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Einmal zahlen reicht nicht

Interview: Nicola Kuhrt

Eine Onlinepetition fordert den freien Zugang zu den Ergebnissen öffentlich finanzierter Forschung.

Einmal zahlen reicht nichtLars Fischer sieht die Vorteile des Open Access
DIE ZEIT: Herr Fischer, warum wollen Sie, dass Forschungsergebnisse künftig nur noch in frei zugänglichen Journalen ("Open Access") publiziert werden?

LARS FISCHER: Wenn eine wissenschaftliche Arbeit derzeit in einer Fachzeitschrift veröffentlicht wird, gehen meist alle Rechte an den Verlag über. Die Wissenschaft wurde zuvor aber mit Steuergeldern gefördert, und ich sehe einfach nicht ein, dass dieser öffentlich finanzierte Inhalt von privatwirtschaftlichen Unternehmen teuer an die Öffentlichkeit zurückverkauft wird. Mit Open Access ändert sich das. Wissenschaftler können weiter über ihre eigene Arbeit verfügen, die Ergebnisse sind für alle frei und ohne Abogebühren zugänglich. Ich hoffe, dass der erleichterte Zugang zu Forschungsergebnissen der Wissenschaft nutzt und den Austausch zwischen den Wissenschaftlern und der Öffentlichkeit fördert.

ZEIT: Und wie kamen Sie darauf, eine Petition an den Deutschen Bundestag zu richten?

FISCHER: Ich finde, dass viele deutsche Wissenschaftler den Strukturwandel im Publikationswesen verschlafen und Gefahr laufen, international den Anschluss zu verlieren. Als dann noch der sogenannte Heidelberger Appell gegen Google Books und Open Access veröffentlicht wurde, konnte ich das einfach nicht mehr so stehen lassen.

ZEIT: Aber nicht jeder, der sich ärgert, reicht gleich eine Petition ein und fordert den Bundestag auf, die komplette Struktur wissenschaftlichen Veröffentlichens umzuwälzen.

FISCHER: Das Thema Petitionen lag einfach in der Luft. Durch die viel beachtete Eingabe von Franziska Heine gegen die Internetsperren war diese neue Möglichkeit, in die Politik einzugreifen, in aller Munde.

ZEIT: Haben Sie erwartet, dass gleich in den ersten zwei Wochen über 10 000 Menschen unterzeichnen würden?

FISCHER: Überhaupt nicht. Ich hatte mit 500 gerechnet. Ich hatte den Entwurf ja zunächst ins Netz gestellt in der Hoffnung, dass andere Internetnutzer die Eingabe mit mir zusammen formulieren würden. Da kam keine einzige Rückmeldung. Glücklicherweise - aus heutiger Sicht - habe ich aber ein großes Maul und hatte schon überall rumerzählt, dass es die Petition geben wird. Also habe ich sie irgendwann selbst fertig gemacht und eingereicht.

ZEIT: Wie beurteilen Sie den Umgang mit Open Access in Deutschland?

FISCHER: Es gibt schon einen typisch deutschen Konservatismus, eine typisch deutsche Ablehnung gegenüber technischen Neuerungen, vor allem wenn es das Internet betrifft. Der wissenschaftliche Betrieb ist aber generell sehr konservativ, Open Access hat es überall schwer.

ZEIT: Kritiker befürchten, dass die Qualität der Veröffentlichungen nicht mehr gewährleistet ist, wenn keine Gutachter mehr die einzelnen Arbeiten vor der Veröffentlichung prüfen, also die Peer-Review übernehmen.

FISCHER: Eine Peer-Review findet natürlich auch in Open-Access-Journalen statt und ist auch gar nicht so teuer, weil die Gutachter in den meisten Fällen nicht bezahlt werden. Aber man muss den Prozess natürlich organisieren, und dafür gibt es Alternativen.


ZEIT: Und zwar?

FISCHER: Zum Beispiel die Variante, die die PLoS-Journale der Public Library of Science bereits durchführen: Der Autor bezahlt die Zeitschrift für diese Dienstleistung. Oder Fachgesellschaften können die Peer-Review organisieren. Man muss unterscheiden, ob man den so ge nannten »grünen Weg« des Open Access geht, bei dem die wissenschaftlichen Fachartikel publiziert werden wie gehabt, aber gleichzeitig frei zugänglich sind, oder den »goldenen Weg«, bei dem die Fachzeitschriften ohne Abogebühren zugänglich sind. Das heißt, jeder kann sie ansehen, und die Kosten, die anfallen, werden durch die Autoren, durch Stiftungen oder Fachgesellschaften getragen.

ZEIT: Nicht jeder Forscher wird für die Publikation seiner Ergebnisse bezahlen können.

FISCHER: Es müsste eine Umverteilung stattfinden. Die wissenschaftlichen Institutionen zahlen ja sowieso für die Publikation, heute meist durch Abogebühren über die Bibliotheken. Wenn die wegfallen, könnte man die Gelder dafür einsetzen, die Publikationen zu finanzieren.

ZEIT: Wie sollte denn Ihrer Meinung nach die Zukunft des wissenschaftlichen Publizierens aussehen, grün oder golden?

FISCHER: Meine Wunschvorstellung wäre, dass man eine Mischform schafft, damit ein Großteil der Journale im Internet kostenlos erhältlich ist, aber trotzdem weiter von den Verlagen betrieben wird. Dazu müsste es eine zentrale Stelle geben, also ein Repositorium, über das jeder kostenfrei auf Zeitschriften zugreifen kann.

ZEIT: Und wer sollte ein solches Repositorium einrichten?

FISCHER: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) könnte das tun, oder die Bibliotheken oder die Hochschulen schließen sich zusammen. Mein Favorit wäre die DFG, weil sie das Knowhow, die Möglichkeiten und auch die Glaubwürdigkeit hat, eine solche Einrichtung zu betreiben.

ZEIT: Von dieser Idee sind die Verantwortlichen der DFG wahrscheinlich begeistert?

FISCHER: Nach meinen Informationen ist die DFG sehr interessiert an Open Access. Und auch im Forschungsministerium interessiert man sich für das Thema. Schließlich wollen die auch wissen, wo die ganzen Forschungsgelder bleiben. Wenn die Kosten für Zeitschriftenabonnements jedes Jahr exorbitant steigen, teilweise mit dem Vierfachen der Inflationsrate, dann ist das keine Kleinigkeit mehr.

ZEIT: Bis zum 22. Dezember läuft Ihre Eingabe noch. Unterschreiben mehr als 50 000 Menschen, muss der Petitionsausschuss die Vorlage nicht nur prüfen, sondern zusätzlich eine Anhörung einberufen. Werden Sie diese magische Grenze erreichen?

FISCHER: Mal schauen, was noch passiert. Wenn die bisherige Entwicklung linear weiterginge, dann würden wir bei 25 000 Unterzeichnern hängen bleiben.

ZEIT: Wären Sie sehr enttäuscht?

FISCHER: Nein, denn man will mit einer Petition ja die Aufmerksamkeit der Politiker erzielen, und das schafft die Eingabe vielleicht auch so. Es gab bereits genügend Petitionen, die zwar nicht bis zur Anhörung gekommen sind, für die sich dann aber ein einzelner Abgeordneter starkgemacht hat. Oder umgekehrt: Die Petition von Franziska Heine gegen die Internetsperren hatte so viele Unterzeichner wie nie zuvor, verhindert hat sie das Gesetz zunächst aber dennoch nicht. Alles ist also möglich - mit oder ohne 50 000 Unterschriften.


Lars Fischer ist Chemiker und Wissenschaftsjournalist. Auf scilogs.de betreibt er das »Fischblog« zu Themen aus der Wissenschaft.


Aus DIE ZEIT :: 17.12.2009

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