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Drei Mal London und zurück - FH-Studenten promovieren im Ausland

VON FRIEDERIKE LÜBKE

Fachhochschulen dürfen keine Doktortitel verleihen. Damit ihre besten Studenten trotzdem promovieren können, sind sie aufs Ausland angewiesen.

Drei Mal London und zurück - FH-Studenten promovieren im Ausland© alphaspirit - Fotolia.comFH-Studenten zieht es zur Promotion ins Ausland, weil sie in Deutschland wenig unterstützt werden
Als sein Professor an der Fachhochschule Köln ihn fragte, ob er promovieren wolle, hat Markus Cremer sofort zugesagt. Sein Diplom-FH-Abschluss in Elektrotechnik war da schon ein paar Jahre her. Cremer hatte in der Zwischenzeit gearbeitet - und auch noch einen Master gemacht. Die Promotion, dachte er, sei eine große Chance. Markus Cremer wusste, was er für seine Doktorarbeit untersuchen möchte: Er wollte ein System entwickeln, wie Ware in einem Lager leichter geortet wird. Wie eine Promotion als FH-Student abläuft, wusste er nicht. Auch nicht, dass er einmal im Ausland promovieren würde. Vielleicht war das ganz gut so.

Für FH-Studenten führt der Weg nicht gradlinig zum Doktortitel. Zwar ist jeder sehr gute Masterabsolvent zur Promotion berechtigt, das Promotionsrecht aber liegt bei den Universitäten. Wenn ein Professor an seiner Fachhochschule einen geeigneten Studenten entdeckt, muss er einen Kollegen von der Universität als Doktorvater für ihn gewinnen. Und hier beginnt das Problem.

Das Wort, das in diesem Zusammenhang am häufigsten fällt, heißt »Kontakte«. »Alles läuft über Kontakte«, sagt etwa Nicolai Müller-Bromley, Präsident des Hochschullehrerbundes. Und Michael Stawicki, Präsident der forschungsstarken Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg, sagt: »Wenn es Kontakte gibt, läuft es gut.« Wenn sich also Professoren kennen und schätzen, übernehmen sie auch Doktoranden. Dass dies ganz grundsätzlich häufig klappt, belegen die Zahlen: Zwischen 2009 und 2011 promovierten 955 FH-Studenten an Universitäten, fast doppelt so viele wie in den drei Jahren zuvor, gab die Hochschulrektorenkonferenz im Juni bekannt.

Gleichzeitig berichten FH-Professoren aber auch, dass sie auf wenig Gegenliebe bei ihren Anfragen stoßen. Dass sie manche Fachkollegen an der Uni gar nicht erst bitten brauchten, ob sie Doktoranden übernehmen würden. »Der Widerstand an den Unis ist oft noch sehr groß«, sagt Thomas Baaken, Wirtschaftsprofessor an der Fachhochschule Münster, der selbst Doktoranden in kooperativen Verfahren betreut. Sieben Doktoranden hat er an ausländischen Universitäten untergebracht, drei in Deutschland.

Promotionsrecht

Rund 32 Prozent aller Studenten in Deutschland studieren an Fachhochschulen, ergab die Zählung des Statistischen Bundesamtes im vergangenen Wintersemester. Besonders Studenten mit Migrationshintergrund oder Studenten aus Nicht-Akademiker-Familien wählen gern die FH.

Das Promotionsrecht liegt bei den Universitäten, seit einigen Jahren wird diskutiert, es auf die FHs auszuweiten. Bislang sind die FH-Studenten aber noch darauf angewiesen, dass sie einen Uni-Professor als Doktorvater finden, was sich oft als schwierig erweist. Der Anteil der FH-Absolventen an den Promovenden mit erfolgreichem Abschluss an deutschen Universitäten macht nur etwa ein Prozent aus, schätzt die Hochschulrektorenkonferenz.
»Und das hat auch einen Grund«, sagt er. »In Deutschland ist einfach eine Menge Willkür, Unberechenbarkeit und Risiko dabei.« Mit dieser Einschätzung ist er nicht allein. Vor drei Jahren beklagte der Wissenschaftsrat eine »mangelnde Bereitschaft von Universitäten, geeigneten Fachhochschulabsolventinnen und -absolventen die Aufnahme einer Promotion zu ermöglichen und vermehrt kooperative Promotionsstrukturen zu etablieren.« Müller-Bromley sieht das immer noch genauso: »Von flächendeckenden Kooperationen kann gar keine Rede sein«, sagt er. »Es gibt immer noch sehr viele Vorbehalte.« Vertragliche Partnerschaften zwischen Instituten oder ein Standardverfahren zur Promotion der FH-Absolventen sind selten. Es gibt keine Standards, keine Regeln - deshalb sind persönliche Verbindungen für das Vorankommen wichtig, wenn jemand wie Markus Cremer promovieren möchte.

