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Drehbuch des Scheiterns - wie gehe ich mit ängstlichen und nervösen Prüflingen um?


Von Hans-Werner Rückert

Nervosität und Hektik in mündlichen Prüfungen kann im schlimmsten Fall zum "Blackout" beim Kandidaten führen - mit unangenehmen Konsequenzen für beide Seiten. Wie können mündliche Prüfungen sinnvoll vorbereitet werden? Wie sollte ein Prüfer ängstlichen Studierenden begegnen?

Drehbuch des Scheiterns - wie gehe ich mit ängstlichen und nervösen Prüflingen um?© Debora Pisani - iStockphoto.comExamenskandidaten stoßen in mündlichen Prüfungen an die Grenzen ihrer Belastbarkeit
Bei einer mündlichen Prüfung an der Hochschule geht es darum, eine Leistung vor einer Autorität zu präsentieren, die die Leistung bewertet. Ist man schlecht vorbereitet, muss man mit einem Misserfolg rechnen. Prüfungen können daher eine Realangst auslösen: Es steht etwas auf dem Spiel, und die Konsequenzen von Erfolg oder Misserfolg können gravierend sein. Es macht einen Unterschied, ob jemand vor einer ersten Prüfung steht, die im Falle eines Scheiterns wiederholt werden kann, oder ob es sich um einen letzten Prüfungsversuch handelt, von dessen Ergebnis die Fortsetzung des Studiums abhängt. Gleichzeitig ist für Prüflinge mit der Bewertung ihrer Leistung immer auch untrennbar eine Bewertung ihrer Persönlichkeit verbunden. Ein schlechtes Ergebnis wird also zumeist nicht nur nüchtern als Quittung für offensichtlich ungenügende Vorbereitung registriert werden, sondern bedroht das Selbstwertgefühl des Prüflings, insbesondere dann, wenn er tatsächlich gut vorbereitet war, die Leistung aber im richtigen Moment nicht abrufen konnte. Eine erwartete Bedrohung des eigenen positiven Selbstbildes wird Angst auslösen und das umso mehr, je höher die Ansprüche an sich selbst sind. Bewusst wahrgenommene Angst kann motivieren, sich mit der Prüfungssituation auch innerlich auseinanderzusetzen und sich nicht nur inhaltlich vorzubereiten. Da es bei Prüfungen immer auch um Macht geht, spielen bewusste und unbewusste Faktoren im Umgang mit Autorität ebenfalls eine Rolle: Unterwirft man sich ihr angstvoll, lehnt man sich innerlich auf, versucht man sich einzuschmeicheln oder kann man sich in ein angemessenes Verhältnis zur Macht setzen?

Der Umgang mit der Angst, ihr Bewusstwerden und ihre Auswirkungen auf das Handeln können sehr unterschiedlich sein. Prüfungsangst hat vier Komponenten: Negative Befürchtungen, das "Horrorskript" im Kopf als Drehbuch des Scheiterns, die dazu passenden negativen Gefühle, die körperlichen Begleiterscheinungen von Angst, also beschleunigter Herzschlag, feuchte Hände, trockene Kehle usw. und den Handlungsaspekt vor der Prüfung (Lernschwierigkeiten) und in der konkreten Situation, beispielsweise Blickvermeidung, leise Stimme, hektisches Sprechen oder Verstummen.

Arten von nervösen Kandidaten

Jeder Prüfer erwartet vor dem Hintergrund der eigenen Erfahrungen mit Prüfungen und als Prüfer ein bestimmtes Ausmaß an Aufregung bei den Prüfungskandidaten. Die allgemeine, das übliche Maß nicht überschreitende Nervosität wird eher positiv als Signal bewertet, dass der Prüfling den ernsthaften Charakter der sozialen Situation Prüfung adäquat wahrgenommen hat und erwartungsgemäß reagiert. Allzu selbstsichere Prüflinge, die ihre Angst überspielen, beispielsweise durch den gefürchteten kontraphobischen Redeschwall, rufen ebenso Irritationen hervor wie durch Angst Gelähmte, die einsilbig sind und die Prüfung in ein Quiz zu verwandeln drohen. Kandidaten, die sich weitschweifig um die richtige Antwort herum drücken, können ebenso Aggressionen mobilisieren wie solche, die den sozialen Charakter der Prüfung als "rite de passage" verkennen und Small Talk machen wollen. Verführerisch auftretende Studierende können die Prüfenden unbewusst herausfordern, ebenso wie Studierende, die offensiv die Autorität in Frage stellen ("Ich fand Ihren letzten Aufsatz wenig aussagekräftig"). In seiner Bedeutung überschätzt, von Prüfern wie von Prüflingen, wird oft der "Blackout", bei dem nichts mehr geht. Er stellt empirisch eine eher seltene Störung der Prüfungsfähigkeit dar.

Wie gestalte ich Prüfungen?

