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Ein nach vorne offener Prozess: E-Assessments an Hochschulen

Von JÖRG HAFER und FREDERIC MATTHÉ

Elektronisch unterstützte Tests und Prüfungen sind an Hochschulen unterschiedlich weit verbreitet. Universitäten wie Bremen, Berlin oder Duisburg-Essen verfügen über langjährige Erfahrungen, andere Hochschulen machen sich jetzt auf den Weg der Entwicklung und Einführung von E-Assessments.

Ein nach vorne offener Prozess: E-Assessments an Hochschulen© Robert Kneschke - Fotolia.comWas sind die Vor- und Nachteile vom E-Assessment?
Ein erheblicher Teil deutscher Hochschulen befindet sich noch in der ersten Phase der Entwicklung digitaler Prüfungen, die sich treffend als ein "nach vorne offener Prozess" umschreiben lässt. Nach vorne offen bedeutet jedoch nicht, diesen Weg ohne Ziel zu beschreiten: Es geht um die breite Verfügbarmachung elektronischer Prüfungs- und Testszenarien sowie die Nutzung der Vorteile, die mit solchen elektronischen Formaten verbunden sind.

Der Begriff "E-Assessment" fungiert als Oberbegriff für alle Formen computerunterstützter Lernstandsermittlung, sei es mit geringer oder hoher Relevanz für Studienverlauf und Studienerfolg, sei es in kontrollierter oder offener Umgebung. Dazu zählen freiwillige Online-Self Assessments, die der Orientierung bei der Studienwahl dienen sollen, elektronische Tests, die den Zugang zu Studiengängen regulieren, vor allem aber Tests und formative Self Assessments im Rahmen von lehrveranstaltungsbegleitenden Online-Kursen. Aber auch der Einsatz von Audience Response Systemen in Vorlesungen, gänzlich über das Internet durchgeführte mündliche "Online-Prüfungen" und natürlich "E-Klausuren" und "E-Prüfungen" zählen dazu. Mit letzteren sind im engeren Sinn die Szenarien gemeint, bei denen Studierende in einem realen Raum zu einem festen Termin zusammenkommen und ihre Leistungen oder Arbeitsproben in einem elektronischen System zwecks Bewertung eingeben.

So unterschiedlich die Formate und Einsatzszenarien sind, so vielfältig sind die Vorteile, die auf der Hand liegen oder die man sich erhofft. Neben der einfachen Einbindung multimedialer Inhalte, was für die naturwissenschaftlichen und gestaltungsorientierten Fächer, aber auch für die Sprachen eine gewichtige Rolle spielt, sind Qualitätsaspekte hinsichtlich der Prüfungsaufgaben und Auswertungsobjektivität zu nennen. Insbesondere werden aber mit der technisch unterstützten Form Effizienzgewinne verbunden, beispielsweise durch die automatisierte Auswertung oder durch den Aufbau von Fragenpools. Hinzu kommt die Erweiterung didaktischer Gestaltungsspielräume in Form technisch unterstützter Begleitung von Lern- und Entwicklungsprozessen, beispielsweise durch den Einsatz von Tests zur Lernstandsermittlung. Die Entwicklungsperspektiven des E-Assessment deuten sich unter anderem in der selbstgesteuerten Evaluation und Dokumentation von Kompetenzen, in der Generierung personalisierter Lernpfade oder in ausgeklügelten automatisierten Systemen des Peer-Reviews, wie sie heute bereits in MOOCs angewendet werden, an.

Am Anfang eines Entwicklungs- und Verbreitungssprozesses im E-Learning - und von E-Assessment - stehen in der Regel weder Strategiepapiere noch ausgearbeitete Geschäftsprozesse, sondern die Entdecker und Early Adopters unter den Lehrenden sind es, welche die ersten Schritte gehen. Mit dem Einzug der Lernmanagementsysteme (LMS) in die Hochschulen waren erstmals auch die klassischen interaktiven Testformate für die Lehrenden umstandslos in Lehrveranstaltungen einsetzbar. So haben beispielsweise auch Lehrende an der Universität Potsdam begonnen, mit den neuen Möglichkeiten zu experimentieren und sich Anwendungsfelder für ihre Lehre zu erschließen, oftmals dort, wo das "Antwort-Auswahlverfahren", also der "Multiple-Choice" (kurz "MC")-Test, bereits in Papierform praktiziert wurde. Aber nicht nur dort: Eine Lehrende der Universität Potsdam nutzte die Lernplattform für das Schreiben einer Textklausur im PC-Pool mit anschließendem Upload, weil sie während ihrer regelmäßigen Forschungsaufenthalte in Übersee die Klausuren bequem verwalten, korrigieren und benoten konnte. Frühe Nutzer kamen vor allem auch aus dem Sprachenbereich, in dem viele wiederkehrende Inhalte vermittelt werden und "Üben und Kontrollieren" einen Kernprozess des Spracherwerbs darstellt. Sprachen hatten außerdem schon immer einen großen Bedarf am Einsatz vielfältiger Medienformen - "Please, listen and repeat". Aber nicht nur durch die E-Learning-Plattform fand die Digitalisierung Einzug in Testszenarien und Prüfungen, es kamen bald auch Scan-Klausuren in hochfrequentierten Pflichtveranstaltungen in den Wirtschaftswissenschaften hinzu.

