Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Ein Plädoyer für die Vielfalt

Von Ralph Mocikat

In Wissenschaft und Forschung hat sich die englische Sprache als lingua franca weitgehend durchgesetzt. Insbesondere in den Naturwissenschaften ist Englisch zur alleinigen internationalen Publikations- und Kongresssprache geworden.

Dies soll hier nicht hinterfragt werden. Denn allen Wissenschaftlern ist daran gelegen, dass ihre Beiträge möglichst umgehend von einem weltweiten Fachpublikum zur Kenntnis genommen werden. Die meisten deutschen Verlage haben daher auf die Publikationssprache Englisch umgestellt.

Jedoch macht sich in Deutschland eine Entwicklung bemerkbar, die auf die völlige Preisgabe der Landessprache auch im internen Wissenschaftsbetrieb hinausläuft. In der Biomedizin ist diese Entwicklung besonders weit fortgeschritten.

So finden hier Tagungen mit ausschließlich deutschsprachigen Teilnehmern, interne Seminare und alltägliche Besprechungen meistens nur noch auf Englisch statt. Auch in der universitären Lehre werden immer mehr Veranstaltungen für deutsche Studenten in englischer Sprache angeboten.

Durch die Anglisierung gehen immer mehr fachspezifische Terminologien im Deutschen verloren. Neue Fachbegriffe werden nicht mehr gebildet, und etablierte Begriffe geraten in Vergessenheit. Die Übernahme englischer Fachbegriffe wird oft damit begründet, dass die wesentlichen Entdeckungen aus den USA kämen und dass es keine deutschen Entsprechungen gäbe.

Das ist jedoch ein Vorwand. Denn einerseits ließen sich solche leicht finden, und andererseits werden in der Regel auch jene Sachverhalte, welche in Deutschland ge- oder erfunden werden, unversehens mit englischen Termini belegt.

Offensichtlich findet eine Mystifizierung der englischen Sprache statt, indem in ihr die Fähigkeit zur Wiedergabe von Inhalten vermutet wird, die im Deutschen nicht ausdrückbar seien. Sprache und kreatives Denken Grundsätzlich muss man zwischen der Sprache der Erkenntnisgewinnung und der Sprache der Wissensweitergabe unterscheiden.

In den Naturwissenschaften ist der erste Schritt zur Erkenntnis die averbale Erfahrung. Spätestens wenn diese als Protokollaussage mitgeteilt wird, bedarf sie der sprachlichen Fixierung. Dabei bedient man sich der Mittel der Alltagssprache, neuer Begriffsdefinitionen und Begriffszusammensetzungen.

So entsteht der Begriff "Zelle" in der Biologie durch definitorische Einengung eines umgangssprachlichen vorwissenschaftlichen Begriffs. Kognitive Wissenschaft bleibt jedoch nicht bei der Beschreibung stehen, sondern versucht zu abstrahieren, indem das Beobachtete als Teil einer übergeordneten Gesetzmäßigkeit erklärt wird.

Dies mündet in die Formulierung einer Hypothese, welche die Voraussage noch nicht beobachteter Daten erlaubt. Die Überprüfung solcher Voraussagen geschieht im Experiment. Dieser rekursive Prozess geht einher mit immer schärferer Begriffsbestimmung sowie mit dem Übergang der alltagssprachlich geprägten Beobachtungssprache zur Fachsprache.

Das kreative Denken, das den entscheidenden Schritt zur Auffindung einer Hypothese tut, ist muttersprachlich verwurzelt. Auch wenn Ideen außersprachlich entstehen mögen, wirkt doch die Sprache in das außersprachliche Denken hinein. Stets erfolgt die Präzisierung der Idee durch sprachliche Mittel, und dies geschieht durch schriftliche Formulierung und durch das Nachdenken über muttersprachliche Benennungen.



Denn die Muttersprache hält die Assoziationen, die Metaphorik und die Bilder bereit, die die nötige gedankliche Schärfe erzwingen. Sie ist das präziseste Werkzeug, das dem kreativen Denken zu Gebote steht; sie darf daher keinesfalls aus dem Erkenntnisprozess ausgeblendet werden.

Jede Sprache strukturiert die Wirklichkeit in spezifischer Weise, sie ist ein Spiegel des Weltverständnisses. Dieses so genannte "sprachliche Relativitätsprinzip" wurde in jüngerer Zeit durch zahlreiche empirische Studien belegt.

Die Welt der Erscheinungen ist danach entscheidend "von dem sprachlichen System in unserem Geist" gegliedert und geprägt. "Die Formulierung von Gedanken ..ist beeinflusst von der jeweiligen Grammatik (und) daher für verschiedene Grammatiken "verschieden" (Whorf 1963). Das heißt: Multilingualität und nichtsprachliche Gleichschaltung ist Voraussetzung für intellektuelle Vielfalt und Pluralität der Forschungsansätze.

Wissenschaft hat stets kulturell-historische Bezüge. Es gibt Disziplinen, in denen die Sprache die Art der Fragestellungen beeinflusst. Innerhalb der Medizin sind etwa die Rechtsmedizin oder die Psychiatrie Fächer, die in besonderer Weise historisch geprägt und kulturkreis- und sprachgebunden sind. Dass dies in den naturwissenschaftlichen Grundlagenfächern sich ähnlich verhält, wird oft in Abrede gestellt.

Naturwissenschaftler verstehen Sprache oft nur als einen jederzeit austauschbaren Satz von Zeichen. Die identitätsstiftende Funktion der Sprache hat jedoch auch hier Gültigkeit. Dass jede Sprache ein System ist, das eine spezifische Herangehensweise in der Erkenntnis der Welt widerspiegelt, weiß jeder, der Texte in andere Sprachen übersetzt.

Eine gute Übersetzung kommt einer Neuformulierung gleich, und deswegen stellt man nach der Übersetzung fest, dass sogar die gesamte Argumentationskette verändert ist.

Sprache und Wissensweitergabe Soll neues Wissen einer internationalen Gemeinschaft mitgeteilt werden, ist die englische Sprache selbstverständlich ein geeignetes Medium. Ob indes mit der völligen Aufgabe der deutschen Sprache durch die Verlage das intendierte Ziel erreicht wird, nämlich erhöhte internationale Sichtbarkeit, ist fraglich.

Es wurde nämlich gezeigt, dass aus Europa stammende Arbeiten in den USA auch nach dem Wechsel der Publikationssprache wenig zur Kenntnis genommen und zitiert werden.

Um diesen Verwerfungen zu begegnen, wird die Schaffung einer europäischen Zitationsdatenbank nötig sein. Es sei unterstellt, dass deutsche Autoren das erforderliche englische Fachvokabular beherrschen.

Es handelt sich jedoch um ein sehr eingeschränktes, stereotypes Vokabular, und der Stil der Aufsätze gewährleistet nicht immer gute Lesbarkeit. Die vereinfachten Konstruktionen und das reduzierte Lexikon lassen das, was hier als Medium der Kommunikation benutzt wird, zu einer "Pidgin-Variante" des Englischen verkommen.

Was für die schriftliche Mitteilung in englischer Sprache gesagt wurde, gilt in besonderer Weise für die Wissensweitergabe in Vorträgen. Auch hier bleibt die Darstellung komplexer Sachverhalte in englischer Sprache ungelenk und unpräzise, und die Perzeption bleibt unvollständig.

In einer Untersuchung gaben nur elf Prozent der Studenten an, englische Fachtexte "sehr gut" zu verstehen. Um zu klären, ob diese Verständnisprobleme auf der Ebene von Postgraduierten möglicherweise keine Rolle mehr spielen, verfolgte der Verfasser Seminare, in denen neue Ergebnisse unter etablierten Wissenschaftlern diskutiert wurden.

Das Ergebnis war ernüchternd: Bei englischen Veranstaltungen war die Diskussion signifikant eingeschränkt. Bezogen auf die Zahl der Teilnehmer war die Zahl der Wortmeldungen durchschnittlich um den Faktor 6,3 reduziert. Deutsche Wissenschaftler erliegen oft einer maßlosen Selbstüberschätzung hinsichtlich ihrer Fremdsprachenkompetenz.

Weder in der Diskussion mit Kollegen noch in Lehrveranstaltungen kann ein Wissenschaftler in einer Fremdsprache, auch wenn er sie noch so gut beherrscht, hinsichtlich der Treffsicherheit, der stilistischen Nuancen, der Assoziationen und der Bildhaftigkeit jemals das Niveau von Muttersprachlern erreichen. Besonders deutlich wird dies immer dann, wenn in einer Diskussion tatsächlich einmal englische Muttersprachler anwesend sind.

Erfahrungsgemäß können diese ihren "Muttersprachenvorteil" bestens ausspielen und jede Diskussion argumentativ dominieren: Sprache kann trefflich als Machtinstrument eingesetzt werden.

Wissenschaftssprache und Öffentlichkeit Die Anglomanie in unseren Universitäten und Forschungszentren wird oft mit Rücksichtnahme auf unsere ausländischen Gäste gerechtfertigt. Gastaufenthalte ausländischer Wissenschaftler in unseren Institutionen sind indes nichts Neues. Bis vor wenigen Jahren haben Austauschwissenschaftler vor Antritt ihrer Tätigkeit jedoch ausnahmslos Deutsch gelernt, während sie heute oftmals geradezu hiervon abgehalten werden.

Selbst wenn sie über gute Deutschkenntnisse verfügen, wird ihnen von den deutschen Kollegen oft konsequent die englische Sprache aufgenötigt. Es ist zwingend erforderlich, dass unsere Gäste nicht nur institutionell, sondern auch sozial und kulturell integriert werden, und dazu ist es vor allem nötig, dass sie die Landessprache erlernen.

