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Eine Frage der Ehre

VON MARTIN SPIEWAK

Die Hochschulen müssen aus dem Fall zu Guttenberg Lehren ziehen. Zehn Thesen zum richtigen Umgang mit schlechten oder gefälschten Arbeiten.

Eine Frage der Ehre© P_Wei - iStockphoto.comFür das Wissenschaftssystem lassen sich aus dem Fall Guttenberg wichtige Lehren ziehen
Betrug gehört zur Geschichte der Wissenschaft. Ebenso die Schande, wenn die Täuschung auffliegt. »Die Verleihung eines Titels hebt den dadurch Ausgezeichneten bei Weitem nicht in dem Grade, wie ihn die Entziehung herabsetzt.« Das schrieb schon der Staatsrechtler Paul Laband (1838 bis 1918). In welche Tiefen Verteidigungsminister Karl- Theodor zu Guttenberg aufgrund seiner Doktorarbeit noch stürzen wird, lässt sich nicht endgültig absehen. Für das Wissenschaftssystem indes lassen sich aus dem Fall wichtige Lehren ziehen.

1. Karl-Theodor zu Guttenberg beleidigt die Wissenschaft

Unter allen Qualifikationsnachweisen ist die Promotion der wichtigste. Sie belegt die Fähigkeit zum eigenständigen Forschen und öffnet den Weg in die Wissenschaft. Jeder Verdacht, man könne sich diesen Zugang ungestraft erschleichen, setzt die Glaubwürdigkeit der Universität aufs Spiel. Er nährt den antiintellektuellen Argwohn, die Wissenschaft nehme es mit der Wahrheit nicht so genau. »Die Wirkung des Falls in der Öffentlichkeit ist schon jetzt fatal«, sagt der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, Bernhard Kempen. Sie erwecke den »völlig falschen Eindruck, in der Universität herrsche Lug und Trug«. Besonders schwer wiegt der Imageschaden für die Universität Bayreuth. Guttenberg gehört zu den prominentesten Alumni der Hochschule. Mit ihm macht die Universität offensiv Werbung. Im Mai soll er Promotionsstudenten in einer feierlichen Zeremonie ihre Doktorurkunde überreichen. Nun steht die bislang angesehene Rechtsfakultät der Hochschule als Titelmühle da, welche die Bestnote »summa cum laude« nach Prominenz ihrer Doktoranden vergibt. Auch der Ruf von Guttenbergs Doktorvater, Peter Häberle, ist beschädigt. Er ist einer der ganz Großen im deutschen Verfassungsrecht. In der Öffentlichkeit erscheint er nun als eitler und trotteliger Professor, den man leicht hinters Licht führen kann. Mit der Ankündigung, er werde den Titel in Zukunft nicht mehr tragen, verhöhnt Guttenberg die Universität noch einmal. Die Auszeichnung, die ihm einst so wichtig war, gefährdet nun den Fortgang der Karriere. Sie ist überflüssig geworden. Schon macht er öffentlich Witze über akademische Würden. Der Doktorhut wird zur Narrenkappe.

2. Die Bayreuther Universität sollte Guttenberg des Betrugs überführen

Schon um ihre Ehre zu retten und die Wissenschaft von der Unterstellung zu bewahren, ihre eigenen Regeln nicht ernst zu nehmen, muss die Universität Bayreuth Guttenberg mit der Höchststrafe belegen: Aberkennung des Doktortitels wegen bewusster Täuschung. Die Doktorwürde nur wegen nicht eingehaltener Standards zu entziehen, würde zwar das Verfahren beschleunigen, aber ebenso einer Komplizenschaft mit Guttenberg gleichkommen. Denn sie passt perfekt zur Entlastungsstrategie des Verteidigungsministers: Er sei eben ein bisschen durcheinandergekommen. Kann ja passieren bei seinen vielen Verpflichtungen! Doch nicht nur die schiere Menge der aus anderen Werken kopierten Passagen spricht dafür, dass der Verfasser der Doktorarbeit den Ideenklau absichtlich und systematisch betrieben hat. Schwerer noch wiegen die zentralen Stellen, an denen sich der Autor mit den Gedanken anderer Wissenschaftler schmückt: in der Einleitung sowie in jenen Abschnitten seiner Arbeit, in denen er eine Zwischenbilanz zieht. Kein Professor würde eine Dissertation auch nur zu lesen beginnen, die mit einem 20 Zeilen langen Zitat beginnt. Deshalb hat der Doktorand, so der dringende Verdacht, die Herkunft dieser Textstelle bewusst verschleiert.

3. Trotz aller Vorwürfe: Der Doktorand Guttenberg ist eine Ausnahme

Das Ausmaß der Guttenbergschen Verfehlungen überrascht selbst Professoren, die von Amts wegen mit Täuschungen befasst sind. »So einen schwerwiegenden Fall habe ich noch niemals erlebt«, sagt Hans-Heinrich Trute, Rechtsprofessor an der Universität Hamburg und sechs Jahre lang Ombudsmann der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Anders als nun viele vermuten, gehört der Ideenklau im großen Stil keinesfalls zum Verhaltensrepertoire deutscher Wissenschaftler. Statistisch valide Angaben fehlen. Bekannt sind allein die Fälle, in denen eine Doktorwürde aberkannt wird. Nimmt man alle Universitäten zusammen, kommt man hochgerechnet im Jahr auf vielleicht zwei Dutzend Annullierungen. Die Zahl unentdeckter Täuschungen liegt sicher weit höher. Doch selbst wenn die Dunkelziffer zehnmal so hoch wäre, trügen »nur« ein Prozent der Doctores ihre akademische Würde zu Unrecht. Der Medienwissenschaftler Stefan Weber schätzt die Zahl der Plagiatsvergehen bei Abschlussarbeiten auf genau diesen Wert. Die übergroße Mehrzahl der Doktoranden erwirbt ihre Auszeichnung mit Schweiß und Hingabe - ausgestattet meist nur mit einem kargen Stipendium oder neben der Arbeit als Zuträger eines Professors. Auch diese ehrlichen Doktoranden müssen sich von Guttenberg verhöhnt fühlen.

4. Studenten müssen Ehrlichkeit erst lernen

In vielen Fällen bringen Studenten die Unsitte des Abkupferns aus der Schule mit (siehe Artikel nächste Seite). Bei einer Befragung von Studenten der Sozial- und Geisteswissenschaften an der Universität Münster gestanden rund 60 Pro zent, schon einmal aus dem Internet abgeschrieben zu haben, 20 Prozent sogar längere Passagen. Tatsächlich fehlt es zum Studienbeginn an Aufklärung. Eigentlich sollte jedes Erstsemester im Proseminar das saubere Handwerk der Wissenschaft erlernen. Das aber umfasst mehr, als zu wissen, »ob eine Fußnote mit einem Punkt ab zuschließen sei oder nicht«, fordert die Berliner Plagiatsexpertin Debora Weber-Wulff. Worum es beim Zitieren wirklich gehe, würden viele Studenten nicht verstehen, so die Wissenschaftlerin. Im Laufe des Studiums jedoch scheint sich das langsam zu ändern. Denn die Schummelei betrifft vor allem Hausarbeiten. Bei ihren Abschlussarbeiten für das Diplom, den Bachelor oder Master gehen die angehenden Akademiker gewissenhafter vor. Das jedenfalls legen die Erfahrungen von Professoren nahe, die inzwischen mit Anti-Plagiats-Software arbeiten. Als die Hamburger Rechtswissenschaftler vor zwei Jahren begannen, die Examensarbeiten systematisch auf Plagiate zu kontrollieren, vermuteten sie, einem bedeutenden Problem auf der Spur zu sein. Tatsächlich entdeckten sie nur wenige Sünder. »Das gezielte Fälschen ist unter Studenten kein Massenphänomen«, sagt Rechtswissenschaftler Trute.

5. Das Internet erleichtert den geistigen Diebstahl - aber auch die Jagd auf Schummler

Wie alle Diebe hinterlassen auch Plagiatoren Spuren. Diese lassen sich, ähnlich wie Fingerabdrücke am Tatort, entdecken. Moderne Computerprogramme zerhacken die studentische Arbeit in Wortschnipsel und vergleichen diese dann mit Milliarden von Dokumenten aus Spezialdatenbanken und dem Internet auf Ähnlichkeiten. Der weltweite Marktführer, die amerikanische Software Turnitin, prüft täglich rund 150 000 studentische Texte. Am Ende kennzeichnet das Programm verdächtige Passagen farbig und nennt einen Wert von Übereinstimmungen. Das Ganze dauerte nur einige Minuten. Kaum länger benötigt ein erfahrener Nutzer, um die markierten Stellen als tatsächliche Verstöße gegen das Zitiergebot zu identifizieren. Allerdings entdeckt selbst die beste Software nur die einfältigen Diebe, wie die Plagiatsexpertin Weber-Wulff nachgewiesen hat, die dreist aus dem Internet kopieren. Wer paraphrasiert oder übersetzt, kommt oft davon. Auch abgelegene und ältere Fachliteratur bleibt meist unentdeckt. Wenn das Programm keine abgeschriebenen Textstellen findet, garantiert das also noch nicht die Ehrlichkeit eines Autors. Die meisten Plagiatoren - siehe Guttenberg - gehen jedoch genau so dreist vor. Da ihnen die Zeit fehlt, versuchen sie gar nicht erst ihre Spuren zu verwischen. Wer fälschen will, ohne entdeckt zu werden, benötigt dagegen eine gute Kenntnis des Themas und seiner Literatur. Diese Art der Täuschung macht fast so viel Mühe wie korrektes Arbeiten.

6. Abschreckung hilft!

Zunehmend mehr Fakultäten - an den Universitäten Hamburg, Bielefeld, Bochum oder München - nutzen Anti-Schummel-Programme und sind zufrieden. Allein die Pflicht, jede Hausarbeit digital abgeben zu müssen, sowie der Hinweis, man führe »stichprobenartige Plagiatschecks« durch, wie es in den Richtlinien der Münchner Psychologen heißt, hat eine disziplinierende Wirkung. »Wir setzen auf Risikoerhöhung«, sagt Wolfgang Löwer, derzeitiger Ombudsmann der Wissenschaft und Juraprofessor an der Universität Bonn, der ebenso solche Software einsetzt. Zwar warnen Kritiker: Mit systematischen Stichproben auf die Ehrlichkeit fördere die Universität eine Kultur des Argwohns und der Schnüffelei. Der Präsident des Historikerverbandes, Werner Plumpe, etwa sieht »durch automatisierte Kontrollen das Vertrauen zwischen Professor und Studenten« gefährdet. Das muss jedoch nicht sein. Auch Dopingkontrollen im Sport beeinträchtigen nicht das Verhältnis zwischen Trainer und Spielern. Sie mindern nur die Gefahr des Betrugs. Ähnlich ist die Wirkung von Anti-Schummel-Software in der Wissenschaft.

7. Intensive Betreuung beugt Betrug vor

Eine anonyme Lüge fällt leichter als die Unverfrorenheit, jemanden die Unwahrheit ins Gesicht zu sagen. Die Schwelle, in einer Veranstaltung mit 150 Studenten zu betrügen, ist niedriger als die Hürde, in einem kleinen Seminar dem Professor eine getürkte Arbeit anzudrehen. Je besser die Betreuung also, je persönlicher der Kontakt zwischen Dozenten und Studenten, desto geringer die Gefahr des Betrugs. Das gilt erst recht für die Beziehung zwischen Professor und Doktorand. Im Normalfall verbindet beide eine Forschungsbeziehung. Wenn ein Doktorand seine Expedition ins wissenschaftliche Neuland beginnt, muss er im Regelfall über viele Jahre hinweg immer wieder in Sprechstunden und Doktorandenkolloquien Bericht erstatten. Es gehört schon fast kriminelle Energie dazu, in einer solch engen Bindung - die häufig auch ins Private reicht - einen Betrug zu begehen. Die Beteuerungen von Guttenbergs Doktorvater, Peter Häberle, er habe mit dem Politiker im engsten Kontakt gestanden, sind deshalb schwer nachvollziehbar.

8. Wer abkupfert, gehört bestraft - vor allem, wenn er ein Professor ist

Die Universitäten haben in den vergangenen Jahren manches unternommen, um die eigenen Regeln durchzusetzen. Alle Hochschulen verfügen heute über einen Ombudsmann, spezielle Kommissionen gehen wissenschaftlichem Fehlverhalten nach. Deutlich unterentwickelt hingegen ist die Bereitschaft zu harten Strafen - besonders in den oberen Etagen der akademischen Hierarchie. Studenten oder Doktoranden, die sich nachweislich mit fremden Federn schmücken, erhalten in der Regel eine schlechte Note. Ist der Regelverstoß gravierend, kann die Universität sie exmatrikulieren oder - wie in Nordrhein-Westfalen - mit einer Geldbuße belegen. Bei ihren Standesbrüdern zeigen Professoren dagegen deutlich mehr Milde. Vom »Krähensyndrom« spricht der Münchner Rechtsprofessor Volker Rieble. In seinem Buch Das Wissenschaftsplagiat hat er eine Reihe von Fälschungsfällen unter Professoren zusammengetragen, die meist ohne (große) Konsequenzen blieben. Auch Ombudsmann Löwer kritisiert die »mangelnde Sanktionsbereitschaft« gegenüber Kollegen. Dabei sollte es umgekehrt sein: Ein Professor weiß genau, was erlaubt und was verboten ist; er muss Vorbild sein. Bricht er die Standards, gehört er öffentlich bestraft - oder aus der akademischen Gemeinschaft ausgeschlossen.

9. Die Flut der Doktortitel gehört eingedämmt

25 000 Doktortitel vergeben deutsche Universitäten pro Jahr, mehr als die Hochschulen in fast jedem anderen Land. Viele Doktoranden promovieren nicht aus wissenschaftlicher Neugier, sondern aus Eitelkeit oder weil sie gerade nichts anderes zu tun haben. In angelsächsischen Ländern bleibt »Mister Smith« im Alltag derselbe, auch wenn er sich wissenschaftliche Meriten erworben hat. In Deutschland dagegen erscheint der »Dr.« sogar im Pass. Die Universitäten sollten diese Titelschwemme eindämmen und jene promovieren lassen, die es in die Wissenschaft zieht. Das gilt zuallererst für Mediziner, deren Doktorarbeit oft den Namen nicht verdient. Aber auch in anderen Fächern kosten viele Dissertationen allen Beteiligten nur Arbeit und Lebenszeit. Zum wissenschaftlichen Fortschritt tragen sie kaum bei. Schon für den Zugang zur Promotion sollten sich die Kandidaten wie in angelsächsischen Ländern bei der Universität bewerben müssen. Das beugt Mauscheleien vor. Wer nicht an einer Universität arbeitet, sollte nur noch in wenigen Ausnahmefällen promovieren dürfen. Nicht zufällig zeigen sich gerade juristische Fakultäten anfällig für den Forschungsbetrug; hier wird besonders häufig »extern« promoviert. Vor anderthalb Jahren kam heraus, dass Dutzende Promovenden ihre Dissertationen gegen Honorar von Ghostwritern haben schreiben lassen. Auch unter ihnen befand sich keiner, der an eine Universität angebunden war.

10. Im Bundestag haben Titel nichts verloren

Würde die Regel ernst genommen, Doktortitel nur an wissenschaftlich tätige Akademiker zu verleihen, müssten viele Parteien, Anwaltskanzleien und Unternehmen ohne ihre Doktoren auskommen. Doch sie würden es verkraften. Der Wissenschaft würde der Verzicht guttun. Der Bundestag dagegen könnte ein Vorbild in dem Bemühen sein, die deutsche Titelhuberei einzudämmen. In nahezu lächerlicher Weise werden die promovierten Abgeordneten mit ihrem Titel aufgerufen, bevor sie ans Pult treten. Keine Rede wird dadurch besser.

Aus DIE ZEIT :: 24.02.2011

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