Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Eiskalt rausgeprüft

Von Peter Wagner

Ingenieure werden gesucht - doch das Studium schreckt viele ab. Die Durchfaller- und Abbrecherquoten sprechen Bände.

Eiskalt rausgeprüft© micjan - Photocase.comEin besser strukturiertes Studium soll die hohe Abbrecherquote im Ingenieursstudium verringern
Daniel studiert im letzten Diplomjahrgang an der TU Darmstadt, und er hat turbulente Zeiten mitgemacht. Die Hochschule hat sich mit der Studienreform verändert, Mathedozenten sind gekommen und gegangen. Deshalb wird Daniel, der seinen echten Namen nicht gedruckt sehen will, die Matheprüfung auch beim dritten Anlauf bei einem anderen Dozenten schreiben. Als er nach dem zweiten Versuch im September 2010 auf die Prüfungsergebnisse blickte, durchfuhr es ihn. Im ersten von zwei Prüfungsteilen, so war es aus einer Grafik zu lesen, gehörte er zu jenen 74 Prozent aller Teilnehmer, die durchgefallen waren. Trotz der hohen Quote, die später auf 68 Prozent korrigiert wurde, verzichteten die Durchfaller auf eine Rebellion. Die meisten stellten nur ganz vorsichtig die Frage, warum sie derart grob aus dem Studium geprüft werden sollten - wo doch das Land derzeit so laut nach Fachkräften ruft?

Die Erklärungen der TU Darmstadt für die hohe Durchfallquote blieben diffus. Von einem »Ausreißer« war die Rede. »Im Schnitt liegen die Durchfallquoten in matherelevanten Klausuren an der TU Darmstadt bei rund 30 Prozent«, sagt ein Sprecher. Der zuständige Studiendekan begutachtete die Ergebnisse und befand, dass das Wissen aus dem Mathematik-Grundkurs in der Oberstufe für eine 4,0 in der Prüfung ausreichte. Daniel ist sich da nicht so sicher. »Transferaufgaben auf diesem Niveau hatten wir in den Übungen vor der Prüfung nicht.« Der TU-Sprecher hält dagegen. »Ein Drittel der Punktzahl reichte aus, um zu bestehen - diese waren zu erreichen, ohne die anspruchsvolleren Transferaufgaben lösen zu müssen«, sagt er.

Nach dreieinhalb Studienjahren steht für Daniel alles, was er bisher erreicht hat, auf der Kippe. Fällt er in der Prüfung ein drittes Mal durch, wird er exmatrikuliert. Er wäre dann ein typisches Opfer des alten Studiensystems, sagt Manfred Hampe, Professor für Maschinenbau an der TU Darmstadt. »Aber Daniels Problem kann auch noch im neuen System auftreten.« Tatsächlich absolvierte Daniel die Matheprüfung gemeinsam mit Bachelorstudenten aus dem Wirtschafts- und dem Bauingenieurswesen. Viele waren im Erstversuch und fielen mit Daniel durch. Manfred Hampe kennt auch aus seinem Fachbereich Maschinenbau Geschichten von »Horrorklausuren«. Das systematische »Rausprüfen« gehöre nach seinen Worten aber der Vergangenheit an. Während früher nur gut 50 Prozent der Studienanfänger zum Abschluss gekommen seien, schafften es im Maschinenbau an der TU Darmstadt in jüngster Zeit 90 Prozent der Anfänger zum Abschluss, so Hampe

Die Universität habe bessere Wege gefunden, jene Menschen an sich zu binden, die zur ihr passten. Durchfallquoten werden häufig diskutiert, vor allem, wenn sie nach drei misslungenen Prüfungen zu einer Exmatrikulation und damit zum Abbruch eines Studiums führen. Als Ulrich Heublein vom Hochschul-Informations-System (HIS) im Jahr 2008 Zahlen zu den Studienabbrechern in den Bachelorstudiengängen herzeigte, war das Gegrummel bei vielen Arbeitgebern groß. Sie klagen häufig über den mangelnden Nachwuchs an Natur- und Ingenieurwissenschaftlern in Deutschland, und sie freuten sich daher auf das reformierte Studium, in dem mehr Studenten als früher zum Abschluss kommen sollten. Aber in der Fächergruppe Mathematik/Naturwissenschaften liegt die Studienabbruchquote an den Universitäten den Informationen des HIS zufolge auch nach Einführung des Bachelors konstant bei 28 Prozent. Im Maschinenbau stieg sie an den Universitäten sogar wieder an, von 30 auf 34 Prozent. Thomas Sattelberger, der Personalvorstand der Deutschen Telekom, machte für diese Zahlen unter anderem einmal die fiesen Durchfallquoten verantwortlich, die Studenten entweder zum Aufgeben zwingen würden oder sie vorzeitig vor dem Studium kapitulieren ließen, was auf dasselbe hinausläuft.

Sattelberger sprach vom »großen Problem, dass die Professoren Studenten rausprüfen«. Der Mathematikprofessor Peter Gritzmann von der TU München grinst, wenn er den Namen Sattelberger hört. »Er wäre auch nicht glücklich, wenn wir einfach nur eine große Anzahl von Absolventen per Dekret in die Firmen schicken würden, die aber dann nicht das nötige Niveau haben, um die Sicherheit eines Jumbojets oder die richtige Statik einer Brücke zu gewährleisten.« Gritzmann ist nicht bereit, die Anforderungen zu senken. Außerdem ist er davon überzeugt, dass, bis auf wenige Ausrutscher, die Zeit der brutalen Prüfungen vorbei sei. Was seine Uni betrifft, sorgten schon allein die Studienreform und die zunehmende Zahl an Studierenden dafür, dass sich die Art und Weise des Lernens und Prüfens ändere. Die Studienreform habe vor allem den Studieneinstieg anspruchsvoller gemacht. Es bliebe weniger Zeit, um fehlendes Schulwissen aufzuholen. »Und wenn 50 Prozent der Schüler eines Jahrgangs ein Studium aufnehmen, haben wir einen großen Anteil von durchschnittlich Begabten an den Hochschulen«, sagt er. Und fragt rhetorisch: »Wie gehen wir mit dieser Situation um?«

Gritzmann hat eine Antwort. An der TU München gibt es jetzt Eignungsfeststellungen vor dem Studium, es gibt Brückenkurse in Mathematik, und Gritzmann erzählt von einem Programm, in dem Studenten nach einem Jahr zu einem Gespräch mit ihrem Professor gebeten würden, in dem die Studienerfolge und die Ziele erörtert werden. Stolz berichtet er von den Folgen, die die intensive Auswahl, die Betreuung und die Beratung zum Beispiel in der Fachrichtung Maschinenbau haben. Von 1200 Studienanfängern im Jahr 2008 seien noch mindestens 75 Prozent im Hörsaal, sagt Gritzmann. Eine Quote, die derjenigen in Darmstadt ähnelt, wo die Verantwortlichen laut Manfred Hampe ein vergleichbares und ähnlich umfangreiches Betreuungspaket geschnürt haben. »Wir gucken, dass wir die Studenten bekommen, die zu uns passen«, sagt er.

Sollte diese Annäherung der Hochschulen an ihre Studenten zur Regel werden, könnte das Phänomen des eiskalten »Rausprüfens« vielleicht irgendwann der Vergangenheit angehören. Der Uni-Statistiker Uwe Heublein würde Gritzmann und Hampe vermutlich jetzt schon auf die Schultern klopfen. »Wenn man das Studium stärker strukturiert und die Studienzeiten einhalten will«, sagt er, »muss man die Betreuungsintensitäten erhöhen und didaktische Änderungen vornehmen.« Daniel wird von dieser Zukunft nicht mehr profitieren. Er hat bis auf Mathe alle Klausuren bestanden und kann manchmal nicht glauben, dass seine Güte allein am Bestehen nur einer Prüfung gemessen wird. Aber er bleibt zäh. Eine Eigenschaft, die vielleicht doch noch einen Ingenieur aus ihm macht.

Aus DIE ZEIT :: 27.01.2011

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote