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Durchwachsene Leistungsbilanzen und Dauerstress

von Peer Pasternack

Hochschulfusion in der Lausitz, Personalabbau an den sächsischen Universitäten, 50-Millionen-Einsparung bei den Hochschulen Sachsen-Anhalts: Auf die ostdeutschen Hochschulen kommen, so scheint es, turbulente Zeiten zu. Wieder mal, muss man anfügen. Denn auch die letzten zweieinhalb Jahrzehnte sind schon recht turbulent gewesen.

Durchwachsene Leistungsbilanzen und Dauerstress© Tiberius Gracchus - Fotolia.comDie ostdeutschen Hochschulen dämpfen den demografischen Wandel besser als jedes Rückholerprogramm
Anfang der 2000er Jahre waren die ostdeutschen Hochschulen strukturell konsolidiert. Den Umbau seit 1990 hatte man zu einem mehr oder weniger gelungenen Abschluss gebracht. Dann folgte allerdings keine Phase der Beschaulichkeit, sondern die Bologna-Reform und die ersten Folgen des demografischen Wandels. Die eine mit reformbedingten Mehrkosten, die, wie im Westen, nicht erstattet wurden. Die andere mit tatsächlichen und prognostizierten Einnahmeminderungen in den Landeshaushalten. Das verband sich mit einer Zunahme der Studierendenzahlen an den ostdeutschen Hochschulen: von 2005 bis 2011 um neun Prozent (s. Tabelle 1).

Dahinter verbirgt sich allerdings ein Erfolg, der weit über die nackten Zahlen hinausweist, nämlich die erfolgreiche Gewinnung westdeutscher (und ausländischer) Studierender. Nur dadurch konnten die Einbrüche in den studienberechtigten Alterskohorten überkompensiert werden, die infolge der geringen Geburtenraten nach 1990 entstanden waren. Von 2005 bis 2011 gelang es den ostdeutschen Hochschulen (ohne Berlin), die Zahl ihrer Studierenden aus westdeutschen Bundesländern um 62 Prozent zu steigern. Bei den Studienanfängern konnte gar mehr als eine Verdreifachung erreicht werden. Auch wenn es sich dabei großteils um Überlaufeffekte handelt, da die westdeutschen Hochschulen übervoll sind: Anders als noch zu Beginn der 2000er Jahre erzeugt die Vorstellung, im Osten des Landes studieren zu sollen, bei jungen Leuten aus westdeutschen Regionen offenkundig nicht mehr flächendeckend allergische Reaktionen (s. Tabelle 2).

Gründe für das Sparen

Fürs Sparen in den Ost-Ländern lassen sich dennoch durchaus Gründe entdecken, nämlich acht: Seit 2009 bereits sind die Zuschüsse aus dem Solidarpakt rückläufig. Bis 2020 werden sie auf null abschmelzen. Im Rahmen der EU-Strukturförderung müssen die ostdeutschen Länder und Kommunen ab 2014 fünfzigprozentige Gegenfinanzierungen leisten. Bisher waren es 25 Prozent. Der demografische Wandel bewirkt sinkende Einwohnerzahlen. Daraus folgen geringere Zuweisungen aus dem pro-Kopf-bezogenen Länderfinanzausgleich. Die Löhne sind im Osten niedriger und die Arbeitslosigkeit ist höher. Das erzeugt geringere Einkommenssteuereinnahmen.

Die Produktivität und damit die Wirtschaftsleistung liegen unter dem westdeutschen Durchschnitt. Das bewirkt auch bei anderen Steuern niedrigere Einnahmen. Sonderprogramme des Bundes im Wirtschafts- und Wissenschaftsbereich sind nicht auf Dauer zu stellen. Das 2009 verabschiedete Wachstumsbeschleunigungsgesetz mindert die Steuereinnahmen aller Länder. Schließlich wird ab 2020 die Schuldenbremse in Kraft treten. Sie untersagt den Ländern die Nettokreditaufnahme.

Durchwachsene Leistungsbilanzen und Dauerstress © Forschung & Lehre Tabelle 1: Studierende an ostdeutschen Hochschulen
Durchwachsene Leistungsbilanzen und Dauerstress © Forschung & Lehre Tabelle 2: Studierende und Studienanfänger an ostdeutschen Hochschulen mit westdeutscher Hochschulzugangsberechtigung
Durchwachsene Leistungsbilanzen und Dauerstress © Forschung & Lehre Tabelle 3: Drittmitteleinnahmen der Hochschulen (in Mio. Euro)
Durchwachsene Leistungsbilanzen und Dauerstress © Forschung & Lehre Tabelle 4: Ergebnisse der Exzellenzinitiative 2006, 2007, 2012 (Hauptantragsteller)
Durchwachsene Leistungsbilanzen und Dauerstress © Forschung & Lehre Tabelle 5: Hochschulaufwendungen der Länder pro Kopf der Bevölkerung (2009, in Euro)
Durchwachsene Leistungsbilanzen und Dauerstress © Forschung & Lehre Tabelle 6: Professuren und Verhältnis zur Studierendenzahl (ohne Verwaltungsfachhochschulen)
Die Einnahmeprobleme der ostdeutschen Länder werden unter anderem an die Hochschulen weitergereicht. Aus all dem ergibt sich vor allem eines: Die Ost-Hochschulen sind seit 23 Jahren im Dauerstress. Was dabei oder dennoch herauskommt, lässt sich auf zweierlei Weise betrachten: einerseits im Durchschnitt, andererseits mit Blick auf die Einzelfälle. Schaut man auf die gesamtdeutschen Leistungsvergleiche, so gibt es eine Zweiteilung: Für ihre Lehre bekommen die ostdeutschen Hochschulen mehrheitlich gute Noten. In der Forschung stellen sie sich als überwiegend leistungsgedämpft dar. Blickt man auf die einzelnen Hochschulen, so offenbart sich allerdings: Es geht ziemlich fragmentiert zu.

Abgesehen vom Sonderfall (Ost-) Berlin, sind die Hochschulen in vier Städten sehr gut aufgestellt: in Dresden, Leipzig, Jena und Potsdam. Das hängt zum einen mit der Standortattraktivität zusammen. Die Lebensqualität in diesen Städten ist so, dass nicht jedes Konkurrenzangebot die Leistungsträger wegzieht. Und für Studierende handelt es sich um Orte, die es locker mit Hamburg, Frankfurt oder Köln aufnehmen können. Zum anderen sind in diesen Städten starke Verdichtungen von Wissenschaftspotenzialen aufgebaut worden: Es gibt jeweils mehrere Hochschulen, die von zahlreichen außeruniversitären Instituten flankiert werden.

Einige kleine Hochschulen haben bemerkenswerte Profile entwickelt und spielen in der Liga der Kleineren vorne mit: Weimar, Ilmenau, Freiberg und Potsdam. Die Fachhochschulen sind im Durchschnitt forschungsaktiver als ihre westdeutschen Pendants. Die meisten Fächer an den ostdeutschen Hochschulen bewegen sich überwiegend im Mittelfeld. Manche Politiker sagen daher, sie seien "mittelmäßig". Das ist nicht falsch, aber unfreundlich. Denn in der Mitte befindet sich nach landläufiger Betrachtung die Hälfte der Hochschulen und ihrer Fächer: Ein Viertel bildet die Spitze und ein Viertel die Schlussgruppe.

Überregionale Wettbewerbssituation

Die Ergebnisse der ostdeutschen Hochschulen in überregionalen Wettbewerbssituationen um Mitteleinwerbungen müssen vor dem Hintergrund der Größenverhältnisse betrachtet werden. Die Ost-Hochschulen beschäftigen 14,5 Prozent des gesamtdeutschen wissenschaftlichen Hochschulpersonals bzw. beherbergen 15 Prozent aller Universitätsprofessuren und 16 Prozent der Fachhochschulprofessuren. Bei den Drittmitteleinnahmen beträgt ihr Anteil am gesamtdeutschen Wert 14 Prozent. Dabei ist eine Aufwärtsbewegung zu beobachten: 2005 lag dieser Anteil bei 12 Prozent (s. Tabelle 3).

Ein deutlicher Kontrast offenbart sich, wenn die allgemeinen Drittmitteleinnahmen mit den Erfolgen bei der Exzellenzinitiative verglichen werden. Realisieren die ostdeutschen Hochschulen mit ca. 15 Prozent des gesamtdeutschen wissenschaftlichen Hochschulpersonals 14 Prozent aller Drittmitteleinnahmen, so verhält es sich bei der Exzellenzinitiative deutlich anders. In deren drei Runden von 2006 bis 2012 betrug der ostdeutsche Anteil an den erfolgreichen Anträgen lediglich fünf Prozent (s. Tabelle 4).

Damit wird ziemlich exakt deutlich, was einstweilen das eigentliche Problem der ostdeutschen Hochschulen ist: nicht die allgemeine Leistungsfähigkeit, sondern ihre Exzellenzfähigkeit, also das Vermögen, auch an den vordersten Fronten der Wissensproduktion zu agieren. Wie die Prämierung des Zukunftskonzepts der TU Dresden zeigt, gelingt unterdessen aber auch dies im Einzelfall.

Allerdings muss man es durchaus auch als Erfolg werten, dass sich die Mehrheit der ostdeutschen Hochschulen bzw. ihrer Fachbereiche im mittleren Segment der Forschungsleistungen bewegt. Denn die Pro-Kopf-Ausgaben der östlichen Bundesländer für ihre Hochschulen sind durchwachsen. 329 Euro geben die westdeutschen Flächenländer je Einwohner für ihre Hochschulen aus. Sachsen liegt etwas darüber, Brandenburg beschränkt sich auf bescheidene 179 Euro (was nicht allein an der fehlenden Hochschulmedizin liegt). Die anderen östlichen Bundesländer liegen nicht ganz so dramatisch, aber doch deutlich unter dem Durchschnitt der westdeutschen Flächenländer. Nimmt man nur die laufenden Grundmittel für die Hochschulen als Berechnungsgrundlage, so übersteigt Sachsen das Mittel der westdeutschen Flächenländer deutlich; es liegt mit seinem Wert auf Patz 3 aller 16 Flächenländer. Dagegen unterschreiten auch hier alle anderen ostdeutschen Länder den Durchschnitt der westlichen Länder (s. Tabelle 5).

Bessere Betreuungsrelation

Mit diesen Mitteln werden an den ostdeutschen Hochschulen allerdings nach wie vor bessere Betreuungsrelationen realisiert. Lediglich in Brandenburg liegt die Zahl der Studierenden je Professur über dem Durchschnitt der westdeutschen Flächenländer. In allen anderen Ost-Ländern ist die Betreuungsquote günstiger als im Westen. Auch die Zunahme der Studierenden je Professur liegt in den letzten Jahren etwas unter dem Durchschnitt der Flächenländer im Westen der Republik (s. Tabelle 6).

Absehbar erscheint, was weitere substanzielle Einsparungen bringen würden: Die ostdeutschen Hochschulen werden dauerhaft, was deutschschweizer Universitäten im 19. Jahrhundert waren, sogenannte Erstberufungshochschulen. Dahin geht man als junger Professor auf seine erste Stelle und sieht zu, schnell etwas Attraktiveres zu finden. Dadurch fehlt es an Stabilität bei den Leistungsträgern. Das kennzeichnet heute bereits die Situation an vielen ostdeutschen Fachbereichen. Dies wiederum erklärt deren mangelnde Strategiefähigkeit. Sie zeigt sich an den geringen Erfolgen etwa in der Exzellenzinitiative.

Alternative Optionen

Gibt es alternative Optionen? Die ostdeutschen Regionen werden interne Potenziale mobilisieren und externe gewinnen müssen, wenn sie sich nicht abhängen lassen wollen: Fachpersonal, Investitionen und Netzwerkeinbindungen insbesondere. Für zwei dieser Potenziale sind die Hochschulen unentbehrlich: Fachkräfte und Netzwerke. So finden, wie erwähnt, mittlerweile zahlreiche westdeutsche Studienanfänger in den Osten. Von diesen wiederum bleiben 43 Prozent nach dem Abschluss da: ein beachtlicher Klebeeffekt. Keines der zahlreichen Rückholerprogramme, mit denen die ostdeutschen Länder ehemalige Einwohner zur Rückkehr bewegen wollen, hat eine solche Erfolgsquote. Mit anderen Worten: Die ostdeutschen Hochschulen sind inzwischen das erfolgreichste Instrument zur Dämpfung des demografischen Wandels.

Schwierig erscheint es bislang, solche Wirkungen zu vermitteln. Hier wird es nötig sein, dass sich die Ost-Hochschulen stärker als das, was sie (auch) sind, auch inszenieren: als eines der wichtigsten Verödungshemmnisse in demografisch sich entleerenden Räumen. Hochschulfernen Gesprächspartnern in der Politik ist also plausibel zu machen, dass die überwiesenen Gelder auch regional benötigte Effekte bringen. Alles, was über Grundausstattungen hinausgeht, wird absehbar über direkte und indirekte Effekte innerhalb des Landes dargestellt werden müssen. Einstweilen agiert die Wissenschaft hier nicht so glücklich. Sie neigt dazu, vornehmlich auf die planetarische Bedeutung ihrer Aktivitäten zu verweisen. Das verführt außerhalb der Wissenschaft dazu, den Umkehrschluss zu ziehen: regional wohl nicht so bedeutsam. Gebraucht wird aber beides: Die regionale Wirksamkeit von Hochschulen ist dann am aussichtsreichsten, wenn diese ihre Region an die überregionalen Kontaktschleifen der Wissensproduktion und -verteilung anschließen. Dazu wiederum sind die Hochschulen wie keine andere Institution in ihren Regionen in der Lage.


Über den Autor
Professor Dr. Peer Pasternack ist Direktor des Instituts für Hochschulforschung (HoF) an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Aus Forschung & Lehre :: Juli 2013

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