Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Einladung zur Langsamkeit

VON ULRICH SCHNABEL

Über die Suche nach der richtigen Geschwindigkeit und die Rückeroberung der Muße.

Einladung zur Langsamkeit© vencav - Fotolia.comMehr Langsamkeit im Alltag führt zu einem verbesserten Blick auf das Wesentliche
Vor einiger Zeit war der Schriftsteller Pico Iyer zur Konferenz einer Werbeagentur nach Singapur eingeladen. »Trends von morgen« waren gefragt, und der viel reisende Iyer, der ständig zwischen den USA und Japan pendelt, sollte über globale Mobilität referieren. Doch bevor er dazu kam, wurde er mit einem Geständnis konfrontiert. »Kurz nach meiner Ankunft«, berichtet Iyer in der New York Times, »nahm mich der Chef der Werbeagentur zur Seite. Was ihn am meisten interessiere, so begann er - und ich stellte mich schon auf eine besonders geheimnisvolle Werbekampagne ein -, sei: die Stille.«

Stille? Kein Trubel, keine Show, kein aufgeblasenes Marketing-Event, sondern einfach nur mal abschalten und Ruhe geben? Ist das der neueste Trend? Gut möglich. Denn je hektischer die Zeiten, je schneller die digitale Kommunikation und je größer der Drang, allzeit erreichbar zu sein, umso ausgeprägter wird der Wunsch, das alles einmal hinter sich zu lassen und abzuschalten. Und das gilt nicht nur für ruhebedürftige Werbechefs.

Häufig seien es gerade die kreativen Erfolgsmenschen, wie Pico Iyer erstaunt notiert, die sich vom Nachrichtenstrom abkoppelten und sich der permanenten Erreichbarkeit verweigerten. Manche legen übers Wochenende ein »Internet-Sabbatical« ein oder blocken per Freedom-Software stundenweise ihren Internetzugang, andere flüchten aufs Land, ins Kloster oder in eines jener teuren »black hole«-Hotels, in denen man gerade dafür bezahlt, keinen Fernseher im Zimmer zu haben und nicht erreichbar zu sein.

Klingt verrückt? Kaum weniger verrückt als der Schweizer Trendsetter Rolf Dobelli. Der Mitgründer der Firma getAbstract (die Managementwissen in komprimierter Form anbietet) hat sich radikal vom Nachrichtenrauschen abgekoppelt. Er habe sämtliche Zeitungs- und Zeitschriftenabos gekündigt, Radio und Fernseher entsorgt und die News-Apps von seinem iPhone gelöscht, berichtet Dobelli in seinem Bestseller zur Kunst des klugen Handelns. »Die ersten Wochen waren hart«, gesteht der Autor. »Sehr hart. Ständig hatte ich Angst, etwas zu verpassen.« Doch er habe durchgehalten. Denn die hektischen News seien ebenso störend wie irrelevant. Lieber habe er Bücher und Hintergrundartikel gelesen oder Gespräche mit Freunden geführt (echten, keinen Facebook-Freunden). Ergebnis? Heute, drei Jahre später, genieße er »klareres Denken, wertvollere Einsichten, bessere Entscheidungen und viel mehr Zeit«. Und das Beste sei: »Noch nie habe ich etwas Wichtiges verpasst.«

Die ständige Hetze stellt letztlich das Funktionieren der Demokratie infrage

Sind Leute wie Dobelli vielleicht gar nicht so spinnert, wie es zunächst scheint? Haben sie möglicherweise etwas Entscheidendes erkannt? Unbestritten ist der Bedarf nach Ruhe. Kaum etwas ist in unserer überhitzten Leistungsgesellschaft seltener (und wertvoller) geworden als Zeit und Muße. Zeit zum Denken und Reflektieren, Muße, um neue Ideen und Perspektiven entwickeln zu können - statt im ewig gleichen Hamsterrad zu strampeln.

Dabei geht es um weit mehr als nur ein bisschen Wellness für die gestresste Seele; es geht darum, Zeit für das Wesentliche zu finden - sowohl im Arbeitsleben wie außerhalb. Wie schwer das ist, spüren besonders Politiker, die wie kaum eine andere Berufsgruppe unter Druck stehen. Sie sollen weitreichende Entscheidungen treffen und zukunftsfähige Gesellschaftsmodelle entwerfen - ohne dass sie dafür die nötige Zeit haben.

Für den ehemaligen SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering steht damit sogar das Funktionieren unseres politischen Systems auf dem Spiel. Mit der Geschwindigkeit der Finanzmärkte könne die Politik schlicht nicht mehr mithalten. »Deshalb müssen wir Tempo rausnehmen«, mahnte er in einem Interview mit dem Magazin Cicero. Schließlich setze Demokratie voraus, »dass per Wahl beauftragte Menschen Dinge diskutieren, dass sie auch streiten und dann Entscheidungen treffen«. Demokratie brauche also »eine menschenmögliche Geschwindigkeit, und die gibt es nicht mehr«, analysiert der ehemalige Vizekanzler, der seit seinem Ausscheiden aus der aktiven Regierungspolitik einen kritischen Blick auf das hektische Berliner Getriebe gewonnen hat. Wenn ein Parlament vor wichtigen Entscheidungen keine Zeit mehr habe, zu diskutieren und nachzudenken, »dann werden die autokratischen Systeme gewinnen, die auf niemanden Rücksicht nehmen«.

