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Ein Modell mit Zukunft?

VON JOHANNES BALVE

Die Reformen und Probleme der Universität werden in Deutschland vielfältig diskutiert. Manchmal braucht es den Beobachter von außen, der mit dem nötigen Abstand einen Blick auf die die deutsche Universität umtreibenden Themen wirft. Außenansichten zur Exzellenzinitiative, zur vielbeschworenen Internationalisierung, aber auch zum wissenschaftlichen Nachwuchs und zur Finanzierung risikofreudiger Forschung.

Ein Modell mit Zukunft© Ed Sweetman - iStockphoto.comIst die deutsche Hochschule auf die Herausforderungen der Zukunft gut vorbereitet?
Als Hochschullehrer im Ausland verfolge ich aufmerksam die neueren Entwicklungen in der deutschen Hochschullandschaft. Dabei stellt sich mir - vielleicht bedingt durch meine Außenperspektive - die Frage, ob die deutsche Hochschule auf die Herausforderungen der Zukunft gut vorbereitet ist. Ich will mich auf einige Problemfelder beschränken, die zum Teil schon öffentlich diskutiert werden. Die deutsche Exzellenzinitiative wird auch im Ausland zur Kenntnis genommen, vor allem, wenn neue Kooperationen mit deutschen Hochschulen geplant sind. Sind die Exzellenz-Unis als die besseren zu empfehlen? Ich rate Kollegen, das jeweilige Fachgebiet im Hinblick auf die konkreten Vorhaben zu untersuchen. Die Frage, was es dann mit der Exzellenzinitiative auf sich habe, ist damit natürlich nicht beantwortet. Der englische Begriff "excellence" setzt eine Bewertung, in der Praxis einen Vergleich voraus, etwa im Sinne der nationalen oder internationalen Rankings. Ob Rankings das zuverlässig tun, darüber lässt sich trefflich streiten. Aber Rankings haben - natürlich vor allem die internationalen - eine beträchtliche Wirkung.

Staatlich verordnete Exzellenz?

Nun wissen wir schon seit geraumer Zeit, dass deutsche Universitäten weltweit durchaus nicht mehr als "top" gelten, und wir geben uns auch mit weniger attraktiven Rankingplätzen zufrieden. Dass die weltweit angesehene Wirtschaftsmacht Deutschland selbst innerhalb Kontinentaleuropas keine führende Wissenschaftsmacht mehr ist, überrascht vor allem im Ausland. Wie kommt es, dass z. B. Deutschlands kleiner Nachbar, die Schweiz in internationalen Rankings so gut abschneidet? Sieben der insgesamt nur zwölf Universitäten werden nach dem Times Higher Education Ranking (2011) zu den 150 weltweit besten gezählt. Von den etwa 110 deutschen Universitäten schaffen es hingegen nur fünf. Auch die skandinavischen Länder und die Niederlande präsentieren sich in diesem Ranking besser als Deutschland.

Man muss konstatieren, dass die 2004 geplanten deutschen "Leuchttürme" ausgeblieben sind und dass sich trotz Exzellenzinitiative die internationale Wettbewerbsfähigkeit deutscher Universitäten nicht verbessert hat. War das aber nicht schon vorauszusehen? Schließlich ist doch bekannt, dass letztlich nicht vom Staat ausgezeichnete Anträge, sondern der Erfolg in der jeweiligen Wissenschaftsgemeinde darüber entscheidet, was exzellent ist. Was bringt es, mit eher bescheidenen Mitteln einige sowieso schon gut ausgestattete Universitäten und hier dann auch nur einige Forschungsdisziplinen zu fördern? Und wie sieht es nach 2017 aus, wenn die Mittel der Exzellenzinitiative versiegen? Wo hingegen schon seit langem Defizite offensichtlich sind, nämlich in der Lehre, meint man Exzellenz nicht verorten zu müssen, dementsprechend gibt es in diesem Bereich keine gleichwertige Förderung. Die Exzellenzinitiative bietet auch keine Lösung für die Förderung von guten Ansätzen an Universitäten in strukturschwachen Regionen. Das zeigt die Verteilung der exzellenzgeförderten Universitäten in der Bundesrepublik, welche in den strukturschwachen Regionen im Osten und Norden unterrepräsentiert sind. Die Schweiz hat mit ihrem föderalen System vorgemacht, wie Hochschulen in strukturschwächeren Regionen gestärkt werden können. Hier wurde dem Bund eine größere Verantwortung für die Finanzierung der kantonalen Hochschulen übertragen. Wollte man dem Modell in Deutschland folgen, müssten aber die deutschen Bundesländer ähnlich wie die Schweizer Kantone bereit sein, von ihrer Kulturhoheit Abstriche zu machen.