Abgesehen davon, dass im Verlauf dieser Entwicklungen die (Un-)Tiefen der teilweise enigmatischen Struktur der Test- und Bewertungsfunktionen des Lernmanagementsystems Moodle offenbar wurden, ist das kursbegleitende E-Assessment zu einem Standardelement geworden und wird in der Praxis vielfach eingesetzt. Die erste Positionsbestimmung in Sachen "E-Assessment" führte an der Universität Potsdam deshalb zur Einschätzung, auf dem richtigen Weg zu sein, da die technischen Möglichkeiten trotz mancher Unbequemlichkeit die Anforderungen gut erfüllten. Vor allem aber wurden die neuen Möglichkeiten weitgehend positiv von Studierenden und Lehrenden aufgenommen. Die Nutzung in Kursen war bekannt, man wusste, was geht und was weniger gut geht.

Vorbereitung von E-Prüfungen

Wo Lehrende die technischen Möglichkeiten für sich entdecken und kreativ in ihren Veranstaltungen nutzen, wo Good Practice-Beispiele entstehen und sich herumsprechen, wächst das Spektrum geplanter Szenarien und deren Umsetzung. Neue Konstellationen von Zuständigkeiten und Ansprechpersonen entstehen: Ist der Service- und Supportbereich der richtige Ansprechpartner für Fragen der Prüfungsorganisation? Müssen Lehrende sich vor Durchführung der Prüfung mit dem Rechenzentrum in Verbindung setzen? Für die Vorbereitung von Prüfungen sind andere Fragen als bisher zu beantworten: Wie ist die Usability der Testumgebung? Ist die verfügbare Hardware tauglich und ausfallsicher? Wie laut sind die Tastaturen, ist der Raum ausreichend klimatisiert? Und schließlich werden gerade bei bewerteten E-Prüfungen und -Klausuren Fragen der rechtlichen Rahmenbedingungen und Absicherung relevant: Wie können Qualitätskontrolle, Einsichtnahme und Archivierung geregelt werden? Was muss in der Prüfungsordnung stehen? Spätestens an diesem Punkt des Weges stehen die Akteure vor der Aufgabe, die breite Implementierung von E-Assessment und die Entwicklung von Standard-Testszenarien systematisch anzugehen.

Infrastruktur

Basis und Engstelle für die Umsetzung von E-Prüfungen ist die technische, vor allem räumliche Infrastruktur. Sie setzt den Rahmen dafür, was an Formen und Szenarien umgesetzt werden kann, und ermöglicht es erst (oder nicht), die Stärken elektronischer Test- und Prüfungsszenarien zu nutzen, insbesondere dort, wo sie zur Massenanwendung kommen sollen. Relativ einfach zu lösen ist die Frage der genutzten Prüfungssoftware, wo die Wahl zwischen der Testfunktion des eigenen LMS und etwaiger Zusatzsoftwares (z.B. Safe Exam Browser) oder spezieller Test-Softwares besteht (z.B. LPLUS, Question Mark, ONYX etc.). Es ist keine schlechte Strategie, die ersten Erfahrungen unter Verwendung der vorhandenen Software zu machen.

Problematischer sind aber in aller Regel die vorhandenen räumlichen Kapazitäten. Der Aufbau eines separaten Testcenters kommt für die meisten Hochschulen finanziell nicht in Frage. Die Durchführung von E-Klausuren und E-Prüfungen in verteilten Räumen, PC-Pools oder im "Schichtsystem" ist hier ein oft eingeschlagener Weg - der unter Umständen aber auch eine Vervielfachung des organisatorischen Aufwands bedeutet. Leihsysteme stellen eine weitere Alternative dar, d.h. ein externer Dienstleister stellt Laptops oder Tablets sowie die Prüfungssoftware und eventuell ein eigenes Funknetz und baut dies z.B. in der Mensa auf. So sympathisch dieses Konzept klingt, lohnt sich auch dieses erst bei vielfachem, langfristigem Einsatz und erfordert eine nicht unerhebliche Einstiegsinvestition.

Viele Hochschulen scheuen aber auch das damit verbundene Abhängigkeitsverhältnis von den Dienstleistern. Der Aufbau einer durchgängig elektronisch unterstützten, klugen Verwaltung von Papierklausuren, die von der Erstellung, über die Identifikation und Zuordnung von (Papier-) Fragebögen, über die Auswertung bis zum Ausstellen der Bescheinigungen reichen kann, ist daher eine weitere echte Option. Inwieweit BYOD-Lösungen (Bring Your Own Device - also das Durchführen der Prüfung mit von den Studierenden mitgebrachten Geräten) zukunftsfähig sind, steht noch zur Prüfung aus. Tragfähige Konzepte zeichnen sich, soweit wir sehen können, für diese Variante noch nicht ab.

