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Ein Chemiker von der Uni ins Lehramt und zurück


Das Interview führte Birk Grüling

Amitabh Banerji liebt die Chemie und mit ihr die Leidenschaft für Experimente. Damit hat er seinen Weg weg von der Uni hin zum Lehramt gefunden. academics hat mit dem promovierten Chemiedidaktiker über Fachklischees, die Arbeit als Lehrer und seine Fähigkeiten als Bombenbauer gesprochen.

Ein Chemiker von der Uni ins Lehramt und zurück© Nicolas Loran - iStockphoto.comAls Chemiker hat man die Wahl - das Lehramt oder eine Karriere an einer Hochschule
academics: Ein Geständnis vorweg: Ich habe Chemie schon nach der zehnten Klasse abgewählt. Wie oft haben Sie diesen Satz schon gehört?

Amitabh Banerji: Gefühlt hunderttausend Mal. Das ist eigentlich die normale Reaktion, wenn ich erzähle, dass ich Chemiker bin.

academics: Mit welchen Vorurteilen hat man als Chemiker zu kämpfen?

Amitabh Banerji: Zwei Dinge tauchen immer wieder auf: Chemiker können Bomben bauen und ihre eigenen Drogen herstellen. Etwas positiver ist der Respekt vor dem weißen Kittel. Ähnlich wie Mediziner werden wir Chemiker für besonders intelligent gehalten.

academics: Können Sie denn Bomben bauen und Drogen herstellen?

Amitabh Banerji: (lacht) Die Chemie ist natürlich an beiden Dingen maßgeblich beteiligt. Das heißt noch lange nicht, dass jeder Chemiker weiß, wie das funktioniert. Ich könnte Ihnen keine einzige Droge herstellen und auch der Bombenbau wird schwer. Man lernt im Studium nur ein paar Experimente kennen, die richtig knallen. Bestes Beispiel dafür ist der Knallgasversuch aus der Schule, dabei lässt man einen Luftballon gefüllt mit Sauerstoff und Wasserstoff explodieren.

academics: Wie hoch ist der Wahrheitsanteil bei den chemischen Halbgöttern in Weiß?

Amitabh Banerji: Chemie ist ohne Frage ein komplexes und anspruchsvolles Fach. Man braucht ein hohes Abstraktionsvermögen, um sich in der Welt der Chemie zurecht zu finden. Dieser Respekt ist deshalb wenigstens in kleinen Teilen angebracht.

academics: Mit welchen Anekdoten kann man als Chemiker am besten beeindrucken?

Amitabh Banerji: Natürlich könnte man sagen, dass nur im Zusammenspiel der Naturwissenschaften Probleme wie der Klimawandel gelöst werden können. Solche Aussagen sind mir persönlich zu sehr von oben herab. Ich zaubere lieber ein kleines Experiment aus dem Ärmel. Zum Beispiel lässt sich aus Essig und etwas Backpulver ein kleiner Feuerlöscher bauen und aus Öl und Tinte entsteht die eigene Lava-Lampe. Mit solchen kleinen Gimmicks kann man schwer beeindrucken und vielleicht auch etwas Neugier für die Chemie wecken.

academics: Gab es einen bestimmten Moment, in dem Sie gemerkt haben, dass die Chemie ihr Beruf werden muss?

Amitabh Banerji: Nein, ganz im Gegenteil. Nach dem Abitur hatte ich die Lust an der Chemie fast verloren, nicht aus Frust, sondern aus Übersättigung. Ich habe mich in der Schule einfach zu viel mit der Chemie beschäftigt. Seit dem ersten Tag hat mir der Unterricht nämlich Spaß gemacht. (lacht)

academics: Wann kam die Rückbesinnung auf diese Leidenschaft?

Amitabh Banerji: An der Universität habe ich mich tatsächlich für Informatik eingeschrieben. Ich bin aber schnell wieder zur Besinnung gekommen und noch im selben Semester zur Chemie mit Fachrichtung Pharmazie gewechselt. Nach dem Grundstudium kam dann ein weiterer Richtungswechsel hin zum Lehramt. Die Uni verlassen habe ich als Gymnasiallehrer für Chemie und Informatik.

academics: Warum ausgerechnet Lehramt?

Amitabh Banerji: Mir gefiel einfach die Idee des Berufsbilds. Ich konnte mir nicht vorstellen, nur im Labor mein Süppchen zu kochen. Mir ist der menschliche Kontakt sehr wichtig. Gleichzeitig war ich in dieser Zeit mit dem reinen Chemiestudium unglücklich und meine damalige Freundin hat immer vom Lehramt geschwärmt. Mit der Zeit ist die Entscheidung für diesen Weg immer mehr gereift und am Ende war ich Lehrer. Bereut habe ich diese Entscheidung nie. Jemanden für Chemie zu begeistern ist doch eine sinnvolle Aufgabe.

academics: Naja, mein Chemieunterricht war eher abschreckend. Warum wird eigentlich Chemie so unterirdisch unterrichtet? Wenn man ihren Worten glauben schenkt, ist das Fach doch ganz spannend.