Im Vorfeld von Prüfungen haben Lehrende die besten Präventionsmöglichkeiten. Ermutigen Sie im Seminar und in der Sprechstunde Ihre Studierenden, sich nicht nur inhaltlich auf die Prüfung vorzubereiten, sondern sich auch mental mit der bevorstehenden Situation auseinanderzusetzen. Viele Prüflinge beruhigt es enorm, einmal bei einer Prüfung zu hospitieren, was natürlich das Einverständnis des jeweiligen Prüflings voraussetzt. Sie können in Abschlusscolloquien darüber berichten, wie Sie prüfen und solche Berichte auch ins Internet stellen. Rollenspiele, in denen der Ablauf einer Prüfung simuliert wird, haben einen extrem beruhigenden Effekt auf die Teilnehmer. Studierende mit starker Prüfungsangst können auf die Angebote der Psychologischen Beratungsstellen der Hochschule oder der Studentenwerke verwiesen werden.


Gestalten Sie Prüfungen als ruhige und entspannte kommunikative Situationen, in denen Sie durch offene, vertiefende Fragen ein Prüfungsgespräch anstreben. Beginnen Sie die Prüfung damit, ihren Ablauf zu erläutern. Wenn Sie ein häufig vorkommendes Prüfungsformat anwenden, werden Sie den Prüflingen zunächst Gelegenheit geben, zu einem Thema ein Kurzreferat zu halten, während dessen Sie sich bereits Nachfragen notieren, die Sie später stellen. Oft ergibt sich daraus der weitere, vertiefende Verlauf des Prüfungsgesprächs. Später werden Sie häufig aber auch Fragen zu anderen, bisher nicht erwähnten Themenbereichen stellen. Wenn Sie diesen Übergang ankündigen, vermeiden Sie, dass sich der Prüfling überrumpelt fühlt.

Bleiben Sie auch dann freundlich und zugewandt, wenn Sie metakommunikativ kritische Aspekte der Prüfung ansprechen ("Ich würde gerne noch einmal auf meine Ursprungsfrage zurückkommen", statt: "Sie sind von meiner Frage abgekommen"). Loben Sie und geben Sie so oft wie möglich positives Feedback. Wenden Sie sich körpersprachlich dem Prüfling zu; sich hinter dem Schreibtisch zu verschanzen und während der Prüfung Unterlagen zu sortieren, wirkt wenig wertschätzend und irritierend auf Prüflinge. Wenn die Aufregung Ihres Prüflings sich partout nicht legt und Sie Ungeduld bei sich spüren, bieten Sie eine kurze Unterbrechung der Prüfung an. Ein Glas Wasser bereitzustellen, nimmt den Prüflingen die Angst vor der trockenen Kehle.

Wie gehe ich persönlich mit ängstlichen Prüflingen um?

Sie haben möglicherweise aus der Rückmeldung der Studierenden über die Lehrenden ein Bild davon, wie Sie als Prüfer erlebt werden, ob Sie zu den Gefürchteten gehören oder zu den "Lieben". Das bietet Gelegenheit zu überdenken, wie Sie wahrgenommen werden möchten und gegebenenfalls die erforderlichen Signale und Strategien zu verändern. Lohnenswert ist auch die Erinnerung an eigene Erfahrungen als Prüfling: Welches Prüferverhalten half Ihnen, was empfanden Sie als Belastung? Bitte überprüfen Sie Ihre Erwartungen an die soziale und emotionale Kompetenz der Prüflinge. Gehen Sie nicht von sich aus - längst nicht alle Studierenden sind in der Lage, mit der Kompetenz, die sich bei Ihnen als Hochschullehrer entwickelt hat, ein Prüfungsgespräch zu führen. Überprüfen Sie, wie Sie auf spürbar werdende Angst des Prüflings reagieren, wie auf offenkundige Unwissenheit und wie auf eine eventuell sich zeigende zunehmend schlechter werdende Prüfungsleistung.

Üblicherweise zeigen wir auf die Angst des Gegenübers hin komplementäre Affekte wie beispielsweise Beruhigung. Je nach eigener Lerngeschichte können sich jedoch auch Abwehr und Ärger einstellen. Sich die eigenen automatischen Reaktionstendenzen bewusst zu machen, vergrößert Ihre Möglichkeiten, professionell kompetent und nicht wie in Alltagsinteraktion zu reagieren. Versuchen Sie, die Handlungskompetenz von sehr ängstlichen Prüflingen zu unterstützen bzw. wieder herzustellen. Positive Formulierungen ("Ich merke, dass Sie recht aufgeregt sind, und finde, Sie machen das hier dennoch ziemlich gut") können beruhigen. Lassen Sie sich von der Hektik, mit der manche Prüflinge ihre Angst überspielen wollen, nicht anstecken, unterbrechen Sie, wenn erforderlich, in ruhigem Tonfall. Humor (aber nicht auf Kosten des Prüflings) wirkt angstmindernd. Viele Prüfer haben sehr von der Teilnahme an Weiterbildungsveranstaltungen profitiert, in denen die eigene Prüfungskompetenz erweitert werden kann. Manchmal ist es alleine schon sehr aufschlussreich, eine Videoaufzeichnung des eigenen Prüferverhaltens zu sehen.


Über den Autor
Hans-Werner Rückert ist Diplom-Psychologe und Psychoanalytiker. Er leitet die Zentraleinrichtung Studienberatung und Psychologische Beratung der Freien Universität Berlin.


Aus Forschung und Lehre :: Januar 2010

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