Nicht nur in der Politik wäre eine langsamere Gangart notwendig. Auch in der Wirtschaft zeigen sich die negativen Folgen der Hektik. Zum einen, weil sich die Anzahl der Fehltage durch psychische Erkrankungen in fünfzehn Jahren fast verdoppelt hat, was laut Bundesarbeitsministerium zu jährlichen Produktionsausfällen in Höhe von 8 bis 10 Milliarden Euro führt. Zum anderen, weil eilig entworfene Produkte zunehmend als »grüne Bananen« auf den Markt kommen, die erst beim Kunden reifen. Klemmt dann beim neuen Auto Gaspedal oder Bremse, ist der Imageschaden immens.

Sich Zeit zu lassen kann also enorm viel Zeit sparen. Eine ähnliche Erkenntnis macht sich bei der Deutschen Bahn breit: Statt mit Höchstgeschwindigkeit (und hoher Verspätung) fährt sie nun lieber langsamer (aber pünktlicher). Wäre es nur so einfach, das eigene Leben abzubremsen! Zwar werden uns allerorten zeitsparende Tipps und »schnelle Entspannungstricks« offeriert, doch leider sind diese keine Therapie, sondern ein Symptom der allgemeinen Hetze. (Wer sich »schnell entspannen« muss, steckt so im Stress, dass ihm die Zeit für echte Ruhepausen fehlt.) Und in Seminaren zum Zeitmanagement lernt man vor allem, Arbeitszeit effizienter zu nutzen - nicht aber, sich Zeit zu lassen. Das hat den paradoxen Effekt, dass man noch mehr Dinge in noch kürzerer Zeit erledigt und auf lange Sicht noch gestresster ist.

Echtes Umdenken beginnt mit der Erkenntnis, dass man nicht individuell versagt, wenn einem die Zeit knapp wird. Im Gegenteil, das Leiden an der Zeitnot ist längst ein kollektives Problem, das uns alle verbindet - Angestellte wie Selbstständige, Politiker wie Manager, Unbekannte wie Prominente. Denn das Gefühl des Gehetztseins ist ein zentrales Charakteristikum unserer modernen »Beschleunigungsgesellschaft«, die durch ständig steigende Erwartungen und den Drang zum Immer-mehr und Immer-schneller gekennzeichnet ist.

Der gesellschaftliche Anspruch auf Perfektion quält heute insbesondere Frauen, die das Gefühl haben, sie müssten Beruf, Kindererziehung und Familienglück gleichzeitig optimieren. Doch nicht nur dieser Spagat zwischen altem Rollenverständnis und neuen Ansprüchen sorgt für Stress. Dazu kommt die technische Beschleunigung, die uns mit ständig schnelleren Maschinen, Computerchips und Datenleitungen beglückt, sowie der wirtschaftliche Wettlauf, der in der globalisierten Welt keinem Unternehmen eine Atempause gönnt.

Auch der Verlust an religiösen Bezügen kann zum Gefühl beitragen, keine Zeit zu haben. Wer keinen Umgang mit dem Tod und der eigenen Endlichkeit entwickelt, empfindet das Leben leicht als »letzte Gelegenheit«, wie es die Sozialwissenschaftlerin Marianne Gronemeyer formuliert. Mit anderen Worten: Man weiß zwar, dass man sterben muss, aber vorher versucht man, noch möglichst viel, unendlich viel zu erledigen.

So verlagert sich der äußere Zeitdruck nach innen und verwandelt sich in den Drang, den Terminkalender randvoll zu packen, weil man ja sonst wertvolle Zeit vertrödelt. Deshalb träumen wir einerseits von unbeschwerten Aus- oder Mußezeiten, halten es andererseits aber nur schwer aus, wenn einmal nichts zieht und drängt, wenn nichts mehr bimmelt, klingelt und uns ablenkt.

Der erste Schritt auf dem Weg zur Muße besteht daher darin, sich dieser äußeren und inneren Hindernisse bewusst zu werden. Der zweite Schritt wäre die Erkenntnis, dass innere Ruhe nichts mit der Zahl unserer Arbeits- oder Freizeitstunden zu tun hat, sondern mit einer inneren Haltung: Gelingt es, einmal ganz bei sich selbst anzukommen und wunschlos zufrieden zu sein?

Am ehesten empfinden wir dies in Momenten, in denen wir selbst über unser Tun (oder Nichtstun) bestimmen und in denen wir uns ganz einer Sache widmen können. Der eine erlebt dies vielleicht beim Angeln, die andere beim Gärtnern, der Dritte im Punkkonzert oder, warum nicht, beim kreativen Arbeiten oder im Spiel mit Kindern. Kinder sind ohnehin geborene Müßiggänger, weil sie nicht - wie wir Erwachsenen - alles nach Effizienz und Nützlichkeit beurteilen, sondern viele Dinge einfach um ihrer selbst willen tun. In der Hinsicht kann man viel von ihnen lernen.

In jedem Fall aber hilft es, Ausschau nach Gleichgesinnten zu halten. Nichts entspannt mehr als die Gegenwart entspannter Freunde; zugleich sind Verbündete unendlich wertvoll, um der allgemeinen Hetze zu widerstehen. Denn in einer Gesellschaft, die auf ständiges Wachstum und immerwährende Beschleunigung gepolt ist, muss man sich Ruheräume und Zeiten der Stille regelrecht erkämpfen (und dann, wie Rolf Dobelli, auch die Angst aushalten, etwas zu verpassen).

Mit anderen Worten: Ruhe stellt sich nicht von selbst ein, sondern bedarf der sorgsamen Pflege. Ein guter Start dafür wäre die simple Frage: Wann ist eigentlich genug?

Aus DIE ZEIT :: 06.12.2012

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote