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Ein Anflug von Standesdünkel

VON JAN-MARTIN WIARDA

Akademikerkinder ballen sich an den Eliteuniversitäten.

Ein Anflug von Standesdünkel© manley099 - iStockphoto.comFördert die Hochschulreform die soziale Schieflage an deutschen Exzellenzhochschulen?
Es sind zwei brisante Studien, die da in den vergangenen Wochen unabhängig voneinander veröffentlicht wurden. Je besser eine Uni in einem Hochschulranking abschneide, desto mehr Studienanfänger aus sozial besser gestellten Elternhäusern ziehe sie an, berichteten Forscher des Hochschul-Informations-Systems (HIS). Zeitgleich meldete sich auch ein Thinktank junger Akademiker mit den Ergebnissen einer eigenen Analyse zu Wort: Die Konzentration privilegierter Studenten habe ausgerechnet an denjenigen Hochschulen zugenommen, die zuvor zu sogenannten Eliteuniversitäten gekürt worden seien, berichteten die Stipendiaten der Stiftung Neue Verantwortung.

Dass sich die Universitäten hierzulande hinsichtlich ihrer Forschungsschwerpunkte wie auch ihrer Qualität zunehmend voneinander unterscheiden, ist dabei gar nicht das Problem - zumindest nicht aus Sicht der meisten Bildungspolitiker. Genau das war ja eines ihrer Hauptmotive bei den Ende der neunziger Jahre angestoßenen Reformen. Nicht dass die Hochschulen zuvor schlecht gewesen seien, nein, eher langweiliges Mittelmaß, und genau dieser Einheitsbrei, so kritisierten die Reformer damals, sei das Problem gewesen: Um im globalen Wettbewerb um die gescheitesten Köpfe mithalten zu können, brauche auch Deutschland ein paar internationale Spitzeninstitute. Ob Exzellenzinitiative, die Einführung managementähnlicher Führungsstrukturen oder das fast schon inflationäre Aufstellen von Uni-Ranglisten, alles Maßnahmen, die diesem einen immer gleichen Ziel dienten.

Jetzt zeigt sich: Die forcierten Veränderungen haben möglicherweise nicht erwünschte Seiteneffekte mit sich gebracht: vor allem eine soziale Schieflage bei der Zusammensetzung der Studierendenschaft. Zwar wuchs zwischen 2006 und 2009 der Anteil derjenigen Abiturienten mit einem Schnitt von 1,2 oder besser, die an einer der Eliteuniversitäten studieren, erwartungsgemäß - von 42 auf 50 Prozent. Anders formuliert: Jeder zweite exzellente Studienanfänger geht mittlerweile an eine der neun Exzellenzhochschulen. Alarmierend ist allerdings, dass die Entwicklung bei den Einserabiturienten aus nicht akademischen Elternhäusern genau andersherum zu verlaufen scheint: Nur noch 30 Prozent von ihnen fangen an einer Elite-Uni ihr Studium an, 2006 waren es 33 Prozent.

So hat es eine neue Analyse von bereits vorliegenden Daten der Konstanzer AG Hochschulforschung durch die Stipendiaten der Stiftung Neue Verantwortung ergeben. Sebastian Litta, Leiter des dort ansässigen Stiftungsprojekts ExzellenzCampus betont zwar, es handle sich nur um eine Stichprobe und es bedürfe weiterer Datenanalysen, um einen allgemeinen Trend bestätigen zu können. Doch: »Möglicherweise haben wir es mit Abschreckungseffekten zu tun. Wenn ich der Erste in der Familie bin, der studiert, kann oder möchte ich vielleicht nicht weit weggehen und erst recht nicht an eine Uni, die auch noch als exzellent gilt.« Es sind Versuche, ein Phänomen zu erklären, dessen Ausmaß und Hintergründe noch verschwommen sind - und das sich in ganz ähnlicher Weise in der Studie des HIS wiederfindet. Die Forscher Markus Lörz und Heiko Quast haben die Hochschulen nach ihrem Abschneiden beim (von der ZEIT veröffentlichten) CHE-Hochschulranking verglichen und festgestellt: Während 15 Prozent der Kinder aus reinen Akademikerhaushalten sich an hoch eingestuften Hochschulen immatrikulieren, tun dies unter bildungsfernen Studienanfängern nur neun Prozent und damit zwei Fünftel weniger.

Ein auffälliger Unterschied, den zu erklären sich auch das HIS bislang nicht vollständig in der Lage sieht. Ein möglicher Grund sei, dass unter Akademikerkindern der Ruf einer Uni eine noch größere Rolle bei der Auswahl spiele als bei den übrigen Studenten, sagt Markus Lörz. In einem widersprechen die HIS-Ergebnisse allerdings denen der Stiftung Neue Verantwortung: Die beobachtete Ungleichheit sei in den vergangenen zehn Jahren nicht weiter gewachsen. Geltungssucht schlägt intellektuelle Brillanz? So einfach kann man es sich wohl nicht machen, wenn man sich die Zunahme der exzellenten Studienanfänger an den Elitehochschulen insgesamt anschaut. Und doch: Die Folgen von mehr Wettbewerb auf die Verteilung der Studentenströme sind möglicherweise komplexer, als es sich die Hochschulreformer erhofft hatten - und dürften die Zunft der Bildungsforscher in den nächsten Jahren weiter beschäftigen.

Aus DIE ZEIT :: 17.11.2011

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