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Deutscher Sonderweg - Drittmittel als "Ersatzmessung" der eigentlichen Leistungen


von JÜRGEN GERHARDS

Drittmittel spielen überall auf der Welt eine Rolle, wo Forschung betrieben wird. Doch in Deutschland sind sie längst nicht mehr nur Mittel zum Zweck, um gute Publikationen oder Erfindungen zu ermöglichen bzw. hervorzubringen: Nicht selten gelten sie hierzulande bereits als Ausweis für gute Forschung. Ist der deutsche Sonderweg gerechtfertigt?

Deutscher Sonderweg - Drittmittel als "Ersatzmessung" der eigentlichen Leistungen© Jasmina81 - iStockphoto.comDeutsche Universitäten nutzen Drittmittel als Indikator zur Messung von Forschungsleistungen
Forschung & Lehre: In Deutschland werden die eingeworbenen Drittmittel als zentraler Indikator zur Messung von Forschungsleistungen herangezogen. Sie beschreiben das als deutschen Sonderweg. Welche Rolle spielt die Drittmittelbilanz beispielsweise in den USA?

Jürgen Gerhards: In der Tat spielen in Deutschland die Drittmittel eine ganz zentrale Rolle für die Messung von Forschungsleistungen. Denken Sie z.B. an die Leistungsmittel, die die Universitäten von ihrem jeweiligen Bundesland erhalten. Für die Berechnung der Leistung einer Universität im Bereich Forschung bezieht man sich in erster Linie auf die eingeworbenen Drittmittel. Oder denken Sie an den Förderatlas der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Alle drei Jahre finden wir in den Medien die DFG-Rankingtabelle. Ganz oben in der Hitparade stehen diejenigen Universitäten, denen es gelungen ist, die meisten Fördermittel einzuwerben. Drittmittel spielen in den meisten anderen Ländern und so auch in den USA eine deutlich geringere Rolle zur Beurteilung von Forschungsleistungen. Im "United States National Research Council Ranking" wird z.B. in den meisten Fächern deutlich mehr Wert auf die Ergebnisse von Forschung gelegt, wie sie sich in Veröffentlichungen und in Zitationen manifestieren. Diejenigen Departments schneiden gut ab, die gut publiziert haben.

F&L: Was taugen Drittmittel als Indikator zur Messung von Forschungsleistungen?

Jürgen Gerhards: Drittelmittel sind ein "Input"-Faktor; sie ermöglichen zunächst nur, dass man mit der Forschung beginnen kann, dass Labore eingerichtet werden und Personal eingestellt wird, das sich dann an die Arbeit macht und Forschungsergebnisse produziert. Die Qualität von Forschung hängt letztendlich aber davon ab, was hinten rauskommt. Darum hat auch noch niemand wegen eines hohen Drittmittelaufkommens einen Nobelpreis bekommen, sondern nur wegen guter Erkenntnisse, die sich in Publikationen und Patenten manifestieren. Man stelle sich eine Firma vor, die eine überdurchschnittliche Menge an Kapital oder Arbeitszeit benötigt, um ihre Produkte herzustellen. Man käme nicht auf die Idee, die Leistung des Unternehmens am Verbrauch des Kapitals und der Arbeitszeit zur Herstellung der Produkte zu messen. Ganz im Gegenteil: Das eingesetzte Kapital und die verbrauchte Zeit stehen im Nenner des Quotienten der Berechnung der Produktivität. Nicht anders verhält es sich mit der Forschung. Entscheidend für die Qualitätseinschätzung von Forschung sind deren Ergebnisse und nicht die eingesetzten Mittel.

F&L: Gibt es Untersuchungen zur Korrelation von Drittmitteln und einem guten Forschungsergebnis, die die Fokussierung auf Drittmittel rechtfertigen?

Jürgen Gerhards: Das ist die entscheidende Frage: Der Vorteil von Drittmitteln besteht darin, dass es sich um eine sehr leicht zu erhebende Größe handelt, die einen Vergleich von Universitäten und einzelnen Instituten in einer einfachen Maßzahl ermöglicht. Drittmittel als "Ersatzmessung" der eigentlichen Leistung zu benutzen, ist aber nur dann statthaft, wenn die beiden Faktoren hoch korrelieren. Zwar ist der methodisch gesicherte Kenntnisstand zu dieser Frage erstaunlicherweise bis dato eher dürftig; die vorliegenden Ergebnisse zeigen aber, dass der statistische Zusammenhang zwischen den beiden Größen eher schwach ist. Dabei muss man allerdings Unterschiede zwischen den verschiedenen Fächern beachten. In der Pharmazie korrelieren Drittmittel und Publikationen deutlich stärker miteinander als beispielsweise in der Soziologie oder in den Erziehungswissenschaften, wo der Zusammenhang sehr, sehr schwach ist. Damit ist aber ein ganz wichtiger Grund, Drittmittel als leicht zugängliche Ersatzmessung von Forschungsleistungen zu benutzen, hinfällig.