Wissenschaftlicher Nachwuchs

Es ist unstrittig, dass der wissenschaftliche Nachwuchs die unentbehrliche Ressource ist, von dem die Zukunft der Universitäten abhängt. Doch offensichtlich wird die Leistungsfähigkeit des wissenschaftlichen Mittelbaus an deutschen Universitäten immer noch durch den vergleichsweise geringen Freiheitsgrad eingeschränkt. Daran konnte auch die Einführung der Juniorprofessur nichts ändern. Der Nachwuchswissenschaftler, meistens ein wissenschaftlicher Mitarbeiter mit befristetem Arbeitsvertrag, befindet sich in der Regel in einem persönlichen Abhängigkeitsverhältnis zum Lehrstuhlinhaber, der oft auch sein Arbeitgeber ist. Mit administrativen und Lehraufgaben überhäuft, kommt er mit seiner Forschung kaum zum Zuge. Nicht selten wird er von seinem Arbeitgeber als Zulieferer missbraucht, womit die gerade an der deutschen Universität geprägte Formel von der Freiheit der Forschung ad absurdum geführt wird. Die Probleme der im internationalen Vergleich schlechten Doktorandenbetreuung sind allseits bekannt. Ein Kernproblem scheint mir die Sonderstellung des Professors in der deutschen Universitätshierarchie zu sein, das ein scheinbar unumstößliches Faktum ist. Im angelsächsischen Raum hingegen legt schon begrifflich das englische Äquivalent des deutschen "Assistenten" - "Assistant Professor" - nahe, dass sich dort der wissenschaftliche Nachwuchs mit den ordentlichen Professoren auf Augenhöhe befindet. Dementsprechend ist er dort innerhalb seines Aufgabenbereiches weitgehend unabhängig, von der Zielsetzung seiner Forschung bis hin zur Beantragung eigener Forschungsgelder. Selbst in Japan, dieser eher streng hierarchisch organisierten Gesellschaft, gibt es an den Universitäten unter den wissenschaftlichen Angestellten ein hohes Maß an Gleichberechtigung. Nachwuchsforscher können frei ihre Forschungsschwerpunkte setzen und erhalten ihr eigenes Forschungsbudget. Möglicherweise ergibt sich ein Umdenken in Deutschland durch die Erprobung neuer Modelle, wie etwa das des Graduiertenkollegs. Auch die enge Kooperation außeruniversitärer Forschungseinrichtungen mit Universitäten kann dem wissenschaftlichen Nachwuchs Freiräume verschaffen.

Risikofreudige Forschung und ihre Finanzierung

Mit dem genannten Problem hängt ein anderes zusammen. Was heute in der deutschen Forschungslandschaft zu kurz zu kommen scheint, sind risikofreudige Forschungsprojekte, denn vor allem solche können neue Wege weisen. Ein Teilbereich der japanischen Forschungsförderung unterstützt besonders herausfordernde Forschungsprojekte, deren Erfolg zwar nicht garantiert werden kann, die aber, wenn sie erfolgreich sind, neue Forschungsgebiete eröffnen. Zielgruppe ist hier der wissenschaftliche Nachwuchs. Von ihm werden am ehesten Neuerungen abseits von den ausgetretenen Pfaden des Mainstreams erwartet. Voraussetzung ist eine kontinuierliche Finanzierungsgrundlage. Projektmittel sind hierfür nicht geeignet. Deutsche Universitäten sollten sich zusätzliche Finanzierungspotenziale erschließen, die eine nachhaltige, projektunabhängige Grundlage für die Hochschulfinanzierung bieten. Ein noch nicht ausgeschöpftes Potenzial sehe ich in der Verwertung von Forschungsergebnissen durch die Lizensierung von Patenten. An meiner Hochschule, einer eher mittelgroßen Universität, fließen jährlich etwa 16 Millionen Euro aus diesen Quellen in die Universitätskasse. Diese Mittel werden von einer hochprofessionellen Abteilung "intellectual property rights" erwirtschaftet, die im Übrigen auch international aktiv ist. Ich sehe noch einen beträchtlichen Spielraum für ein professionalisiertes, an den deutschen Universitäten selbst angesiedeltes Verwertungsmanagement. Denn eine effiziente Verwertung setzt voraus, dass die Universitätsverwaltungen in diesen wie auch in anderen Bereichen der Mitteleinwerbung allein die Verantwortung tragen.

Internationalisierung

Ein Faktor, der vor allem im Wettbewerb um die klugen Köpfe eine Rolle spielt, ist die Internationalisierung der Hochschulen. Die weltweit besten Universitäten zeichnen sich durch hohe Anteile ausländischer Studenten und Wissenschaftler aus. Erfolgreiche Forschung ist heute grenzüberschreitend, sie überschreitet sowohl die Grenzen der Disziplinen wie die der jeweiligen Länder. An deutschen Universitäten, wo Internationalisierungsrhetorik zum guten Ton gehört, fällt vor allem der geringe Anteil von Ausländern in der Professorenschaft auf. 94 Prozent der Professoren an deutschen Unis haben einen deutschen Pass. Interessant wäre, die Faktoren einmal auszumachen, warum deutsche Professoren unter sich bleiben - ebenso die Debatte über mögliche Maßnahmen, diesen Zustand zu verändern. Denn die Standortvoraussetzungen Deutschlands mitten in Europa sind für die Internationalisierung ideal.

BA: fachlich spezialisiert oder mehr allgemeinbildend?

Die Kritik, die man seit der Umsetzung der Bolognavorgaben für einheitliche europäische Studienabschlüsse hört, richtet sich vor allem gegen die zunehmende Verschulung des Studiums. Der Verlust der akademischen Freiheit in den Bachelorstudiengängen lässt sich u.a. darauf zurückführen, dass Studiengänge auf bestimmte Berufsziele hin maßgeschneidert wurden. Während nach dem englischen Modell und übrigens auch dem japanischen ein Teil des Bachelorstudiums einen allgemeinbildenden Charakter hat, wird in der deutschen Anwendung schon möglichst früh die Spezialisierung angestrebt. Denn die im deutschen Bildungswesen vorherrschende Idee ist, dass auf der Schule/Hochschule gelernt und im Beruf gearbeitet wird. "Learning on the job" ist in Deutschland immer noch ein Fremdwort und bezieht sich nur auf die Phase des Praktikums. Zunehmend wird aber in der internationalen Arbeitswelt vorausgesetzt, dass Akademiker erstens ein akzeptables Bildungsniveau haben und zweitens in der Lage sind, sich in neue Zusammenhänge einzuarbeiten. Die Fachrichtung spielt sogar oft eine untergeordnete Rolle. Vielleicht sollte man einmal darüber nachdenken, ob es nicht sinnvoll wäre, einen allgemeinbildenden Teil ("Freshman") in den Bachelorstudiengang einzubauen und ihn so zu strukturieren, dass er nicht notwendigerweise in eine fachliche Spezialisierung mündet, denn die kann immer noch im Masterstudium angestrebt werden. So ein Modell würde allerdings den Abschied vom Spezialistentum voraussetzen, mithin eine Revision der in Deutschland allgemein geltenden Bildungsvorstellungen bedeuten.

Weiterbildungsbedarf

Die neue Bildungsidee beinhaltet auch, dass akademische Bildung nicht auf ein frühes Lebensalter beschränkt bleibt. Weiterbildung und lebensbegleitendes Lernen sind die neuen Herausforderungen, die auf die deutschen Universitäten spätestens dann zukommen, wenn ab 2025 demographisch bedingt die Studentenzahlen zurückgehen werden. In Korea und Japan, wo jetzt schon dieser Entwicklungsstand erreicht ist, hat dies zur Schließung von Universitäten geführt. Es muss also im Eigeninteresse der Universitäten sein, auf die veränderte demographische Situation mit neuen Angeboten zu reagieren. Dass der Weiterbildungsbedarf in der modernen Arbeitswelt - Stichwort lebenslanges Lernen - steigt, ist nicht von der Hand zu weisen. Zwar gibt es zahlreiche Initiativen, aber tatsächlich spielt Weiterbildung an deutschen Hochschulen noch eine vergleichsweise untergeordnete Rolle. An etlichen finnischen oder US-Universitäten sind schon heute mehr Weiterbildungsteilnehmer eingeschrieben als reguläre Studenten. In Deutschland jedoch wird beharrlich an der Trennung von Lern- und Arbeitswelt festgehalten.

Austausch der Disziplinen

Ein ebenfalls anachronistisches Merkmal, das die deutsche Universität prägt, ist die strikte Trennung der Disziplinen. Wer von diesem System geprägt ist, dem erscheint eine Vermischung der Disziplinen an Universitäten im Ausland - so wie man sie etwa in Japan erlebt - zuweilen abenteuerlich. Abgesehen von den Orientierungsproblemen haben Systeme mit unscharfen Grenzen zwischen den Disziplinen aber den Vorteil, dass sie zum Austausch zwischen den Disziplinen anregen können - mit dem Ergebnis, dass es gelegentlich zu interdisziplinären Forschungsvorhaben kommt. Damit dies funktioniert, bedarf es allerdings eines übergeordneten Zusammenhalts. Man hat auch in Deutschland schon von familienähnlichen Strukturen in japanischen Firmen gehört. Es gibt ihn auch an den Universitäten. Das Gelingen eines gemeinsamen Projektes ist hier den Einzelinteressen übergeordnet. Das mag dem kollektiven Denken in den asiatischen Kulturen geschuldet sein. Übergeordnete Ziele werden aber auch an Hochschulen individualistisch geprägter Kulturen verfolgt. Die Amerikaner drücken diese Ziele sehr emphatisch mit dem Wort "mission" aus. Professoren und Studenten einer Universität, auch die ehemaligen, sind wie Mitglieder eines Clubs. Das hat den Vorteil, dass alle an einem Strang ziehen. In Deutschland wird man sich mit diesen Formen eines Gemeinschaftssinns auseinandersetzen müssen, weil er in der akademischen Welt erfolgreich ist - am sichtbarsten in den interdisziplinären und internationalen Forscherteams. Die in Deutschland viel diskutierte Profilierung erhält eine Universität, wenn sie sich als Ganzes ein übergeordnetes Ziel gibt. Sie funktioniert aber nur, wenn es in einem hohen Maße eine Identifikation aller Mitglieder einer Universität mit diesen übergeordneten Zielen gibt.


Über den Autor
Johannes Balve ist Professor an der School of International Studies, Universität Kanazawa (Japan). Er war Berater am Hochschulinstitut (IMHE) der OECD, Paris. Seine Forschungsschwerpunkte sind Wissenschafts- und Lernkulturen, Plagiat und Authentizität sowie Hochschulsysteme im internationalen Vergleich.

Aus Forschung & Lehre :: Februar 2012

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