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Durch die Hintertür

Von Jan-Martin Wiarda

Warum das unselige Einklagen von Studienplätzen aufhören muss.

Durch die Hintertür© kallejipp - Photocase.comEin neuer Trend: Studenten erstreiten sich ihren Studienplatz vor Gericht
Es ist der Albtraum eines Studentenlebens: Da hängt man sich rein, zwei Jahre lang, kämpft sich durch Lehrbücher, manchmal auch durch nicht enden wollende Vorlesungen, und eines Tages bekommt man einen Bescheid, auf dem steht, dass man morgen nicht mehr wiederzukommen braucht. Genauso ist es 32 Studenten der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) ergangen, die jetzt nach einer Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts Lüneburg ihren Studiengang verlassen müssen. Von einem Tag auf den anderen stehen sie vor dem akademischen Nichts. Hört man ihre Geschichte, will sich mit dem verständlichen Mitleid automatisch auch Empörung einstellen. Doch diesem Impuls sollte man widerstehen - die Betroffenen kannten das Risiko vom ersten Tag an.

Zu den Hintergründen: An der MHH gibt es ausschließlich einen sogenannten Modellstudiengang, der wie alle Medizinprogramme in Deutschland NC-beschränkt ist. Jedes Jahr werden für ihn 270 Studienanfänger zugelassen, die 32 Betroffenen waren nicht darunter. Darum sind sie einer gängigen Praxis gefolgt und haben sich eingeklagt. Soll heißen: Sie haben vor Gericht geltend gemacht, dass die MHH eigentlich Platz und Personal hätte, um mehr als die offiziellen 270 Studenten durchs Studium zu schleusen. Jahr für Jahr kommen auf diese Weise Tausende Studenten, deren Abi-Note zu schlecht war, noch an einen Studienplatz. So auch im Fall der 32 besagten Studenten der MHH - deren Zulassung allerdings galt nur vorläufig, bis zum endgültigen Urteil. Das wussten die 32. Jetzt haben die Richter gegen sie entschieden, und sie müssen gehen.

Für die medizinischen Fakultäten ist das Urteil, das jetzt Wellen schlägt, eine gute Nachricht, ebenso wie für uns alle, die Patienten. Die Qualität der ärztlichen Ausbildung ist ein hohes Gut, das Leben retten kann. Sie ist nur gesichert, wenn jeder einzelne Student ausreichend an echten Menschen üben kann. Im Medizinstudium der Zukunft, das in Hannover und in Modellstudiengängen anderswo schon Gegenwart ist, passiert das vom ersten Semester an und nicht erst nach Jahren der Theorie. Da es aber nicht unendlich viele geeignete Patienten gibt, ist es nur folgerichtig, dass die Studenten in Hannover letzten Endes nicht erfolgreich waren mit ihrer Klage. Hier liegt auch einer der Gründe, warum ein NC-Stopp, wie Gesundheitsminister Rösler ihn fordert, so einfach nicht funktionieren kann. Es wäre gut, wenn die Gerichte sich vom MHH-Urteil inspirieren ließen. Das unselige Einklagen muss aufhören, und das nicht nur in der Medizin. Es begünstigt jene, die sich den teuren Rechtsweg leisten können, und verschlechtert die Studienbedingungen derer, die sich ihren Platz durch ihre Leistung verdient haben. Die Universitäten müssen ihre Kapazitäten ausschöpfen, keine Frage. Dass das passiert, darauf achten schon die Ministerien. Doch die juristischen Rechenspielchen nützen außer den darauf spezialisierten Anwälten keinem.

Aus DIE ZEIT :: 22.04.2010

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