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Einen Doktor für den Prinzen

Von Lothar Machtan

Mauscheleien um akademische Titel haben eine lange Tradition. Sie kamen in den besten Kreisen vor.

Einen Doktor für den Prinzen© ULK
Schon der spätere Kaiser Wilhelm II. hatte eine Universität besucht. Für einen gottbegnadeten Thronprätendenten war das allerhand. Doch sein Studium diente weniger einer wissenschaftlichen Ausbildung, es war eine wohlwollende Geste gegenüber dem bürgerlichen Bildungsideal. Folglich frönte Prinz Wilhelm vor allem dem feuchtfröhlichen Korpsleben, vier Semester lang, ohne Abschluss. Prägender wurde für ihn der Militärdienst. So sollten es auch seine fünf Söhne halten: zweckfrei studieren. Alle taten das - bis auf einen: August Wilhelm, Jahrgang 1887. Der wollte einfach kein Soldat sein. Ersatzweise wurde für ihn eine Karriere im höheren preußischen Verwaltungsdienst ins Auge gefasst. Doch das setzte ein achtsemestriges Jurastudium mit gutem Staatsexamen voraus. War das einem Kaisersohn zuzumuten? Der Vater überantwortete das Problem dem preußischen Kultusminister. Dieser beauftragte einen Privatdozenten, den Grafen Alexander zu Dohna-Schlodien, mit der Betreuung des Hohenzollernsprosses, der im Oktober 1906 an der Bonner Universität immatrikuliert wurde. Zusätzlich wurde der berühmte Berliner Nationalökonom Gustav Schmoller ins Boot geholt. Schmoller musste allerdings schon bald berichten, dem Prinzen gebreche es »völlig an den beiden wesentlichen Voraussetzungen fachwissenschaftlicher Arbeit: an der Beherrschung des Stoffes und an der Methode für geistige produktive Arbeit«. Nach wenigen Monaten war das Referendarexamen vom Tisch.

Das königliche Haus wollte sich nicht mit einem Dr. h. c. zufriedengeben

August Wilhelm indes hatte sich 1906 verlobt und vom Vater die Genehmigung erhalten, in zwei Jahren zu heiraten. »Dem Wunsch des Prinzen entsprechend, soll in seinem Studium vorher ein Abschluss erreicht werden«, ließ er die Staatsbürokratie wissen. Da war guter Rat teuer. Das Ministerium schlug die Promotion zum Doktor der Staatswissenschaften vor, man dachte an einen Doktor honoris causa. Dem hielt das königliche Haus entgegen, »dass aber der wirkliche Doktorgrad natürlich sehr viel erstrebenswerther ist«. Also las Schmoller dem Prinzen in seiner Wohnung Privatkollegs und gab ihm einen seiner versiertesten Mitarbeiter als Assistenten an die Hand. Schmollers Bedenken versuchte der Prinzenadjutant von Roeder in Briefen zu zerstreuen: »Was nun Ihre Sorge wegen mangelnder Concentration Seiner Königlichen Hoheit betrifft, so lebe ich in solcher schon über zwei Jahre. Mein tägliches Kopfzerbrechen hat als Zweck, die tausend Anforderungen und Ablenkungen eines Prinzenlebens in Einklang zu bringen mit des Lebens ernstem Führen.« Schmoller erlag auch der Liebenswürdigkeit seines kaiserlichen Kandidaten selbst, der ihm am 1. Februar 1908 die Einreichung seiner Doktorarbeit mit der schmeichelhaften Floskel ankündigte, er hoffe, dass diese Fleißarbeit »Gnade vor Ihren gestrengen Augen finden wird«. Denn »an gutem Willen und intensivem Schaffen hat es wirklich nicht gefehlt«.

Der Doktorvater wurde zur Belohnung in den Adelsstand erhoben

Inzwischen war der Kandidat von Bonn nach Straßburg gewechselt. Durch einen vom preußischen Kultusministerium erteilten Dispens wurde er schon im vierten statt, wie in Straßburg vorgesehen, im sechsten Studiensemester zur Promotion zugelassen - ohne die Fakultät vorher zu fragen. Doch kein Fakultätsmitglied erhob Protest gegen die staatliche Bevormundung. Allein der Straßburger Nationalökonom Georg Friedrich Knapp äußerte Bedenken. »Man sendet einen Jüngling hierher«, schrieb er an Schmoller, »welcher die Bedingungen seiner Promotion - statt sie von uns zu hören - vielmehr mitbringt und uns auferlegen will.« Als Knapp im April 1907 Rektor der Straßburger Reichsuniversität wurde, akzeptierte aber auch er die von oben lancierte Prinzen-Promotion. Der Schwarze Adlerorden, den August Wilhelm für den aufmüpfigen Knapp mitbrachte, dürfte nachgeholfen haben. Den Rest der moralischen Eroberung besorgte der Prinz höchstselbst. Sein Auftreten, schrieb Knapp im Februar 1908 beeindruckt an Schmoller, »ist von einer vornehmen Liebenswürdigkeit «. Wenig später schwärmte er von dessen »Anmut im Umgang« mit seiner Tochter Elly, der Verlobten des späteren Bundespräsidenten Theodor Heuss. August Wilhelm hatte die 27-Jährige, wie diese Heuss gestand, bei einem Diner um den Finger gewickelt: »Er ist einfach entzückend! Ich bekam zum Abschied einen richtigen Handkuss.« So nahmen die Dinge ihren extraordinären Lauf, obwohl Knapp noch im Frühjahr 1907 unmissverständlich erklärt hatte, »dass der kleine Prinz hier keinen Doktor bekommt«. Theodor Heuss hat in seinen Erinnerungen die Anekdote überliefert, wonach sein Schwiegervater in der Stunde der Doktorprüfung demonstrativ »auf dem Platz vor der Universität spazieren ging«.

Professor Schmoller und sein Doktorand hatten derweil ihr Gentlemen's Agreement getroffen, wonach es sich bei dem Werk um eine eigenständige Leistung des Prinzen handelte. Dafür wurde Schmoller in den Adelsstand erhoben, sein Habilitand Friedrich Wolters, auf den in Wirklichkeit ein Großteil der Arbeit zurückging, erhielt eine Aufwandsentschädigung von einigen Hundert Reichsmark, veredelt mit dem Kronenorden 4. Klasse. »Melde, dass ich soeben Doctorexamen 'summa cum laude' bestanden. Unendlich glücklich«, telegrafierte der 21-jährige Prinz Ende Juli 1908 seinem Vater. Wahrlich, zu einem richtigen Doktortitel hatte es zuvor kein Hohenzoller gebracht. Und so beeilte sich der frischgebackene Doktor, diese Leistung in fürstlichen Glanz zu setzen, indem er seine Dissertation als Luxusausgabe in Ganzgoldschnitt auf Pergament und mit vergoldetem Vorderdeckel-Titel drucken ließ. Über die Aufbereitung von einschlägigem Quellenmaterial hinaus warf die Arbeit über »Die Entwicklung der Kommissariats-Behörden in Brandenburg- Preussen« im ausgehenden 17. Jahrhundert freilich für die Wissenschaft wenig ab. Bei den Kommilitonen des Prinzen an der Straßburger Universität sorgte die Sonderbehandlung für Gesprächsstoff. »Wir alle, die wir damals uns als Durchschnittsmenschen durch die Examina schlugen «, berichtete einer später, »waren durch diese Courtoisiepromotion tief verstimmt.« Es blieb bei der geballten Faust in der Tasche. Einem Kaisersohn wollte niemand auf die Füße treten. Wenn aber selbst Professoren von Weltruf damals keine Skrupel hatten, sich auf Schiebereien wie diese einzulassen, so verweist das auf einen ungleich größeren Mangel an moralischen Qualitäten, ja an bürgerlichem Selbstvertrauen, was die sonst stets so hochgehaltenen Bildungsideale anlangt. »Suprema lex regis voluntas!« (Oberstes Gesetz sei der Wille des Herrschers), hatte Kaiser Wilhelm II. 1891 in das Goldene Buch Münchens geschrieben. Heutzutage regiert das Geld die Welt: Suprema lex pecuniae voluntas? Nein, nein - die Geschichte wiederholt sich nicht; und wenn, dann nur als Karikatur.


Über den Autor
Lothar Machtan lehrt an der Uni Bremen Neuere Geschichte.


Aus DIE ZEIT :: 22.10.2009

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