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Durchlässig und chancengerecht? - Ein deutsch-schwedischer Vergleich

von RENATE KÖCHER

Fragt man Deutsche und Schweden zu den Aufstiegschancen im Allgemeinen und zur Betreuung kleiner Kinder im Besonderen, zeigen sich deutliche Unterschiede. Welche Leit- und Rollenbilder stehen sich dabei gegenüber? Eine aktuelle Umfrage gibt Aufschluss.

Durchlässig und chancengerecht?© Nadine Platzek - photocase.deDer Vergleich zeigt: Aufstiegschancen und Kinderbetreuung werden in Schweden besser beurteilt als in Deutschland
Der Zusammenhang zwischen dem Bildungsstand des Elternhauses und dem Bildungsweg von Kindern ist auch heute in Deutschland auffallend eng. Von den Eltern mit höherer Schulbildung haben 77 Prozent ein oder mehrere Kinder, die Gymnasien besuchen, von den Eltern mit einfacher Schulbildung dagegen nur 29 Prozent. Dies ist einer der Gründe, warum die deutsche Bevölkerung und insbesondere die unteren sozialen Schichten die Durchlässigkeit der Gesellschaft wesentlich skeptischer einschätzen, als dies beispielsweise in Schweden der Fall ist. Dies zeigt eine vergleichende Untersuchung, bei der ein repräsentativer Querschnitt der 16- bis 74-jährigen Bevölkerung in Deutschland und in Schweden zu den Aufstiegschancen und der Förderung von Kindern befragt wurde.

Während in Schweden 61 Prozent der Bürger überzeugt sind, dass Aufstieg durch Leistung in ihrer Gesellschaft möglich ist, teilen lediglich 44 Prozent der deutschen Bevölkerung diese Einschätzung. Besonders weit fallen die Urteile derjenigen auseinander, die auf Grund ihrer Bildungs- und Einkommenssituation den einfachen sozialen Schichten zuzurechnen sind. Von ihnen zeigen sich in Schweden 55 Prozent überzeugt, dass die Gesellschaft durchlässig ist und Leistung mit sozialem Aufstieg belohnt, in Deutschland dagegen nur 27 Prozent.

Aufstiege möglich?

Auffallend sind auch die Unterschiede zwischen den Perspektiven der jungen Generation in beiden Ländern. Bei den unter-30-jährigen Schweden überwiegt bei weitem Statusoptimismus, die Überzeugung, dass Aufstieg in ihrer Gesellschaft möglich ist, 70 Prozent der jungen Schweden sind davon überzeugt, dagegen nur 41 Prozent der gleichaltrigen Deutschen. Noch schärfer trennen sich auch in der jungen Generation die sozialen Schichten beider Länder: Während auch junge Schweden aus den einfachen sozialen Schichten weit überwiegend statusoptimistisch eingestellt sind, überwiegt bei jungen Deutschen aus den einfachen Schichten die Einschätzung, dass die sozialen Schichten in Deutschland zementiert sind und Aufstiege kaum zulassen.

Durchlässig und chancengerecht? © IfD-Allensbach Statusfatalismus und -optimismus der jungen Generation in Deutschland und Schweden
Die schwedische Bevölkerung ist auch weitaus mehr als die deutsche überzeugt, dass es in ihrem Land um die Chancengerechtigkeit gut bestellt ist, und bewertet auch die Maßnahmen, mit denen Kinder aus den verschiedenen sozialen Schichten gefördert werden, positiver. Zwar sehen hier auch in Schweden die meisten noch Handlungsbedarf; von den schwedischen Eltern unter-12-jähriger Kinder haben nur 44 Prozent den Eindruck, dass in ihrem Land viel für die Förderung von Kindern aus den unterschiedlichen Schichten getan wird. In Deutschland ziehen jedoch noch deutlich weniger diese Bilanz, insgesamt nur 32 Prozent der Eltern unter-12-jähriger Kinder. Auch hier klafft das Urteil in den sozialen Schichten weit auseinander. Bei den Maßnahmen, mit denen Kinder in den ersten sechs Lebensjahren schichtübergreifend erfolgreich gefördert werden können, sind sich die deutsche und die schwedische Bevölkerung dagegen weitgehend einig. So hält es die überwältigende Mehrheit in beiden Ländern für besonders wichtig, dass Kinder in Betreuungseinrichtungen individuell gefördert werden, dass ausreichend qualifizierte Ganztagsbetreuungsplätze zur Verfügung stehen, die Eltern ausreichend Zeit haben, sich um ihre Kinder zu kümmern, und bei Bedarf bei der Erziehung Beratung und Unterstützung erhalten. Auch einheitliche Qualitätsstandards für Betreuungseinrichtungen hält die große Mehrheit in beiden Ländern für essenziell.

Durchlässig und chancengerecht? © IfD-Allensbach Meinung der Eltern unter-12-jähriger Kinder in Deutschland und Schweden zum Thema Kinderbetreuung

Kinderhort oder Familie?

Diesen Übereinstimmungen stehen jedoch unterschiedliche Leit- und Rollenbilder gegenüber. Die deutsche Bevölkerung hält zwar mit überwältigender Mehrheit qualifizierte Betreuungsangebote für wichtig, ist jedoch gleichzeitig mehrheitlich überzeugt, dass unter-3-jährige Kinder am besten ausschließlich in der Familie betreut werden sollten. Weit überdurchschnittlich wird diese Position in den einfachen sozialen Schichten und von türkischstämmigen Eltern vertreten. Von ihnen votieren zwei Drittel dafür, Kinder bis zum dritten Lebensjahr ausschließlich in der Familie zu betreuen. Allerdings gibt es hier nach wie vor gravierende Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland.

Während in Westdeutschland 52 Prozent der Bürger überzeugt sind, dass ein Kind am besten ausschließlich in der Familie betreut wird, teilen nur 21 Prozent der Ostdeutschen diese Auffassung. Das ostdeutsche Meinungsbild deckt sich weitaus eher mit den schwedischen Positionen als mit den westdeutschen. So sind 53 Prozent der westdeutschen, aber nur 18 Prozent der ostdeutschen und 13 Prozent der schwedischen Bevölkerung überzeugt, dass ein Kleinkind darunter leidet, wenn die Mutter berufstätig ist. Die Leitbilder prägen die faktischen Erwerbskonstellationen in den Familien. Von den Eltern, die nicht alleinerziehend sind, arbeiten in Schweden in 39 Prozent der Fälle beide Vollzeit, in Deutschland dagegen nur 13 Prozent. Umgekehrt ist in Deutschland in jedem dritten Fall einer der Partner - in der Regel die Frau - nicht berufstätig. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird in Schweden weitaus günstiger beurteilt als in Deutschland.

Durchlässig und chancengerecht? © IfD-Allensbach Chancengerechtigkeit aus Sicht der Bevölkerung in Schweden besser verwirklicht als in Deutschland
Da deutsche Eltern weitaus stärker dazu tendieren, die Betreuung und Erziehung ihrer Kinder in den ersten Lebensjahren ausschließlich als ihre Aufgabe anzusehen, sehen sie sich auch weitaus stärker als schwedische Eltern in der Verantwortung für die Bildung ihrer Kinder. 81 Prozent der deutschen Eltern, aber nur 32 Prozent der schwedischen halten es für eine wesentliche Aufgabe des Elternhauses, eine gute und vielseitige Bildung zu vermitteln. Entsprechend verortet die deutsche Bevölkerung die Ursachen für unterschiedliche Chancen von Kindern auch weitaus stärker als die schwedische im Elternhaus: Drei Viertel der deutschen Bevölkerung, aber nur 32 Prozent der schwedischen sind überzeugt, dass Chancenungleichheit wesentlich mit den unterschiedlichen Bildungsvoraussetzungen in den Elternhäusern zu tun hat.

Eltern in Schweden tendieren weitaus stärker dazu, die Betreuung und Förderung von Kindern als eine arbeitsteilige Aufgabe zwischen der Familie und externen Betreuungseinrichtungen zu sehen. In Deutschland trägt dagegen die Neigung, die Betreuung und Förderung in den ersten Lebensjahren ausschließlich in der Verantwortung der Familie anzusiedeln, wesentlich dazu bei, dass die unterschiedlichen Voraussetzungen in den Familien voll durchschlagen.


Über die Autorin
Professor Renate Köcher ist Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach.

Aus Forschung & Lehre :: Februar 2013

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