Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Ein Leben lang Feministin

Von Anika Kreller

Beate Schücking ist eine von sehr wenigen Frauen an der Spitze einer deutschen Universität. Sie wurde bekannt, als die Uni Leipzig beschloss, Hochschullehrer als »Professorin« zu bezeichnen.

Ein Leben lang Feministin© Universitätsarchiv Leipzig / Michael BaderBeate Schücking, Rektorin der Uni Leipzig, setzt sich für die Gleichstellung von Frauen ein
Beate Schücking sagt, es gebe zwei rote Fäden, die sich durch ihr Leben zögen. In den letzten Wochen hat sich einer davon zu einem Wollknäuel verklumpt. Es fing damit an, dass sich einige Mitglieder des erweiterten Senats der Universität Leipzig an den ausschließlich männlichen Bezeichnungen in der Grundordnung der Uni störten, also suchte man Alternativen. Die Schrägstrichvariante »Professor/innen« war zwar geschlechtergerecht, aber zu umständlich. Also entschied man sich für das sogenannte generische Femininum: Fortan sollte in der Grundordnung der Uni durchgängig von Professorinnen die Rede sein, und eine Fußnote sollte klarstellen, dass damit auch Männer gemeint sind. Von da an wurde es kompliziert.

Im April beschloss der Senat die Änderung, im Mai nickte Beate Schücking als Rektorin sie ab, im Juni bekamen Medien Wind davon. In Zeitungen und auf Webseiten wurde behauptet, in Leipzig müssten Professoren jetzt immer und überall mit »Herr Professorin« angeredet werden. Das stimmt zwar nicht, aber die Geschichte war in der Welt. Journalisten schrieben hämische Kommentare, Leser Hass-Mails.

»Das ist doch ein Symptom dafür, dass es noch sehr viele Männer gibt, die sich nicht stark genug fühlen, so etwas auszuhalten«, sagt Beate Schücking. Sie sitzt in einem schweren Lederstuhl im Rektorenzimmer der Uni Leipzig, gelegen im ehemaligen Königlichen Palais, mitten in der Stadt. Sie ist die erste Frau in diesem Zimmer, auf diesem Posten, 57 Jahre alt, promovierte Medizinerin. Sie könnte wütend sein, bitter zumindest: Die Gleichstellung und Förderung von Frauen ist ihr ein Herzensthema, ein roter Faden ihres Lebens, so sagt sie selbst. Nun ist dieses Thema in Verbindung mit ihr hochgekocht und übergelaufen bis in die internationalen Medien, allerdings in einer verqueren Debatte voller Missverständnisse. Beate Schücking wirkt dennoch gelassen. »Ich kann nur hoffen, dass die Menschen ihren Irrtum irgendwann nachvollziehen«, sagt sie.

Beate Schücking

1956

in Kassel geboren. Sie studierte von 1974 an in Ulm, Paris und New York Medizin.

1981

Schücking promovierte mit einer Arbeit über experimentelle Hämatologie. Von 1982 bis 1985 arbeitete sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Philipps-Universität Marburg. Parallel zu ihrer Lehrtätigkeit studierte sie Philosophie.

Zwischen 1989 und 1995

war sie Professorin für Medizin im Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule München. Von 1995 an Professorin für Gesundheits- und Krankheitslehre und Psychosomatik an der Universität Osnabrück.

Von 1995 bis 2011

war sie Professorin für Gesundheits- und Krankheitslehre und Psychosomatik an der Universität Osnabrück. Von 2009 bis 2011 Studiendekanin der Gesundheitswissenschaften.

Seit 1. März 2011

ist Schücking Rektorin der Universität Leipzig.
Die »Herr-Professorin-Krise« erzählt eine Menge über Beate Schücking. Zwei Tage nach der ersten Meldung gab sie ein Interview, sie erklärte die Entscheidung - und sie stand dazu. Sie sagte, es sei ein symbolischer Akt, der hoffentlich die Debatte über Geschlechtergerechtigkeit an den Unis belebe. »Sie hat sich in der Sache vor mich gestellt«, sagt Josef Käs, Physikprofessor in Leipzig. Er hatte den entscheidenden Vorschlag zum generischen Femininum gemacht, seitdem das bekannt geworden war, erhielten er und seine Familie Droh-Mails. »Dass sie bereit ist, als Chefin anzupacken, hat uns damals auch überzeugt«, sagt Käs, der Mitglied der Findungskommission war, die Beate Schücking als eine von zwei Kandidatinnen für die Wahl zur Rektorin vorgeschlagen hat.

