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Eine unbequeme Frau - Plagiatsjägerin Debora Weber-Wulff

VON MARION SCHMIDT

Die Professorin Debora Weber-Wulff enttarnt seit zwölf Jahren Plagiatoren. Was treibt sie an?

Eine unbequeme Frau© Massonstock - iStockphoto.comDie ewige Suche nach Plagiaten: Debora Weber-Wulff widmet sich in ihrer Freizeit der akribischen Untersuchung von Doktorarbeiten
Der Platz, an dem Debora Weber-Wulff Titel vernichtet, ist voll gerümpelt mit Büchern, Zetteln, Stiften und einem alten Handball. Inmitten des Chaos steht ein MacBook. Hier sitzt sie oft stundenlang bis spät in die Nacht, scannt Texte, zerlegt Sätze, überprüft Wörter. An ihrem alten Rollladenschreibtisch hat sie Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg zu Fall gebracht, die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin und den Europapolitiker Georgios Chatzimarkakis. Hier hat sie Plagiate in Annette Schavans Dissertation gefunden und in fast vier Dutzend weiteren, weniger prominenten Fällen. Und 71 Promotionen sind noch in Bearbeitung. An einem Bücherregal hängt das Plakat einer Handballmannschaft mit dem Slogan »Wir sind die Jäger, ihr seid die Beute«. Das Plakat sei Zufall und habe mit ihrer Arbeit nichts zu tun, beteuert Weber-Wulff. Dabei ist sie die wohl bekannteste Plagiatsjägerin Deutschlands. Das liegt auch daran, dass sie die einzige ist, die sich auf der von ihr mitgegründeten Plattform Vroni-Plag Wiki nicht hinter einem Pseudonym versteckt. Im Netz tritt sie zwar als »wiseWoman« auf, als weise Frau, aber die gebürtige Amerikanerin, die seit fast 40 Jahren in Deutschland lebt, verschweigt ihren richtigen Namen nicht.

Im realen Leben wirkt sie harmlos, ja regelrecht bieder. Mit ihren Haarspangen und der rundlichen Figur könnte man sie eher für eine Hauswirtschaftslehrerin halten als für eine Computerexpertin. Seit zwölf Jahren schon beschäftigt sich die Professorin für Medieninformatik mit wissenschaftichem Fehlverhalten. An der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Technik testet sie Plagiatssoftware, und in ihrer Freizeit sucht sie im Netz nach Fälschern. Für sie ist das »ein Hobby, so wie andere Fußball spielen«. Aber eigentlich ist es mehr: Die Plagiatssuche ist zu Weber-Wulffs Lebensthema geworden, es lässt sie nicht mehr los. Ihr Arbeitszimmer zu Hause besteht fast nur aus Büchern: Bücher in Regalen an der Wand, in Regalen im Raum, auf dem Boden, auf Tischen. Nachschlagewerke, historische Abhandlungen, Bücher über Ghostwriter, Datenfälscher, Plagiatoren. Sie selbst sieht sich nicht als Jägerin, sondern als »Dokumentarin«. Es sei kein »Jagdinstinkt«, der sie antreibe, sagt Weber-Wulff, es sei die »Abscheu« vor unredlichem wissenschaftlichen Verhalten. »Es geht um die Arbeiten - nicht um die Menschen.«

Geld nimmt oder erhält sie für ihre Plagiatssuche nicht. Wenn sie Bücher kauft oder leiht, zahlt sie selbst. Und auch den Sekt, den sie sich gönnt, wenn ihr ein dicker Fisch ins Netz gegangen ist. Wie in diesen Wochen: Der nordrhein-westfälische SPD-Medienstaatssekretär Marc Jan Eumann steht in Verdacht, bei sich selbst abgeschrieben zu haben, ohne das kenntlich zu machen. Und Bundestagspräsident Norbert Lammert wird vorgeworfen, er habe Werke, die er angegeben hat, offenbar nicht gelesen, sondern sich bei anderen Autoren bedient, ohne diese damit zu zitieren. »Es ist hart an der Grenze zum Plagiat«, sagt Weber-Wulff zu Lammerts Arbeit, »in jedem Fall ist es wissenschaftliches Fehlverhalten.« Der Grat ist schmal, ab wann die Menge der Fehler so groß und so schwerwiegend ist, dass man von Täuschung sprechen kann und der Doktortitel, so wie bei Schavan, entzogen wird. Bevor es dazu kommt, muss es für Debora Weber-Wulff einen konkreten Verdacht geben, ohne einen Hinweis legt sie nicht los. »Ich gehe nicht raus und suche mir jemanden, den ich entlarven kann.« Es ist ihr völlig egal, ob sie dabei einen Politiker erwischt, einen Manager oder einen Kollegen aus der Wissenschaft. Eine Promotion sei eine Auszeichnung, die man sich hart erarbeiten müsse, der höchste Beweis wissenschaftlichen Arbeitens. Wer dagegen verstößt, wird angeprangert.

