Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Dual Career: Gemeinsames Frühstück nur am Wochenende

von Angelika & Stephan Nußberger

Ein erfolgreiches "Doppelkarriere-Paar" im Gespräch.

Dual Career - Gemeinsames Frühstück nur am Wochenende© Forschung & LehreAngelika und Stephan Nußberger haben geschafft, wovon viele noch träumen: eine erfolgreiche Doppelkarriere in der Wissenschaft
Forschung & Lehre: Schaut man sich Ihre beiden Lebensläufe an, wird eines deutlich: Sie sind ein erfolgreiches "Dual Career-Paar". War dies nur möglich, weil Sie beide bereit waren, über einen längeren Zeitraum eine räumliche Trennung in Kauf zu nehmen?

Stephan Nußberger: Ich denke ja. Nach unserer gemeinsamen Doktorandenzeit in Heidelberg hatte ich die Möglichkeit, eine interessante Postdoktorandenstelle an der Harvard Medical School anzunehmen. Wäre meine Frau, die just als Referentin am Max-Planck-Institut in München zu arbeiten begonnen hatte, nicht bereit gewesen, mich in die USA ziehen zu lassen, wäre mein Einstieg in die Wissenschaft sicher anders verlaufen. Zum Glück bekam meine Frau schließlich auch eine Stelle als "visiting researcher" und konnte mir zeitversetzt mit unseren beiden Kindern folgen. Seit dem Ruf meiner Frau an die Uni Köln und dann nach Straßburg aber nehmen wir eine andauernde räumliche Trennung in Kauf.

Angelika Nußberger: Und dies nun schon seit etwa zehn Jahren; ein Ende der Trennung ist vor dem Ende des Berufslebens nicht in Sicht!

F&L: Wie funktioniert eine Beziehung, in der die eine in Straßburg und der andere in Stuttgart arbeitet - und lebt? Gibt es einen gemeinsamen Lebensmittelpunkt?

Angelika Nußberger: Schwierig ist, dass wir unter der Woche in völlig verschiedene Lebenswelten eintauchen. Am Wochenende finden wir zwar schnell wieder zueinander, insbesondere wenn wir gemeinsam etwas planen und unternehmen. Aber es bleibt anstrengend, immer unterwegs zu sein. Am Sonntagnachmittag den Koffer zu packen ist kein Vergnügen, das lässt sich nicht leugnen.

Dual-Career

Wenn die Karrierewege eines Wissenschaftlerpaares an unterschiedliche Orte führen, müssen viele Herausforderungen gemeinsam gemeistert werden, insbesondere wenn Kinder dazugehören. Ist ein erfülltes Leben und Arbeiten über die Distanzen hinweg in einer Doppelkarriere-Familie möglich?
Stephan Nußberger: Geplant war diese Lebensform nicht, eher unvermeidbar. Wir nehmen es wegen unserer beruflichen Aufgaben, die wir als "Berufung" empfinden, in Kauf, dass das gemeinsame Frühstück nur am Wochenende in Köln stattfindet. Köln ist unser Lebensmittelpunkt geblieben, dort sind auch unsere Kinder aufgewachsen.

F&L: An welchen Stellen braucht es Kompromissbereitschaft?

Stephan Nußberger: Kompromissbereitschaft braucht es in jedem Fall. Die Tätigkeit meiner Frau ist so fordernd, dass ich ihr dafür hinreichend viel Zeit einräumen muss; sie liest eigentlich unentwegt. Die räumliche Trennung finde ich leichter zu überbrücken. Zeitliche Freiräume für gemeinsame Unternehmungen zu schaffen ist wesentlich schwieriger.

Angelika Nußberger: Ja, das Problem ist, dass ich auch an den Wochenenden arbeiten muss. Besonders misslich ist, wenn in die gering bemessene "freie" Zeit zusätzliche berufliche Pflichten fallen, so dass ich auch am Wochenende nicht nach Köln kommen kann.

F&L: Phasen, in denen ein gemeinsames Leben möglich war, wechselten sich mit Phasen unterschiedlicher Lebensorte ab. Wie funktioniert das mit Kindern, besonders, wenn sie noch klein sind?

Angelika Nußberger: Wir hatten das Glück, dass unsere Kinder gesund und fröhlich waren. Die ersten zehn Jahre nach meinem Studium habe ich nur mit "halber Kraft" gearbeitet und es sehr genossen, viel Zeit mit den Kindern verbringen zu können. Ich hatte nur eine Halbtagsstelle und habe versucht, immer schon mittags zuhause zu sein. In dieser Zeit war die Familie auch nicht getrennt. Es gab aber schwierige Phasen, das zweite Staatsexamen, die Endphase der Habilitation und der Beginn meiner Tätigkeit an der Universität in Köln, als ich ein Jahr lang zwischen Köln und München pendeln musste. In so einer Zeit schien es eine schier nicht zu bewältigende Aufgabe zu sein, einen Kindergeburtstag vorzubereiten. Im Rückblick denke ich, dass sich alles wunderbar gefügt hat. Aber es gab auch Momente, in denen ich daran gezweifelt habe, dass eine Wissenschaftskarriere und Familie miteinander zu verbinden wären. Ich habe daher auch meine Arbeit am Max-Planck-Institut einmal für ein Jahr unterbrochen und in einem Münchner Unternehmen gearbeitet. Aber das hat einfach nicht zu mir gepasst.

Stephan Nußberger: Die Kinder standen immer im Mittelpunkt der Familie. Um auf unsere Kinder eingehen zu können, hatten wir das Glück flexibler Arbeitszeiten sowie das Glück eines dicht gewebten sozialen Netzes, mit dem wir unvorhersehbare Ereignisse auffangen konnten. Besonders dankbar sind wir unseren Au-pair Mädchen, die unseren Haushalt mit Temperament bereichert haben. Sie waren in die Familie integriert, konnten, wenn sie wollten, bei jeder Feier, bei jeder Radltour oder beim Umzug in eine neue Wohnung dabei sein. Der herzliche Kontakt ist geblieben.

F&L: Als Sie beide sich für eine wissenschaftliche Karriere entschieden haben, existierte noch keine "Dual Career-Förderung" in der Wissenschaft. Gab es andere Unterstützung?

Stephan Nußberger: Ja, es gab Unterstützung, aber nicht von den deutschen Universitäten, sondern von internationalen Organisationen wie dem Europäischen Labor für Molekularbiologie in Heidelberg, meiner Promotionsstelle, und von der Harvard University bei unserem Auslandsaufenthalt. Das EMBL bot unserem Sohn einen Platz in der Kinderkrippe an, den wir allerdings nicht wahrnehmen wollten, da meine Frau als Referendarin im Wesentlichen zuhause arbeitete. In den USA kümmerten sich die Harvard Neighbours wunderbar um uns. Noch bevor ich in die USA reiste, erhielt meine Frau ein Schreiben mit dem Angebot, uns zu unterstützen, falls wir mit Kindern kämen.

Angelika Nußberger: Anders als heute wurde die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in den 90er Jahren fast ausschließlich als ein "Problem" der Frau gesehen. Im Zweifel wurde ich gefragt, wie ich denn beides miteinander verbinden wolle, nicht mein Mann. Hilfreich war aus meiner Sicht weniger die institutionelle als die persönliche Unterstützung, für mich insbesondere von meinem Habilitationsbetreuer, dem Direktor des Max-Planck-Instituts Herrn Professor von Maydell. Ganz allgemein habe ich aber immer den Druck gespürt, als Frau mit Kindern beweisen zu müssen, dass ich "gut" bin.

F&L: Trafen Sie in Ihren Bewerbungsund Berufungsgesprächen auf Verständnis für Ihre Doppelkarriere-Belange?

Stephan Nußberger: Diese Frage habe ich in meinen ersten Bewerbungen und Berufungsgesprächen nicht thematisiert.

Angelika Nußberger: Bei meinen Berufungsverhandlungen in Köln im Jahr 2002 schien es mir noch ein heikles Thema zu sein, das niemand offiziell ansprechen wollte. Dagegen bildete "Dual Career" im Rahmen meiner Bleibeverhandlungen im Jahr 2009, nachdem ich einen Ruf auf eine Direktorenstelle am Max-Planck-Institut in München erhalten hatte, einen Schwerpunkt. Die Zeiten und die Sensibilitäten hatten sich erkennbar geändert; es war ein Faktor der Hochschulpolitik geworden.

F&L: Würden Sie rückblickend sagen, dass Sie einen hohen Preis für Ihre Wissenschaftskarrieren gezahlt haben?

Stephan Nußberger: Wenn ich ehrlich bin, denke ich manchmal an den Ausspruch "I wish I had an ordinary wife and an ordinary life". Aber trotz allem - ich bin überzeugt, dass ein "ordinary life" für uns beide nicht passend wäre.

Angelika Nußberger: Ja, der Preis ist hoch, aber nicht zu hoch. Ich genieße es, wenn wir uns alle zu viert, inzwischen schon oftmals zu sechst mit den Freundinnen unserer Söhne, treffen und jeder aus seiner Welt etwas Spannendes zu erzählen hat. Es ist schön, zueinander und miteinander unterwegs zu sein. Den Wechsel zwischen den Kulturen - Biophysik und Recht, Universität und Gericht, Grundlagenforschung und Menschenrechtsfragen - wollen wir beide nicht missen.


Über die Interviewten
Angelika Nußberger ist Direktorin des Instituts für Ostrecht, Lehrstuhl für Verfassungsrecht, Völkerrecht und Rechtsvergleichung an der Universität zu Köln. Zur Zeit ist sie beurlaubt, da sie als Richterin am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg arbeitet.

Stephan Nußberger ist Professor für Biophysik an der Universität Stuttgart.

Das Ehepaar Nußberger hat zwei erwachsene Kinder.

Aus Forschung & Lehre :: Mai 2012

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote