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Durchgefallen

VON KILIAN KIRCHGESSNER

Warum deutsche Studenten, die an der britischen Open University ein Fernstudium machen, kein Bafög bekommen - und jetzt dagegen klagen.

Durchgefallen© John Winfield - Wikimedia Commons Das Alter entscheidet über den Zugang zur Open University mit Sitz im englischen Milton Keynes - nicht das Abitur
Dass Ines Peters im Herbst ihren Bachelor macht, ist ein kleines Wunder. Sie wohnt auf dem Land und kümmert sich um die kleinen Kinder, während ihr Mann arbeitet. Einfach mal so zu einer Vorlesung nach Hannover an die Universität zu fahren ist nicht drin. »Es war immer mein Traum, Mathematik zu studieren«, sagt sie. Um ein Haar wäre ihr Studium gescheitert - ausgerechnet an den Bafög-Bestimmungen, die eigentlich akademische Karrieren wie die ihre ermöglichen sollen. Sie hat sich an der britischen Open University eingeschrieben, die sich auf Fernstudiengänge spezialisiert hat. Es ist eine staatliche Hochschule, ihre Abschlüsse sind international anerkannt.

Aber: Für die Einschreibung setzt sie nicht das Abitur voraus. Dadurch, so argumentieren die Bafög-Ämter, sei die Ausbildung nicht gleichwertig mit den Studiengängen an deutschen Hochschulen. Und so hat die angehende Mathematikerin Ines Peters viele Leidensgenossen. Wer sich an der britischen Fern-Uni einschreibt, verliert automatisch seinen Anspruch auf finanzielle Unterstützung - selbst wenn er Abitur hat und an jeder anderen Universität Bafög bekäme. Viele der Studieninteressenten stellt das Nein der Bafög-Ämter vor ein Dilemma: Die Open University bietet Fächer an, die nirgendwo anders als Fernstudium belegt werden können.

Studenten wehren sich - mithilfe einer Anwältin

Grundsätzlich steht deutschen Studenten dann Bafög zu, wenn sie bestimmte soziale Kriterien erfüllen, wenn die Eltern etwa ein niedriges Einkommen haben oder mehrere Geschwister ebenfalls studieren. Eine geografische Einschränkung gibt es inzwischen nicht mehr: Wer als Deutscher im europäischen Ausland studiert, bekommt trotzdem Unterstützung aus seinem Heimatland. »Es ist abenteuerlich, wenn die Regierung große Kampagnen für Weiterbildung und lebenslanges Lernen unterstützt«, sagt die Wiesbadener Rechtsanwältin Sibylle Schwarz, »und dann denjenigen Steine in den Weg legt, die für eine akademische Ausbildung große Opfer auf sich nehmen.« Schwarz ist erfahren im Kampf gegen die Bafög-Benachteiligung.

Erst unlängst hat sie für eine ihrer Mandantinnen die staatliche Förderung erstritten - sie war für ein Fernstudium an der University of Sunderland eingeschrieben, einer anderen britischen Hochschule. Diese Entscheidung allerdings gilt nicht für die Open University, in dem Fall bleiben die Behörden hart. Bei Sibylle Schwarz melden sich jetzt reihenweise Studenten, die immer noch auf Bafög warten. »Es ist wichtig, zu zeigen, dass das keine Einzelfälle sind«, so die Anwältin. Ihre Mandanten müssen mit einem Job ihre Familie ernähren und finden darüber kaum noch Zeit zum Lernen, andere haben ihren Traum vom Studium frustriert aufgegeben, weil sie es sich ohne staatliche Hilfe schlicht nicht leisten können. »Es ist unglaublich, was wir für ein Potenzial vergeuden, wenn wir so mit den Studieninteressenten umgehen«, sagt Schwarz. In einem ersten Prozess ist sie unterlegen. Die Argumentation der Richter stützt die der Bafög-Ämter: Die Open University sehe als einzige Zugangsvoraussetzung die Volljährigkeit vor und nicht etwa ein Abitur - damit könne das Studium nicht als gleichwertig anerkannt werden. Derzeit führt sie ein neues Verfahren.


Tatsächlich ist die Open University ein Sonderfall in der europäischen Hochschullandschaft. Der britische Staat hat sie 1970 als Reformuniversität gegründet und dabei zwei Prinzipien festgelegt: erstens niedrige Zugangshürden und zweitens die Möglichkeit, alle Fächer als Fernlehrgang von zu Hause aus zu studieren. Das sollte den Weg für ungewöhnliche Bildungskarrieren öffnen. Mehr als 200 000 Studenten sind inzwischen eingeschrieben, davon 1500 aus Deutschland. Wie viele der Deutschen eigentlich unter die Bafög- Bestimmungen fallen, lässt sich aber nicht genau nachprüfen - einige der Studenten sind älter und fallen allein deshalb durch das Raster, dafür haben andere wegen der fehlenden Unterstützung ihr Studium gar nicht erst aufgenommen.

»Niemand bekommt an der Open University seinen Abschluss hinterhergeworfen«, sagt Marion Bruhn-Suhr von der Hamburger Universität: »Die Prüfungen sind hart, und regelmäßig scheitern auch Studenten daran. Und ein komplettes Studium auf Englisch durchzuziehen setzt ein gutes Niveau der Bewerber voraus.« Bruhn-Suhr berät deutsche Interessenten, die sich an der Open University einschreiben möchten. Die Hamburger Universität kooperiert seit anderthalb Jahrzehnten mit der britischen Hochschule, die bei modernen E-Learn ing- Systemen zu den weltweiten Vorreitern zählt. Dass die Bafög-Behörden sich bei Open-University- Studenten querstellen, kann Bruhn-Suhr nicht nachvollziehen: »Die Abschlüsse von dort sind überall in Deutschland anerkannt, das haben auch die Hochschulrektorenkonferenz und die Kultusministerkonferenz so festgelegt.«

Die meisten der deutschen Absolventen haben ohnehin die Hochschulreife. Sie entschieden sich für die Open University, weil sie dort auch solche Fächer studieren können, die es in Deutschland nicht als Fernstudium gibt - Psychologie beispielsweise oder auch die Naturwissenschaften. »Zu mir kommen öfter junge Leute, die nach dem Abitur eine Ausbildung als biologisch-technische Assistenten gemacht haben«, sagt die Hamburger Beraterin. »Irgendwann wollen sie dann doch studieren und müssen nebenbei weiterarbeiten. Da kommt ein deutsches Präsenzstudium nicht infrage - und an anderen Fern-Universitäten gibt es eine naturwissenschaftliche Ausrichtung einfach nicht.« Einen solchen Weg hat Georg Paaßen hinter sich. Er ist examinierter Altenpfleger, hat viele Jahre Berufserfahrung gesammelt und sich dann entschieden, auch noch einen Studienabschluss in Health and Social Care zu machen. Sechs Jahre lang hat er neben seiner Arbeit an den Fernlehrgängen der Open University teilgenommen. »Sobald ich mich bei einer staatlichen Stelle nach einer Förderung erkundigt habe«, sagt er frustriert, »habe ich als Antwort immer nur Gelaber gekriegt.«

Auch bei Stiftungen bekommen Open-University-Studenten kein Geld

Dabei sind es gerade Studenten wie er, nach denen deutsche Bildungspolitiker schon seit Jahren rufen: engagiert, erfahren, aufgeschlossen. Bafög kriegen sie trotzdem nicht. »Die Zulassung zum Studium ohne jeden konkretisierten Eignungsbeleg ist im deutschen Recht nicht vorgesehen«, heißt es beim Bildungsministerium in Berlin. Zwar sei nicht unbedingt die allgemeine Hochschulreife eine Studienvoraussetzung, schließlich würden oft auch andere Eignungsnachweise wie etwa eine Meisterprüfung akzeptiert. Das Mindestalter allein reiche aber nicht aus.

Für die Betroffenen ist diese Absage doppelt schwerwiegend: Weil viele Stiftungen ihre Stipendiaten nur an »Bafög-anerkannten Ausbildungsstätten« unterstützen, finden sie auch nirgendwo anders eine Förderung; die Studienstiftung des Deutschen Volkes etwa winkt bei Bewerbern von der Open University ab. Und selbst das Aufstiegsstipendium der Bundesregierung kommt nicht infrage - obwohl dieses Förderprogramm damit wirbt, man wolle die »Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung« verbessern. Rechtsanwältin Sibylle Schwarz will dieses kategorische Nein nicht hinnehmen. Inzwischen prüft die Europäische Union, ob Deutschland mit seiner strengen Auslegung der Förderrichtlinien europäisches Recht verletzt. »Für die Studenten«, sagt Sibylle Schwarz, »gibt es durchaus noch Hoffnung auf Bafög.«

Aus DIE ZEIT :: 12.08.2010

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