F&L: Welche Folgen hat das für das deutsche Wissenschaftssystem?

Jürgen Gerhards: Das, was in einem System als wichtig definiert wird, hat natürlich einen Einfluss auf das Verhalten der Menschen, weil es als Anreiz dient. Wenn z.B. die Leistungszulage, die bei einer Berufungsvereinbarung verabredet wurde, an das Einwerben von Drittmitteln gekoppelt wird, dann wird die Person sich genau um diese Drittmitteleinwerbung bemühen und andere Dinge hintanstellen. Gleiches gilt für Institute und ganze Universitäten. Wenn ein Teil der Finanzierung einer Universität über Leistungsmittel erfolgt und diese wiederum an die Menge der Drittmittel gekoppelt sind, dann wird eine Universität diejenigen Personen stärken und bei Neuberufungen bevorzugen, die auf dem Drittmittelmarkt sehr erfolgreich sind. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn es sich dabei um diejenigen Personen handelt, die auch zugleich sehr publikationsstark sind oder durch technische Innovationen glänzen. Daran besteht aber gerade empirischer Zweifel. Hinzu kommt, dass mit der Fixierung auf Drittmittel bestimmte Fächer der Universität bevorzugt werden, da die einzelnen Fächer in unterschiedlichem Maße auf Drittmittel angewiesen sind. Es mag für einen Geisteswissenschaftler wesentlich sinnvoller sein, sich für mehrere Jahre gleichsam drittmittelfrei in die Bibliothek zurückzuziehen und ein sehr gutes Buch zu schreiben. Das führt aber dazu, dass er keine Drittmittel nachweisen kann.

F&L: Wie ließe sich die Qualität von Forschung plausibler messen, und wie könnten die Leistungen der deutschen Universitäten international sichtbarer werden?

Jürgen Gerhards: Zum einen sollte man die Art und Weise, wie Drittmittel erhoben, ausgewiesen und interpretiert werden, verändern. Sehr häufig werden Ranking-Tabellen veröffentlicht, die auf absoluten Zahlen beruhen und die eingeworbenen Drittmittel nicht in Beziehung zum wissenschaftlichen Personal setzen. So wie zwei Maler in der Regel einen Raum doppelt so schnell tapezieren wie ein Maler, so wirbt eine Universität, die über eine große Anzahl an wissenschaftlichem Personal verfügt, mehr Drittmittel ein als eine Universität mit relativ wenig wissenschaftlichem Personal. Entsprechend sollte man nur Drittmittelbilanzen vorlegen, die um das wissenschaftliche Personal relationiert worden sind.

Hinzu kommt ein weiterer Verbesserungsvorschlag. Die Summe der benötigten Drittmittel variiert je nach Fach gewaltig. Eine beantragte Ausstattung mit technischen Apparaten ist eine ganz andere Hausnummer als die Beantragung einer Mitarbeiterstelle für ein Projekt in Germanistik. Ein Projekt, das 1,5 Millionen verschlingt, wird nicht zehnmal besser sein als ein Projekt, das 150.000 Euro kostet. Entsprechend ist es sinnvoller, allein die Anzahl der eingeworbenen Projekte zu berücksichtigen und nicht die Bewilligungssummen. Das löst aber das grundsätzliche Problem nicht. So wünschenswert die vorgeschlagenen Verbesserungen der Handhabung des Drittmittelindikators auch sind, letztendlich wird dies dem internationalen Abschneiden der deutschen Universitäten wenig nützen. Denn hier steht Deutschland mit seinem Sonderweg der Fetischisierung der Drittmittel ziemlich allein da. Die Qualität der Publikationen, die Rezeption durch die Fachkollegen, wie sie sich zum Beispiel in Zitationen manifestiert, und Erfindungen in Form von Patenten bilden im Ausland und in den international vergleichenden Rankings den Goldstandard der Bewertung von Forschungsleistungen. Will das deutsche Wissenschaftssystem im internationalen Leistungsvergleich besser abschneiden, müssen zukünftig die Ergebnisse von Forschung zu den zentralen Indikatoren der Leistungsbemessung werden. Seit Jahren stagniert die Position Deutschlands in den vergleichenden Rankings, obwohl enorme Investitionen in die Forschung gerade durch die Exzellenzinitiative erfolgt sind.


Über den Autor
Jürgen Gerhards ist Professor für Soziologie an der Freien Universität Berlin und ordentliches Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Aus Forschung & Lehre :: Februar 2014

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