Nur wenn sie die Sprache und die Kultur des Gastlandes kennen und zu schätzen lernen, können die langfristigen Bindungen aufgebaut werden, die auch nach der Rückkehr in die Herkunftsländer Bestand haben und die in unserem eigenen Interesse liegen sollten. Aufschlussreich ist die Frage, wie die Anglomanie unserer Wissenschaftsinstitutionen auf die Gäste selbst wirkt. Von vielen unter ihnen hört man immer wieder Befremden über die Verleugnung unserer Sprache.

Sie gewinnen den Eindruck, dass die Deutschen ihre eigene Kultur als zweitklassig einstufen und dass sie mit der Preisgabe der eigenen Wissenschaftssprache sich auch aus der inhaltlichen Mitgestaltung der Wissenschaften verabschiedet haben. Das macht den Wissenschaftsstandort Deutschland für Ausländer eher unattraktiv. Die Kopie des angloamerikanischen Systems, die wir unseren Gästen anzudienen gedenken, schärft nicht das eigene Profil.

Wenn es nicht gelingt, die eigenen Traditionen zu pflegen und weiterzuentwickeln, wird Deutschland von der Welt immer weniger wahrgenommen. Wissenschaft ist ein Teil der Gesellschaft. Durch den ausschließlichen Gebrauch eines Idioms, das von einem beträchtlichen Teil der Bevölkerung nicht verstanden wird, koppelt sich die Wissenschaft immer weiter von der Gesellschaft ab, die jene mit Steuergeldern finanziert.

Der Informationsfluss zwischen Fachwissenschaft und Öffentlichkeit ist niemals unidirektional. Die Wissenschaft hat die Pflicht, nicht nur über Ergebnisse zu berichten, sondern auch über die kulturellen und ethischen Folgen ihres Tuns zu reflektieren. Dabei geht es in der Biomedizin um die Kommunikation nicht nur mit der Laienwelt, sondern auch mit potentiellen Anwendern.

Die zukünftigen Anwender von Forschungsergebnissen sind die Ärzte; diese lehnen Untersuchungen zufolge die Anglisierung mehrheitlich ab und fühlen sich von der aktuellen Forschungsfront abgekoppelt.

Wie die Wissenschaftssprache sich stets aus der Alltagssprache speisen muss, so hat die Wissenschaftssprache Rückwirkungen auf die Allgemeinsprache. Die Anglisierung der Wissenschaften wird daher zum Niedergang der deutschen Alltagssprache beitragen.

Gerade dann, wenn eine Sprache nicht mehr sämtliche Bereiche des Daseins und insbesondere nicht mehr die innovativen und zukunftsorientierten Gebiete abzubilden vermag, handelt es sich um eine im Kern bedrohte Sprache.

Vielfalt des Denkens Es geht keinesfalls darum, die Bedeutung der englischen Sprache als lingua franca in Frage zu stellen. Es geht vielmehr darum, mit der Bewahrung einer deutschen Wissenschaftssprache zur Vielfalt des Denkens beizutragen und von dem Ansehen, das deutsche Kultur und Wissenschaft weltweit noch genießen, weiteren Schaden abzuwenden.

Auf Tagungen und in Besprechungen ohne internationale Beteiligung muss es selbstverständlich erlaubt sein, Deutsch zu sprechen. Auch die universitäre Lehre muss grundsätzlich auf Deutsch erfolgen - mit Ausnahmen für Vorträge anglophoner Muttersprachler. Weiterhin ist zu fordern, dass alle Gastwissenschaftler und -studenten, sofern sie nicht nur wenige Wochen oder Monate hier zubringen, Deutsch lernen und darin unterstützt werden.

Man sollte also zu einem Zustand zurückfinden, wie er vor etwa 20 Jahren selbstverständlich war, als Englisch als lingua franca längst anerkannt war und nichtsdestoweniger die deutsche Wissenschaftssprache benutzt und gepflegt wurde.

Die gegenwärtige Abwertung der deutschen sowie anderer Sprachen im Sinne ihres Rückzuges aus ganzen Wissensbereichen wird nicht nur die Einzelsprachen, sondern auch die Wissenschaften inhaltlich beschädigen. Der Gebrauch eines gemeinsamen Verständigungsmediums in der weltweiten Kommunikation kann nicht damit einhergehen, dass Prozesse der Erkenntnisfindung zu Hause mit Hilfe einer Pidgin-Variante des Englischen ablaufen.

Denn auch in den USA kann Wissenschaft nicht in dem vereinfachten Idiom einer schmalen Funktionssprache betrieben werden.

Über den Autor
*Professor Dr. med. Ralph Mocikat lehrt Immunologie an der Ludwig-Maximilians- Universität München. Seine Forschungsarbeiten bewegen sich im Bereich der Grundlagen-Immunologie, Molekularbiologie und experimentellen Onkologie. Er ist Mitverfasser der "Sieben Thesen zur deutschen Sprache in der Wissenschaft", die inzwischen von etwa 100 Persönlichkeiten unterzeichnet wurden www.7thesenwissenschaftssprache.de», sowie Mitbegründer des Vereins "Arbeitskreis Deutsch als Wissenschaftssprache".

Aus Forschung & Lehre 02/07

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote