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Ein Traum von einer Uni

VON JAN-MARTIN WIARDA

Erst seit wenigen Jahren hat Luxemburg eine Hochschule. Das ehrgeizige Ziel: Sie soll Europas internationalste sein.

Ein Traum von einer Uni© Tuomas Kujansuu - iStockphoto.comAn der ersten Universität Luxemburgs ist ein internationales Studium in kleinen Gruppen und in einem modernen Umfeld möglich
Dass an der Universität Luxemburg die Dinge etwas anders laufen, wusste Ann-Katrin Dax spätestens, als eines Tages ihr Telefon klingelte und ein freundlicher Herr sich ihr als Studiendirektor für das Fach Psychologie vorstellte. Kurz nach dem Abi war das, sie saß zu Hause bei ihren Eltern in der Nähe von Trier. Sie habe sich doch um einen Studienplatz beworben, sagte der Herr, und da wolle man sie gern zu einem Vorstellungsgespräch herbitten. Wann sie denn mal Zeit habe! Studieren mit persönlicher Einladung. Mit 40 Leuten im Semester. Und das in Psychologie. Einem Fach, das in Deutschland mit einem flächendeckenden Numerus clausus belegt ist, der an den meisten Unis zwischen 1,0 und 1,4 schwankt. Da ließ sich Ann-Katrin Dax mit ihrem Zweier-Abi-Schnitt nicht zweimal bitten. Heute, knapp drei Jahre später, ist sie 22, steht kurz vor ihrer Bachelorarbeit, und wenn man sie nach dem Haken an der ganzen Sache fragt, fällt ihr eigentlich nur das Luxemburger Nachtleben ein. Und die hohen Mieten. Aber die wiederum, sagt sie, seien eigentlich auch kein Problem. Sie pendle einfach von Trier aus. Wer mit deutschen Studenten an der erst 2003 gegründeten Universität Luxemburg redet, dem kann ziemlich schnell langweilig werden, denn er hört die immer gleichen Sätze: Da ist die 21-jährige Fem Alina Kaup, die Germanistik studiert und von der familiären Atmosphäre an der Uni schwärmt. Familiäre Atmosphäre. In Germanistik. Da ist die Jurastudentin Mareike Kriening, ebenfalls 21, die sagt, ihre Professoren hätten immer ein offenes Ohr. Sprechstunden brauche man hier nicht. Der 25 Jahre alte Conrad Doberauer wiederum, der einen Master in Literaturgeschichte, Kultur und Sprachgeschichte des deutschsprachigen Raums macht, lobt die gelungene Studienorganisation, die zum Beispiel die Prüfungen nicht in die Semesterferien quetsche. Dass die meisten Leute in Deutschland nicht einmal wissen, dass es in dem kleinen Nachbarland im Westen eine Uni gibt, geschweige denn, dass dort in deutsch, französisch und englisch unterrichtet wird, ist ihnen nur ein Achselzucken wert. So ist das eben mit Geheimtipps.

»Wir freuen uns über die Deutschen«, sagt der Uni-Präsident

Auch sonst dringen ungewöhnliche Töne aus dem Herzogtum herüber: Während Österreich, die Schweiz oder die Niederlande unter dem Massenansturm deutscher Studienanfänger ächzen, verkündet Rolf Tarrach, Präsident der Uni Luxemburg: »Wir freuen uns über die Deutschen. Sie sind ausgezeichnete Studenten, die unser akademisches Leben hier bereichern.« Studiengebühren gebe es natürlich keine, nur eine Einschreibegebühr von 200 Euro pro Semester. Die haben es wohl nötig, könnte man jetzt meinen: Wenn die so um ihre Studenten buhlen, kann es mit der wissenschaftlichen Qualität ja nicht weit her sein. Wie sollte es auch anders sein in einem Land, das bis vor wenigen Jahren noch der Meinung war, keine eigene Universität zu brauchen, und statt dessen alle seine Studienanfänger ins Ausland exportierte. Wer so denkt, hört spätestens damit auf, wenn er Rudi Balling gegenübersitzt. Ein kleiner Mann Ende 50, der aussieht wie Robin Williams mit Vollbart. Balling lächelt viel, und er hat Grund dazu. Es ist drei Jahre her, da haben die Luxemburger auch bei ihm angerufen. Da war er gerade Direktor des 670 Forscher starken Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung in Braunschweig. 140 Millionen Euro, das war die Zahl, die die Luxemburger ihm sagten. So viel wollen sie innerhalb von fünf Jahren hier für die biomedizinische Forschung ausgeben. Mit einem Großteil davon könne er hier ein ganz neues Institut aufbauen, noch mal von vorn anfangen, nach seinen Vorstellungen. »Da konnte ich schlecht Nein sagen«, sagt Balling, der als einer der führenden Genetiker weltweit gilt. Es war die Geburtsstunde des LCBS, des Luxembourg Centre for Systems Biomedicine. Das mit dem »von ganz vorn anfangen« hatten die Luxemburger übrigens wörtlich gemeint. Das erste halbe Jahr war Balling Chef und einziger Mitarbeiter des LCBS zugleich. Nur eine Assistentin hatte er. Nach und nach suchte er sich dann die Leute zusammen, die ihm gefielen. Gestandene Forscher aus Heidelberg, London oder Amsterdam, junge Postdocs aus Harvard oder vom MIT. Eine Mission hatte er sich auch überlegt. Die Erforschung neurodegenerativer Erkrankungen. Genauer: von Parkinson. »Es geht darum, Biologie, Medizin und Informatik zu verbinden«, sagt Balling. Indem man zum Beispiel die Gene, die für Parkinson zuständig sind, am Computer sequenziert und zu verstehen versucht.

30 Kilometer vor der Stadt wächst die »Cité des Sciences«

Nein, schlechte Wissenschaft ist das nicht, was sie hier in Luxemburg betreiben. Und dabei fangen sie gerade erst an. 140 Millionen Euro allein für die Biomedizin, das wäre so, als würde das 160-mal größere Deutschland 20 Milliarden Euro in eine einzige Wissenschaftsdisziplin stecken. Und das ist noch nicht alles: 30 Kilometer außerhalb von Luxemburg-Stadt, auf dem riesigen Gelände eines stillgelegten Industriegebiets, bekommt die Uni, die bislang über die Hauptstadt verteilt ist, einen ganz neuen Campus. Schicke Hörsaalgebäude, weite Boulevards und Forschungszentren zwischen der riesigen backsteinernen Gebläsehalle und den Schloten stillgelegter Hochöfen. Das ist die Vision von der »Cité des Sciences«. Sie kostet Schätzungen zufolge weitere 600 Millionen Euro. Noch allerdings besteht sie hauptsächlich aus ein paar Rohbauten und einem schneeweißen Rechteck. Das ist das LCSB, Balling ist mit seinen Leuten als Erstes umgezogen. Gigantomanie in einem kleinen Land, das nicht weiß, wohin mit seinem Geld? »Nein«, sagt Rolf Tarrach. »Die beste Zukunftsstrategie, die Luxemburg hat.« Natürlich würde der Uni-Präsident das nie so sagen, aber das Bankgeheimnis ist auch nicht mehr das, was es mal war. Und tatsächlich wird sich das Herzogtum angesichts von Finanz- und Euro- Krise mit seinen Banken und den fetten Gehältern Tausender EU-Beamte allein auf Dauer nicht über Wasser halten können. Bildung und Forschung, so haben es die Luxemburger Politiker vorgegeben, sollen es richten. Tarrach hat sich derweil Gedanken gemacht, wie er die Uni Luxemburg am besten verkaufen kann. Einer seiner Lieblingssätze lautet: »Wir sind die europäische Universität.« Seine beste Werbefigur ist er, der 63 Jahre alte Professor für theoretische Physik, selbst: In Spanien geborener Sohn deutscher Eltern, Postdoc in der Schweiz, später Vizepräsident der Uni Barcelona und Präsident der größten spanischen Forschungseinrichtung. Er sitzt in seinem überraschend kleinen Büro, auf dem Regal ein paar Familienfotos, auf dem Tisch ein Stapel Akten. Wo sonst, sagt Tarrach, graues Haar, korrekt sitzender Anzug, und hebt den Zeigefinger, wo sonst gebe es eine Uni, an der drei Sprachen gleichberechtigt nebeneinander gesprochen würden: Deutsch, Französisch, Englisch. Und auch ein bisschen Luxemburgisch natürlich. Und dann die Statistik: 52 Prozent der insgesamt 5700 Studenten stammen aus dem Ausland, genauer: aus 102 Herkunftsländern. Darunter sind gut 450 Deutsche.

Klingt schön. Stimmt ja auch alles. Die Sache hat allerdings einen Schönheitsfehler. Die Luxemburger selbst sind längst nicht so europäisch gesinnt, wie Tarrach sich das wünscht. »Die Ausländeruniversität« nennen sie die Hochschule in den Medien gelegentlich, die einheimischen Studenten bleiben meistens unter sich, und wie selbstverständlich verweigert der Staat der guten Hälfte Nicht-Luxemburger unter den Studenten die großzügige Studienunterstützung. Was in einem Land, in dem ein 30-Quadratmeter-Zimmer 800 Euro Miete kostet, ganz schön weh tut. Vor dem Luxemburger Verwaltungsgericht ist bereits eine Klage von 550 Betroffenen anhängig. So scheint es manchmal fast, als gebe es zwei Luxemburgs. Das mit den Burgtürmen und den mittelalterlichen Wehrmauern, mit alten Zechen, Stahlwerken und misstrauischen Leuten, die »Letzeburgisch« sprechen. Und dann ist da das Luxemburg mit den Bankentürmen und Glaspalästen, wo Menschen aus aller Herren Länder arbeiten, die sich auf Französisch oder Englisch verständigen. In dieses Luxemburg scheint die Uni perfekt hineinzupassen mit ihrem weltoffenen, intellektuellen Präsidenten, dem bunten Studentenmix und den schicken Hörsälen. Und so ist es nur folgerichtig, dass neben dem weltweiten Modethema Biowissenschaften auch die Finanz- und Rechtswissenschaften zu Schwerpunkten der neuen Uni erklärt worden sind. Ann-Katrin Dax hat kürzlich ihr Auslandssemester gemacht. In Berlin, an der Freien Universität. Mal abgesehen davon, dass die Uni-Bürokraten darauf bestanden hätten, dass sie erst mal einen Deutschtest machte, sei es ganz nett gewesen, sagt sie. Vor allem die Stadt natürlich. Die Uni hat sie ein bisschen geschockt: die Enge, die Massenabfertigung. Dass sie für ihre Professoren nur eine Nummer war. Sie war froh, als sie nach Luxemburg zurückdurfte.

Aus DIE ZEIT :: 01.03.2012

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