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Drittmittel und Erpressung

Anonym

Wenn ein Bereich wie der Maschinenbau bei unter 20 Prozent Grundfinanzierung angelangt ist, erhalten Drittmittel eine existenzielle Bedeutung - und Drittmittelgeber zunehmend mehr Einfluss und Macht. Ernüchternde Einblicke in die heutige Praxis der Drittmittelvergabe am Beispiel der Ingenieurswissenschaften.

Drittmittel und Erpressung© piskota - Fotolia.comDie Praxis der Drittmittelvergabe führt zu einer Erpressbarkeit der Lehrstühle
Wir sind im Maschinenbau - und ich an meinem Lehrstuhl - bei unter 20 Prozent Grundfinanzierung angelangt. Das reicht entweder, um die Lehre geradeso abzudecken, oder um Anträge zu schreiben oder um freie Forschung zu machen. Man kann sich da entscheiden... Vergleichbare Lehrstühle bei der Fraunhofer Gesellschaft bekommen 1/3 Grundfinanzierung und müssen keine Lehre machen, beim DLR gibt es 50 Prozent ohne Lehraufgabe. Das hängt komplett schief, und die Unis verlieren die Wettbewerbsfähigkeit. Drittmittel an sich sind ja nicht schlecht. Leider führt die heutige Praxis zu einem hohen Maß an Erpressbarkeit der Lehrstühle:

DFG-Mittel scheinen noch die am fairsten und besten kontrollierten Drittmittel zu sein. Hier gibt es aber doch einige Fallen. Es gibt manche Fachgesellschaften, die sehr gute Beutegemeinschaften gebildet haben. So werden Anträge gegenseitig nur exzellent begutachtet, und so werden diese Anträge im Verhältnis zu anderen Disziplinen übervorteilt. In anderen Disziplinen hat man sehr genau Ablehnungsquoten untersucht und reicht entsprechend die Anträge ein. Auch wird genau darauf geachtet, dass die richtigen Partner die Anträge einreichen, so dass die gewünschten Gutachter auch zur Verfügung stehen. Ich habe das Spielchen heruntergefahren, weil sich andere Geldquellen mit weniger Aufwand erschließen lassen.

Öffentliche Förderprogramme in Deutschland (EU, BMBF, BMVBS, Landesförderprogramme etc.) haben verschiedene Hürden. Von freier Forschung kann kaum die Rede sein, wenn die Ministerien die Themen setzen. Dabei wird häufig eher auf kurzfristige Hype-Themen gesetzt, denen alle Forschungseinrichtungen hinterherlaufen. Ich nenne nur als Beispiel die Elektromobilität. Hier kam es zu Abstrusitäten wie: Leichtbau, Fahrwerk oder Infotainment für Elektromobilität - auf einmal hatte jeder unendlich viel Kompetenz zu diesem Thema. Manche Ministerien sprechen auch offen aus, dass zum einen das Projekt öffentlichkeitswirksam sein muss und zum anderen das Projekt unbedingt bis zur Phase des Wahlkampfs abgeschlossen sein muss.

Ein weiteres Problem ist die Industriebeteiligung: Viele Förderprogramme wollen die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Industrie stärken und vergeben nur Fördermittel, wenn sich beide Partner beteiligen. Da die Unternehmen heute fast immer die stärkeren Partner sind, läuft das häufig folgendermaßen ab: Die Industrie definiert ein Projekt und erwartet eine Förderquote von am liebsten 40 Prozent. Da die Verbundförderquote häufig auf 50 Prozent limitiert ist, bedeutet das, dass nur noch zehn Prozent für die wissenschaftlichen Einrichtungen zur Verfügung stehen. Es sind ja immerhin Steuergelder - und davon gehen dann 80 Prozent an Firmen?!

Neben dieser völlig falschen Verteilung von Steuergeldern werden Forschungseinrichtungen zudem mit den Förderprojekten von der Industrie zum Teil erpresst. Die Firma nimmt einen nur dann in ein Förderprojekt mit, wenn man sich auch erkenntlich zeigt. Das kann in der kostenlosen Betreuung von Industriedoktoranden erfolgen oder indem Diplomarbeiter zur Verfügung gestellt werden. Mir ist es schon passiert, dass wir bei einem Förderprojekt "mitgenommen" wurden, und nachdem die Skizze im Ministerium genehmigt war, wurden wir herauskomplimentiert und eine FH hereingenommen, die mit weniger Förderung zufrieden war.

Zudem ist der Aufwand, den man inzwischen treiben muss, um einen Antrag zu stellen, viel zu hoch. Kleine Lehrstühle können das kaum noch leisten. Zu Hilfe kommen dann die Fraunhofer-Gesellschaften, die diesen Aufwand aufgrund der ausreichenden Grundfinanzierung und mit mehr Erfahrung durch erheblich mehr Dauerstellen leisten können. Schon heute machen wir uns damit von den Großforschungseinrichtungen z.T. abhängig.

Nach meiner Einschätzung gehen ca. 50 Prozent der Fördergelder für Verwaltung drauf. Davon werden Ministerien finanziert, Projektträger, Büros, um Anträge zu schreiben, Unistellen, um die Abrechnung zu machen, Stellen in den Firmen für Akquise, Lobbying und Abrechnung. Es ist genug Forschungsgeld da. Das Geld gehört aber nicht in die Ministerien, sondern ohne Auflagen an die Unis. Größere Firmen benötigen überhaupt keine Fördergelder. Wenn schon Förderprojekte, dann nur so wie bei manchen Forschungsstiftungen.

Diese verfolgen m.E. das beste Konzept: Sie vergeben nur Fördergelder an Forschungseinrichtungen und erwarten, dass sich die Industrie mit Eigenleistungen von 50 Prozent des Gesamtprojekts beteiligt. Hier fließt wenigstens das Steuergeld nur an die Unis, die Erpressbarkeit der Unis bleibt aber bestehen, weil die Firmen sich natürlich ihre Beteiligung abkaufen lassen können. Auch hier habe ich schon erlebt, dass Firmen bei völlig anderen Punkten drohten, man würde uns dann halt in Zukunft bei Förderprojekten nicht mehr unterstützen.

Viele Forscher stellen auch ungern Anträge für interessante Themen. Zum einen dauert es z.T. zwei Jahre zwischen Forschungsantrag und Genehmigung, so dass man erst einmal das Thema für diese Wartezeit auf Eis legt. Zum anderen "verrät" man sein Thema. Es soll schon vorgekommen sein, dass Gutachter den Antrag abgelehnt haben, um dann das Thema selbst zu bearbeiten. Gerade wenn Firmen Anträge begutachten, ist das Risiko hoch.

Die dritte Quelle sind direkte Industriemittel. Hier gilt natürlich schon, dass derjenige der bezahlt, auch bestellen darf. Handelt es sich um eine Leistung der verlängerten Werkbank (Ingenieurarbeit, Nutzung von Prüfständen etc.), ist die Situation recht einfach. Geht es aber um Forschungsleistung, die an den Unis fast ausschließlich über Doktoranden erbracht wird, treffen wir auf einen Punkt, der derzeit die Ingenieurwissenschaften auszuhöhlen droht: Industriepromotionen.

Die Unis müssen Doktoranden in Vollkosten kalkulieren und anbieten, um das EU Beihilferecht nicht zu verletzen. Das sind derzeit ca. 100.000 Euro p.P. und p.a.. Vielen (großen) Firmen war das zu teuer, und sie haben deshalb firmeninterne Doktorandenprogramme eingerichtet. Die Doktoranden bekommen eine Promotionszeit von drei Jahren versprochen, und ein Anschlussjob wird in Aussicht gestellt (oder schon fast erklärt, dass die Firma einen nicht einstellen werde, wenn sie sich nicht ausreichend lange ein Bild von dem Kandidaten gemacht habe). Das Thema ist schon festgelegt. Der Kandidat bekommt eine 2/3 Stelle (an der Uni sind volle Stellen üblich). Damit kostet der firmeninterne Doktorand nur ca. 50.000 Euro (der Overhead wird von den Firmen häufig großzügig ignoriert) und steht natürlich der Firma zu 100 Prozent zur Verfügung. Ich musste mir schon bei Projektgebern anhören, dass wir die auf beauftragten Projekten eingesetzten Doktoranden ja zu "Frondiensten" einsetzen würden, gemeint war die Lehre.

