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Elite, weggekürzt

Von Jan-Martin Wiarda

Eine leistungsgerechte Bezahlung von Professoren ist für die meisten Universitäten viel zu teuer.

Elite, weggekürzt: leistungsgerechte Bezahlung zu teuerMarcus Müller ist Bundesvorsitzender des Promovierenden- Netzwerks Thesis
Manchmal hilft ein Vergleich, auch wenn er ein bisschen hinkt. Wenn Marcus Müller erklären will, warum deutsche Wissenschaftler zu wenig verdienen, erzählt er die Geschichte von dem BWL-Absolventen, der direkt nach dem Examen bei einer Unternehmensberatung anfängt und auf Anhieb mehr verdient als sein Professor. "Das kann doch nicht sein", sagt Müller, Bundesvorsitzender des Promovierenden- Netzwerks Thesis.

"Es ist doch kein Wunder, wenn dann viele der klügsten Köpfe die Uni verlassen oder ins Ausland gehen." Zwar ist der Absolvent Angestellter und der Professor höchstwahrscheinlich Beamter, was ihm am Ende trotz geringeren Gehalts möglicherweise mehr in der Lohntüte lässt. Aber Müllers Botschaft kommt an, ebenso wie die folgende Standardwarnung, die an deutschen Hochschulen bei Diskussionen ums Geld nie fehlen darf: die vor einem fortgesetzten Braindrain ins Ausland.

Tatsächlich liegen deutsche Universitätsprofessoren mit einem Durchschnittseinkommen von rund 70 000 Euro Zehntausende unter dem, was ihre Kollegen in der Schweiz oder in den USA verdienen. Hinzu kommt eine auffällige Spreizung zwischen den Bundesländern: Am meisten bekommen Hochschullehrer in Hessen (82 500 Euro), am wenigsten in Schleswig-Holstein mit knapp 66 000 Euro. Die Debatte um die Professorengehälter ist mindestens so alt wie die deutsche Massenuniversität, doch in letzter Zeit hat sie an Heftigkeit gewonnen. Verantwortlich dafür sind zwei grundlegende Veränderungen im deutschen Hochschulsystem: der Exzellenzwettbewerb und die neue, leistungsorientierte Bezahlung der Hochschullehrer, die sogenannte W-Besoldung. War vorher viel von Gleichheit und wenig von Wettbewerb die Rede, sind seitdem Qualitätsunterschiede zwischen den Hochschulen erwünscht, ebenso wie Abstufungen in der Bezahlung der Wissenschaftler, je nach ihrer Leistungsfähigkeit und ihrem persönlichen Einsatz. Doch fast scheint es so, als hätten die Politiker die Konsequenzen der Reform nicht zu Ende gedacht, als würden sie jetzt von ihr eingeholt. Denn wer zu den exzellenten Hochschulen zählen will, braucht eben auch heraus ragende Wissenschaftler, und die kosten viel Geld.

Geld, das die Wissenschaftsminister meistens nicht haben: In den vergangenen Jahren ist den Hochschulen vielerorts das Budget sogar gekürzt worden. Und auch wenn die Mittel mittlerweile dank Exzellenzinitiative und nötigem Studienplatzausbau wieder etwas großzügiger fließen - die Hochschulen stecken inmitten erbitterter Verteilungskämpfe, und das gleich auf mehreren Ebenen: ein Fach gegen das andere, Hochschule gegen Hochschule, Jungprofessoren gegen alte Ordinarien, reiche Bundesländer gegen arme. "Die Veränderungsdynamik im Wissenschaftssystem ist gewaltig, und sie ist ja auch zum Teil so erwünscht", sagt Peter Strohschneider, der an der Universität München Germanistik lehrt und seit zwei Jahren Vorsitzender des Wissenschaftsrats ist, eines einflussreichen Gremiums aus Politikern und Wissenschaftlern. "Doch einige Fehlentwicklungen sind besorgniserregend." Entscheidend für die Bezahlung eines Professors, so Strohschneider, dürften allein seine wissenschaftliche Leistung und Exzellenz sein, aber nicht die wirtschaftliche Attraktivität seiner Forschung.
Doch in der Realität werden womöglich immer mehr sachfremde Erwägungen die Berechnung bestimmen: Etwa die Frage, wie viel Geld ein Professor an Drittmitteln aus der Industrie einwirbt. Am Ende bekämen dann diejenigen Wissenschaftler am meisten, deren Forschungsprojekte rein anwendungsorientiert sind, während die Grundlagenforschung leiden würde. Auch die Folgen für die ohnehin schon stiefmütterlich behandelte Lehre könnten gravierend sein: Sie bringt der Uni kein zusätzliches Geld ein, also gibt es auch seltener eine Leistungszulage für den Professor - was den wiederum noch mehr in die Forschung treibt. Schließlich könnten durch die neue Besoldung die jungen Profs gegenüber den älteren benachteiligt werden, weil die Unis den teuren internationalen Einkauf angesehener Wissenschaftler finanzieren, indem sie den Erstberufenen jegliche Zulagen verweigern - gerade zulasten der Geisteswissenschaften und zugunsten der Naturwissenschaften
eine mittlerweile gängige Praxis.

Strohschneider weiß, dass die Forderung, die sich aus alldem ergibt, wenig kreativ klingt, aber - so betont er - sie sei die einzig logische. "Wettbewerb kann etwas sehr Heilsames sein, doch wer ihn will, muss die Unterfinanzierung des Hochschulsystems beenden, denn die ist nicht gottgegeben, sondern eine Entscheidung der Parlamente und der Politik."

Das weiß auch Dieter Austermann. Der CDU-Politiker ist Wissenschaftsminister von Schleswig- Holstein, dem Schlusslicht der Gehaltstabelle. Das Bundesland hat keine Elite-Uni, immerhin sind zwei Exzellenzcluster und zwei Graduiertenschulen in den Norden gegangen. Über Forderungen, die Professorengehälter auf internationales Spitzenniveau zu heben, kann er nur lächeln. "Wir wären schon froh, wenn wir mittelfristig den heutigen Bundesdurchschnitt erreichen könnten." Dann fügt er hinzu, was ein Wissenschaftspolitiker aus einem armen Bundesland wohl sagen muss: Es komme zum Glück nicht nur aufs Geld an, mit Bürokratieabbau und mehr Freiheiten für die Hochschulen könne man auch schon eine Menge erreichen. Am Ende aber, so Austermann, laufe dann doch wieder alles aufs Geld hinaus - beziehungsweise auf sein Fehlen. "Hätten wir in Schleswig-Holstein Studiengebühren, wären die Unis um 30 oder 35 Millionen Euro reicher, so aber fallen wir zurück."

Der vielleicht brutalste Verteilungskampf an deutschen Hochschulen bleibt bei der Debatte um die Professorengehälter und internationale Konkurrenzfähigkeit indes unberücksichtigt. Es ist der zwischen den Professoren und all jenen, die in den Mühlen des Mittelbaus stecken und oft kaum noch die Aussicht haben, es auf einen Lehrstuhl zu schaffen. "Die Professoren beschweren sich, dass sie nur 4000 oder 5000 Euro im Monat haben, viele Doktoranden sitzen auf halben Stellen und haben vielleicht 1000 Euro netto", sagt der Ägyptologe Marcus Müller von Thesis. Peter Strohschneider will das gar nicht in Abrede stellen. "Ein leistungsbezogenes System wird immer harte Auswahlentscheidungen treffen müssen - leider auch zulasten von Leuten und Berufschancen."

Aus DIE ZEIT :: 10.04.2008

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