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Ein Regelwerk allein reicht nicht: Das Wissen um die "Gute Wissenschaftliche Praxis in der Promotion" in den Forschungsalltag integrieren

Von HEIKE ZIMMERMANN-TIMM und ALEXANDER M. WEIGAND

Über die bereits bestehenden Maßnahmen der Qualitätssicherung von Promotionsverfahren hinaus plädieren die Autoren dafür, dem wissenschaftlichen Nachwuchs das notwendige Wissen frühzeitig an die Hand zu geben. Ein Vorschlag, wie das gelingen könnte.

Ein Regelwerk allein reicht nicht: Das Wissen um die "Gute Wissenschaftliche Praxis in der Promotion" in den Forschungsalltag integrieren© purplequeue - Fotolia.comMehr Aufklärung für den wissenschaftlichen Nachwuchs könnte das Fehlverhalten reduzieren
Die Promotionsskandale der jüngsten Vergangenheit haben Studierende und Promovierende stark verunsichert. Die Präsenz des Themas in den Medien - vor allem durch die Prominenz der Fälle verursacht - hat der wissenschaftlichen Gemeinschaft geschadet: Gestiegen ist die Sorge, unbeabsichtigt einen Fehler zu begehen, das Misstrauen unter Kollegen wächst, der Zweifel der Gesellschaft an der Zuverlässigkeit wissenschaftlicher Ergebnisse ist fast allgegenwärtig. Auch wenn die Qualitätsdebatte im Promotionswesen eine Dauerbaustelle ist, gewinnt sie doch an Bedeutung. Promotionsabschlüsse nehmen zu, und Mobilität zwischen Nationen, Disziplinen und Sektoren ist an der Tagesordnung. Wissenschaftler stehen heute unter enormem zeitlichen und existenziellen Druck: Sie sollen schnell, effektiv und erfolgreich publizieren - was die Sache nicht gerade leichter macht.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat sich bereits im Jahr 1998 mit dem Thema beschäftigt und die Schrift "Vorschläge zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis" herausgegeben. Daraufhin haben die Universitäten eine Reihe von "Instrumenten" installiert, die aber flächendeckend erst zum Ende der Qualifizierungsarbeit eingesetzt werden. Dazu gehören die Ombudsperson für die Wissenschaft, die Kommission zur Untersuchung des Verdachts wissenschaftlichen Fehlverhaltens, die Richtlinien zur guten wissenschaftlichen Praxis und die Verpflichtung der Verfasser, jeder schriftlichen Studien- und Prüfungsleistung eine formale Erklärung beizulegen, in der bestätigt wird, kein wissenschaftliches Fehlverhalten begangen zu haben.

Möglichkeiten der Prävention

Ein Regelwerk allein reicht nicht: Das Wissen um die "Gute Wissenschaftliche Praxis in der Promotion" in den Forschungsalltag integrieren © Forschung & Lehre Abb. 1: Promovierendenumfrage zum Thema "Gute Wissenschaftliche Praxis in der Promotion": Häufigkeit von Wissenschaftlichem Fehlverhalten
Die Goethe-Universität Frankfurt hat Promovierende in einer Online-Befragung zum Thema "Wissenschaftliches Fehlverhalten" interviewt (Abbildung 1). Ziel der Befragung war die Schaffung geeigneter Präventivmaßnahmen. 337 Nachwuchswissenschaftler (Rücklaufquote 17 Prozent) beteiligten sich an der Umfrage. 14 Prozent von ihnen befanden sich in der Startphase der Promotion, 29 Prozent in der Arbeitsphase und 43 Prozent in der Endphase der Promotion. 14 Prozent hatten die Promotion gerade abgeschlossen. 52 Prozent der Antworten kamen aus den Natur- und Lebenswissenschaften, 48 Prozent aus den Geistes- und Sozialwissenschaften.

Auf einer Werteskala von 1 bis 6 kamen die Befragten zu dem Ergebnis, dass bewusstes und unbewusstes Fehlverhalten in ihrem Umfeld vorhanden (2,98) sei. Genannt wurden in absteigender Häufigkeit:
  • (un)bewusste Datenmanipulation
  • Fehlerhaftes Referenzieren
  • Unzureichende Dokumentation
  • Fehlerhafte Autorenschaften
  • Unkenntnis über Rechte und Pflichten in der Arbeits- und Betreuungssituation
Diese Ergebnisse spiegelten Erkenntnisse wider, die seit 2009 in Workshops beobachtet wurden und die sich auch aus Gesprächen mit Experten für Wissenschaftliches Fehlverhalten an der Universität ergaben.

Damit ist klar, dass ein Regelwerk allein nicht ausreicht und man sich intensiver mit der Etablierung geeigneter Präventivmaßnahmen beschäftigen muss. Workshops, die darauf abzielen, den wissenschaftlichen Nachwuchs darin zu unterrichten, Fehlverhalten in der Wissenschaft zu vermeiden, bewähren sich in der Regel nicht. Das Dilemma liegt in der Tatsache begründet, dass ein Training auf freiwilliger Basis, ähnlich wie bei vielen anderen deutschen Graduierteneinrichtungen, nur von wenigen Promovierenden besucht wird.

Darüber hinaus ist es schon aus finanziellen Gründen kaum möglich, solche Kurse verpflichtend einzuführen. An einer großen Universität, wo jährlich etwa 600 Promovierende mit einem Promotionsprojekt beginnen, wären bei einer Trainingseinheit mit 20 Teilnehmenden und einem Tagessatz von 1.200 Euro für den Trainer allein 36.000 Euro nur für die Schulung von Promovierenden im Bereich "Gute Wissenschaftliche Praxis" aufzuwenden.

Geeignete Maßnahmen

Es braucht daher eine grundlegend neue und finanzierbare Präventivmaßnahme, die flächendeckend, zeit- und ortsunabhängig eingesetzt werden kann und die dazu beiträgt, dass eine Kultur der Redlichkeit und Qualität entsteht (Abbildung 2).

Ein Regelwerk allein reicht nicht: Das Wissen um die "Gute Wissenschaftliche Praxis in der Promotion" in den Forschungsalltag integrieren © Forschung & Lehre Abb. 2: Maßnahmen zur Vermeidung von wissenschaftlichem Fehlverhalten gemäß der Promotionsphasen
Ein internetbasierter Kurs, der informiert, Wissen abfragt und Antworten anbietet, auf weiterführende Literatur verweist, die auch zu einem späteren Zeitpunkt nachgelesen werden kann, scheint das Medium der Wahl zu sein. Das erreichte Zertifikat am Ende des Online-Kurses bietet Sicherheit für Promovierende und Betreuende und schafft zugleich unabhängig von der Herkunft (Land, Disziplin, Sektor) der Promovierenden eine grundlegende Wissensbasis für die weitere Karriere. Fachspezifische Details können schließlich mit den Experten aus den Fachgebieten geklärt werden - eine wichtige Aufgabe, die weiterhin bei den Betreuenden verankert bleiben muß. Aber auch fachbezogene Workshops wie beispielsweise Bildbearbeitung, Statistik oder wissenschaftliches Schreiben können ergänzendes Spezialwissen vermitteln. Wird ein enger Austausch mit den (externen) Dozenten solcher Workshops gepflegt, kann man auch hier noch einmal standortspezifische Besonderheiten platzieren.

Sollte es hier und da zu Unsicherheiten kommen, können Probleme im Rahmen von Gruppencoachings oder in einem persönlichen Gespräch mit den Ombudspersonen vertraulich und kompetent gelöst werden. Die so angeeignete Wissensbasis ermöglicht Promovierenden im Forschungsalltag das zu verinnerlichen, worauf es ankommt: Konzentration auf das eigene Forschungsprojekt und eigenverantwortliches und reflektiertes Handeln. Die formale Erklärung zum Ende jeder Promotion, dass kein Fehlverhalten vorliegt, führt dann noch einmal vor Augen, dass jeder einzelne Forscher diese Verantwortung für sich allein, aber dennoch für seine gesamte Institution und Fachdisziplin trägt.

Sollte es dennoch zu Fehlverhalten kommen, ist die "Kommission zum Umgang mit Wissenschaftlichen Fehlverhalten" gefragt. Die Erfahrungen und Kenntnisse der Kommission bedürfen natürlich der Vertraulichkeit. Dennoch sollten sie - professionell gecoacht - unter Betreuern einer Universität geteilt werden. Die meisten deutschen Universitäten müssen diese Instrumente noch professionalisieren, denn vielerorts ist Betreuercoaching noch kein Standard. Wissenschaftliches Fehlverhalten darf kein Tabuthema sein. Es ist ein systemimmanentes Problem, das nur durch eine Strategie zur Qualitätssicherung vermieden werden kann. Die Komponenten dieser Strategie sind Information, Transparenz, ein begleitender wissenschaftlicher Diskurs, Erfahrungsaustausch - und vor allem eine angemessene Relation von Promovierenden und Betreuenden.


Über die Autoren
PD Dr. Heike Zimmermann-Timm wurde 2009 als Geschäftsführerin der Graduiertenakademie GRADE an die Goethe-Universität in Frankfurt berufen.
Dr. Alexander M. Weigand ist promovierter Evolutionsbiologe und arbeitet als Wissenschaftler an der Ruhr-Universität-Bochum. Er hatte im Jahr 2013 / 2014 eine Projektstelle zum Thema "Gute Wissenschaftliche Praxis in der Promotion" an der Goethe-Universität inne.

Aus Forschung & Lehre :: Mai 2016