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Eine Angst aus dem Jahr 1979 - Der "Akademikerberg"

von Martin Spiewak

Haben wir zu viele Akademiker? Noch immer nicht!

Eine Angst aus dem Jahr 1979© Nikada - iStockphoto.comTrotz aller Warnungen: Die Zahl der Akademiker in Deutschland ist noch immer nicht zu hoch
Der Republik steht ein »Akademikerberg« ins Haus. Schon heute gibt es mehr Architekturstudenten als Maurerlehrlinge. Wer soll da in Zukunft die Häuser hochziehen, wenn auf dem Bau bald neben einem Handwerker zwei Gelehrte stehen? So warnte die Kultusministerin von Rheinland Pfalz.

Im Jahr 1979. Die Ministerin hieß damals Hanna-Renate Laurien (CDU), und die Studierendenquote lag bei 20 Prozent. Heute studieren weit über 40 Prozent eines Jahrgangs, und nun gibt Julian Nida-Rümelin die Kassandra. Er ist Philosophieprofessor in München und war auch einmal Minister. Allerdings für die SPD und unter Kanzler Schröder. Heute sitzt er der Grundwertekommission der SPD vor. Doch seine Sorge ist dieselbe: Deutschland sei vom »Akademisierungswahn« befallen. Und wie immer, wenn vor zu vielen Studenten gewarnt wird - also ungefähr seit 1850 -, meinen viele, Nida-Rümelin habe recht. So pflichtete ihm Anfang dieser Woche der Deutsche Industrie- und Handelskammertag bei.

Recht hat er aber heute genauso wenig wie einst Hanna-Renate Laurien. Der damals viel beschworene promovierte Taxifahrer gurkte zwar lange durch Politikerreden, war aber nur selten auf unseren Straßen zu sehen. So gut wie alle Hochschulabsolventen finden heute eine Stelle. Von einem »akademischen Proletariat« ist keine Rede mehr: Der Gehaltsvorsprung der Studierten zu Absolventen einer Ausbildung ist stets gewachsen. Natürlich braucht es für knusprige Brötchen keinen Bäcker mit Hochschuldiplom und für Würstchen keinen Bachelor of Meatprocessing.

Es ist aber eine Illusion, zu glauben, man könne freie Lehrstellen besetzen, indem man Studienplätze begrenzte. Die ganze Debatte um die »richtige« Akademikerquote ist von Dünkel und Schematismus geprägt: Da steht die handfeste Ausbildung in Berufsschule und Betrieb; dort die Bildung der Universität fernab der schnöden Berufswelt. Ein absoluter Gegensatz, der schon immer ein Trugbild war - an den Fachhochschulen gibt es ihn nicht, auch die Universitäten waren nie ausschließlich schöngeistige Bildungsstätten. Denn ob Lehrer, Mediziner oder Ingenieure: Studierende streben etwas Konkretes an. Es ist gut, wenn die Fakultäten dem heute durch größere Praxisnähe Rechnung tragen.

Halt machen sollten die Hochschulen dabei nicht. In Zukunft werden neue Ausbildungsformen gefragt sein, welche die Stärken der betrieblichen Lehre mit der akademischen Hochschulbildung verbinden. Diese Studiengänge werden praktisch sein müssen und die Nähe zu zukünftigen Arbeitgebern suchen. Gleichzeitig sollten auch die neuen »Ausbildungsstudierenden« lernen, wie man grundsätzliche Fragen stellt und diese forschend beantwortet. Einen Philosophie-Abschluss sollten diese Neustudenten indessen besser nicht anstreben. Und das nicht nur, damit Julian Nida-Rümelin um die Exklusivität seines Faches keine Angst mehr hat.

Aus DIE ZEIT :: 19.09.2013

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