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Ein Plädoyer für Studiengebühren

Von Wolfram F. Richter und Berthold U. Wigger

Die Einführung von Studiengebühren ist hochschulpolitisch höchst kontrovers. Was die eine Landesregierung einführt, schafft ihre Nachfolgerin wieder ab. Halten Studiengebühren junge Menschen aus einkommensschwächeren Bevölkerungschichten wirklich vom Studium ab? Wie könnten Studiengebühren angemessen berechnet werden? Eine Analyse aus finanzwissenschaftlicher Sicht.*

Ein Plädoyer für Studiengebühren© coresince84 - Photocase.comWie können sich auch Studenten aus einkommensschwächeren Familien ein Studium leisten?
Nachdem das Bundesverfassungsgericht im Januar 2005 das drei Jahre zuvor in das Hochschulrahmengesetz aufgenommene allgemeine Studiengebührenverbot für nichtig erklärt hatte, schien das Ende des gebührenfreien Studierens in Deutschland nahe zu sein. Tatsächlich führten die Länder Baden-Württemberg, Bayern, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und das Saarland schon kurze Zeit später Studiengebühren für das Erststudium ein, und es wurde erwartet, dass ihnen auch die anderen Länder über kurz oder lang folgen würden. Diese Erwartung hat sich nicht bestätigt. Nicht nur hat bisher kein weiteres Land Gebühren für ein Erststudium eingeführt. Im Gegenteil: jeweils nach Landtagswahlen haben Hessen und das Saarland die Studiengebühren wieder abgeschafft, Hamburg hat sie deutlich reduziert und auch Nordrhein-Westfalen plant ihre Abschaffung zum Wintersemester 2011/12.

Der weit verbreitete Widerstand gegen Studiengebühren rührt im Wesentlichen daher, dass ihnen eine sozialselektive Wirkung zugeschrieben wird. Besonders Angehörige aus einkommensschwächeren Bevölkerungsschichten, so die häufig geäußerte Befürchtung, werden durch Studiengebühren von einem Studium abgehalten. Wäre diese Befürchtung berechtigt und beeinträchtigten Studiengebühren die soziale Mobilität tatsächlich in nicht zu vernachlässigender Weise, so spräche das ohne Zweifel gegen ihre Einführung. Allerdings entschied die soziale Herkunft in Deutschland auch schon zu den Zeiten, als es noch keine Studiengebühren gab, mehr als in vielen anderen Ländern über den Besuch einer Hochschule. Die sozialpolitisch zentrale Frage kann deshalb nur lauten, ob Studiengebühren die bei der Hochschulbildung ohnehin gegebene soziale Selektion zusätzlich verstärken.

Vergleich mit den Vereinigten Staaten

Für Deutschland ist diese Frage nicht leicht zu beantworten. Erst seit 2007 werden in einigen Bundesländern Studiengebühren erhoben, und die seitherige Entwicklung erlaubt kaum zuverlässige Rückschlüsse. Um die Auswirkungen von Studiengebühren auf die Studienneigung unterschiedlicher sozialer Gruppen abschätzen zu können, muss man daher die Erfahrungen studieren, die außerhalb Deutschlands gemacht wurden. Hier bieten sich die Vereinigten Staaten an. Ähnlich wie in Deutschland lässt sich auch dort eine ausgeprägte soziale Selektion bei den Studierenden beobachten. Im Unterschied zu Deutschland ist für die Vereinigten Staaten aber umfassend empirisch untersucht worden, ob und in welchem Umfang Studiengebühren gerade die Studienneigung der Angehörigen aus einkommensschwächeren Schichten mindern und zur sozialen Selektion beitragen. Frühere amerikanische Studien meinen einen sozial selektierenden Effekt von Studiengebühren nachweisen zu können. Neuere Studien, die mit verfeinerten empirischen Methoden arbeiten, nähren indessen Zweifel.

Es scheinen weniger die Studiengebühren selbst zu sein, die die Angehörigen aus einkommensschwächeren Schichten am Studieren hindern. Verantwortlich sind eher längerfristig wirkende Einflussgrößen. Kinder aus einkommensschwachen und damit meist auch bildungsfernen Elternhäusern bekommen oft bereits während der Kindheit nicht jene kognitiven und nichtkognitiven Fähigkeiten vermittelt, die ihnen einen späteren Bildungserfolg erleichtern oder überhaupt erst ermöglichen. An diesem Sachverhalt kann ein gebührenfreier Hochschulzugang nichts ändern. Auch bei Verzicht auf Gebühren werden nicht jene Personen studieren, denen aufgrund ungünstiger längerfristiger Einflüsse die entsprechenden Voraussetzungen fehlen.