Bei der Firma angelangt stellt der "Doktorand" teilweise fest, dass es gar keinen Doktorvater gibt. Er rennt dann verzweifelt durch die Gegend. Da viele solide TU9 Unis solche externen Arbeiten nicht mehr betreuen, geht man an zweitklassige Unis, ausländische Unis oder deutsche FHs, die in Kooperation mit einer ausländischen Uni den Doktoranden promovieren. Sollten FHs das Promotionsrecht erhalten, ist die deutsche Ingenieurpromotion mausetot, und die Unis können ihr derzeitiges Alleinstellungsmerkmal - negativer ausgedrückt: Monopol - nicht mehr nutzen. Es wäre der Untergang der Ingenieurpromotionen in Deutschland.

Es gibt Firmen, die angeblich 1.000 firmeninterne Doktoranden haben. Die Betreuung von firmeninternen Doktoranden wird über verschiedene Wege erreicht: Entweder über Erpressung (s.o.), teilweise höflich darüber verbrämt, dass die Firma für die Fördergelder ja interne Arbeitskräfte abrechnen müsse und das nur über Doktoranden ginge, die natürlich von dem Uni Projektpartner im Rahmen der Förderprojekte betreut werden müssen. Teilweise fließt unter der Hand Geld. Entweder direkt an den Professor über Beratungsaufträge, teilweise über gekoppelte Aufträge an den Lehrstuhl. Häufig wird jungen Lehrstuhlinhabern in Aussicht gestellt, es gebe später Aufträge, aber der Einstieg sei doch so eine Promotion.

Häufig gibt es ein Koppelgeschäft - ein beauftragter Doktorand und parallel dazu ein firmeninterner. Manchmal wird auch daran erinnert, dass die Firma ja Steuern bezahle und die Uni schließlich durch Steuergelder finanziert sei. Andere behaupten schlicht, es sei Pflicht der Professoren, Doktorarbeiten zu betreuen, und damit haben wir das zu machen. Ich lehne das konsequent ab und habe mir deshalb schon einige blutige Nasen geholt: Ein Förderprojekt wurde boykottiert, von einer Firma bekomme ich überhaupt keine Aufträge, etc.

Wenn man die Betreuung eines firmeninternen Doktoranden erst einmal angenommen hat, kann man die Promotion kaum noch verhindern: Der junge Mensch würde in seinem Lebenslauf massiv geschädigt. Andere Firmen knüpfen die nachfolgende Festanstellung an die erfolgreiche Promotion (man versaut als Professor dem Doktoranden dann auch noch den sicheren Job, wenn man ihn nicht zügig promoviert).

Ähnlich wie bei Promotionen verhält sich die Situation bei Diplomarbeiten. Die Firmen schreiben munter Arbeiten aus, die selten mit einer Uni abgestimmt sind. Der Student nimmt dann so eine Arbeit an und rennt von Lehrstuhl zu Lehrstuhl, um eine Betreuung (oder besser eine Anerkennung und Benotung) zu bekommen. Viele Lehrstühle lehnen externe Diplomarbeiten ab, weil sie die Kapazität der Diplomarbeiten für eigene Forschungsprojekte benötigen. Zudem suchen die Lehrstühle permanent gute Doktoranden und wollen diese über Diplomarbeiten gern selbst kennenlernen und akquirieren. Die "Abpressung" von Diplomarbeiten läuft analog zu dem Vorgehen bei Doktorarbeiten.

Häufig habe ich das Gefühl, es geht bei den Industriedoktoranden nur noch um billige Arbeitskräfte, die man mit dem Doktortitel und dem Versprechen, in drei Jahren zu promovieren, lockt. Die Qualität spielt keine Rolle mehr, und die Uni fällt finanziell dabei hinten runter.

Der Autor ist der Redaktion bekannt.

Aus Forschung & Lehre :: Juli 2013

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