Dass manche Universitäten allergisch auf dieses Thema reagieren, verwundert nicht. Es geht um viel mehr, als darum, zusätzliche Promovierende zu betreuen. Während sich die Hochschullandschaft immer weiter ausdifferenziert, ist das Promotionsrecht das letzte Privileg, das die Unis den Fachhochschulen voraushaben. Es ist auch der letzte Titel, den nur sie verleihen dürfen, seit mit der Bologna-Reform das »Diplom (FH)« verschwindet und Master einfach Master heißt, egal, wo er erworben wurde. Die Universitäten möchten dieses Privileg gern behalten, verweisen auf den Praxisschwerpunkt der FHs und warnen vor zu vielen Doktoranden. Die Fachhochschulen dagegen argumentieren, dass viele von ihnen längst Forschung betreiben und sie die besten Studenten an die Unis verlieren, wenn sie ihnen nicht die Promotion anbieten können.

Schon seit fünf Jahren wird diskutiert, ob die Regelung nicht geändert werden müsste. Michael Stawicki glaubt, dass einzelne exzellente Bereiche der Fachhochschulen das Promotionsrecht bekommen werden, und zwar »innerhalb der nächsten fünf Jahre«. Müller-Bromley schafft es, gleichzeitig optimistisch und enttäuscht zu sein. »Es liegt in der Luft, dass sich etwas ändern wird, aber das tut es schon seit drei Jahren. Und immer noch ist nichts passiert«, sagt er. Solange wird der Unterschied im Kleinen zelebriert, und FH-Absolventen, die promovieren wollen, werden zum Beispiel aufgefordert, erst einmal Kurse an der Uni nachzuholen. Die Alternative heißt Ausland.

»Den Weg ins Ausland sind die Fachhochschulen gegangen, weil die Unis dort nicht so einen Dünkel haben«, sagt Micha Teuscher, Rektor der Hochschule Neubrandenburg und Sprecher der Mitgliedergruppe der Fachhochschulen in der Hochschulrektorenkonferenz. Der Hochschullehrerbund geht davon aus, dass die Mehrheit der FH-Absolventen im Ausland promoviert. Absolute Zahlen fehlen allerdings, Studenten mit FH-Abschluss, die ihre Promotion an einer ausländischen Hochschule absolvieren, stehen im toten Winkel der Statistik. Zwar fragt das Bundesamt für Statistik regelmäßig, wie viele Studenten in Ländern wie Irland, Österreich oder Großbritannien eine Promotion anstreben, aber nicht, von welcher Hochschule sie kommen. In Großbritannien waren es 2010 bis 2011 insgesamt 2.170 Deutsche. Das muss keine Notlösung sein, wie das Beispiel Markus Cremer zeigt.

Sein Professor hatte keine Kontakte zu einem Uni-Professor in Deutschland, aber einen sehr guten Kollegen in London. Als er Cremer die London South Bank University vorschlug, war der begeistert. Die festen Rahmenbedingungen, die sich viele Fachhochschulen für ihre Doktoranden wünschen, gibt es dort längst. Statt der persönlichen Kontakte und eines Doktorvaters haben sich dort Promotionskollegs durchgesetzt. Die Doktoranden werden nach genauen Vorgaben betreut.

Diese Vorgaben helfen vielen, in rund drei Jahren fertig zu werden. »Man wird getrieben, weiterzumachen«, sagt Markus Cremer und meint es als Kompliment. Die ausländischen Hochschulen sind aber auch deshalb ein attraktiver Promotionspartner für Fachhochschulen, weil sich mit ihnen die Betreuung besser regeln lässt. Den größten Teil der fachlichen Betreuung übernehmen die FH-Professoren, ergab die Studie »Promotion im Focus« des Hochschul-Informations-Systems. Bei den Promotionen von FH-Studenten an deutschen Hochschulen, die die Hochschulrektorenkonferenz untersucht hat, waren dagegen nur bei zwölf Prozent auch die Fachhochschulen beteiligt. Aber trotz einiger Vorteile - richtig zufrieden sind die Fachhochschulen mit der Situation nicht. Der Hochschullehrerbund zum Beispiel bemängelt: »Dadurch geht ein erheblicher Teil der fähigsten Köpfe für die deutsche Wirtschaft und Gesellschaft verloren.« Und auch die Doktoranden selbst haben Nachteile. Der größte sind die Kosten.

Sie müssen Studiengebühren bezahlen, und allein die liegen für deutsche Doktoranden oft deutlich höher als die für Einheimische. 17.000 Euro Studiengebühren zahlte Cremer für die drei Jahre. Auch der persönliche Aufwand ist größer. Drei Mal musste Markus Cremer nach London fliegen und sein Forschungsvorhaben vorstellen, bevor er mit der Promotion beginnen konnte. Es dauerte ein Jahr, bis alle Formalitäten erledigt waren.

Aus DIE ZEIT :: 17.10.2013

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