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Eine Pille für die Eins

Von Josephina Maier

In der Zeitschrift "Nature" entfachen führende Hirnforscher eine Debatte über Gehirndoping. Sie fordern eine Freigabe der Mittel für alle.

Eine Pille für die Eins: Gehirndoping© Sarah Skiba - iStockphoto.com
Die Adressliste liest sich wie ein Ranking der weltbesten Universitäten: Cambridge, Oxford, Harvard, University of California in Santa Barbara, University of Philadelphia. Sechs der sieben Autoren eines Kommentars in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts Nature zählen zur Weltspitze der Hirnforschung, der siebte im Bund ist der Chefredakteur persönlich, Philip Campbell. Die Prominenz der Verfasser verleiht ihrer brisanten Forderung Nachdruck: Sie wollen die Diskussion über die Freigabe von sogenannten cognitive-enhancing drugs eröffnen, also von Mitteln, die Konzentration, Erinnerungsvermögen oder Wachsamkeit steigern.

Das "Gehirndoping" für Gesunde ist nicht neu. Seit mehreren Jahren ist bekannt, dass in US-amerikanischen Labors und Universitäten immer mehr Wissenschaftler und Studenten ihrer Leistungsfähigkeit mit verschreibungspflichtigen Medikamenten auf die Sprünge helfen. Bisher äußerten sich Forscher in ihren Veröffentlichungen zum Thema Gehirndoping allerdings stets mit einem skeptischen Unterton. Der Nature-Kommentar schlägt einen neuen Ton in der angloamerikanischen Debatte an: Die Frage ist nicht mehr, ob es überhaupt legitim ist, die kognitive Leistung des Menschen künstlich zu verbessern. Vielmehr besteht die Schwierigkeit - zumindest nach Auffassung der Autoren - nur noch darin, die Freigabe der Hirndoping-Medikamente möglichst gerecht und sicher zu gestalten.

In Europa ist die Hemmschwelle traditionell höher als in den USA

In Deutschland, wo die Diskussion über die leistungssteigernden Medikamente verzögert anläuft, löst der prominent platzierte Vorstoß der englischen und US-amerikanischen Kollegen Erstaunen aus. "Ehrlich gesagt, bin ich ziemlich platt", sagt Thomas Metzinger, Professor für Philosophie an der Universität Mainz. Am Interdisziplinären Zentrum für Neurowissenschaften leitet er ein Forschungsprojekt über kognitives Enhancement, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird.

Eines der Ziele ist es, die aktuelle Situation in Deutschland zu analysieren: Wie verbreitet sind Wachmacher und Aufputschmittel an hiesigen Universitäten? Anders als in den USA existieren in Deutschland noch keinerlei Daten darüber, wie viele Studenten und Wissenschaftler sich über Umwege verschreibungspflichtige Medikamente besorgen.

Metzinger ist sich allerdings sicher, dass von Zahlen zwischen 7 und 15 Prozent, so die aktuellen Schätzungen aus den USA, hierzulande noch keine Rede sein kann. "Die Hemmschwelle auf dem europäischen Kontinent ist traditionell größer als in den USA", sagt der Neuroethiker. Das zeige auch die Verbreitung kosmetischchirurgischer Eingriffe - die nach Metzingers Auffassung klare Parallelen zur kognitiven Leistungssteigerung aufweisen. "Sie könnten das auch kosmetische Psychopharmakologie nennen", sagt er. "Beides sind Eingriffe in den Körper eines gesunden Menschen."

Die Autoren des Nature-Kommentars sehen das anders. "Kognitive Verbesserung hat dem Einzelnen und der Gesellschaft viel zu bieten", schreiben sie. "Zu einer angemessenen gesellschaftlichen Reaktion wird es gehören, solche Verbesserungen bei gleichzeitigem Risikomanagement frei zugänglich zu machen."

Was das Risikomanagement betrifft, hat Claus Normann so seine Bedenken. Der Arzt für Psychotherapie und Psychiatrie an der Universitätsklinik Freiburg hat sich die Daten angesehen, die zu den gängigsten cognitive enhancers bekannt sind: Ritalin, das für Menschen mit Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS) entwickelt wurde; Donepezil, ein Alzheimer-Medikament; und Provigil, das an Narkolepsie erkrankte Patienten davon abhalten soll, unvermittelt einzuschlafen. "Kein Mensch weiß bisher, welche Nebenwirkungen die Dauereinnahme dieser Mittel bei Gesunden auslöst", sagt Normann. Der Wirkmechanismus von Provigil etwa sei völlig unklar. Manche Medikamente zur Gedächtnisförderung regten im Gehirn die Neubildung von Nervenzellen an - denkbar, dass die langfristige Einnahme eine tumorfördernde Wirkung habe.

Abgesehen davon, dass es noch keine Langzeitstudien gibt, ist bei den meisten Medikamenten auch noch nicht erwiesen, dass sie wirklich die Leistung verbessern. In manchen Studien schnitten Gesunde unter dem Einfluss von Ritalin besser ab als die Kontrollgruppe, in anderen schlechter.

Zweifellos effektiv ist dagegen der Wachmacher Provigil, den auch Militärpiloten vor Langzeitflügen einnehmen. "Das Medikament wirkt in der niedrigsten Dosierung wie sechs Tassen Espresso", beschreibt Thomas Metzinger den Effekt der Droge. "Ein ehrgeiziger junger Assistent an der Uni kann mithilfe von Provigil viermal im Monat von Freitag auf Samstag durcharbeiten, ohne den fehlenden Schlaf zu spüren. Damit könnte er 32 Arbeitsstunden im Monat dazugewinnen."

Gewinn mit den Medikamenten macht im Moment aber vor allem die Pharmaindustrie. Die Wirkstoffe von Ritalin und Provigil bescheren Firmen wie Cephalon und Novartis Umsätze, die sich längst nicht mehr mit steigenden Krankenzahlen erklären lassen. Weltweit werden im Moment neue Neuro-Enhancer entwickelt, auch unter dem Etikett der Demenzforschung. Dass zwei Autoren des Nature-Kommentars neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit als Berater für Pharmafirmen tätig sind, dürfte ihre Begeisterung für kognitives Enhancement zumindest gefördert haben.

Auch wenn Nebeneffekte und Wir kungsweise von vielen der Enhancement-Medikamente noch nicht richtig erforscht sind: Sie werden trotzdem eingenommen. "Der Trend wird auf jeden Fall zu uns herüberschwappen", sagt Reinhard Merkel, Professor für Rechtsphilosophie an der Uni Hamburg. "Es gibt mit Sicherheit auch hier schon Studenten und Wissenschaftler, die Medikamente zur Leistungssteigerung nehmen." Wie viele andere glaubt er, dass in absehbarer Zeit eine Debatte um Doping bei Prüfungen losbrechen wird - analog zur aktuellen Diskussion im Radsport. Dass es irgendwann Dopingkontrollen an den Universitäten geben wird, hält Merkel allerdings für äußerst unwahrscheinlich: "Das wäre ein aberwitziger Aufwand."

Die Autoren des Nature-Kommentars wollen unfairen Situationen bei Prüfungen zuvorkommen, indem sie die Enhancement-Medikamente allen zur Verfügung stellen. Wenn sämtlichen Studenten die Wahl offensteht, lässt es sich allerdings kaum vermeiden, dass unter Konkurrenzdruck auch diejenigen zum Hilfsmittel greifen, die den Gebrauch eigentlich ablehnen. Diese indirekte Nötigung sprechen die Verfasser im Text an, ohne eine zufriedenstellende Lösung dafür zu bieten.

Die Nebenwirkungen der Mittel sind noch nicht ausreichend erforscht

Das müssen sie aber auch gar nicht - der Kommentar ist nämlich nicht als fertiger Fahrplan zur Freigabe von leistungssteigernden Medikamenten gemeint. Glaubt man dem Nature-Chefredakteur Philip Campbell, so soll die Veröffentlichung der provokanten Forderungen vor allem aufrütteln - er wendet sich vor allem an diejenigen, die immer noch nicht begriffen haben, dass kognitives Enhancement keine Science-Fiction ist. "Die Gesellschaft hat die Wissenschaft längst überholt", sagt Campbell. "Wir haben lange über ethische Probleme diskutiert, aber keine Entscheidungen getroffen. Die Forschung ist dabei zu kurz gekommen. Wir wissen viel zu wenig über die Sicherheit und Wirkungsweise dieser Medikamente."

Er selbst, sagt der Physiker, vertrete keinesfalls die Ansicht, dass gesunde Menschen heute schon Neuro-Enhancer einnehmen sollten. Ihn habe nur gestört, dass niemand ernsthaft über konkrete Maßnahmen diskutiert habe, mit denen man auf den Trend der kognitiven Verbesserung reagieren könnte. "Mit der Veröffentlichung hoffe ich zu bewirken, dass die Sache etwas an Fahrt aufnimmt", sagt Campbell.

Zumindest beim Deutschen Ethikrat ist seine Botschaft auch so angekommen. "Vielleicht verändert diese Publikation in Deutschland ja die öffentliche Wahrnehmung des Themas", sagt die Medizinethikerin Bettina Schöne-Seifert. "Bisher wurde die Debatte hier eher hypothetisch geführt, nach dem Motto: Was wäre, wenn es eines Tages so weit kommt?" Dass die ganz große Enhancement-Welle allem Anschein nach die deutschen Universitäten und Forschungsinstitute noch nicht erreicht hat, verschafft den Neuroethikern immerhin einen Zeitvorsprung. Sie sollten ihn nutzen, um in der Bevölkerung eine breite und offene Diskussion anzuregen. "Die normale Reaktion in Deutschland ist reflexhafte Ablehnung", sagt der Rechtsphilosoph Reinhard Merkel. Dieser Reflex mag die Entwicklung in Deutschland noch einige Zeit aufhalten. Er hat aber auch einen negativen Effekt: Er verhindert das Nachdenken.

Prüfungshelfer
Ritalin ist der Spitzenreiter unter den Medikamenten, mit denen US-amerikanische Studenten und Forscher ihre kognitive Leistung zu steigern versuchen. Der Wirkstoff Methylphenidat hat einen stimulierenden Effekt, ähnlich wie klassische Amphetamine. Menschen, die unter Hyperaktivität oder dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom leiden, können sich mithilfe von Ritalin länger auf eine Aufgabe konzentrieren. Gerade in Prüfungssituationen erhoffen sich Studenten deswegen Vorteile von dem Medikament. Die aktuelle Datenlage zur Wirkung von Ritalin bei Gesunden ist allerdings alles andere als eindeutig: In manchen Studien schnitten Probanden besser ab als die Kontrollgruppe, wenn sie unter dem Einfluss von Methylphenidat standen, in anderen aber auch schlechter. Grundsätzlich scheint die Einnahme von Ritalin das Selbstvertrauen zu stärken, was bei schüchternen oder gehemmten Studenten die Leistung steigern kann. In anderen Fällen führt dieser Effekt aber zu einer klaren Selbstüberschätzung: Manche Probanden antworteten vorschnell, weil sie überzeugt waren, die richtige Antwort zu kennen. In mündlichen Prüfungen dürfte dieses Verhalten die Ergebnisse eher verschlechtern.

Aus DIE ZEIT :: 17.12.2008

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