Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Dringend gesucht: Chirurgen

Einer der wichtigsten Disziplinen der Medizin, der Chirurgie, geht der Nachwuchs aus. Was sind die Ursachen und wie kann hier geholfen werden? Fragen an den Gründer der Deutschen Chirurgie Stiftung.

Dringend gesucht: Chirurgen Professor Dr. Dr. Ulrich Joos ist Direktor der Klinik und Poliklinik für Mund- und Kiefer-, Gesichtschirurgie des Universitätsklinikums Münster
Forschung & Lehre: Der Beruf des Chirurgen ist nach wie vor attraktiv, dennoch quälen die deutsche Chirurgie hartnäckige Nachwuchssorgen. Was sind die Ursachen?

Ulrich Joos: Der Beruf eines Chirurgen ist immer noch hoch aktuell und attraktiv für junge Mediziner. Er stellt eine ideale Symbiose aus manuellen Fertigkeiten mit großem medizinischen Wissen dar. "Chirurgie" stammt aus dem Griechischen und bedeutet "Handwerk" im Sinne einer großen handwerklichen Kunst. Um diese Kunstfertigkeit zu erlangen, ist ein langer Ausbildungsweg notwendig mit allen Höhen und Tiefen. Insbesondere müssen die erforderlichen manuellen Fertigkeiten sukzessive erlernt und vergleichbar einem Hochleistungssportler ständig trainiert und verbessert werden. Dies erfordert eine besondere Leistungsbereitschaft derjenigen, die diesen Beruf ergreifen wollen.

F&L: Und es gibt junge Mediziner, die das wollen?

Ulrich Joos: Dass unter den jungen Medizinern eine große Bereitschaft vorhanden ist, Chirurg werden zu wollen, zeigt die Tatsache, dass ca. 45 Prozent der Studienanfänger Medizin später in einem chirurgischen Fach arbeiten wollen. Diese Zahl sinkt jedoch auf ca. 30 Prozent, wenn die jungen Mediziner das zweite Staatsexamen absolviert haben und auf lediglich fünf Prozent, nachdem das Praktische Jahr absolviert wurde.

F&L: Ein dramatischer Rückgang...

Ulrich Joos: Dieser statistische Absturz der Chirurgie in der Gunst der angehenden Ärzte hat sicher viele Ursachen. Eine wesentliche ist jedoch, dass die angehenden Ärzte den heutigen Berufsalltag eines Chirurgen während des Praktischen Jahres kennen gelernt haben, der offensichtlich so abschreckend ist, dass sie diesen Beruf nicht mehr ergreifen möchten. In diesem Zusammenhang spielen sicher die aktuellen Umstrukturierungen des Gesundheitswesens eine ausschlaggebende Rolle. So ist die Belastung der Ärzte durch Büroarbeit (ca. drei Stunden pro Tag in einem chirurgischen Fach, Deutsche Krankenhausgesellschaft), Personalreduktion, Schichtdienst usw. enorm gestiegen. Daneben wurden die hierarchischen Strukturen in den Kliniken zu Ungunsten der Ärzte zerschlagen und durch sog. Gesundheitsmanager ersetzt. Die Ärzte sind nur noch Erfüllungsgehilfen des Vorstandes, um entsprechende wirtschaftliche Ziele zu erreichen. Freiheit und Selbstständigkeit der Ärzte sind in Kliniken kaum mehr möglich. Zusätzlich ist eine strukturierte Weiterbildung für die jungen Ärzte kaum gewährleistet, da durch die dramatische Personalreduktion die notwendige Betreuung nicht mehr geleistet werden kann, zumal das neue Abrechnungssystem für Kliniken dies auch nicht vorsieht. Diese daraus entstehenden mangelhaften Perspektiven, Überbelastung sowie Abhängigkeit führen dazu, dass der Beruf eines Chirurgen immer unattraktiver wird.

F&L: Wie können junge Menschen für die Chirurgie begeistert werden?

Ulrich Joos: Dass junge Menschen sich nach wie vor für den Beruf eines Chirurgen begeistern können, zeigt die beachtliche Zahl von ca. 30 Prozent der an Chirurgie interessierten Medizinstudenten vor dem Praktischen Jahr. Um den dramatischen Absturz dieser Zahl während des Praktischen Jahres zu verhindern, müssen hier gezielt Maßnahmen ergriffen werden. Um die Weiterbildung zu fördern, müssen strukturierte Weiterbildungskataloge für die einzelnen chirurgischen Fächer erarbeitet werden, die auch praktische Inhalte vermitteln, damit ein junger Arzt auch frühzeitig feststellen kann, ob er für den Beruf eines Chirurgen geeignet ist. Die Weiterbildungsinhalte könnten deutschlandweit für alle Kliniken online zur Verfügung gestellt werden und im Sinne eines blended learning mit entsprechenden praktischen Kursen ergänzt werden. Da in den Kliniken die Ausbildungskapazitäten in der Regel nicht zur Verfügung stehen, könnte dieser Teil der praktischen Ausbildung zentral durch Emeriti und entsprechende Chefärzte geleistet werden. Die Weiterbildungskliniken könnten sich dann diesem System anschließen und dafür ein Zertifikat als qualifizierte Weiterbildungsklinik erhalten. Zusätzlich müssen die Ärzte dringend von bürokratischen Aufgaben entlastet werden, damit sie sich wieder ihrem eigentlichen Beruf widmen können. Außerdem ist ein Umdenken erforderlich, dass Spitzenärzten entsprechende Freiheiten und Perspektiven geboten werden können. Berücksichtigt werden muss auch, dass der Anteil an jungen Frauen in der Medizin mittlerweile auf ca. 70 Prozent gestiegen ist. Hier müssen entsprechend flexible Arbeitszeitmodelle geschaffen werden, um den jungen Frauen auch die Möglichkeit zu geben, in einem chirurgischen Fach zu arbeiten.

