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Einsatz für den Netz-Werker

VON MISCHA DRAUTZ

Tausende Kilometer neuer Stromleitungen werden in Deutschland gebraucht - eine Aufgabe für Energie-Ingenieure.

Einsatz für den Netz-Werker© nolimitpictures - iStockphoto.com"In Zukunft dürften deutsche Wohnzimmer immer häufiger mit Strom versorgt werden, der weite Wege zurückgelegt hat"
Wenn etwas blinkt, hat Stefan Seith ein Problem. Gerade blinkt es sogar an mehreren Stellen: Auf der digitalen Anzeige eines Schaltschranks leuchten vier rote X auf. »Das bedeutet, dass die Messung nicht funktioniert«, sagt Seith. Und was ist mit den »W«-Buchstaben, die auf der Anzeige erscheinen? »Die sind auch nicht gut. Das sind Warnungen«, sagt Seith - und schaut dennoch gelassen. Die Schaltschränke wurden erst vor ein paar Tagen hier im Erlanger Siemens-Labor aufgestellt. Ein wenig wirken sie wie billige Bücherschränke - dabei enthalten sie allerneueste Technik. Über sie kann Stefan Seith den Energiefluss steuern. Seine wichtigste Aufgabe: die Fehlermeldungen verschwinden zu lassen. Ruhig steht der 29-jährige Ingenieur vor den Schränken und sagt: »Am Anfang denken wir immer: Da läuft ja so gut wie nichts. Aber mit der Zeit wird das schon.«

Hier, zwischen Knöpfen und Kabeln, wird an Deutschlands Energieversorgung gebastelt. Oder besser: an der Übertragung von Energie. Denn in Zukunft dürften deutsche Wohnzimmer immer häufiger mit Strom versorgt werden, der weite Wege zurückgelegt hat. Der etwa aus norwegischer Wasserkraft stammt. Oder aus der Sahara. Und aus Offshore-Windparks, die vor der deutschen Küste entstehen. Der Strom von diesen Anlagen muss vom Meer an die Küste und größtenteils weiter in den Süden und Westen Deutschlands transportiert werden, weil dort am meisten Energie verbraucht wird. Doch in manchen Regionen gibt es dafür zu wenig Stromnetze - oder sie sind nicht leistungsstark genug. »Die Netzfrage ist eine Schlüsselfrage«, sagt Christian Hey vom Sachverständigenrat für Umweltfragen. »Das wurde bisher komplett unterschätzt.«

Es ist der Boom der erneuerbaren Energien, der weltweit eine massive Veränderung der Netzstrukturen erfordert. Lange erwartete man von ihnen vor allem eine dezentrale Versorgung. Über Solardächer das eigene Haus mit Energie versorgen - das war etwa ein Plan der Ingenieure. Doch mittlerweile geht es auch um Riesenprojekte, manche davon sind ökologisch umstritten, wie die Staudämme in China zum Beispiel. In Deutschland dagegen stehen die Windparks im offenen Meer im Mittelpunkt. Ingenieure wie Seith müssen dabei nicht nur über die Transportwege nachdenken. Ein weiteres Problem: Nicht immer weht der Wind stark genug, um Energie gleichmäßig in die Netze einspeisen zu können. Anders als bei konventionellen Kraftwerken kann man nicht plötzlich mehr produzieren, wenn in der Dämmerung alle die Lichter einschalten - oder die Produktion runterfahren, wenn die Menschen zu Bett gehen. Die Abkehr von herkömmlichen Energiequellen bedeutet damit auch, dass neue Speicher entwickelt werden müssen. Bei alldem sind Ingenieure gefragt.
Stefan Seith etwa arbeitet daran, Strom auch über Hunderte und Tausende Kilometer von A nach B zu bringen. Aus welcher Quelle der Strom stammt, weiß er oft gar nicht, es spielt für ihn auch keine Rolle. Wenn er von seiner Arbeit erzählt, spricht er von »Elekdromodoren« und »Dächnik« - und klingt dabei wie Lothar Matthäus. Seith stammt aus dem 800-Einwohner-Dorf Reichenbach in Unterfranken. Er spielt dort in der Blaskapelle Tuba; beim FC Teutonia Reichenbach hilft er ab und zu als Verteidiger in der Fußball- Kreisklasse aus. Für ihn ist das ein Ausgleich zu seinem Arbeitsleben, in dem er mal nach China reist, mal mehrere Monate in San Francisco lebt. Denn mit seinen Kollegen prüft und testet Seith nicht nur im Vorfeld die Leittechnik für Stromnetze, sondern sorgt auch für den Einbau vor Ort.

In China etwa haben sie am Bau einer 1400 Kilometer langen Netzstrecke mitgearbeitet. Dort gewinnt eine Wasserkraftanlage im Südwesten Energie für etwa fünf Millionen Haushalte. Vor allem in den energiefressenden Megastädten Hongkong und Guangzhou im Südosten kommt der Wasserkraftstrom nun aus der Steckdose. Auch in Deutschland muss bald kräftig ausgebaut werden. Derzeit sind hierzulande die Hochspannungsleitungen insgesamt etwa 22 000 Kilometer lang. In den nächsten Jahren sind für etwa sechs Milliarden Euro mindestens 3500 weitere Kilometer nötig - das hat die Deutsche Energie-Agentur berechnet. Denn wenn etwa Offshore-Windparks eine tragende Rolle bei der Energieversorgung übernehmen sollen, muss erst einmal ein Transportnetz aufgebaut werden, das die großen Strommengen von der Nordsee übers Land verteilen kann. Bei Stefan Seiths nächstem Projekt geht es um vergleichsweise kurze Strecken: Zwei Windparks, die 125 Kilometer nordwestlich der Insel Borkum liegen, sollen 2013 betriebsbereit sein und können dann so viel Strom erzeugen wie ein größeres Kohlekraftwerk.

Im Erlanger Laborraum testet Seith mit seinen Kollegen die Technik, mit der die Energie vom Windpark in die Wohnhäuser und Büros geleitet werden soll. 20 Schaltschränke stehen auf der linken Seite des Raums, 20 auf der rechten; jeder von ihnen voller Knöpfe, Drehschalter, Prozessorkarten und Kabel in Rot, Grün, Grau, Schwarz, Gelb, Orange, Lila. In der Raummitte sitzt Seith mit einem guten Dutzend Kollegen vor fast 40 Bildschirmen, steht immer wieder auf, wuselt hin und her. Manchmal simulieren sie hier Krisenszenarien, etwa einen Netzausfall. Dann geht es um Sekundenbruchteile: Am Computer sieht Seith auf die Millisekunde genau, wann an welcher Stelle des Netzes die Störung zustande gekommen ist. Mal ist ein Kurzschluss schuld, mal der Kontakt wegen eines defekten Schalters unterbrochen. Seith erkennt so etwas schon nach einem Blick auf eines der vielen Kurvendiagramme, die aus einem Drucker quellen. Die Kurven und Daten studiert er wie ein Arzt ein Elektrokardiogramm. Ist das Problem erst geortet, dann könnte im Ernstfall sofort ein Techniker losgeschickt werden, um den Fehler zu beheben.

Seit vier Jahren arbeitet Stefan Seith für Siemens, seit vier Jahren sind Stromnetze seine Welt. »Ich mag es, dass ich nicht nur Bits am Computer zähle, sondern auch Einsatzorte sehe«, sagt er. Selbst wenn er privat unterwegs ist, hält er oft an Autobahnraststätten in der Nähe von Umspannwerken an. »Meine Freundin ist schon genervt, wenn ich ihr die erklären möchte.« Bereits als Kind hat er mit einem Experimentierkasten Schaltungen nachgebaut. Doch dass er einmal für Strom in Hongkong und San Francisco sorgen würde, schien vor zehn Jahren noch unwahrscheinlich. Damals hatte er einen Realschulabschluss und eine Ausbildung zum Energie-Elektroniker hinter sich. Das sah eher nach einer Karriere in der Fertigung am Band aus. Doch Seith wollte mehr: Er machte das Abitur nach und studierte Energietechnik und Anlagenautomatisierung an der Nürnberger Fachhochschule. Ähnliche Studiengänge wie Energieverfahren- und Prozesstechnik an der TU Berlin oder Regenerative Energietechnik an der FH Flensburg bereiten Studierende immer gezielter auf die Energiebranche vor.

Wenn Seith heute seine Arbeit erklärt, redet er von Gleichrichtern, Lichtwellenleitern und Kompensationsdrosseln; oft aber spricht er auch nur von VSC, TFR, FPT, SVC, DPT, HGÜ - Ingenieure scheinen in einer geheimnisvollen Welt zu leben. HGÜ etwa steht für Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung. Diese Technik sorgt dafür, dass auf sehr langen Übertragungswegen möglichst wenig Strom verloren geht - er also effizient genutzt werden kann. Bisher wurde HGÜ besonders in Ländern wie China oder Indien eingesetzt. Doch auch bei Netzstrecken mit Seekabeln, wie sie bei den deutschen Offshore-Windparks nötig sind, gilt die Technik als Ideallösung. Das betrifft auch Stefan Seith: Seinem neuen Projekt wird er wieder einmal hinterherziehen - diesmal eben aufs Meer. Um die Energie an Land zu leiten, wird eine schwimmende Plattform auf dem Meer errichtet, ähnlich einer Bohrplattform. Seith wird jeden Schaltschrank vor Ort persönlich überprüfen - und deshalb für drei Monate sogar auf der Plattform wohnen, falls es dort genügend Platz gibt. Wenn nicht, wird er wohl jeden Tag mit dem Boot oder dem Hubschrauber von der Küste zur Arbeit anreisen. Vielleicht sieht so ja das Pendeln der Zukunft aus.

Aus DIE ZEIT :: 18.11.2010

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