Die Universität Leipzig ist eine große und traditionsreiche Hochschule, sie wurde 1409 gegründet und ist damit die nach Heidelberg älteste deutsche Uni. Heute studieren rund 28.000 Studenten in der sächsischen Metropole. Die Zahl sinkt, demografisch bedingt, seit einigen Jahren. Deshalb muss die Uni wie alle Hochschulen in Sachsen bis 2020 viele Stellen streichen. Als Rektorin der Uni Leipzig steckt Beate Schücking zwischen dem Sparzwang und dem Willen, das Profil der Uni zu schärfen und international sichtbarer zu machen. Sie muss unbequeme Entscheidungen fällen, aber sie erklärt sie, sie argumentiert, wie auch bei der Debatte um die Grundordnung.

Wenn man sie trifft, ist man überrascht, wie ruhig sie spricht, leise fast. Sie trägt einen türkisfarbenen Pullover, die dunklen Locken stehen ungebändigt vom Kopf. Wenn sie geht, hängen die Schultern etwas nach vorn, der Gang wirkt ein wenig unsicher. Wobei das, wie sich herausstellt, an einer gebrochenen Kniescheibe liegt. Vor vier Monaten stürzte sie auf den glatt gebohnerten Treppen des Palais. Statt vier Wochen Reha nahm sie eine Woche Zwangspause, das Bein ruht bei längeren Sitzungen auf einem Falthocker unter dem Tisch. »Sie ist ganz zurückhaltend im Auftreten«, sagt Thomas Vogtherr, der vier Jahre lang mit ihr im Präsidium der Universität Osnabrück saß. »Aber ungemein sicher und stark in der Sache.«

Stark in der Sache muss sie sein, schaut man sich ihre Karriere an: mit 24 Promotion in Ulm, mit 33 Professorin in München, dazwischen ein Philosophiestudium und die Ausbildung zur Psychotherapeutin, Entwicklung zur Expertin für Mutter-Kind-Gesundheit, mit 44 Dekanin der Gesundheitswissenschaften in Osnabrück, mit 49 Vizepräsidentin für Forschung und Nachwuchsförderung, mit 54 Rektorin der Universität Leipzig, gewählt im ersten Wahlgang mit 49 von 70 Stimmen, obwohl ihre Mitbewerberin als klare Favoritin galt. Und nebenbei alleinerziehende Mutter eines Sohnes. Wie hat sie das geschafft?

»Männer sagen auf diese Frage immer gerne: weil ich so gut bin«, sagt Beate Schücking und spannt den Bizeps an. »Frauen sagen meist, ich habe einfach Glück gehabt.« Und sie? »Glück klingt, als hätte es mit meiner eigenen Leistung nichts zu tun. Ich würde schon sagen, ich habe mich durch meine vielseitige Berufserfahrung für so eine herausgehobene Tätigkeit qualifiziert.« Mit Glück hat es tatsächlich wenig zu tun, dass sie jetzt Rektorin ist. »Vor ihrer Kandidatur hat sie sich genau über Leipzig informiert«, erzählt ihr ehemaliger Kollege Thomas Vogtherr. »Sie ist bei den Senatsmitgliedern tingeln gegangen und hat sie einzeln gesprochen. Weil sie so ruhig auftritt, unterschätzt man sie leicht. Aber sie ist eine Strategin.«

Beate Schücking ist auch so weit gekommen, weil Stillstand für sie nie eine Option war, weil sie neue Wege gesucht hat, wenn sie an Grenzen gestoßen ist. Und das ist sie als Frau in der Wissenschaft. Einen prägenden Moment erlebte sie, als sie fertig war mit ihrer Dissertation in der Hämatologie, in der Erforschung von Blutkrankheiten. Ein Gespräch stand an über ihre fachliche Weiterentwicklung. Ihr Doktorvater, der sie bis dahin immer gefördert hatte, ihr Stellen in Paris und New York vermittelt hatte, meinte, das Beste für sie wäre, in der Arbeitsmedizin weiterzumachen. Das sei einer der wenigen Bereiche, in dem man Familie und Beruf vereinen könne. Es war die Zeit, erinnert sich Schücking, in der Kolleginnen gesagt wurde: Sie bekommen die Stelle nur, wenn Sie mir Ihre Gebärmutter in einem Glas auf den Tisch stellen. Nach diesem Gespräch war klar, dass es für Beate Schücking in der Hämatologie nicht weiterging.

Ein Leben lang Feministin
Am Ende war es gut so: Sie kenne nur wenige Frauen, die in diesem Bereich Karriere gemacht hätten, erzählt Beate Schücking. Statt dem Rat ihres Doktorvaters zu folgen, bewarb sie sich an anderen Unis, studierte Philosophie, »um besser denken zu lernen«. Mit dieser Kombination bekam sie schließlich ihre erste Stelle als Professorin an der Fachhochschule München. Und diese half ihr wohl auch bei der Bewerbung in Leipzig, wo sowohl die Medizin als auch die Geisteswissenschaften eine wichtige Rolle spielen.

Beate Schücking war die jüngste Professorin, die erste Vizepräsidentin in Osnabrück, nun die erste Rektorin in Leipzig. Sie führt damit die Tradition der Frauen in ihrer Familie fort, in Männerdomänen vorzustoßen: Die erste Richterin Deutschlands gehört dazu sowie die erste Schlachthof-Direktorin der Welt. »Ich sehe die Pionierin-Rolle als Chance, zu zeigen, dass Frauen Dinge positiv bewegen können«, sagt Schücking. Zwei Dinge seien für die Gleichstellung wichtig: gute Vorbilder zu haben und Barrieren im Kopf abzubauen, um Frauen zu zeigen, was alles möglich ist.

Als Rektorin hat sie unter anderem die Quote der neu berufenen Professorinnen auf 27 Prozent erhöht. Zuvor schon hat sie Doktorandinnen gefördert, eine Handvoll von ihnen sind inzwischen selbst Professorinnen, so wie Claudia Hellmers. »Sie hat mich immer darin unterstützt, zu publizieren, mich zu vernetzen und die nächsten Karriereschritte zu planen und zu gehen«, sagt die Professorin für Hebammenwissenschaft an der Hochschule Osnabrück. Nicht nur die fachliche Unterstützung sei damals hilfreich gewesen, man habe immer auch eine hohe persönliche Wertschätzung gespürt, erzählt Hellmers. »Zu meiner Antrittsvorlesung ist sie hinterher aus dem Publikum aufgestanden, hat noch mal gratuliert und gesagt, dass sie sich besonders freue, dass ich in diese Position gekommen bin.«

Das »spezifisch Menschliche«, sagt Beate Schücking, habe sie immer interessiert. Das sei der zweite rote Faden, der sich durch ihr Leben ziehe, und der Grund, warum sie Ärztin geworden sei. Denn, ja, es geht ihr um die Frauen, aber eben nicht nur. Sie ist überzeugt: Wenn die Gleichstellung in der Gesellschaft funktionieren soll, braucht man neben starken Frauen auch starke Männer, die das aushalten. »Ich bin mein Leben lang eine Feministin gewesen, die sich vom Privatleben bis ins Berufliche darum bemüht hat, Männer in die gleichberechtigte Welt mitzunehmen«, sagt sie. An den Reaktionen auf die »Herr-Professorin-Debatte« merkt man, dass da noch viel zu tun ist.

Vor Kurzem wurde Beate Schücking von einem Journalisten gefragt, ob das Ganze geplant gewesen sei. Natürlich nicht, war ihre Antwort. »Geschlechtergerechte Sprache ist wichtig, man kann sich aber an diesem Schauplatz unendlich verkämpfen«, sagt sie. Für sie zählen konkrete Handlungen. Sie sei schließlich in der Medizin sozialisiert worden. »Da kommt es am Ende nur darauf an, dass der Patient gesund wird.«

Aus DIE ZEIT :: 14.08.2013