F&L: Was kann man bei diesen vielen Problemen konkret tun?

Ulrich Joos: Hier setzt die neugegründete Deutsche Chirurgie Stiftung an. Wir wollen mit entsprechender Unterstützung strukturierte Weiterbildungsprogramme für alle chirurgischen Fächer als blended learning etablieren. Da wir dies bereits seit über sieben Jahren erfolgreich im oralchirurgischen Bereich durchführen, ist eine entsprechende IT Plattform vorhanden. Über das Kuratorium der Stiftung wollen wir hoch qualifizierte Chirurgen sowie Industriepartner für dieses Projekt gewinnen. Die deutsche Gesellschaft für Chirurgie hat uns dafür ihre Unterstützung zugesagt. Außerdem werden wir Anstrengungen unternehmen, die Bedingungen für die chirurgischen Fächer wieder so zu gestalten, dass der Beruf des Chirurgen heute wieder attraktiv wird, um so das hohe Ansehen der deutschen Chirurgie auch international zu erhalten.


F&L: Gibt es schon konkrete Pläne für erste Projekte, Fördermaßnahmen, Stipendien oder Preise?

Ulrich Joos: Als konkretes Projekt möchten wir im Juni nächsten Jahres evtl. gemeinsam mit der Deutschen Universitätsstiftung (DUS) eine Veranstaltung für Medizinstudenten und junge Ärzte in Weiterbildung in Münster durchführen, die die Attraktivität der Chirurgie in Forschung und Krankenversorgung demonstrieren soll. Die Vorbereitungen dafür sind bereits angelaufen, indem wir mit unserer Fachschaft konkrete Planungen erarbeiten. Außerdem wollen wir einen Ruth Erwig Innovationspreis ausloben, um damit innovativen Lehrmethoden, Operationsverfahren oder klinisch chirurgischer Forschung zu Anerkennung zu verhelfen.

F&L: Wie ist der Weg von der Idee bis zur Gründung der Stiftung verlaufen?

Ulrich Joos: Ausschlaggebend war die unbefriedigende Situation, dass nicht genügend junge Mediziner bereit sind, die Weiterbildung in einem chirurgischen Fach zu beginnen. Hinzu kam das Vermächtnis von Frau Dr. Dr. Ruth Erwig, die sich zeitlebens intensiv um die Ausbildung von Oral- und Mund-, Kiefer-, Gesichtschirurgen bemühte, sowie die Gründung der Deutschen Universitätsstiftung des Hochschulverbandes und die positiven Erfahrungen des International Medical College Münster mit blended learning. Zusätzlich hat uns Herr Prof. Dr. Hermann Bünte, emeritierter Chirurg aus Münster und Autor im International Medical College, bei unserer Idee immer tatkräftig unterstützt und die Verbindung zur Deutschen Gesellschaft für Chirurgie hergestellt.

F&L: Wie hoch ist das Stiftungsvermögen derzeit, und soll es künftig erhöht werden?

Ulrich Joos: Mit Hilfe von mehreren Stiftern, unter anderem dem Deutschen Hochschulverband, der Arbeitsgemeinschaft für Elektronenmikroskopie (vertreten durch Herrn Prof. Dr. H.P. Wiesmann, Lehrstuhl Biomaterialien, Dresden), Herr Senator h.c. RA A. Maccari (Vorsitzender des Stiftungs- und Aufsichtsrates der Unternehmensgruppe Augustinum, München) und dem International Medical College (MIB GmbH Münster) und meiner Person, konnte die Stiftung ins Leben gerufen werden. Das Kapital der Stiftung ist noch gering, wir gehen jedoch davon aus, dass wir das Stiftungskapital schnell erhöhen können, um die gesteckten Ziele zu erreichen. Einige Zusagen liegen auch bereits vor. Dessen ungeachtet sind wir für jeden gestifteten Betrag dankbar.

F&L: Geht es Ihnen mit der Gründung der Stiftung auch darum, Ihr wissenschaftliches Lebenswerk weiterzuführen?

Ulrich Joos: Als junger Chirurg hatte ich das Glück, auf mehrere engagierte außergewöhnliche Persönlichkeiten der Chirurgie zu treffen, die mich ermutigten, dieses spannende Metier zu ergreifen. Die chirurgischen Grundbegriffe wurden mir in einem kleinen Kreiskrankenhaus von einem hochbegabten iranischen Chirurgen beigebracht. Meine weiteren Stationen waren insbesondere bei Professor Wilfried Schilli an der Uniklinik Freiburg und Professor Jean Delaire an der Uniklinik Nantes in Frankreich. Hier machte ich die Erfahrung, was eine Chirurgieschule bedeutet und wie wichtig Vorbilder gerade in der Chirurgie sind. Auch lernte ich die außergewöhnliche Bereitschaft kennen, Erfahrung und Wissen an junge Kollegen weiter zu geben und erfuhr so eine enorme Förderung sowohl im Inwie im Ausland. Mein Anliegen ist es nun, die von mir gemachten positiven Erfahrungen an die heutige Generation weiter zu geben und das hohe Niveau der deutschen Chirurgie zu erhalten und junge Ärzte zu motivieren, diesen anstrengenden, aber höchst befriedigenden Beruf zu ergreifen.


Über den Autor
Professor Dr. Dr. Ulrich Joos ist Direktor der Klinik und Poliklinik für Mund- und Kiefer-, Gesichtschirurgie des Universitätsklinikums Münster. Er ist Gründer der Deutschen Chirurgie Stiftung.


Aus Forschung und Lehre : Januar 2011

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote