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Ein Zeichen für Forschungsfreiheit und Kreativität - Warum es an der Zeit ist, in der Förderung neue Wege zu gehen

von WILHELM KRULL und VERA SZÖLLÖSI-BRENIG

Drittmittel sind für die Universitäten und die Wissenschaftler inzwischen zu einem überlebenswichtigen Faktor geworden, und die dafür zahlreich geschriebenen Anträge lassen nicht immer die vielfach beschworene Risikofreudigkeit und Originalität erkennen. Zwei neue Förderinitiativen der VolkswagenStiftung setzen hier einen Gegenakzent.

Ein Zeichen für Forschungsfreiheit und Kreativität - Warum es an der Zeit ist, in der Förderung neue Wege zu gehen© Dino5.0 - photocase.de"Experiment!" und "Originalitätsverdacht?" sind die beiden neuen Förderinitiativen der VolkswagenStiftung
Das Wissenschaftssystem hat sich in den vergangenen Jahren in Deutschland mit großer Dynamik auf fast allen Ebenen verändert - Bologna-Reform, Exzellenzinitiative, Neue Governance der Wissenschaft und Leistungsorientierte Mittelvergabe mögen hier als Stichworte genügen. Gleichzeitig wuchsen die Grundmittel der Hochschulen in den 15 Jahren von 1995 bis 2011 nominal um 42 Prozent - und doch wuchsen sie nicht genug. Der Hochschulsektor ist unterfinanziert.

Fast jeder vierte Euro in einem Hochschuletat kommt heute aus einem eingeworbenen Vorhaben, die Drittmittelquote ist im besagten Zeitraum um 204 Prozent geradezu explodiert. Um den Betrieb überhaupt aufrechterhalten zu können, stehen die Universitäten - und nicht mehr nur wie in früheren Jahrhunderten die Wissenschaftler selbst - in einer ständigen Konkurrenzsituation untereinander. Sie reagieren darauf mit Profilbildungen und Strategieplanungen, die ihr Handeln mittelfristig festlegen. Konsequenterweise werden die personelle und finanzielle Größe eines Vorhabens sowie die Frage, ob ein Vorhaben der Strukturbildung dient, zu zentralen Momenten bei der Entscheidung, welche Forschung seitens der Institution vorangetrieben wird. Dort gilt zumeist das Motto: Big is beautiful!

Die Antragsflut

Diese Kehrseite der derzeitigen Entwicklung - und um die soll es im Folgenden gehen - droht das System Wissenschaft zumindest mittelfristig schwerfälliger und weniger vielfältig werden zu lassen. Einzelne Forscher werden in ihrer Freiheit eingeschränkt, ihre Forschungsfrage selbstständig zu definieren. Auch DFG-Präsident Peter Strohschneider sieht diese Gefahr, wenn er 2013 in einem ZEIT-Interview sagt: "Eigentlich sollten Wissenschaftler eine Forschungsfrage haben und dann schauen, woher sie das Geld bekommen, um die Frage zu beantworten. Es steigt aber die Versuchung, dass im Gegenteil nach den Fördertöpfen geschielt und dann überlegt wird, welche Forschungsidee dazu passt".

Gleichzeitig wird der Aufwand für die Antragstellung immer größer, um immer mehr Anträge für immer größere Volumina zu stellen, was gleichzeitig quasi automatisch die Bewilligungsquoten senkt. So hat eine australische Studie ausgerechnet, dass 2012 jede im Bereich der Medizin forschende Person 38 Arbeitstage im Jahr mit Antragschreiben verbracht hat - alle zusammen stattliche 550 Arbeitsjahre.

Bei einer Bewilligungsquote von 20,5 Prozent wären davon vier Fünftel dieser Zeit de facto verloren und vergeudet. Doch selbst eine solch niedrige Bewilligungsquote kann, mangels Ressourcen und obwohl die Anträge gut begründet sind, oft nicht mehr eingehalten werden. Hier droht eine Art Vertrauenskrise zwischen dem einzelnen und dem System, während gleichzeitig die Förderorganisationen, und das betrifft sowohl die DFG mit ihrem Etat von 2,7 Mrd. Euro pro Jahr wie auch die VolkswagenStiftung mit ihren 190 Mio. Fördermitteln, kaum mehr in der Lage sind, der Antragsflut Herr zu werden. Für immer mehr und immer längere Anträge müssen immer mehr Gutachten - zumeist international - eingeholt werden.

