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Eine Stadt sieht gelb

VON JAN-MARTIN WIARDA

Selten hat die drohende Schließung eines Studiengangs die Gemüter so sehr erregt wie im Falle der Lübecker Medizinerausbildung. Die Chronologie einer überraschenden Rettung.

Eine Stadt sieht gelb© Steven Miric - iStockphoto.comDer Medizinstudiengang der Uni Lübeck ist gerettet!

Montag, 5. Juli

Die Woche der Rettung beginnt, wie die davor aufgehört hat: In Lübeck herrscht trotzige Hoffnungslosigkeit. Im Asta-Büro streifen sie ihre gelben Hemden über, auf denen »Lübeck kämpft« steht, die Farbe und der Slogan der 10 000 Demonstranten, die vor dem Wochenende durch die Innenstadt gezogen sind. Literaturnobelpreisträger Günter Grass schickt laut Lübecker Nachrichten einen Brief an den schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Peter Harry Carstensen: Die Entscheidung der Landesregierung sei »barbarisch«. Um 25 Millionen Euro im Jahr einzusparen, will Carstensens schwarzgelbe Koalition den Lübecker Medizinstudiengang schließen - was das faktische Aus für die kleine, als exzellent geltende Uni bedeuten würde. Auch die Wirtschaft der strukturschwachen Stadt wäre schwer getroffen: 12 000 Arbeitsplätze hängen am Wissenschaftsbetrieb, eine Vielzahl von Medizintechnikfirmen hat sich angesiedelt. Doch die Lübecker geben sich nicht geschlagen. Seit die Regierung Ende Mai die Kürzungspläne veröffentlicht hat, haben sie einen Protestmarathon gestartet, dessen Intensität sie selbst überrascht - inklusive der größten Demo in der Geschichte des Bundeslandes.

Dienstag, 6. Juli

Die Gerüchteküche brodelt. Bundesbildungsministerin Annette Schavan wolle die Uni und damit die Medizin-Studienplätze retten, von denen es bundesweit zu wenige gibt. Doch wie soll das gehen? Der Bildungsföderalismus verbietet, dass der Bund Hochschulen finanziert. Dann der erste Paukenschlag: Lübecks Uni-Präsident Peter Dominiak präsentiert ein Alternativkonzept. Anstatt Lübeck zu schließen, könne Wissenschaftsminister Jost de Jager den Zuschuss ans privatisierte Uni-Klinikum kürzen. Außerdem soll auch die zweite medizinische Fakultät im Land Federn lassen - Kiel. Wenn beide Standorte ein Drittel ihrer Studienplätze abbauten, könnten beide erhalten bleiben, rechnen die Lübecker vor. Es sind bewusste Provokationen: Der im Bundesvergleich enorm hohe Zuschuss ans Klinikum ist seit mehr als 20 Jahren ein Politikum, an das sich kein Politiker herantraut, und natürlich warnt die Klinikleitung auch diesmal vor dem Verlust von Arbeitsplätzen.

Und was die Uni Kiel angeht: De Jager hat vor Wochen festgelegt, dass Kiel im Gegensatz zu Lübeck und Flensburg von allen Kürzungen ausgenommen werden soll, um in der Exzellenzinitiative punkten zu können. Sein Credo: »Wir halten es für besser, zwei Stücke aus der Torte zu nehmen und anderswo die Sahnehäubchen zu belassen.« Entsprechend deutlich kanzelt er das Lübecker Konzept ab. Auch Dominiaks Kieler Kollege Gerhard Fouquet ist empört. Ohne Vorwarnung hätten die Lübecker ihren Plan ausgearbeitet, »Piraterie« sei das. »Dominiak teilt die Ohrfeigen aus, die er selbst empfangen hat.« Der Lübecker Uni-Präsident kontert: Die Kürzungen entsprächen einer zwei Jahre alten Zielvereinbarung mit dem Land, die beide Unis längst unterschrieben hätten, die aber offenbar sowohl de Jager als auch Fouquet vergessen wollten. »Sechs Wochen lang haben wir von den Kielern kein Wort der Unterstützung gehört, doch kaum drohen ihnen selbst Kürzungen, beginnt das Heulen und Zähneklappern.«


Mittwoch, 7. Juli

Aus der stillschweigenden Rivalität beider Universitäten ist ein offener Konflikt geworden. Und Dominiak legt nach. Die Idee, die Lübecker Medizin abzuwickeln, sei dem Wissenschaftsminister aus der Kieler Uni heraus souffliert worden. »Seit Jahren haben sie daran gearbeitet.« Unsinn, sagt Fouquet, das sei nur der Beleg, dass die Lübecker an einem sachlichen Dialog noch nicht interessiert seien. Direkt miteinander reden tun die Präsidenten nicht - im Gegensatz zu den Studenten ihrer Hochschulen. »Wir machen nicht mit dabei, wenn jetzt unsere beiden Universitäten aufeinander losgehen«, sagt die Lübecker Asta-Chefin Linda Krause.

Donnerstag, 8. Juli

Der zweite Paukenschlag: Am frühen Abend lädt Annette Schavan zur Pressekonferenz. Seite an Seite mit einem grinsenden Ministerpräsidenten Carstensen verkündet sie, dass sie sich einen komplizierten Deal ausgedacht haben: Das Kieler Leibniz- Institut für Meereswissenschaften geht an die zu 90 Prozent vom Bund finanzierte Helmholtz-Gemeinschaft. Zusammen mit allerlei anderen Forschungsvorhaben soll Schleswig-Holstein jährlich um 25 Millionen Euro entlastet werden. Im Gegenzug verpflichtet sich Carstensen, die Zahl der Studienplätze »nicht zu reduzieren«. Außerdem wird Lübeck zur Stiftungs-Uni. Faktisch bedeutet auch das gefundene Konstrukt einen Verstoß gegen das Grundgesetz - und einen Dammbruch, können künftig doch auch andere Länder mit Bildungsabbau drohen, um an Bundesgelder zu kommen. Doch Schavan wischt alle Bedenken beiseite: Lübeck sei keine Klitsche, die man einfach so schließen könne - ein Seitenhieb gegen ihren CDU-Parteikollegen.

Freitag, 9. Juli

Verhaltener Jubel in Lübeck. »Die alte Unterfinanzierung bleibt zwar, aber die Uni bleibt auch«, sagt Asta-Chefin Krause, auch Dominiak freut sich: »Alle Studienplätze werden erhalten, alle!« Na ja, meldet sich Minister de Jager zu Wort, der sich plötzlich wieder an die Zielvereinbarung erinnert: »Die Einigung bedeutet, dass wir die Studienplätze nicht über das dort bereits festgelegte Maß reduzieren.« Und in der Beschlussfassung des Kabinetts ist von Studiengebühren für die Lübecker Mediziner die Rede. Es ist wie das Lesen im Kleingedruckten.

Montag, 12. Juli

Auf die Erleichterung folgt die Ernüchterung. »Wenn wir Studienplätze abbauen sollen, werde ich darauf achten, dass Kiel das auch muss«, droht Dominiak. Fouquet kritisiert, dass die Übernahme des Meeresinstituts durch Helmholtz eine Reduktion der Lehre nach sich ziehe. »Für die Rettung Lübecks müssen wir in Kiel Masterstudiengänge schließen. Das wäre die nächste Katastrophe - wenn nicht noch eine Lösung gefunden wird.« Geht der Streit der Unis jetzt ewig so weiter? Nein, nein, versichert Dominiak, er werde auf die Kieler zugehen. »Schließlich war es die Regierung, die uns aufeinandergehetzt hat.« Fouquet äußert sich vorsichtiger: »Ich brauche ein paar Tage, auch um über die persönlichen Verletzungen hinwegzukommen.« Direkt geredet haben die beiden Uni-Chefs übrigens immer noch nicht.

Aus DIE ZEIT :: 15.07.2010

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