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"Endlich mehr Kraft entwickeln" - Präsident der Max-Planck-Gesellschaft zieht Bilanz


VON ANDREAS SENTKER

Zwölf Jahre führte er die Max-Planck-Gesellschaft - nun zieht Peter Gruss Bilanz. Ein Gespräch über das Auf und Ab in der Wissenschaftspolitik.

"Endlich mehr Kraft entwickeln" - Max-Planck© Axel Griesch/MPGNach zwölf Jahren übergibt Peter Gruss sein Amt als MPG-Präsident

Amtswechsel

Der Zellbiologe Peter Gruss war seit 2002 Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, der führenden Institution der Grundlagenforschung in Deutschland.

Gruss hat sie in seiner Amtszeit stark auf Internationalität getrimmt: Neue Institute in Florida und Luxemburg wurden gegründet und viele Forscher aus dem Ausland berufen.

Diese Woche übergibt Gruss auf der Jahresversammlung der MPG in München sein Amt nun an den Chemiker Martin Stratmann.
DIE ZEIT: In der Hochschulpolitik soll endlich das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern fallen. Hätten Sie sich ein besseres Abschiedsgeschenk vorstellen können?

Peter Gruss: Nach dem jahrelangen Hickhack ist das wirklich eine gute Nachricht. Die Universitäten benötigen dringend zusätzliche Mittel. Die Länder können diese Aufgabe augenscheinlich nicht schultern. Nach einer Grundgesetzänderung, die uns jetzt versprochen wird, dürfte der Bund erstmals in die Grundfinanzierung der Hochschulen einsteigen. Das wäre eine wichtige Weichenstellung.

ZEIT: Auch das Budget der Forschungsorganisationen wie der Max-Planck-Gesellschaft wird in Zukunft weiter steigen. Das dürfte Sie freuen.

Gruss: Steigende Budgets sind natürlich besser als sinkende. Insofern stimmt die Richtung. Gleichwohl hätte ich mir mehr Courage gewünscht, etwa bei einem Ziel für Forschungsinvestitionen, das über drei Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung hinausgeht. Die Max-Planck-Gesellschaft benötigt ja allein vier Prozent jährlicher Zuwächse, um den Status quo ihrer Aktivitäten zu erhalten. Insofern ist die jetzige Regelung kein Grund für überbordende Euphorie. Interessant aber ist, dass die Länder ihren Anteil an der Finanzierung weiter herunterfahren und der Bund wichtiger wird.

ZEIT: Ist das ein Problem?

Gruss: Nur wenn der Bund stärker in die Inhalte eingreifen würde - was bislang nicht der Fall war und wogegen wir uns auch wehren würden.

ZEIT: Bislang sind die Institute der Max-Planck-Gesellschaft auf alle Bundesländer verteilt. Wenn nun der Einfluss der Länder sinkt, könnte sich die MPG längerfristig auf wenige Standorte konzentrieren. Das würde nicht nur Geld sparen, sondern auch kluge Köpfe zusammenbringen - wie an der amerikanischen Ostküste oder in Kalifornien.

Gruss: Aus wissenschaftlicher Sicht ist es sicherlich sinnvoll, in größeren Campus-Einheiten zu denken und so eine kritische Masse zu schaffen. Andererseits hat uns die gemeinsame Finanzierung durch Bund und Länder bisher unsere Unabhängigkeit gesichert. Wenn ich abwägen müsste, wäre mir die Unabhängigkeit wichtiger als ein etwa vom Bund allein finanzierter Standortvorteil.

ZEIT: Aber innerhalb der Bundesländer könnten Sie Ihre Ansiedlungspolitik konzentrieren.

Gruss: Das ist eine sehr vernünftige Überlegung. Wissenschaftshistoriker gehen davon aus, dass in Zukunft global nicht Staaten um die besten Köpfe konkurrieren werden, sondern regionale Cluster.

ZEIT: Also Boston gegen München, Shanghai gegen Berlin ...

Gruss: In München hatten wir nie ein Problem, die Weltelite anzuwerben. Hier stehen zwölf unserer Institute und zwei Spitzenuniversitäten. Damit können wir im Weltmaßstab konkurrieren.

ZEIT: Wollten Sie mehr solcher Zentren, müssten Sie sich von politischen Vorgaben emanzipieren.

Gruss: Die Politik agiert in Legislaturperioden mit einer Perspektive von vier Jahren. Wenn wir Institute gründen, sind die auf 20 bis 25 Jahre angelegt. Natürlich könnte man von einer Republik träumen, die ihre Spitzenforschung an zehn bis zwanzig Standorten konzentriert. Wenn wir das aber in zwei, drei Jahrzehnten haben wollten, müssten wir jetzt die Weichen dazu stellen. Das erscheint mir in der gegenwärtigen politischen Konstellation äußerst unwahrscheinlich.

ZEIT: Sie haben mehrfach dafür plädiert, das deutsche Wissenschaftssystem extern von führenden Experten begutachten zu lassen. Haben Sie je eine Reaktion darauf erhalten?

Gruss: Nein. Aber ich stehe zu diesem Vorschlag. Unser Wissenschaftssystem kann von alleine nicht die Kraft für maßgebliche Reformen entfalten. Das zeigen etwa die meist recht unverbindlichen Empfehlungen des Wissenschaftsrates. Zugespitzt gesagt: Die dort vertretenen Personen werden wohl kaum die Abschaffung ihrer eigenen Organisationen fordern.

ZEIT: Woran denken Sie konkret? Wollen Sie die Leibniz Gemeinschaft abschaffen?

Gruss: So weit würde ich nicht gehen. Aber die Leibniz-Institute wünschen sich selbst, enger in die Universitäten integriert zu werden - wie ihr Präsident, Matthias Kleiner, unlängst geschrieben hat. Die Helmholtz Gemeinschaft, die eigentlich Großforschungseinrichtungen betreibt, müsste man wiederum fragen, ob kleine Institute bei ihr tatsächlich richtig aufgehoben sind. Und ob Ministerien eigene Institute führen sollten, ist ebenfalls eine offene Frage. Nur eine Kommission, die international besetzt ist, kann darauf eine Antwort geben.

ZEIT: Sie haben immer mal wieder Überlegungen angestellt, die MPG könne selbst zu einer Universität werden.

Gruss: Unsere Doktoranden würden das sehr begrüßen. Denn sie hätten die international sichtbare MPG auf ihren Urkunden stehen und nicht nur die jeweilige Universität, die das Promotionsrecht hat. Zudem würden wir in internationalen Rankings sofort in die Spitzengruppe schießen, nach Harvard und Co. Die deutsche Forschung würde dadurch noch sichtbarer.

ZEIT: Die Helmholtz-Gemeinschaft macht es ja anders: Sie bildet mit universitären Partnern große Forschungseinheiten - etwa das Karlsruhe Institute of Technology (KIT) oder das neue Berliner Institut für Gesundheitsforschung BIG.

Gruss: Fusion um der Größe wegen kann nicht das Ziel sein. Das beweist das Scheitern des KIT in der zweiten Runde des Exzellenzwettbewerbs. Dabei hat das KIT nahezu die Hälfte des ganzen MPG-Etats. Die Frage ist doch, wie wir für unser Steuergeld den besten Forschungs-Output bekommen.

ZEIT: Für Universitäten scheint Helmholtz attraktiv.

Gruss: Klar, Helmholtz wird zu 90 Prozent vom Bund finanziert, das ist für jedes Bundesland ein Schnäppchen. Und auch für den Bund ist das attraktiv, da er so stärker Forschungsfelder definieren kann. Man sollte jedoch fragen, ob sich so tatsächlich die Forschungsqualität verbessert.

ZEIT: Wie macht es die MPG?

Gruss: Kooperation auf Augenhöhe, keine Fusion. Unsere Institute haben - das sagen Leistungsindikatoren ebenso wie die Kreativitätsforschung - eine ideale Größe, um Ideen zu generieren. Packt man die in eine Universität, ist der Vorteil dahin. Kooperiert man dagegen, entsteht ein echter Mehrwert. Weil wir auf internationale Spitzenkräfte setzen, können Max-Planck-Institute nicht nur eine Disziplin, sondern einen ganzen Standort international sichtbar machen.

ZEIT: Stark umstritten sind derzeit wieder Tierversuche. Braucht die Forschung neue Argumente?

Gruss: Sie braucht keine neuen Argumente, schließlich sind viele Durchbrüche in Pharmakologie und Medizin ohne Tierversuche nicht denkbar. Wir müssen diese Argumente aber viel nachvollziehbarer kommunizieren. Darum beschäftigt sich die Allianz der deutschen Forschungseinrichtungen und Forschungsförderer gegenwärtig genau mit der Frage: Wie können wir glaubwürdig nach außen vertreten, warum wir Tierversuche brauchen? Natürlich würden wir alle gern mit Gewebekulturen arbeiten: Das geht schneller, ist billiger und weniger umstritten. Leider sind solche Kulturen in vielen Fällen noch keine Alternative.

ZEIT: Sind vielleicht auch die Erwartungen an die Forschung zu hoch? Bei der Stammzellforschung habe viele deren Potenzial überschätzt.

Gruss: Ich habe selbst unterschätzt, dass die Zeiträume bis zur Anwendung dieser Forschung so lang sind. Heute haben wir einen ersten Einblick in die molekularen Prozesse, die das Schicksal von Zellen steuern. Von der Bildung neuer Organe aus Stammzellen sind wir jedoch weit entfernt.

ZEIT: Auch die mit der Entschlüsselung des Humangenoms verbundenen Hoffnungen haben sich bisher nicht erfüllt.

Gruss: Die typische Dynamik der Forschung folgt einer Sinuskurve: Wenn die ersten Daten kommen, steigt die Kurve der Erwartung rasant. Weitere Daten treiben die Hoffnung weiter hoch. Dann kommt die Wirklichkeit: Rückschläge, geplatzte Experimente, versagende Therapien - die Kurve der Erwartung sinkt. Was folgt, ist die Alltagsarbeit, mühsame, oft zeitraubende Weiterentwicklung. Und langsam stellen sich tatsächliche Erfolge ein, die Kurve beginnt wieder nach oben zu zeigen. Nur dauert eben alles viel länger als anfangs gedacht.

ZEIT: In einem Forschungsfeld ist dieses Versprechen schon Legende, bei der Kernfusion. Seit fünfzig Jahren heißt es: In fünfzig Jahren sind wir so weit, dann brennt das Sonnenfeuer auf der Erde.

Gruss: Der Fusionsreaktor Wendelstein 7-X im Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Greifswald steht vor der Fertigstellung. Ich war gerade zur Einweihung dort, und ich bin froh, dass wir uns nach Fukushima nicht auch noch aus dieser Forschung verabschiedet haben. Bis zum Ende des Jahrhunderts wird es neun Milliarden Menschen auf der Erde geben. Der Strombedarf wird sich versechsfachen. Jetzt können wir mit physikalischen Parametern die Fortentwicklung der Fusionsforschung nachweisen. Ich sage Ihnen voraus: Im Jahr 2050 werden wir das erste Fusionskraftwerk kommerziell am Netz haben.

ZEIT: Versprochen. Sollten wir den Tag noch erleben, erinnern wir Sie daran. Wird es dann auch die Grüne Gentechnik in Deutschland geben?

Gruss: Danach sieht es zurzeit nicht aus. Wir haben uns aus diesem Forschungsfeld verabschiedet. Während in den USA in den Kinos tonnenweise transgenes Popcorn konsumiert wird, schieben wir vermeintliche Gefahren vor.

ZEIT: Was ist schiefgelaufen?

Gruss: Wir haben es der chemischen Industrie überlassen, die Vorteile der Grünen Gentechnik zu propagieren, etwa die Resistenz gegenüber Pflanzenschutzmitteln. Das war zu wenig. Über intelligentere Möglichkeiten der Grünen Gentechnik - etwa trockenheits- oder salzresistente Pflanzen - haben wir zu wenig geredet und sie nicht konsequent genug verfolgt.

ZEIT: Hätte die öffentlich finanzierte Forschung nicht ein Gegengewicht bilden können?

Gruss: Wir haben das ja versucht. Aber nachdem jedes Versuchsfeld öffentlich bekannt gemacht werden musste, waren die Experimente der Zerstörung anheimgegeben - und die Forschung war tot. Ich habe mich damals bemüht, das zu verhindern. Vergeblich.

ZEIT: Hat Deutschland zu wenig in innovative Felder investiert?

Gruss: Ich meine, ja. Wir haben lange Zeit in unsere traditionellen Stärken investiert wie in die Automobilindustrie, den Maschinenbau oder die Optik. Neue Felder dagegen haben wir sträflich vernachlässigt. Nehmen Sie Big Data - die Daten werden uns überfluten und unseren Alltag verändern. Gegen Riesen wie Google, die immer neue Geschäftsfelder entwickeln und erobern, haben wir bald keine Chance mehr, wenn die Bundesregierung jetzt nicht konsequent in Forschung und Entwicklung investiert.

ZEIT: Aber die scheint erstarrt. Bisher hat die große Koalition in dieser Richtung wenig angeschoben.

Gruss: Die Bundesrepublik hat es immerhin geschafft, in Zeiten der globalen Finanzkrise die Investitionen in Forschung und Entwicklung massiv zu steigern. Doch wenn wir diese Politik nicht fortsetzen, gehört unser Wohlstand bald der Vergangenheit an.

ZEIT: Was heißt das konkret?

Gruss: Wir brauchen weiterhin mehr Geld für Forschung und Entwicklung und eine solide Grundfinanzierung der Universitäten. Ich glaube in dem Zusammenhang auch, dass wir ohne Studiengebühren nicht auskommen. Dass die Politiker in allen Bundesländern eingeknickt sind und die Gebühren wieder abgeschafft haben, empfinde ich als große Enttäuschung. Moderate Studiengebühren - und von nichts anderem reden wir - nützen den Universitäten nicht nur ökonomisch, sie zwingen sie auch, den gute Studienbedingungen zu bieten. Das verbessert die Qualität der Hochschulen wie die Situation der Studenten.

ZEIT: So deutlich waren Sie selten. Was macht Sie so sicher?

Gruss: Ich nehme eine ungeheure Dynamik in Ländern wie Israel oder Südkorea wahr. Wenn ich dann nach Hause komme und erlebe, wie schwer wir uns tun, die Weichen für unsere Zukunft zu stellen, dann wünsche ich mir schon, dass wir endlich mehr Kraft entwickeln.

Aus DIE ZEIT :: 05.06.2014

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