Oft sind fünf, ja acht Personen zu kontaktieren, um ein einzelnes Gutachten zu erhalten. "Das Begutachtungssystem [ist] bis an die Grenzen strapaziert", so Stefan Hornbostel 2014 in einem DLF-Interview. Das Prüf- und Entscheidungsverfahren dauert länger und länger, für einen SFB bei der DFG auch schon mal mehrere Jahre. Welche Wissenschaftlerin oder welcher Wissenschaftler wagt es, in einer solchen Situation tatsächlich risikoaffin eine neue Idee mit ungewissem Ausgang zu entwickeln statt risikoavers "auf die (möglichst) sichere Bank zu setzen"?

Neue Wege

An dieser Stelle setzt die VolkswagenStiftung mit ihren beiden neuen Small-Grants-Förderinitiativen "Experiment!" und "Originalitätsverdacht?" an. Auch Forschungsförderung mit ihren verschiedenen Bausteinen: Ausschreibungskriterien, Förderformate, Begutachtungs- und Entscheidungsprozesse, muss sich neuen Entwicklungen im System und dem Bedarf der Wissenschaft anpassen.

Dabei folgt die Stiftung der Grundüberzeugung, dass sich jedes Förderangebot für die Grundlagenforschung daran messen lassen muss, welche Freiräume es für die kreativsten Forscher eröffnet, um zu grundlegend neuen Erkenntnissen zu gelangen. Auch wenn die Stiftung auf Grund ihres Fördervolumens dem Wissenschaftssystem nicht mehr als einen Impuls geben kann: Als private Stiftung ist es für sie leichter möglich, neue Wege in der Forschungsförderung zu testen. Denn die Idee zu den Small-Grants-Programmen kommt aus dem Ausland, wo die National Science Foundation und der Wellcome Trust, aber auch der spanische Consejo Superior de Investigaciones Cientificas schon mit diesem Förderformat experimentiert haben.

Die Förderinitiative "Experiment!" als Angebot für die Natur-, Ingenieur-, und Lebenswissenschaften wurde 2012 eingerichtet, "Originalitätsverdacht?" - das Fragezeichen steht für die leicht ironische
Selbsthinterfragung - als Angebot für die Geistes- und Kulturwissenschaften 2014. Beides sind
Small-Grants-Programme mit dem Ziel, bei recht geringem Aufwand innerhalb von wenigen Monaten Mittel für die Exploration einer grundlegend neuen, potenziell transformativen Forschungsidee zu bekommen. Expertenrunden, die das Fehlen solcher Freiräume angemahnt hatten, haben die Entwicklung dieser Angebote unterstützt; sie wiesen darauf hin, dass die Anschubfinanzierungen der Hochschulen in erster Linie auf die Drittmittelakquise ausgerichtet sind und nicht auf die Exploration einer radikal neuen Forschungsidee.

Neue Blicke, fremde Perspektiven

Genau dies aber haben die beiden Förderinitiativen der Stiftung im Blick. "It is through originality, in greater or smaller increments, that knowledge advances", stellte der amerikanische Wissenschaftssoziologe Robert K. Merton bereits 1957 fest. Der neue Blick, die fremde Perspektive, die innovative Herangehensweise: alles Umschreibungen, in seiner Forschung nicht nur einfach den logischen nächsten Schritt nach der Formel x plus 1 zu tun. In den Geistes- und Kulturwissenschaften ist es dabei der Begriff der "Originalität", der im Zentrum der Bewertung von Vorhaben steht; dies zeigen Diskussionen in Gutachterkommissionen in schönster Regelmäßigkeit. Für die Natur-, Technik- und Lebenswissenschaften steht hierfür letztlich der Begriff des "Risikos" und impliziert, dass das Gelingen oder Scheitern eines Vorhabens eben gerade nicht über die Qualität der Idee entscheidet.

In beiden Programmen ist das Förderangebot niederschwellig im doppelten Sinne: niederschwellig im Aufwand - der/die Forscherin reicht einen Kurzantrag von insgesamt 4 Seiten ein - und niederschwellig im Ertrag: die Fördersummen betragen zwischen 80.000 und 150.000 EUR für eine Förderdauer von 1 bis 1 ½ Jahren. Und die Entscheidungen sollen jeweils in 4 bis 5 Monaten gefällt werden.

Was bedeuten solche Programmkriterien für die Stiftung als Förderorganisation? 2013, bei der ersten Ausschreibung von "Experiment!", wurden 710 Kurzanträge eingereicht. Bei der zweiten Antragsfrist 2014 waren es nur unbedeutend weniger. Und bei "Originalitätsverdacht" liegen zwar noch keine Erfahrungswerte vor - erster Stichtag ist im Mai 2015 - aber auch hier sind hohe Antragszahlen zu erwarten. 710 Entscheidungen in 5 Monaten zu treffen, das ist, gelinde gesagt, "sportlich".

Klassische Begutachtungsverfahren sind bei dieser hohen Zahl von Kurzanträgen völlig undenkbar. Und vielleicht auch gar nicht notwendig oder gar sinnvoll. Auch Peer Review kann ja kein "objektives" Ergebnis erbringen, da alle Akteure, Antragsteller wie Gutachter, Teil desselben Systems sind. Hinzu kommt im Begutachtungsprozess die Tendenz zur Mainstreambildung: An eingereichte Vorhaben werden disziplinäre Standards angelegt; was "neu", "anders" und "fremd" ist und damit kein de facto gesichertes Ergebnis in Aussicht stellt, bekommt nicht den Stempel "exzellent" und damit "förderfähig".

Unzureichende Vorarbeiten bilden in diesem Zusammenhang schnell ein Totschlagargument. Wie geht nun die Stiftung vor; denn auch sie muss ja in den Small-Grants-Programmen Entscheidungen fällen?

Das Prüfverfahren

Das Prüfverfahren in beiden Förderinitiativen ist zweistufig: In einer hausinternen Vorselektion lesen verantwortliche Programmreferenten alle Kurzanträge durch und versuchen, durch den Vergleich "das Besondere" aus dem "Soliden" und auch dem dezidiert Nicht-Überzeugenden herauszufiltern.

In dieser ersten Stufe findet also keine externe Begutachtung statt, wobei sich die antragstellenden Wissenschaftler sicher sein können, dass sich die Mitarbeiter der Stiftung die Sache nicht einfach machen: Jede und jeder weiß um die Verantwortung und sucht nach bestem Wissen und Gewissen - und Erfahrung spielt hier eine große Rolle - diese Aufgabe zu bewältigen.

Aus den vielen hundert eingegangenen Kurzanträgen wird dann eine hausinterne "Positivliste" gebildet, die in die Begutachtung gegeben wird. Damit hier wirklich nur die Forschungsidee zählt, werden alle Kurzanträge anonymisiert an die Experten verschickt: Vorarbeiten und Leistungsnachweise sollen, dürfen und können ja in diesen auf die Exploration des Neuen ausgerichteten Programmen keine Rolle spielen. Die Jury wiederum, die das jeweilige disziplinäre Spektrum umfasst, ist sorgfältig ausgewählt.

Zum einen geht es um Persönlichkeiten, die selber neugierig sind und deren wissenschaftliche Ausrichtung die Grenzen der eigenen disziplinären Standards nicht nur erfüllt, sondern überschreitet. Zerrbild eines "offenen" Gutachters war einmal ein Experte, der in einer Begutachtungssituation folgendes Statement zum Besten gab: "Ich bin ja immer für neue Ideen - aber von dieser habe ich noch nie gehört!" Zum anderen haben in der Jury fachliche und fachfremde Expertisen gleiches Gewicht.

Bewusst der Neugierde des Einzelnen Rechnung tragend, hat jeder Experte einen "Joker", den er bei der Begutachtung ziehen kann. Konsens und Innovation stehen nun mal in einem echten Spannungsverhältnis. In dieser Runde werden dann diejenigen Projekte bestimmt, die bewilligt werden sollen.

Die Stiftung ist sich bewusst, dass sie mit diesem Prüf- und Entscheidungsverfahren in ihren beiden
Small-Grants-Programmen die derzeitigen Standards in der wissenschaftlichen Begutachtung, vorsichtig formuliert, hinterfragt. Das Verfahren rechtfertigt sich vor allem durch seine Komplementarität zu dem Angebot der anderen Förderorganisationen, als Freiraum für die wissenschaftliche Neugierde jenseits von Strukturplänen. Nicht nur für die Wissenschaftler selbst, sondern auch für die Stiftung als Förderorganisation sind die beiden Programme dabei ein echtes Experiment.

Erst mittelfristig wird sich zeigen, ob tatsächlich jeweils die "richtigen" Projekte ausgewählt wurden. Und erst dann wird sich erweisen, ob dieses Experiment dem ganzen System einen neuen Impuls geben kann. Ohne Frage: Die Stiftung hat keinen "Anspruch" auf Fehlerlosigkeit! Daher ist es für sie zunächst wichtig, über das Verfahren in den beiden Förderinitiativen möglichst offen und transparent zu kommunizieren. Wer sich bei "Experiment!" und "Originalitätsverdacht?" bewirbt, der soll wissen, worauf er oder sie sich einlässt. Vertrauen seitens der Wissenschaft in ihre Arbeit ist für die VolkswagenStiftung zweifellos das allergrößte Kapital.


Über die Autoren
Dr. Wilhelm Krull ist Generalsekretär der VolkswagenStiftung.
Dr. Vera Szöllösi-Brenig ist Programmreferentin bei der VolkswagenStiftung.

Aus Forschung & Lehre :: März 2015