaftlichen Erkenntnisgegenstands zum Einsatz kommen, zeigen sich die großen typologischen Gegensätze zwischen den beiden Sprachen besonders deutlich. Im Deutschen werden hierfür traditionell Abstrakta verwendet, die von Verben abgeleitet sind, also z.B. Verlauf. Im Englischen, das nur eingeschränkt über Wortbildungsmittel verfügt, werden aus dem - sehr großen - Wortbestand möglichst "passende" Ausdrücke ausgesucht, die nicht selten eine starke metaphorische Qualität aufweisen, z.B. contour dort, wo im Deutschen Verlauf verwendet wird. Wird die contour-Metapher zur Benennung eines Erkenntnisgegenstandes eingesetzt, der sich zeitlich verändert (z.B. Intonation), wird hierbei nur noch der Blick auf den simultanen Aspekt, sozusagen den "Graphen" der Entwicklung, zugelassen.

Es lässt sich allgemein beobachten, dass es in diesem Zweckbereich im Englischen vergleichsweise zu wesentlich stärkeren ontologischen Vorab-Festlegungen kommt. Diese können, wenn die Metapher "zündet", die Forschung befruchten; sie können aber auch Blickrichtungen auf den Gegenstand verstellen. Dies ist ein für wissenschaftliche Theoriebildung besonders zentraler Befund: Im Bereich der erkenntnisleitenden sprachlichen Mittel, die für die gnoseologische Funktion von Sprache (Ehlich) einschlägig sind, verhalten sich das Deutsche und das Englische weitgehend alternativ zueinander.

Höchst verschiedene Sprachen und Wissenschaftstraditionen

Diese Befunde zeigen zweierlei: 1. Das Deutsche und das Englische sind höchst verschiedene Sprachen, und die deutsche und englische Wissenschaftstradition sind ebenfalls höchst verschieden. Mithin ist für deutsche Wissenschaftler eine Teilnahme am angelsächsischen Wissenschaftsdiskurs fast nur durch Initiation möglich. Es ist davon auszugehen, dass Wissenschaftler, die das Englische für 'einfach' und problemlos hantierbar erachten, Texte produzieren, die im angelsächsischen Sprachraum aufgrund ihrer Hermetik ebenso problemlos ignoriert werden können.

Das Argument "the language of good science is bad English" führen diejenigen im Mund, denen nicht klar ist, wie viel Mühe angelsächsische Muttersprachler auch gerade in den Naturwissenschaften auf ihre Texte verwenden. Dies ist jedenfalls durch die Untersuchungen angelsächsischer Sprachwissenschaftler wie Swales, Bazerman sowie Berkenkotter und Huckin, um nur einige zu nennen, hervorragend dokumentiert. 2. Noch sehr viel wichtiger ist der Sachverhalt, dass sich die unterschiedlichen Wissenschaftstraditionen und gnoseologischen Reservoire der beiden Sprachen zueinander alternativ verhalten. Wird der deutschen (und der europäischen) Wissenschaft das Englische durchgehend verordnet, wird sich das angelsächsische Monopol, das bereits weitgehend bei den "international refereed Jounals" und den Zitationsindizes besteht, auch auf die Theoriebildung ausdehnen.

Denn es werden die englischen Muttersprachler sein, die die terminologische Münze prägen, die dann in Europa gilt. Ausgerechnet das konkurrenzielle Unternehmen Wissenschaft wird sich in Europa dann so abspielen, dass angelsächsische Theorien und Texte autoritativen Status besitzen und Wissenschaft hierzulande dann bestenfalls noch in der Imitation besteht. Das käme einer Wiedereinführung der Scholastik gleich, mit fatalen Konsequenzen für die europäische Wissenschaft: Schwarz verliert, wenn es nur die Züge von Weiß kopiert. Es ist mithin an der Zeit, sich auf den Wettbewerbsvorteil zu besinnen, der in der Tatsache besteht, dass Europa über mehrere Wissenschaftstraditionen und die gnoseologischen Reservoire mehrerer, in jahrhundertelanger Investition ausgebauter Wissenschaftssprachen verfügt. Denn die monolinguale Exzellenzroute wird von einem Dreamliner bedient, der täglich in Richtung Scholastik abfliegt.

Winfried Thielmann: Deutsche und englische Wissenschaftssprache im Vergleich. Hinführen - Verknüpfen - Benennen. Synchron Wissenschaftsverlag der Autoren, Heidelberg 2009.


Über den Autor
Winfried Thielmann ist Professor für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache an der TU Chemnitz. Seine Forschungsschwerpunkte sind Linguistik der deutschen Gegenwartssprache, Didaktik des Deutschen als Fremd- und Zweitsprache, Fachund Wissenschaftskommunikation und Interkulturelle Kommunikation.


Aus Forschung und Lehre :: November 2010

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