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Und wo bleiben die Guten? - Elitenbildung an Massenuniversität

VON MARTIN SPIEWAK

Ein Plädoyer für eine Elitenbildung an der Massenuniversität.

Und wo bleiben die Guten? - Elitenbildung an Massenuniversität© olly - Fotolia.comSpezielle Förderung für die Talentiertesten - an Unis keine Selbstverständlichkeit
Die Universität ist kein Hort der Elite mehr, das ist aus vielerlei Gründen zu begrüßen. Doch darf sie es sich leisten, die künftige Elite zu ignorieren? Wenn die Hälfte eines Jahrgangs studiert, kann von einer Bestenauslese keine Rede sein - niemand muss das beklagen. Bedeutet dies aber, die Hochschulen sollten sich nicht mehr um die Besten bemühen? An deutschen Universitäten ist das ja so: Spricht man hier von Exzellenz oder Wettbewerb, dann meint man in der Regel die Professoren, vielleicht noch den wissenschaftlichen Nachwuchs, aber niemals die Studenten. Der sogenannte Elitewettbewerb belohnt mit vielen Milliarden die Spitzenforschung, eine Spitzenlehre gibt es nicht einmal als Wort. Und erst seit Kurzem entdecken einige Universitäten, dass auch Studenten Auszeichnungen verdienen und die Talentiertesten unter ihnen spezielle Förderung.

Als Maike Sube das Schreiben mit dem Uni-Stempel sah, dachte sie zuerst, sie hätte etwas falsch gemacht. Eine Anmeldefrist verschlampt, eine Bescheinigung vergessen. Das sind sonst die Gründe, warum sich eine Hochschule bei ihren Studenten meldet. Die angehende Biologin hatte jedoch alles richtig gemacht. Besser noch: Sube gehöre in ihrem Fach zu den fünf Prozent besten Studierenden ihres Jahrganges, stand in dem Brief. Die Hochschulleitung würde sich daher freuen, ihren weiteren Werdegang besonders zu fördern, gezeichnet: der Prorektor der RWTH Aachen.

Eine Urkunde mit der Auszeichnung schmückt seitdem Maike Subes Bewerbungsmappe. Im Career-Center der Hochschule durfte die Studentin mit anderen Auserwählten ihre Rhetorik und ihr Auftreten schulen. Ein Professorengutachten empfahl sie für ein Stipendium. Maike Sube bekam, was es an einer Massenuniversität nur selten gibt: das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. »Am besten fand ich, dass sich die Universität für mich und meine Leistungen interessiert«, sagt die 22-Jährige.

Dean's List heißt der exklusive Zirkel, dem Sube seit Kurzem angehört. Einmal im Jahr lässt sich Aachens Prorektor Aloys Krieg von den Dekanen aller Fachbereiche (englisch dean) eine Aufstellung ihrer leistungsstärksten Studierenden schicken. Mit der Bestenliste will die Hochschulleitung frühzeitig wissenschaftliche Begabungen entdecken und Topstudenten an die Uni binden. In der Forschung verstehe sich die RWTH schon lange als Spitzenuniversität, die herausragende Leistungen fördert, sagt Krieg: »Da sollte es selbstverständlich sein, dass wir den gleichen Anspruch in der Lehre haben.«

In Deutschland sieben die Schulen aus, doch die Unis behandeln alle gleich

Das ist es keineswegs. So verweisen alle deutschen Universitäten stolz auf ihr Angebot für besonders talentierte Schüler: Sie laden zur Kinder-Uni ein, öffnen ihre Labore für Experimentierkurse und erlauben den hellsten Köpfen ein Frühstudium. Für die eigenen talentierten Studenten dagegen unternehmen sie wenig, die meisten Unis sogar überhaupt nichts. Es ist paradox: In keiner anderen Industrienation sortiert die Schule so stark nach Leistung wie hierzulande. Die Hochschule dagegen behandelt alle Studenten gleich. Eine formale Differenzierung nach Können und Fleiß beginnt frühestens mit dem Master.

Die Gleichbehandlung mag sinnvoll gewesen sein, als die Universität nur einem kleinen Teil eines Altersjahrgangs offenstand, zehn Prozent in den sechziger Jahren, zwanzig Prozent bis Mitte der Achtziger. Heute jedoch beginnt jeder Zweite ein Studium, die Universität ist zu einer Art Gesamthochschule geworden. Es wird Zeit, dass sie sich so verhält.

Viele Hochschulen haben mittlerweile begonnen, sich um die Niveauunterschiede zu kümmern. In sogenannten Brückenkursen können Studienanfänger nachholen, was sie in der Schule nicht gelernt haben. Mentoren weisen den Weg durch die ersten Semester, Studienberater melden sich, wenn der Abbruch droht. Solche Hilfen zielen auf die richtigen Probleme - doch ist es richtig, dass sie nur auf Probleme zielen?

Denn fast alle Instrumente, um der neuen Vielfalt an den Universitäten zu begegnen, haben nur einen Teil der Studenten im Blick: jene im unteren Leistungsspektrum. Zwei Milliarden Euro investieren Bund und Länder bis 2020, um den Hochschulen zu helfen, den Andrang der Studierwilligen zu bewältigen und die Studienbedingungen zu verbessern. Über 250 Projekte kennt der sogenannte Qualitätspakt Lehre. Doch nur ein einziges Vorhaben richtet sich explizit an »besonders motivierte Studierende«: eine Kursreihe an der Hochschule Kaiserslautern. Brauchen die staatlichen Unis also neben der Massenbildung keine Pflege der Leistungsspitze?

Kommen die Überflieger auch gut alleine klar? Oder sollte man die Bestenförderung den privaten Hochschulen überlassen? Jedes Jahr veröffentlicht die Studienstiftung des deutschen Volkes, das wichtigste vom Bund getragene Begabtenwerk, ein Ranking derjenigen Universitäten, an denen prozentual die meisten Studienstiftler eingeschrieben sind. Die ersten Plätze belegen seit Langem Privatuniversitäten.

Langsam wächst die Zahl derjenigen, die das für keine gute Entwicklung halten. Eine Dean's List gibt es auch in Köln, Frankfurt und Würzburg. Neben einer Urkunde erhalten die Notenkönige - hier in den Wirtschaftswissenschaften - einen Professor als Mentor an die Seite. Zudem können sie bei regelmäßigen Treffen mit Unternehmensvertretern ihre Chancen auf interessante Praktika und Jobs steigern.

In Bonn klagte der Asta gegen die Elitenförderung - und bekam recht

Einen wissenschaftlichen Mehrwert bietet die Dean's List dagegen selten. Dieses Ziel verfolgt seit einiger Zeit die Berliner Humboldt-Universität. Für deren Präsidenten Jan-Hendrik Olbertz ist die Pflege besonderer Talente vom ersten Semester an eine Frage der Gerechtigkeit. »Wenn jeder Student sein Potenzial optimal entfalten soll«, so Olbertz, »müssen wir auch den Leistungsstärkeren etwas bieten.« An der Humboldt-Universität ist das der frühe Kontakt zur Forschung.

Im sogenannten Q-Programm der HU können Studierende eigene Forschungsfragen bearbeiten oder sich in laufende wissenschaftliche Projekte einklinken. Auf Antrag erhalten sie dafür ein kleines Budget sowie die Unterstützung von Doktoranden. Für ein weiteres Zusatzangebot nutzt die HU das Deutschlandstipendium, das Stipendienprogramm von Bund und Privatwirtschaft für begabte Studierende. Die meisten Unis leiten das Geld nur relativ einfallslos an die Begünstigten weiter. Die HU dagegen vereint die Stipendiaten in Themenklassen. Hier können sie sich über Fächergrenzen hinweg zu einer Fragestellung zusammentun, etwa zur Energiewende oder zum Bild des Alters in der Kunst.

Die Humboldt-Uni möchte mit dem Q-Programm die Universitätsidee ihres Namensgebers beleben: die Einheit von Forschung und Lehre vom ersten Semester an. In akademischen Sonntagsgebeten wird diese Einheit stets beschworen. Doch das forschende Lernen braucht Zeit und eine individuellere Betreuung. Wenn im Schnitt 64 Studenten auf einen Professor kommen, ist beides nur selten vorhanden. Also muss die Universität auswählen.

Im Prinzip darf sich jeder HU-Student für die Q-Kurse bewerben. Anders in Bonn, wo die Universitätsleitung auf die Idee kam, die Begabtesten auszuwählen, und sich damit Ärger einhandelte. Als bisher erste Universität hat die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität vor drei Jahren ein sogenanntes Honors-Programm aufgelegt, ein Bonusangebot für die Studierenden mit den besten Noten. Rund 100 Studenten werden jedes Jahr aufgenommen. Geld erhalten sie nicht, jedoch eine Extraportion Arbeit.

Die Honors-Studenten müssen neben dem normalen Bachelorpensum Kurse in Wissenschaftstheorie belegen, einen Kurs aus einem anderen Fach sowie ein Seminar besuchen, das eigens für Honors-Studenten angeboten wird. »Das Programm setzt einen Gegenakzent zur Spezialisierung des Bachelors«, sagt Prorektor Jürgen von Hagen. Kürzlich hat der Wirtschaftswissenschaftler gemeinsam mit einem Theologen ein Honors-Seminar angeboten. »Hungrig und hoch motiviert« seien die Studierenden gewesen, schwärmt von Hagen, »das hat Riesenspaß gemacht«.

Wenig spaßig findet die Bonner Studentenvertretung das Premiumprogramm. Die Honors-Kurse verletzten die Chancengleichheit, kritisiert Asta-Referent Simon Hansen. Zudem seien die Auswahlkriterien fragwürdig. »Das Ganze belohnt doch nur die, die sich sklavisch hinter die Bücher klemmen«, sagt Hansen.

Aus Protest klagte der Asta gegen das Programm. Das Verwaltungsgericht Köln gab den Studierenden recht: Exklusivangebote für leistungsstarke Studenten sehe das Hochschulgesetz nicht vor, so die Richter. Der Spruch erinnert an das berüchtigte Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 1972. Damals verbot das oberste Gericht den Universitäten, den NC zu verschärfen, um die Betreuung zu verbessern. Begründung: das sei »unzulässige Niveaupflege«.

Nun sind die Honors-Kurse für alle offen: Elite für jeden. Gezielt eingeladen werden jedoch nur die Auserwählten. Auch andere Universitäten lassen sich nicht durch den Kölner Entscheid abschrecken. Als Nächstes will die Uni Bochum mit einem Honors-Programm nachziehen.

Das Konzept stammt aus den USA. Hier gehört der Gedanke, Studenten, die mehr können, auch mehr zu anbieten, zum akademischen Grundverständnis. Ob Staatsuniversität, private Eliteeinrichtungen oder Provinzcollege: Fast alle Hochschulen kennen Bestenlisten (dean's list), Frühforschungsprogramme (research opportunity programs) oder Exzellenzkurse (honors classes). Besondere Tradition in den Geisteswissenschaften haben die Great books-Seminare. Hier müssen die Studenten die Klassiker der westlichen Geisteskultur von Aristoteles bis Max Weber lesen: pro Woche ein Buch.

Solche Angebote setzen auf Selbstselektion. Denn nur die wenigsten Studenten schaffen so ein Pensum. Doch es gäbe sie natürlich auch in Deutschland: Studierende, die nicht über den »Lernstress« und den »Notenterror« des Bachelors schimpfen, sondern sich im Gegenteil wegen Unterforderung langweilen; Erstsemester, die sich schon Jahre vor Studienbeginn mit ihrem Fach beschäftigt haben und bereits wissen, dass sie promovieren wollen. »Die Universitäten dürfen sich nicht darauf verlassen, dass die Besten sich schon irgendwie holen, was sie benötigen«, sagt Peter Strohschneider, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Damit liefen sie Gefahr, Talente nicht zu erkennen oder sie verkümmern zu lassen - auch das sei ungerecht.

Niemand muss dabei Angst haben, die Hochschulen würden über die Bestenförderung den Rest der Studierenden vergessen. Das zeigt das Beispiel der Technische Uni München. Als Exzellenzhochschule der ersten Stunde ist die TUM so etwas wie die Streberhochschule Deutschlands. Fragt man hier nach Förderprogrammen für begabte Studenten, erhält man eine Übersicht von über siebzig Seiten.

Es gibt Elitestudiengänge, Sommerschulen sowie eine Junge Akademie, in der die Notenbesten mit spezieller Unterstützung der Uni eigene Projektideen in die Tat umsetzen können. Ein schlechtes Gewissen wegen einseitiger Elitenförderung habe man deshalb jedoch nicht, sagt Regine Keller, die im TUM-Präsidium für die Lehre zuständig ist: »Das Geld und die Mühe, die wir auf die Unterstützung leistungsschwächerer Studenten verwenden, sind um ein Vielfaches größer.«

Aus DIE ZEIT :: 23.10.2014

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