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Ein Lob der Vielfalt: Karrierewege zur Professur

von HEIKE SCHMOLL

Jährlich qualifizieren sich tausende Wissenschaftler auf den Wegen der Habilitation oder der Juniorprofessur für eine unbefristete Professur. Die wenigsten von ihnen werden sie auch bekommen. Was muss getan werden, um die Perspektiven für die jungen Wissenschaftler zu verbessern? Eine kommentierende Bestandsaufnahme der Konzepte aus Politik und Wissenschaft.

Ein Lob der Vielfalt: Karrierewege zur Professur© sör alex - photocase.deEine zeitlich unbefristete Professur bleibt für viele ein unerreichbares Ziel
Auch wenn Wissenschaft und Forschung selten so viel Aufmerksamkeit genossen und so viele zusätzliche Finanzierungsquellen erschlossen haben, ist die Lage der promovierten Forscher schlechter denn je. Sie haben weder von der Exzellenzinitiative, die insgesamt 320 neue Professuren geschaffen hat, profitiert noch von anderen Neuerungen und Finanzierungsquellen im Wissenschaftssystem. Seit Jahren reden Politiker und Wissenschaftsorganisationen davon, dass der sogenannte wissenschaftliche Nachwuchs, der in Deutschland bei der Habilitation das zarte Alter von 39 bis 45 Jahren erreicht hat, dringend Perspektiven brauche. Nur jeder dritte Habilitierte gelangt auf eine Professur. Andere hangeln sich nach der Promotion von Halbjahresvertrag zu Halbjahresvertrag und warten auf eine Juniorprofessur. Die meisten von ihnen können hervorragende Evaluationen und wissenschaftliche Veröffentlichungen in den besten Journals vorweisen, doch das verschärft nur die Konkurrenz um die wenigen Professuren. Hinzu kommt, dass Professuren an Universitäten im Vergleich zu Stellenangeboten im Ausland und außerhalb der Universitäten nicht mehr als wirklich attraktiv gelten, die sogenannten Nachwuchswissenschaftler aber auch zu fixiert auf eine Universitätskarriere sind, um sich rechtzeitig Alternativen aufzubauen.

Durchschnittlich kann ein Professor hierzulande kaum mehr als 20 Prozent seiner Arbeitszeit für Forschung und Vorträge einsetzen, während die Lehre, Prüfungen, Betreuung etwa 40 Prozent der Arbeitszeit ausmachen und die übrige Zeit mit Drittmitteleinwerbung, Anträgen, Begutachtung und Verwaltung belegt ist. Schon lange können die außeruniversitären Forschungseinrichtungen mit ungleich besseren Arbeitsbedingungen aufwarten, was die innerdeutsche Spannung zusätzlich verschärft, die durch die finanzielle Schieflage von sinkender Grundfinanzierung an den Universitäten bei gleichzeitig steigenden Studentenzahlen und stabiler Finanzierung der außeruniversitären Forschung entstanden ist.

Es geht um immerhin 158.000 Nachwuchswissenschaftler an Universitäten und Hochschulen. Durch die drei Pakte (Exzellenzinitiative, Hochschulpakt, Pakt für Forschung und Innovation) hat sich die Anzahl der Qualifikationsstellen von 108.000 auf 158.000 erhöht, hinzu kommen etwa tausend Nachwuchsgruppenleiter und 1.500 Juniorprofessoren, dazu 1.700 Habilitanden im Jahr. Die meisten von ihnen streben eine zeitlich unbefristete Professur an, nur sehr wenige werden sie aber auch bekommen. Denn mehr als 600 bis 700 Professuren jährlich sind nicht zu besetzen. Trotz breiter Skepsis vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften hat sich inzwischen die Auffassung durchgesetzt, dass es dringend mehr Tenure-Track-Stellen zur Bewährung für junge Wissenschaftler geben muss. Für die Einführung des "Associate Professor" hatte sich der Bundestag schon in seinem Beschluss vom Juni 2013 ausgesprochen, die Juniorprofessur sollte zugunsten eines "Assistant Professor" aufgegeben werden, so der damalige Beschluss. Dass sich die Lage des in die Jahre gekommenen Nachwuchses bessern muss, ist inzwischen Konsens über alle Parteigrenzen hinweg.

Nun endlich sollen den politischen Ankündigungen auch Taten folgen. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) hat ein Programm für Nachwuchswissenschaftler in Aussicht gestellt, das gemeinsam mit den Ländern finanziert werden soll. Wanka und die CDU-Fraktion bevorzugen die gezielte Förderung von Tenure-Track-Stellen, die SPD-Bundestagsfraktion spricht von einem Pakt für den wissenschaftlichen Nachwuchs und legt den Schwerpunkt stärker auf das Wissenschaftszeitvertragsgesetz als der Koalitionspartner von der Union. Die Unionsfraktion will ein Paket von Wissenschaftszeitvertragsgesetz und Förderprogramm für Tenure-Track-Stellen verabschieden. Spätestens bei der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz wird die Diskussion fortgesetzt.

Das Tenure-Track-Modell

Das Tenure-Track-Verfahren hat die Technische Universität München (TUM) als erste Universität im Jahre 2012 etabliert. Inzwischen wurden 43 unabhängig forschende Assistant Professors berufen, die meisten von ihnen kommen aus dem Ausland, das Durchschnittsalter liegt bei 34 Jahren. Die Assistant Professors bekommen zwei Mentoren, einen Professor aus der eigenen und einen aus einer anderen Fakultät oder gar Universität, sie haben darüberhinaus die Möglichkeit, an der TUM Tenure-Track Academy Weiterbildung etwa in der Personalführung und dem Wissenschaftsmanagement zu belegen. Bestehen die Assistant Professors nach sechs Jahren die Evaluation, erhalten sie als Associate Professors nicht nur einen unbefristeten Vertrag, sondern steigen in der Bezahlung auch garantiert von W2 auf W3, eine in Deutschland einmalige Regelung. Elf von 13 Fakultäten an der TUM machen von dem neuen Karrieremodell Gebrauch, am wenigsten die Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaften, am häufigsten die naturwissenschaftlich-technischen Fächer.

Für einen Ausbau des Tenure-Track hat sich auch die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) eingesetzt, sie plädiert darüberhinaus für eine völlige Planbarkeit wissenschaftlicher Karrieren durch unbefristete Beschäftigungsverhältnisse und will Befristungen grundsätzlich an der Projektdauer ausrichten. Die Universitäten sind von solchen Plänen weniger angetan, weil sie gerade bei Promotionsprojekten flexible Befristungsregelungen bevorzugen.

Zu den starken Fürsprechern eines Tenure-Track-Verfahrens zählt auch der Wissenschaftsrat, der solche Professuren nach der Promotion fest installieren will und für einen schrittweisen Aufwuchs um etwa 7.500 Professuren plädiert. Der Anteil der Tenure-Track-Professuren läge dann bei etwa einem Fünftel. Angesichts seines früheren Plädoyers für sogenannte Lehrprofessuren ohne eigenständige Forschung im Jahr 2007, das bei vielen Wissenschaftsorganisationen, in der Wissenschaft selbst, ja auch im Deutschen Bundestag auf erhebliche Ablehnung stieß, ist darin ein erheblicher Sinneswandel zu erkennen.

Die Hochschulrektorenkonferenz hat zwar 3.000 Bundesprofessuren ohne Kapazitätsanrechnung gefordert, ihre Mitgliedshochschulen jedoch zunächst aufgefordert, Personalentwicklungskonzepte zu erarbeiten und diese von Herbst 2014 an bis zum Frühjahr 2015 an die HRK einzureichen, damit dort ein Überblick über gute Beispiele vorliegt. Außerdem soll jede Hochschule Karrierewege entwickeln, in denen Befristungsregeln und Möglichkeiten für Zusatzqualifikationen berücksichtigt werden.

Das Lehrstuhlsystem abschaffen?

