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Hochschulen schaffen neue Hürden

VON FRIEDERIKE LÜBKE

Das Abitur reicht nicht mehr automatisch für das Traumstudium. Einige Hochschulen prüfen selbst, wen sie zulassen. Das birgt Vorteile - und ein Problem.

Hochschulen schaffen neue Hürden© Creativa - Fotolia.comImmer mehr Universitäten führen Eignungsfeststellungsverfahren durch
Zwei Tage lang hat sich Marcus Glaser diesen Sommer mit Bewerbern unterhalten. Alle wollten den Master in Betriebswirtschaftslehre machen. Glaser ist Professor für BWL an der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität (LMU).

Er und seine Kollegen entscheiden, wer das Fach studieren darf. Von 500 Bewerbern wurden 200 zugelassen, die übrigen müssen es woanders versuchen. In Deutschland studieren so viele Menschen wie noch nie, in beliebten Fächern und Universitäten werden die Plätze knapp.

Sollten die Hochschulen nicht sehr viel mehr Geld bekommen, um ihre Angebote auszubauen, stellt sich die Frage: Wer darf studieren? Und wie wird das entschieden? Das Abiturzeugnis bescheinigt zwar die Allgemeine Hochschulreife. Trotzdem ist es nicht mehr automatisch die Eintrittskarte zum Studium.

Fast die Hälfte aller Bachelorstudiengänge in Deutschland waren im vergangenen Jahr zulassungsbeschränkt, ermittelte das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). An den Hochschulen in Hamburg, Berlin und Bremen haben sogar mehr als 60 Prozent der Studiengänge einen Numerus clausus. Eine einfache Regelung: Wessen Noten zu schlecht sind, kommt nicht rein. Man kann sich aber auch mehr Mühe machen und die Studenten anders auswählen. Die zwei Universitäten der bayrischen Landeshauptstadt, die LMU und die Technische Universität München (TUM), setzen in vielen Studiengängen auf eine Methode, die den sperrigen Oberbegriff »Eignungsfeststellungsverfahren« trägt.

Praktisch sieht das dann so aus, dass Markus Glaser und seine Kollegen am Fachbereich BWL in einem Gespräch prüfen, wie ein Bewerber argumentiert, wie er sich ausdrückt und wie er Probleme angeht. Das Gespräch wird protokolliert. Es muss deutlich werden, warum sich das Gremium für oder gegen einen Bewerber entscheidet. Wer geeignet ist, wird angenommen.

Eine Begabung für Sport lässt sich testen, aber für BWL?

Zwar kann man nie ausschließen, dass Professoren nicht objektiv urteilen, oder die »Eignung« so hoch ansetzen, dass weniger Studienplätze vergeben werden, als an der Uni vorhanden sind. Trotzdem hat das Verfahren einige Vorteile gegenüber der NC-Auswahl. Die Professoren lernen ihre Studenten kennen. Die Hochschule kann noch einmal für sich werben, und sie gewinnt Planungssicherheit: Wenn ein Bewerber sich die Mühe macht, zu einem Gespräch zu kommen, wird er den angebotenen Platz wahrscheinlich auch annehmen.

An der TU München liegt die Abbrecherquote bei den Studiengängen mit Eignungsfeststellung bei 10 bis 16 Prozent. Bei den NC-Studiengängen sind es 50 bis 65 Prozent. »Es lohnt sich«, sagt Regine Keller, Vizepräsidentin für Studium und Lehre an der TUM. Doch es sieht nicht so aus, als würden sich diese Verfahren bald durchsetzen. Das liegt weniger daran, dass Professoren ihre Semesterferien nicht für Gespräche opfern wollen, als dass sich die Hochschulen rechtlich und politisch in einer schwierigen Lage befinden.

In Bayern erlaubt das Hochschulgesetz in Artikel 44 »die Qualifikation durch eine Eignungsprüfung oder in einem Eignungsfeststellungsverfahren nachzuweisen«. Wie diese Eignung festgestellt wird, können die Hochschulen aus verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten wählen. Nach Paragraf 34 der Qualifikationsverordnung sind Eignungsprüfungen zulässig, »wenn das betreffende Studium besondere qualitative Anforderungen stellt«.

Das Prinzip ist von Sport- und Kunsthochschulen bekannt. Hochschulen prüfen, was für das Studium wichtig ist, aber nicht im Abi-Zeugnis steht. Es ist klar, dass es eine sportliche Begabung gibt. Auch, dass man sie testen kann. Wie aber sieht eine Eignung für BWL aus? Und wie kann man sie messen? Eignung ist ein vages Wort. Das Bayerische Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst muss das Eignungsfeststellungsverfahren für jeden Studiengang genehmigen.

Noch vor einigen Jahren wurden diese Genehmigungen recht großzügig verteilt, sonst gäbe es die Eignungsfeststellungsverfahren nicht bei 122 Studiengängen an der TUM und 158 Studiengängen an der LMU. Inzwischen aber ist man zögerlicher geworden. Aktuell wird nur noch befristet genehmigt. »Das Ministerium genehmigt zurzeit nicht so gern, weil sie Angst haben, dass das juristisch gekippt wird«, sagt Regine Keller. Wirklich geklagt wurde in München bisher wenig. Im Schnitt gibt es etwa zwei Gerichtsverfahren pro Jahr, heißt es bei der Juristischen Abteilung der LMU. An der TUM sind es pro Jahr etwa fünf Klagen. Die Urteile haben aber den klagenden Studenten meist recht gegeben.

Laut Grundgesetz darf man Beruf und Ausbildungsstätte frei wählen

Jedes Verfahren, das den Zugang zum Studium begrenzt, steht in Gefahr ein Grundrecht zu verletzen. Nach Artikel zwölf des Grundgesetzes darf man »Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte« frei wählen. Da man studieren muss, um Arzt oder Ingenieur zu werden, müssen Studienplätze an staatlichen Hochschulen frei zugänglich sein - mindestens für jeden, der mit dem Abitur seine Qualifikation bewiesen hat. Manche andere Verfahren sind trotzdem erlaubt. Bei Studiengängen, die bundesweit vergeben werden, wie Medizin, können Bewerber ihre Chance auf einen Platz mit dem »Test für medizinische Studiengänge« (TMS) verbessern.

Zwischen dem 1986 und 1998 war ein solcher Test verpflichtend für Human-, Zahn- und Tiermedizin. Er wurde eingeführt, als die Bewerberzahl auf einem Hoch war. Als sie sank, wurde er wieder abgeschafft. Inzwischen gibt es ihn wieder, aber er ist freiwillig. Dennoch absolvieren ihn viele Studenten, weil die Hochschulen seit der Föderalismusreform 60 Prozent der Studienplätze nach eigenen Kriterien vergeben können.

Man darf sich vom Stichwort »Eignung« nicht irreführen lassen. Es geht nicht darum, dass man etwas für Medizin mehr geeignet sein müsste als für Mathe. Es geht darum, die Auswahl zu verbessern, wenn die Menge der Bewerber unübersichtlich wird. Wenn man schon nicht alle nehmen kann, will man wenigstens die Besten finden. Allerdings sind Auswahlverfahren bei bundesweit beschränkten Studiengängen leichter zu rechtfertigen als bei örtlich beschränkten.

Wer nicht Medizin studieren kann, kann nicht Arzt werden, ist also in seinem Grundrecht wirklich eingeschränkt. Wer aber in München nicht BWL studieren kann, kann sich an vielen anderen Unis bewerben. Die Angst, die Auswahlverfahren könnten das Grundrecht einschränken, ist also meist unbegründet. Allerdings brauchten die Unis einen Beschluss des Bundesverfassungsgerichts oder ein klares Bekenntnis der Kultusministerkonferenz (KMK), um auf der sicheren Seite zu sein. So lange will Regine Keller nicht warten. »Deutsche Universitäten sollten mehr Mut zu solchen Verfahren haben«, fordert die TUM-Vizepräsidentin. Mut statt Angst also. Es gab schon schlechtere Ideen im Uni-Betrieb.

Aus DIE ZEIT :: 11.09.2014