Die technischen Rahmenbedingungen spielen insbesondere eine Rolle, wenn es um die Nachvollziehbarkeit der Belegung von Prüfungen, die Archivierung von Prüfungsergebnissen oder die Ausfallsicherheit des Prüfungssystems geht. Die Regeln und mögliche Fallkonstellationen sind zu Beginn eines Implementierungsprozesses leider wenig bekannt bzw. schwer abschätzbar. Die Auffassung, dass der "Systemzustand am Tag der Prüfung" noch über den gesamten Zeitraum der Archivierungspflicht wiederherstellbar sein müsse, dürfte jeden verantwortlichen IT'ler dazu zwingen, von E-Prüfungen abzuraten.

Andere relevante Rechtsfragen wie die Anpassung von Prüfungsordnungen an neue Formen, die Gleichwertigkeit unterschiedlicher Prüfungsformen, die eindeutige Zuordnung von Prüfungsleistungen, Maluspunkt-Regelungen, die Umsetzung der Prüfungsaufsicht inklusive der Verhinderung von Manipulationen sowie die Sicherstellung von Chancengleichheit sind hingegen lösbare Aufgaben, wenn auch immer mit Aufwand verbunden. Ähnliches gilt für das Thema Prüfungsdidaktik. Für die Unterstützung der Lehrenden bei der Entwicklung von Prüfungsformaten und bei der Gestaltung von Aufgaben, die den vielfältigen Formen elektronischer Prüfungen und den damit verfolgten Zielen angemessen sind, müssen Weiterbildungs- und/oder E-Learning-Supporteinheiten an den Hochschulen ansprechbar sein und entsprechende Fortbildungsmöglichkeiten anbieten.

Für die Institution Hochschule ist die Einführung von E-Assessment-Lösungen und die Schaffung der dazu notwendigen Voraussetzungen ein spannendes und auch lohnendes Thema. Durch die Ausschöpfung der mit elektronischen Tests und Prüfungen verbundenen Effizienzpotenziale können Lehrende und Mitarbeiter bei Routineaufgaben wie der Erstellung der Klausuren oder Korrektur entlastet werden. Zu beachten bleibt jedoch immer auch, dass Effizienzgewinne bei der Prüfungsvorbereitung und Korrektur dadurch wieder gemindert werden können, dass Aufwand und Verantwortung an anderen Stellen entstehen bzw. an andere Personen übertragen werden. So wird beispielsweise in vielen Hochschulen die Betreuung und Wartung der PC-Pools "nebenamtlich" geleistet, was sich für den Lehr- und Forschungsbetrieb bewährt haben mag, jedoch bei der regelmäßigen Durchführung von Prüfungen und entsprechenden Absicherung der Funktionsfähigkeit zu großen Problemen führen kann.

Umsetzung

Festzuhalten bleibt, dass die Bereitschaft der Lehrenden zur Umsetzung elektronisch gestützter Prüfungsformate hoch ist, wenn die entsprechende Infrastruktur sowie Beratungs- und Unterstützungsangebote vorhanden sind. Zudem machen die Zunahme summativer Prüfungsformen aufgrund steigender Studierendenzahlen und der Modularisierung von Studiengängen, die Öffnung der Hochschulen für neue Zielgruppen oder die Einführung vorbereitender Studienkollegs neue Assessment-Szenarien erforderlich. Und generell ist eine Zunahme von IT-unterstützter Verwaltung und Lehrorganisation sowie eine steigende Akzeptanz von E-Learning seit Jahren zu verzeichnen. Nicht zuletzt kann der Einsatz von E-Assessment in Lehre und Studium die Außenwirkung einer Hochschule positiv beeinflussen.

Lösungen und Wege sollten daher im Idealfall durch Hochschulleitung, Fakultäten und den zentralen an der Einführung von E-Assessment beteiligten Einrichtungen gemeinsam erarbeitet und entschieden werden. Die möglichen Varianten bewegen sich zwischen zentralen Strategien einschließlich der Bereitstellung der nötigen Investition einerseits und der Durchführung von bedarfsorientierten Pilotprojekten andererseits.

Pilotprojekte bieten die Möglichkeit, Lehrende zunächst beim Einsatz weniger studienverlaufsrelevanter E-Assessment-Formen zu unterstützen, um die Akzeptanz zu prüfen, im Technikumgang zu schulen und Ängste zu nehmen. Gleichzeitig sollte mit jenen, die aus purer Notwendigkeit in zahlenmäßig starken Veranstaltungen Szenarien und Umsetzungsmöglichkeiten rationalisieren müssen, auch über Alternativlösungen zur reinen E-Prüfung (z.B. Scan-Klausuren) nachgedacht und die notwendige Infrastruktur für E-Klausuren parallel dazu entwickelt werden.

Über den Autor
Jörg Hafer, M.A., ist Leiter des Bereichs Lehre & Medien am Zentrum für Qualitätsentwicklung in Lehre und Studium (ZfQ) der Universität Potsdam.
Frederic Matthé M.A., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bereichs Lehre & Medien am Zentrum für Qualitätsentwicklung in Lehre und Studium (ZfQ) der Universität Potsdam.


Aus Forschung & Lehre :: März 2016

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