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Einstürzende Altbauten - neue Modelle der Ökonomen zur Bewältigung der Finanzkrise

VON UWE JEAN HEUSER

Die Krise hat die Ökonomen kalt erwischt. Neue Modelle sind gefragt. Kein Problem, sagt die Wissenschaft.

Einstürzende Altbauten© Alex Slobodkin - iStockphoto.comZur Bewältigung der Finanzkrise sind Ökonomen gefordert, neue Modelle zu entwickeln - die Wissenschaft hat sie schon
Montgomery Marvin ist ein junger Ökonom, der die Welt verändern will. Aber erst brauche er eine Professur auf Lebenszeit, sagt sein Mentor in Harvard, und die erhalte man nicht, wenn man zu nah am richtigen Leben forsche. Also etabliert sich Marvin mit Modellen über die Preisbildung auf dem Kühlschrankmarkt. Alles geht dort streng rational vor sich. Privat entwickelt er eine ganz andere Theorie, die von Euphorie, Gier und Vergesslichkeit handelt - und Ausschläge an der Börse vorhersagt. Damit spekuliert sich Marvin ein Vermögen zusammen und setzt es für ein besseres Amerika ein. Er finanziert Friedensforschung beim Militär und fördert die Chancengleichheit der Frauen. Der Mann ist erfunden, und zwar vor 22 Jahren von dem Harvard-Ökonomen John Kenneth Galbraith. Die Hauptfigur aus dem Roman A Tenured Professor (»Ein beamteter Professor«) ist aktuell: Als Ökonom kommt man mit strengen, aber irrelevanten Theorien voran, sagt sie. Im Leben dagegen macht man große Sprünge mit Ideen über das Ungeordnete und Allzumenschliche.

Hier der Wirtschaftswissenschaftler, dort die Wirklichkeit: Zeitlebens regte sich Galbraith über Kollegen auf, die so taten, als funktioniere die Welt wie der Markt für Kühlschränke in geordneten Bahnen und brauche keine Regeln. Sie ignorierten Finanzblasen, weil sie in ihren Modellen nicht vorkamen, oder wollten nicht wahrhaben, dass es in der Marktwirtschaft nicht bloß um Konkurrenz, sondern auch um Macht und Ohnmacht der Konzerne und des Staates geht. Keine Frage, Galbraiths große Zeit wäre heute. Doch der alte Mann starb kurz vor der Finanzkrise. Jetzt hört die Kritik an den Ökonomen gar nicht mehr auf. Und sie geht so: Selbstgewiss forderten die tonangebenden Leute bis 2008 die Deregulierung der Finanzwelt, die dann die Welt mit entfesselter Kraft in die Krise riss. Alle Zweifel an ihrer Theorie wiesen sie von sich - und sahen die Krise nicht kommen.

Das Besondere im Jahr fünf der Finanzkrise: Die Kritik kommt aus dem Herzen des Establishments. Früher argumentierte der Schweizer Chef des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts oft marktliberal, heute schwört Thomas Straubhaar öffentlich den alten Weisheiten ab und verlangt, dass die Ökonomen eng mit Historikern, Psychologen oder Umweltforschern zusammenarbeiten. Auch der amerikanische Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft hat genug von der alten Theorie. Dennis Snower will jetzt in einem großen Projekt erforschen, was Menschen wirklich motiviert - und mit den Ergebnissen die wirtschaftliche Entwicklung besser erklären. Heute winkt für solche Projekte viel Geld. George Soros, milliardenschwerer Spekulant und Philanthrop, hat als Hauptsponsor ein Institut ins Leben gerufen, das Institute for New Economic Thinking (INET). Vergangene Woche hielt die Organisation ihre Jahreskonferenz in Berlin ab, und die Anziehung war groß. Im Orbit von INET sind Nobelpreisträger und Institutsleiter ebenso unterwegs wie junge Rebellen von der Forschungsfront. Ein paar Stunden in dem Tagungsgebäude am Brandenburger Tor, und man merkte: Die Reformationsbewegung ist kaum noch zu stoppen.

Deutsche Ökonomen, besessen von ihrer Denkschule? Das stimmt einfach nicht

Begonnen hat sie vor mehr als einem halben Jahrhundert, als Ökonomen wie der spätere deutsche Nobelpreisträger Reinhard Selten in Experimenten erforschten, wie die Menschen als Sparer, Konsumenten oder Arbeitnehmer wirklich ticken. Antwort: Jedenfalls nicht so eigennützig und effizient wie gedacht. Psychologen und Hirnforscher nahmen sich der ökonomischen Frage ebenfalls an, und ihre Indizien formten sich langsam zu einem Bild. Weder konnten noch wollten die Menschen oft so rational sein, wie die maßgeblichen Ökonomen es ihnen zuschrieben. Egal, antworteten die Gralshüter verbissen, im Schnitt erklärt unser Modell die Wirtschaft doch am besten. Ein neues, ein realistischeres zu entwerfen, das erschien ihnen unnötig. Das alte war extrem erfolgreich, die Deregulierung in aller Welt schien ihnen recht zu geben. Und doch ließen die Reformatoren nie locker. Lange vor der Krise erklärten Spitzenforscher das Auf und Ab der Finanzmärkte mithilfe von ansteckenden Emotionen wie Euphorie und Angst, und ihr Vorreiter, Robert Shiller aus Yale, war einer der wenigen, der die Krise wirklich kommen sah. Auch die selbst ernannten »libertären Paternalisten« um Richard Thaler aus Chicago fanden viel Gehör. Ihre Botschaft: Menschen sind mitunter nicht gut darin, ihr eigenes Interesse zu verfolgen, da kann der Staat mit psychologisch ausgeklügelten Signalen den Weg weisen und dafür sorgen, dass sie beispielsweise mehr Geld fürs Alter zurücklegen oder sich richtig versichern.

Schön und gut, aber die deutschen Ökonomen hingen weiter an ihrer Denkschule, behaupten hiesige Kritiker dann. Stimmt nur nicht, die drei nach Preisen und Publikationen wohl erfolgreichsten Forscher der vergangenen Jahre sind Anti-Ideologen. Axel Ockenfels, 43, aus Köln studiert menschliches Verhalten im eigenen Testlabor und nutzt die Ergebnisse, um Märkte so zu formen, dass sie den Menschen dienlich sind. Ein Markt ist für ihn nicht per se gut oder schlecht, die Frage ist nur, wann er funktioniert. Armin Falk, 44, aus Bonn zeigt, wie unsere Haltung zu Fairness oder auch zum Risiko die Wirtschaft bestimmt - und erforscht in groß angelegten Experimenten, wie Sozialpolitik wirksamer werden kann. Und Roman Inderst, 42, aus Frankfurt hat vor der Krise das Verhältnis der Banken und ihrer Kunden erforscht. Daher kann er heute sagen, wo Regulierer ansetzen müssen.

Ganz fair ist die nun aufbrandende Kritik also nicht. Ohnedies dachten die großen Ökonomen vom britischen Staatsfreund John Maynard Keynes bis zum österreichischen Freiheitsdenker Friedrich August von Hayek den menschlichen Faktor in der Wirtschaft bereits mit. Erst ihre Jünger, die Keynesianer und die Neoliberalen, ließen ihre Ideen zu Standardforderungen erstarren - bis eben die Gegenreaktion einsetzte. Doch eines ist wahr: Krisen sind der Turbo in der Weiterentwicklung des ökonomischen Denkens. Manchmal ist es auch nur ein Moment. So verweigerte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung im Frühling 2009 seine Konjunkturprognose, weil die Wirklichkeit Kapriolen schlug, die das Modell einfach nicht vorsah. Ehrlich war das schon, aber was ist eine Wissenschaft wert, die ausgerechnet dann nichts erklären kann, wenn es besonders spannend wird? Jetzt kommt also alles zusammen, was die Reformation braucht: der Zweifel, das Geld, die Thesen. Die Aufgabe hat George Soros so schön benannt. Die Ökonomen müssten »den Wandel selbst erforschen«, sagte der Geldgeber. Bisher haben sie den Zustand der Wirtschaft weitaus besser erklärt als deren Veränderung, die sich oftmals selbst beschleunigt. Genau da kommt der Mensch ins Spiel, der mal gierig nach Geld strebt und mal für Gerechtigkeit einsteht - der ganz normale Mensch, der nicht alle Eventualitäten wie ein Computer vorherberechnet, sondern sich von der Euphorie anderer anstecken lässt oder sie selbst entfacht. Zu verstehen, wie Prozesse des gegenseitigen Hochschaukelns oder Niederreißens entstehen, zu sagen, wann daraus neue wirtschaftliche Aktivität entsteht und wann Lähmung - das ist vielleicht das größte Geheimnis, das die Ökonomen der Wirklichkeit entreißen können.

Ob bei Krise oder Umwelt: Ökonomie ist die Lehre der harten Entscheidungen

Gelingt das, hätten die Wissenschaftler der Gesellschaft viel zu sagen, und das nicht nur darüber, wie Blasen entstehen und platzen und wie man Krisen lindert. Sie könnten auch erklären, wie eine ökologische Verhaltenswende abläuft und wie der Staat sie befördern kann. Denn ohne dass die Bürger die Umweltwende selbst in ihrem Alltag unterstützen, wird sie den Politikern nicht gelingen. Antworten auf die großen Fragen von heute sind es, die als Lohn der Anstrengung winken. Jetzt zählt es also für die Ökonomen. Gefahren lauern an jeder Ecke. Im Elfenbeinturm, aber auch außen. Da warten Gegner, die der alten Ideologie gleich eine neue entgegensetzen wollen. Mehr Ethik, so fordern sie - und meinen mehr Umverteilung. Weniger Ökonomismus, sagen sie - und hoffen darauf, dass ihre eigene Disziplin wieder mehr gehört wird. Egal, von welcher politischen Seite sie kommen, solche Kritiker verwehren der Ökonomie die so wichtige Phase des Suchens. Einseitig fiel auch das Memorandum Für eine Erneuerung der Ökonomie aus, das besorgte Sozialwissenschaftler im März veröffentlichten. Ihnen zufolge kannten die Ökonomen bis zur Krise nur die kalte Marktlogik, und voran kamen nur solche Forscher, die sich ihr ergaben. Klingt gut, stimmt aber auch nicht. Viele junge Spitzenforscher räumen ja längst mit der alten Lehre auf und kommen dem Menschen auf die Schliche. Von der Hirn- bis zur Evolutionsforschung, es gibt kaum eine vielversprechende Disziplin, die Ökonomen heute nicht für ihre Arbeit nutzten. Falsche Freunde haben die Ökonomen also genug. Ihre historische Chance, neu zu denken, wahren sie nur, wenn sie offen bleiben, auch für unliebsame Ergebnisse. In Sack und Asche müssen sie nicht gehen. Ihre Wissenschaft handelt vom Menschen und ist deshalb oft unsicher, vage, wechselhaft. Aber sie hat einen harten Kern, und das ist die Knappheit. Die Ökonomie zeigt uns das Wechselspiel von Wollen und Verzicht.

Im vergangenen Jahrzehnt zum Beispiel war die Arbeit in Deutschland zu teuer und zu unflexibel, ohne Opfer gab es da keinen neuen Wohlstand. Jetzt hat die Volkswirtschaft die Stärke, um den Schwachen besser zu helfen. Wie damals die Agenda 2010 wird heute das europäische Sparregime kritisiert. Doch es drohen Inflation und Kreditausfall, wenn Europa jetzt noch mehr Geld ausgibt. Und wer sagt, Benzin sei zu teuer, bekommt es mit Ökonomen zu tun - tatsächlich brauchen die Menschen das Signal, dass es teuer ist, die Umwelt mit dicken Autos zu belasten. Ökonomie, ob links oder rechts, ist eben die Lehre der harten Entscheidungen. Und je mehr ihre Gegner hoffen, sie könnten sich vor diesen Entscheidungen drücken, indem sie die Wirtschaftswissenschaft verteufeln - desto dringender wird sie gebraucht.

Aus DIE ZEIT :: 19.04.2012

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