Insoweit Studiengebühren tatsächlich ein finanzielles Problem in der Phase des Studierens darstellen, sollten öffentlich bereitgestellte Darlehen Abhilfe leisten können. Tatsächlich haben die Studierenden in all den Bundesländern, in denen bislang Studiengebühren eingeführt wurden, die Möglichkeit, ein Darlehen zur Finanzierung der Gebühren bei der jeweiligen Landesbank oder bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau aufzunehmen. Neben dem Darlehen zur Finanzierung der Studiengebühren können Studierende bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau auch Darlehen aufnehmen, mit denen sie den Lebensunterhalt während des Studiums bestreiten können. Die Darlehensbewilligung erfolgt unabhängig vom Einkommen und Vermögen der Studierenden oder deren Eltern, verlangt keine Sicherheiten, und die Rückzahlung kann bis zu 25 Jahre lang gestreckt werden. Tatsächlich sind die Möglichkeiten, sowohl die Studiengebühren als auch die Lebenshaltungskosten während des Studiums mit öffentlichen Darlehen zu finanzieren, ohne dabei allzu große individuelle Risiken in Kauf zu nehmen, in Deutschland mittlerweile gut ausgebaut und deutlich besser als in anderen Ländern wie beispielsweise den Vereinigten Staaten. Mit öffentlichen Darlehen lässt sich in Deutschland ein Studium vollständig finanzieren, und zwar einschließlich der dieser Phase zuzurechnenden Lebenshaltungskosten.

Partizipation des Staates

Stellen Studiengebühren demnach keine soziale Mobilitätsbarriere dar, so bleibt die Frage, in welchem Umfang die Studierenden an den Kosten ihres Studiums beteiligt werden sollten. Bedenkt man, dass die Hochschulbildung insbesondere den Studierenden selbst zugute kommt und dass ein Studium sie in die Lage versetzt, in Zukunft überdurchschnittlich hohe Einkommen zu erzielen, so würde man wohl eine volle Belastung der Studierenden mit den Kosten ihres Studienplatzes für gerechtfertigt halten. Aus dieser Perspektive könnte sich die öffentliche Rolle bei der Finanzierung der Hochschulbildung ganz darauf beschränken, für ein ausreichendes Angebot an Bildungsdarlehen zu sorgen. Die Studierenden könnten dann frei von Finanzierungsproblemen in ihre Hochschulbildung investieren, und sie hätten einen Anreiz, bei der Studienentscheidung neben den Vorteilen des Studiums auch dessen Kosten ins Kalkül zu ziehen.

Diese Schlussfolgerung lässt freilich eines außer Acht: Nicht nur die Studierenden partizipieren an den Erträgen der Hochschulbildung, sondern - wegen höherer Steuereinnahmen - auch der Staat. Tatsächlich ist es der steuerliche Zugriff auf die Erträge der Hochschulbildung, der es geraten erscheinen lässt, den Staat auch an den Studienplatzkosten angemessen zu beteiligen. Andernfalls würden bei einem gebührenfinanzierten Studium die Studierenden zwar die vollen Kosten ihres Studiums tragen, aber an den Erträgen nur anteilig partizipieren. Das Studium würde dann aus steuerlichen Gründen individuell unattraktiver erscheinen als es gesellschaftlich ist.

Die Kosten des Studiums

Um diesen Zusammenhang zu verdeutlichen, empfiehlt es sich, zunächst die Kosten des Studiums detaillierter zu betrachten. Diese lassen sich in direkte und indirekte unterteilen. Die direkten Kosten sind ausgabewirksam. Die Studierenden wenden z.B. Mittel für Bücher auf, und die Hochschulen richten Studienplätze ein. Lehrkräfte müssen besoldet und Hörsäle gebaut werden. Die indirekten Kosten fallen dagegen allein bei den Studierenden an, und zwar durch entgangenes Einkommen. Schließlich kann man nicht gleichzeitig studieren und gegen Lohn arbeiten. Die Unterscheidung zwischen direkten und indirekten Kosten ist wichtig, weil die Einkommensbesteuerung die beiden Kostenarten unterschiedlich beeinflusst. Betrachtet man zunächst die indirekten Kosten, so wird deutlich, dass der Staat daran zwar beteiligt ist, weil ihm aus entgangenem Einkommen auch keine Steuereinnahmen zuwachsen, dass er aber bei einem progressiven Steuertarif an den Bildungserträgen systematisch stärker partizipiert als an den indirekten Bildungskosten. Das Einkommen eines Hochschulabsolventen ist ja im Normalfall höher als das eines Arbeitnehmers ohne Studium.