Weber-Wulff macht das nicht allein, sie gehört zu einem Schwarm von zwanzig Netzaktivisten, die gemeinsam Dissertationen untersuchen. Die meisten handeln, so sagen sie, aus redlichen Motiven. Sie wollen nicht, dass Menschen, die in ihrer Dissertation getäuscht haben, unbehelligt bleiben. Der Mensch hinter dem Pseudonym Robert Schmidt etwa, der die Doktorarbeiten von Schavan und jetzt von Lammert untersucht hat, sagte dem Spiegel, er sei getrieben von einem »gewissen sportlichen Ehrgeiz, versteckte Ungereimtheiten in akademischen Qualifikationsschriften zu entdecken«. Für ihre Aufklärungsarbeit werden die Plagiatsjäger geliebt - und gehasst. Sie werden im Netz als Helden der Wissenschaft gefeiert oder als Dreckschleudern denunziert. Debora Weber-Wulff erzählt, dass sie für ihre Arbeit laufend angefeindet, beschimpft und sogar bedroht werde. Insbesondere Plagiatsjäger wie sie, die selbst aus dem akademischen Milieu kommen, gelten als Nestbeschmutzer.

Eine unbequeme Frau
© Debora Weber-Wulff Prof. Dr. Debora Weber-Wulff, Professorin für Medieninformatik an der HTW Berlin und VroniPlag Wiki Aktivistin, 2013
Für den Deutschen Hochschulverband etwa, die Standesvertretung der Universitätsprofessoren, sind sie »Hexenjäger«. Auch die großen Wissenschaftsorganisatoren wehren sich gegen das Whistleblowing und wollen anonymen Hinweisen künftig nicht mehr nachgehen. Weber-Wulff lässt sich davon nicht beirren: »Ich bin Professorin, ich bin frei in dem, was ich mache, ich darf aufsässig sein.« Auf den ersten Blick wirkt die 56-Jährige zwar alles andere als aufsässig, doch der Eindruck täuscht. Debora Weber-Wulff ist eine sehr resolute Dame, eine Kämpferin, die sehr kompromisslos und manchmal auch sehr penetrant sein kann. Nicht wenige in den Hochschulen sind genervt von ihr. Von der Frau, die nicht locker lässt, die sich in Dissertationen festbeißt wie ein wild gewordener Terrier. Eine Frau, die das System aufrührt, die unbequeme Fragen stellt.

Auf einer Tagung des Wissenschaftsrats zur Qualitätssicherung von Promotionen neulich in Berlin machte sie sich wieder unbeliebt, als sie forderte, es dürfe keine Verjährungsfrist für Plagiate geben. Eine falsche Fußnote bleibe falsch - auch nach dreißig Jahren. Manche Universitätsrektoren in den Reihen stöhnten innerlich auf. Aber Weber-Wulff stört das nicht. Völlig ungerührt stand sie vorn und redete weiter. Sie hat ein dickes Fell, einen festen Job und ihren Glauben. Weber-Wulff ist Methodistin.

Sie sagt, sie wolle Gerechtigkeit. Über ihrem Schreibtisch hängt ein Gebet: »Herr, gib mir Mut, das zu ändern, was ich ändern kann.« Eine Veränderung hat sie bereits wahrgenommen: Im letzten Bundestagswahlkampf warben viele Kandidaten mit ihrem Doktortitel, wohl um Intelligenz und Würde auszustrahlen. In diesem Wahlkampf sind Doktortitel seltener zu sehen.

Aus DIE ZEIT :: 14.08.2013

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