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Elite an der Tafel

Von Michael Rosbash, aus dem Amerikanischen von Karen Schmidt

Von den siegreichen Hochschulen der Exzellenzinitiative wird erwartet, dass sie ein Terrain erobern, das fast ausschließlich von den großen Forschungsuniversitäten der Vereinigten Staaten besetzt ist. Deren Führungsposition, ihr Status im doppelten Wortsinn - ihr tatsächlicher wissenschaftlicher Rang und ihr Prestige -, ist so beachtlich, dass selbst beträchtlich erhöhte Forschungsbudgets für ausgewählte deutsche Universitäten nicht genügen werden, um diese an die Spitze der Weltrangliste zu bringen.

Elite an der Tafel© Neelz - Photocase.de
In meinem Spezialgebiet, den Life Sciences, müssen selbst die besten deutschen Universitäten mit den Max-Planck-Instituten (MPI) um hochrangige Wissenschaftler konkurrieren. Zu den Vorzügen der Direktorenposten an den Instituten zählt unter anderen die Garantie für lebenslange, großzügig bemessene
Forschungsgelder.

Außerdem hat ein Max- Planck-Direktor keine Lehrverpflichtungen, schon gar nicht gegenüber Studenten im Grundstudium.

Im Gegensatz dazu sind die meisten hochkarätigen Forscher in den USA vollständig in das Universitätssystem integriert. So sind die meisten derzeit aktiven Mitglieder der National Academy of Sciences an Forschungsuniversitäten und nicht in Forschungsinstituten tätig. Außeruniversitäre Institute haben in den Vereinigten Staaten insgesamt einen wesentlich geringeren Anteil an den Forschungsleistungen als die Max-Planck-Gesellschaft in Deutschland. Ich selbst und die meisten meiner 300 Kollegen am privat finanzierten Howard Hughes Medical Institute (HHMI) haben eine den MPIDirektoren vergleichbare Position und sind fest angestellt, aber die Wissenschaftler am HHMI erhalten ihre Forschungsgelder nicht zeitlich unbegrenzt. Ihre Leistungen werden alle fünf Jahre eingehend überprüft.

Noch entscheidender ist, dass die meisten von uns als Professoren direkt an den erstklassigen Universitäten arbeiten, eine Professur dort gehört zu den begehrtesten und prestigeträchtigsten Po si tionen einer wissenschaftlichen Karriere. Aus diesem Grund haben die meisten hochrangigen Forscher auch alle Verpflichtungen von Universitätsprofessoren, einschließlich der Lehrveranstaltungen für Undergraduates.

Tom Cech, der gegenwärtige Präsident des HHMI und Chemienobelpreisträger, gab jahrelang Chemieseminare für Hunderte von Studienanfängern an der University of Colorado. Doug Melton, ein Forscher am Howard Hughes Medical Institute und führender Stammzellbiologe, unterrichtet zusätzlich zu seinen Biologie-Einführungsveranstaltungen Bioethik in Harvard. Auch viele andere hoch angesehene Forscher sind erstklassige Lehrer.

Die US-amerikanischen Eliteforschungsuniversitäten legen größten Wert darauf, ihren Studenten herausragende Lernerfahrungen zu ermöglichen. Den Studenten an diesen Universitäten kommt das Verhältnis von 7 bis 17 Studenten pro Professor zugute, das gilt auch für staatliche Universitäten wie die Michigan State und die Ohio State University, die sich am oberen Ende dieser Rangliste befinden. Im Vergleich dazu ist ein Professor in Göttingen, Kassel, München und Münster für 50 bis 70 Studenten zuständig.

Ein wichtiger Faktor für die Qualität der Lehre ist der Etat der Universitäten. Die Universität Bonn gibt etwa 8900 Euro pro Student im Jahr aus, während die Michigan State und die Ohio State University etwa
24 000 Euro für einen Studenten jährlich veranschlagen.

Diese Vergleiche verdeutlichen in erster Linie, dass deutsche Universitäten wesentlich in die Lehre investieren müssen, um ihren Eliteanspruch zu erfüllen. Der Elitestatus ist ohne herausragende Ausbildung der Studenten im Grund- und Hauptstudium nicht zu verwirklichen. Um ihn zu erreichen, sind weitaus größere staatliche Investitionen erforderlich, und möglicherweise kommen beträchtliche Studiengebühren auf die Studenten und ihre Familien zu. Sogar staatliche Universitäten wie die Michigan State und Ohio State University verlangen Studiengebühren von circa 6500 Euro pro Jahr, private Institute kosten noch weitaus mehr.

Zweitens müssten die unterschiedlichen Arbeitsbedingungen für Forscher an einem Max-Planck-Institut und an einer deutschen Universität möglichst angeglichen werden: weniger Vergünstigungen und mehr ernsthafte Lehrverpflichtungen für die Direktoren der Max-Planck-Institute.

Diese Maßnahmen sind zwar weitaus radikaler und teurer als die gegenwärtige Würdigung universitärer Forschungsleistungen, aber ohne sie ist es unwahrscheinlich, dass deutsche Universitäten den Elitestatus erreichen können.


Über den Autor
Michael Rosbash ist Biologieprofessor an der Brandeis University in den USA und Forscher am Howard Hughes Medical Institute

Aus DIE ZEIT :: 06.12.2007

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