Ein Chemiker von der Uni ins Lehramt und zurück Amitabh Banerji im Interview über seinen Weg in die Chemie und seine berufliche Entwicklung
Amitabh Banerji: Ich glaube, dass ihr Gefühl teilweise in der Komplexität des Faches begründet liegt. Damit verbunden ist nämlich auch eine gewisse Schwierigkeit das Fach adäquat zu unterrichten. Chemie macht dann am meisten Spaß, wenn man es sehr strukturiert und stark in den Zusammenhang gesetzt unterrichten kann. Dazu muss man selbst wirklich fit in seinem Fach sein. Ein guter Lehrer ist aus meiner Sicht ein echter Experte mit richtig viel Leidenschaft. Aber auch fehlende Bereitschaft zu Experimenten oder schlechte Ausstattung der Schule kann zu schlechterem Unterricht führen. Es gibt also viele Faktoren, die ein solches Gefühl beeinflussen können.

academics: Hätten Sie genug Leidenschaft für ihre Fächer?

Amitabh Banerji: Für die Chemie ganz bestimmt, bei der Informatik wäre ich mir nicht ganz sicher. Ich würde wahrscheinlich an einer Schule mehr Chemie als Informatik unterrichten wollen. Ich brenne einfach für die Chemie. Das heißt übrigens nicht, dass ich keine Ahnung von Informatik habe. Aber wenn ich die Wahl hätte, würde ich mich wohl eher für einen Chemieleistungskurs als für einen Informatikleistungskurs entscheiden.

academics: Warum sind Sie eigentlich in die Wissenschaft gewechselt?

Amitabh Banerji: Die Entscheidung war keine direkte gegen die Schule. Ich stehe immer noch mit Schülern aus meinem Referendariat in Kontakt und wäre damals auch gerne an der Schule geblieben. Leider konnte man mir dort keinen Platz anbieten. 2002 wurde in Berlin außerdem die Verbeamtung abgeschafft und viele Kollegen mit Zeitverträgen vertröstet. Die Situation für junge Lehrer war damals also nicht gerade attraktiv. Gleichzeitig war eine Promotion immer ein Traum von mir und so habe ich mich trotz eines Angebots aus Hamburg dafür entschieden, in der Chemie-Didaktik zu promovieren. Die Forschung hier in Wuppertal hat mir außerdem auf Anhieb gefallen.

academics: Worüber haben Sie genau promoviert?

Amitabh Banerji: Meine Fragestellung war: Wie kann man konjugierte Polymere am Beispiel der organischen Leuchtdiode im Unterricht behandeln? - Sowohl experimentell als auch theoretisch. Dazu habe ich verschiedene Experimente entwickelt und Arbeitsmaterialien sowie diverse didaktische Konzepte wie eine Unterrichtsreihe konzipiert.

academics: Können Sie mir die konjugierte Polymere und die organischen LEDs in ein paar Sätzen erklären?

Amitabh Banerji: Konjugierte Polymere sind eine neue Materialklasse, welche die Eigenschaften der Kunststoffe (wie geringes Materialgewicht, einfache und kostengünstige Synthese, hohe Materialvielfalt, etc.) mit den optoelektronischen Eigenschaften der Halbmetalle (insbesondere der halbleitenden Eigenschaft) verbindet. Organische LEDs sind LEDs, die anstelle der herkömmlichen Halbleitermaterialien (z.B. Galliumarsenid oder Siliziumcarbid) konjugierte Polymere für die Lichterzeugung verwenden.

Biografie Amitabh Banerji

Dr. Amitabh Banerji ist gebürtiger Inder und wuchs seit seinem vierten Lebensjahr in Deutschland auf. Nach seinem Studium der Chemie und Informatik mit 1. Staatsexamen (Studienrat) an der Freien Universität Berlin absolvierte er das Referendariat am Herder-Gymnasium in Berlin.

Im Juli 2012 wurde Amitabh Banerji im Arbeitskreis von Prof. M. Tausch an der Bergischen Universität Wuppertal zum Dr. rer. nat. promoviert. In seiner Promotion beschäftigte er sich mit konjugierten Polymeren für die curriculare Innovation am Beispiel der OLED. Seit August 2012 ist er mit einer Teilstelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Hr. Prof. Tausch angestellt und fungiert mit einer weiteren Teilstelle an der Junior Uni Wuppertal als Dozent und Fachkoordinator.
academics: Wäre eine Rückkehr an die Schule für Sie denkbar?

Amitabh Banerji: Naja, ich bin inzwischen wissenschaftlich so aktiv und vernetzt, dass mir die Rückkehr schwerfallen würde. Mir macht die Wissenschaft noch einen Hauch mehr Spaß als das Unterrichten. Hier an der Wurzel kann ich angehende Lehrer begeistern und damit vielleicht auch noch mehr Schüler von der Chemie überzeugen, als wenn ich selbst vor der Klasse stehen würde.

academics: Wer ist eigentlich leichter zu unterrichten - Schüler oder Lehramtsstudenten?

Amitabh Banerji: Das kann ich nur teilweise beantworten, immerhin habe ich nicht viele Vergleichsmöglichkeiten. Aber ich würde sagen, dass Studenten einfacher zu unterrichten sind. Die meisten haben Chemie bewusst als Fach gewählt und sind entsprechend motiviert. Gerade wenn das Lösen von sozialen Problemen mehr Zeit in Anspruch nimmt als das Unterrichten, ist die Schule sicherlich der härtere Arbeitsplatz.

academics: Wie viel Entertainer sollte denn in einem Lehrer stecken?

Amitabh Banerji: Entertainer ist das falsche Wort. Vielmehr sollte ein Lehrender immer in der Lage sein, sich in sein Gegenüber hineinzuversetzen. Diese Fähigkeit macht Unterricht lebendig. Wenn man dabei kompetent unterhält, ist das keine schlechte Eigenschaft. Aber selbst Entertainment wird auf Dauer irgendwann langweilig.

academics: Wann haben Sie gemerkt, dass Sie das Zeug zum Unterhalten haben?

Amitabh Banerji: Ich stehe nicht ungern im Mittelpunkt. Das habe ich von meinem Vater, der fühlt sich auch auf der Bühne am wohlsten und ist der Spaßvogel der Familie. Der Spaß daran kam allerdings erst richtig durch einen sehr unbeliebten Studentenjob. Ich habe im Kino immer kurz vor den Vorstellungen Eis verkauft. Um die Ablehnung der Kinobesucher zu umgehen, musste ich aus dem Verkauf eine kleine Show machen.

academics: Sie haben letztes Jahr beim Science Slam in Hamburg mitgemacht und spontan den Slam gewonnen. Wie macht man aus einem komplexen Promotionsthema ein zehnminütiges Programm?

Amitabh Banerji: Natürlich war klar, dass ich nur einen kleinen Teil des Themas vorstellen kann. Außerdem wollte ich unbedingt einen Versuch zeigen, auch um mich von den anderen Teilnehmern abzuheben. Normalerweise brauchte ich allerdings für dieses Experiment gut 20 Minuten. Für meinen Auftritt musste ich es auf fünf Minuten komprimieren, trotzdem bleibt mir dadurch nur wenig Zeit für die Vermittlung von Hintergrundwissen. Diese Aspekte mussten alle berücksichtigt werden.

academics: Wo oft haben Sie den Auftritt vorher geübt?

Amitabh Banerji: Mein Programm habe ich bestimmt zehn bis zwanzig Mal durchgespielt, immer in meinem abgedunkeltem Labor, übrigens auch die Tanzeinlagen.

academics: Wie oft geht das Experiment schief?

Amitabh Banerji: Zum Glück fast nie. Für alle Fälle habe ich auch noch eine vorbereitete Ersatz-OLED dabei. Als Didaktiker ist das übrigens immens wichtig. In der Chemie muss man immer den Fall einkalkulieren, dass ein Experiment nicht funktioniert.

academics: Der Science Slam ist für die Wissenschaft eine gute Möglichkeit Laien einen Einblick in den Elfenbeinturm zu gewähren. Wie wichtig ist aus ihrer Sicht die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Gesellschaft?

Amitabh Banerji: Ich finde es richtig, dass Wissenschaft nach außen kommuniziert wird. Gleichzeitig sollte es auch in der Gesellschaft etablierter sein, sich für Forschung zu interessieren. Auf diesem Weg ist aus meiner Sicht das Aufzeigen des gesellschaftlichen Zusammenhangs von Forschungsergebnissen wichtiger als irgendwelche Formeln. Wofür ist das gut? Wie kann das meinen Alltag verändern? Diese Fragen interessieren die Menschen doch am meisten. Antworten darauf kann es nie genug geben.

academics: Kamen nach ihren Auftritten schon Leute zu Ihnen, die gesagt haben: "Jetzt habe ich Chemie endlich verstanden?"

Amitabh Banerji: Tatsächlich habe ich schon öfter gehört: "Hätte ich so einen Chemielehrer gehabt, hätte mir Chemie auch Spaß gemacht." Die Klischees, über die wir am Anfang gesprochen haben, kann ich anhand der Erfahrung widerlegen und vielleicht steht die Chemie so auch in einem etwas besseren Licht da.


Im Oktober 2012 gewann Amitabh Banerji den Science Slam in Hamburg. Hier noch noch einmal das Gewinner-Video:




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academics :: März 2013

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