Wegen der Steuerprogression erhält der Staat daher einen größeren Anteil vom Einkommen nach dem Studium als ihm zuvor vom entgangenen Lohn entgeht. Betrachtet man sodann die direkten Kosten, so wird auch hier deutlich, dass der Staat stärker an den Erträgen als an den Kosten beteiligt ist. Solange die Studierenden die direkten Kosten nicht gegen künftiges Erwerbseinkommen steuerlich verrechnen, sprich als Werbungskosten geltend machen können, tragen sie diese Kosten allein, während der Staat nur an deren Erträgen partizipiert. Es wäre daher nicht gut, wenn der Staat den Studierenden die Studienplatzkosten vollständig in Form von Studiengebühren anlastete. Der oben beschriebene Progressionsnachteil bei den indirekten Kosten rechtfertigt vielmehr eine Bezuschussung der Studienplatzkosten.

Zusätzlich sollte den Studierenden die Möglichkeit eröffnet werden, gezahlte Studiengebühren nach dem Studium als Werbungskosten geltend zu machen. Damit wäre der Staat sowohl an den indirekten als auch an den direkten Kosten des Studiums fair beteiligt. Die Finanzierung des Studiums in Form von Studiengebühren in Kombination mit der Gewährung von steuerlichen Anrechnungsmöglichkeiten nach dem Studium würde zudem positive Anreize auslösen, das während des Studiums gebildete Humankapital im Anschluss an das Studium produktiv zu nutzen. Denn nur wer im Anschluss an das Studium zu versteuerndes Einkommen erwirbt, könnte Aufwendungen des Studiums als Werbungskosten zum Abzug bringen.

Die gegenwärtige Rechtslage setzt freilich der Anerkennung von Studiengebühren als Werbungskosten enge Grenzen. Das Einkommensteuergesetz schließt die Anrechenbarkeit der Kosten für ein Erststudium als Werbungskosten weitgehend aus. Eine stärkere Finanzierung der Hochschulbildung durch Studiengebühren sollte deshalb mit einer Änderung des Einkommensteuerrechts verknüpft werden. Gezahlte Studiengebühren sollten als Werbungskosten umfassend anrechenbar sein.

Die Höhe der Studiengebühren

Wie hoch wären die Studiengebühren, die sich an den skizzierten Überlegungen orientieren? Wenn weiterhin fächerunabhängige Studiengebühren erhoben würden, so müssten diese nach detaillierten Berechnungen an den Universitäten bei rund 1.700 Euro pro Semester liegen und an den Fachhochschulen bei rund 700 Euro. Würden sich die Studiengebühren dagegen an den effektiven Studienplatzkosten des jeweiligen Faches orientieren - aus ökonomischer Sicht die konsequentere Lösung - , so hätten Studierende unterschiedlicher Fächer unterschiedliche Gebühren zu tragen. Die Rechts- und Wirtschaftswissenschaften sind kostengünstige Fächer. Dort würden Studierende lediglich mit rund 370 Euro pro Semester belastet. Humanmedizin ist dagegen das mit Abstand kostenintensivste Fach. Die Studiengebühren müssten dort rund 12.000 Euro pro Semester betragen. Entsprechend hohe Werbungskosten könnten dann allerdings Studierende der Humanmedizin nach dem Studium geltend machen.

Der gebührenpflichtige Hochschulzugang in Kombination mit der steuerlichen Anerkennung der Studiengebühren als vorzutragende Werbungskosten hätte auch im Kontext des deutschen Bildungsföderalismus, in dem die Entscheidung über Studiengebühren allein bei den Länder liegt, spezifische Vorteile. Bei gebührenfreiem Hochschulzugang und freier Studienortwahl der Studierenden werden zwischen den einzelnen Ländern typischerweise strategische Anreize ausgelöst, die eigenen Hochschulausgaben zu reduzieren und die Bereitstellung von Studienplätzen den anderen Ländern zu überlassen. Diese Anreize sind jedoch umso schwächer, je mehr die Studienplatzkosten durch Gebühren gedeckt werden und nicht aus Steuermitteln des jeweiligen Landes finanziert werden müssen. Die Beteiligung der öffentlichen Hand an den Studienplatzkosten in Form eines Vortrags von Studiengebühren als Werbungskosten dürfte vergleichbare negative Anreizeffekte nicht auslösen. Weil sich Bund und Länder das Aufkommen der Einkommensteuer teilen, wären sie gemeinsam an der Finanzierung der Studienkosten beteiligt.

*Der Beitrag basiert auf einem Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium der Finanzen. Dieses trägt den Titel "Beitragspflichtiger Hochschulzugang" und wurde am 18. Oktober 2010 veröffentlicht.


Aus Forschung und Lehre :: November 2010

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