Am weitesten geht der Vorschlag der Jungen Akademie, das Lehrstuhlsystem schrittweise abzuschaffen. Lehrprofessuren lehnt die Junge Akademie ab, Seniorprofessuren erscheinen ihr nur bedingt sinnvoll, auch in einem weiteren Ausbau der ohnehin kaum überschaubaren Zahl der Nachwuchsprogramme sieht sie keine Lösung. Sie hat sich dafür ausgesprochen, einen Großteil der wissenschaftlichen Mitarbeiterstellen kostenneutral in befristete Juniorprofessuren und dauerhafte Professuren umzuwandeln. Vier Mitarbeiterstellen ließen sich zu zwei vollen Professuren und einer Juniorprofessur machen, für Sachmittel stünde dann allerdings kein Geld mehr zur Verfügung, rechnet die Junge Akademie vor. Wenn man fünf Mitarbeiterstellen in zwei Professuren und eine Juniorprofessur umwandelte, wäre auch noch eine Ausstattung von 25.000 Euro im Jahr für die Professuren und 14.000 Euro für die Juniorprofessur möglich. Neu zu besetzende Professuren hätten darüber hinaus nie Mitarbeiterstellen, auslaufende Mitarbeiterstellen würden einfach nicht neu besetzt, sondern nach und nach in Professuren umgewandelt. Die Junge Akademie ist sich dessen bewusst, dass sie mit diesen radikalen Vorschlägen nicht gerade auf offene Türen an den Universitäten trifft. Aber sie ist davon überzeugt, dass sich das Lehrstuhlsystem in Deutschland gerade im internationalen Vergleich zu einem der zentralen Reformhindernisse entwickelt hat. Von der höheren Anzahl an Professuren erhoffen sich die jungen Wissenschaftler nicht nur planbare Karrieren für sich selbst, sondern auch eine größere Dynamik in Forschung und Lehre und eine Stärkung der kleinen Fächer. Denn mehr Professuren erlauben in der Wahrnehmung der Jungen Akademie eine stärkere Spezialisierung.

Bei genauer Betrachtung der jetzt vorliegenden Lösungsmöglichkeiten wäre es fatal, wenn sich eines dieser Karrieremodelle einseitig durchsetzen könnte. So viele Vorteile ein Tenure-Track-Verfahren auch haben mag, es wird nicht für jedes Fach und auch nicht für jede Professur geeignet sein. Deutschland wird hoffentlich nicht wieder den Fehler machen, bei Reformen im Wissenschaftssystem auf Monokulturen zu setzen.

Die Habilitation muss erhalten bleiben, auch wenn sie zumeist auf einer befristeten Mitarbeiterstelle mit mehr oder minder großer Ausbeutung durch den Lehrstuhlinhaber verfasst werden muss. Sie könnte am ehesten gefährdet sein. Nach den jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes ging die Zahl der Habilitationen im Jahre 2013 nach einem Zwischenanstieg gleich um fünf Prozent zurück.

Die bisher bewährten Nachwuchsgruppenleiterstellen haben viele Vorzüge. Allein im Emmy-Noether-Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) qualifizierten sich im Jahre 2014 insgesamt 337 Postdocs. Die Schwierigkeit, dass soeben Promovierte häufig nicht über einen systematischen Überblick über das gesamte Fach verfügen, aber dennoch eigenständige Promotionen betreuen sollen, ist damit noch nicht gelöst.

Im Heisenberg-Programm der DFG, das gewissermaßen die Lücke zwischen Berufbarkeit und Berufung schließen soll, waren es 304 Wissenschaftler. 193 wurden mit einem Heisenberg-Stipendium direkt gefördert, 111 mit einer Heisenberg-Professur. Vor allem die mit einer Heisenberg-Professur Geförderten gelangten meist auch wirklich zu einer Professur und verließen das Programm.

Auch die in naturwissenschaftlichen und technischen Fächern übliche Qualifikation in der Praxis, also eine Berufung aus der Industrie, sollte sie trotz der deutlich ungünstigeren Gegebenheiten an den Universitäten überhaupt gelingen, muss ihr eigenes Recht haben. Selbst wenn die Vielzahl der Karrierewege die Übersichtlichkeit des deutschen Wissenschaftssystems nicht steigert, gehört sie zu seinen großen Vorzügen. Allerdings nur dann, wenn die Fächer sich auch tatsächlich darauf verständigen, welche Qualifizierungswege die für sie günstigsten sind und welche sie zu fördern gedenken. Jede Hochschule und jede Universität wird die für sie geeigneten Personalentwicklungskonzepte finden müssen, ohne dabei zu viele Festlegungen zu treffen. Das Wissenschaftssystem kann nur dann dynamisch bleiben, wenn individuelle Qualifizierungsmöglichkeiten erhalten werden und kreative Köpfe ihre eigenen Wege jenseits der ausgetretenen Pfade gehen können.

Über die Autorin
Heike Schmoll Dr. h.c., ist Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für Schul- und Hochschulpolitik sowie Fragen der wissenschaftlichen Theologie.

Aus Forschung & Lehre :: Mai 2015

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