Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Durchleuchteter Nachwuchs

von ULRICH BAHNSEN

Gentests für Föten werden bald zur Regel.

Durchleuchteter Nachwuchs© Sebastian Kaulitzki - 123rf.comGentests an Föten sind technisch schon jetzt möglich. Die ethische Frage jedoch, ist noch nicht geklärt
Als sich die europäischen Humangenetiker am vergangenen Wochenende in Paris zur Jahrestagung versammelten, ahnte man schon bei der Lektüre der Agenda: Das alles beherrschende Thema in den Sälen des Palais des Congrès würde die Diagnostik des werdenden Lebens sein. Die Genetik wird den Menschen künftig eine nie gekannte technische Kontrolle ihrer Fortpflanzung ermöglichen. Beim Kinderkriegen, diesen Eindruck hinterlässt der Kongress der European Society of Human Genetics überdeutlich, steht ein Paradigmenwechsel bevor. Als Erstes wird die Schwangerschaftsvorsorge umgekrempelt werden. Die Untersuchung der Erbmoleküle des Fötus im Mutterblut avanciert zu einem universellen Test - auch wenn deutsche Experten noch zögern. Bislang sind Analysen wie der Praena-Test des deutschen Unternehmens LifeCodexx sogenannten Risikoschwangerschaften vorbehalten (ZEIT Nr. 6/2013). Sie werden etwa bei Frauen über 35 mit einem auffälligen Ultraschallbefund angewandt, wenn ein Verdacht auf Trisomie 21 oder eine andere Chromosomenstörung des Fötus besteht.

Am vergangenen Freitag jedoch sprach sich ausgerechnet die Galionsfigur des konventionellen Ultraschall-Screenings für einen generellen Schwenk zu Verfahren wie dem Praena-Test aus: Kypros Nicolaides vom Londoner King's College hat die Ergebnisse der herkömmlichen Untersuchung im ersten Schwangerschaftsdrittel mit denen eines der neuen Bluttests bei über 1.000 Frauen zwischen 20 und 48 Jahren verglichen. Beide Verfahren entdeckten die Chromosomenstörungen der Föten, doch die konventionelle Untersuchung schlug bei 33 Frauen falschen Alarm, der Bluttest nur einmal. Fazit: Das Screening auf Downsyndrom und andere Chromosomenfehler durch einen Bluttest in der frühen Schwangerschaft ist offenbar dem Ultraschall überlegen.

Ariosa Diagnostics, der Hersteller, will seinen Test nun an weiteren 19.000 Schwangeren überprüfen. Spätestens dann wird er allen angeboten werden können, egal, ob sie als Risikofälle oder nicht gelten. Längst zeichnet sich die Einführung umfassender genetischer Durchleuchtungsverfahren auch im Rahmen der künstlichen Befruchtung ab. Unsere Gesellschaft muss auf viele Fragen neue Antworten finden. Etwa: Wie regelt man Aufklärung und Beratung der Betroffenen, ihr Recht auf Wissen und Nichtwissen? Die vornehmste Aufgabe der Humangenetik, das mahnte auch Tagungspräsident Stanislas Lyonnet in seiner Eröffnungsrede an, wird sein - human zu bleiben.

Aus DIE ZEIT :: 13.06.2013

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote