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Endlose Albträume - Trauma Afghanistan


Das Gespräch führte Sabine Etzold

Die Zahl der im Afghanistan-Einsatz traumatisierten Soldaten steigt. Viele von ihnen wollen die Symptome jedoch nicht wahrhaben, warnt der Militärpsychologe Karl Heinz Biesold.

Endlose Albträume - Trauma Afghanistan: MilitärpsychologeDr. med. Karl-Heinz Biesold
DIE ZEIT: Ein abendfüllender Spielfilm, ein Dokumentarfilm auf Arte, sogar in der Kultserie Lindenstraße: Die durch den Afghanistan-Einsatz traumatisierten Soldaten werden zum TV-Renner. Ist diese Medienpräsenz eigentlich hilfreich für die Betroffenen?

KARL HEINZ BIESOLD: Sie könnte helfen, die Stigmatisierung abzubauen, mit der Menschen mit psychischen Erkrankungen immer noch zu kämpfen haben. Sogar die betroffenen Soldaten selbst wollen ihr Problem nicht gern wahrhaben.

ZEIT: Wieso kann eine Friedensmission wie der Afghanistan- Einsatz eigentlich ein psychisches Trauma auslösen?

BIESOLD: Ein Faktor ist die tägliche Stressbelastung. In einer fremden Kultur ist man unsicher in der Einschätzung seiner Umgebung. Wenn man in Afghanistan über die Straße geht, sind da die bärtigen Männer, zum Teil in Zivil und schwer bewaffnet; sind das nun Taliban oder normale Bürger? Es entsteht ein allgemeines Bedrohungsgefühl.

Der zweite Faktor sind die Soldaten, denen wirklich etwas passiert, entweder direkt, wenn sie angeschossen werden, oder indirekt, wenn sie Zeugen werden, zum Beispiel wenn Selbstmordattentäter Zivilisten in die Luft jagen.

ZEIT: Werden in Afghanistan mehr Soldaten seelisch oder eher körperlich verwundet?

BIESOLD: Die Zahl der psychischen Erkrankungen ist höher. Unter den mehr als 250 000 Soldaten, die in den Einsätzen gewesen sind, haben wir über 1200 Fälle registriert.

ZEIT: Steigt die Zahl der Traumata?

BIESOLD: Leider ja. Sie lag 2006 in Afghanistan bei 55 und 2008 bei 220. Die Situation ist deutlich gefährlicher als noch vor Jahren.

ZEIT: Woran können Angehörige und die Betroffenen selbst die Traumatisierung erkennen?

BIESOLD: Es gibt drei klassische Symptome: Erstens die immer wiederkehrenden Bilder vom Geschehen, entweder als nächtliche Albträume oder auch tagsüber, ausgelöst durch irgendeinen sensorischen Reiz, ein Geräusch, einen Geruch, eine Farbe. Das versetzt den Traumatisierten praktisch wieder in die traumatische Situation. Zweitens ist da eine ständige innere Alarmbereitschaft; sie zeigt sich in Übererregbarkeit mit Schlafstörungen, Nervosität, Reizbarkeit, Ungeduld. Und drittens vermeiden die Kranken alles, was an das Trauma erinnert. Sie igeln sich ein, ziehen sich zurück, werden depressiv.

Artikel zum Thema ZEIT: Zum Glück bleiben die meisten Soldaten gesund.

BIESOLD: Ja. Die meisten Menschen können auch schwerste Erlebnisse gut verarbeiten. Dabei spielt der eigene Erfahrungshorizont eine Rolle. Ein Notarzt etwa, der an einen Unfallort kommt, wird die eigene Ohnmacht nicht so sehr spüren, weil er Handlungsmöglichkeiten hat. Dann spielt eine Rolle, wie stark man selbst bedroht ist und ob man durch das Geschehen einen sehr starken psychischen Schock erleidet. Ein großer Risikofaktor ist das Lebensalter: Misshandelte Kinder haben oft lebenslange psychische Schäden. Und auch sehr alte Menschen tragen ein höheres Risiko. Die Fähigkeit, schwere Lebensbelastungen zu verarbeiten, scheint sich im Alter zu erschöpfen.

ZEIT: Beim Bund sind ja gesunde junge Männer, die ziemlich resistent sein müssten.

BIESOLD: Ja, die sind eigentlich in dem Alter, wo sie es noch am besten verarbeiten könnten. Außerdem bereiten wir die Soldaten darauf vor, dass Extrem- Stress-Situationen auf sie zukommen können, ähnlich wie bei Polizei und Feuerwehr. Wichtig ist gutes Handlungstraining, dass man eine einsatznahe Ausbildung macht; auch eine gute körperliche Verfassung gehört dazu und vor allen Dingen das Training der Fähigkeit, an sich selbst und den Kameraden Stresssymptome zu erkennen. Das Allerwichtigste aber ist die soziale Unterstützung: Wie reagieren meine Mitmenschen, und wo bekomme ich Hilfe? Deshalb werden Traumata, die kollektiv sind, wie etwa Kriegsereignisse, besser verarbeitet.

ZEIT: Unlängst war zu lesen, dass sich ein Trauma auch mit Betablockern behandeln ließe.

BIESOLD: Die Erfolge, von denen jetzt berichtet wird, verdanken sich meiner Ansicht nach einfach dem Effekt, dass der Betablocker sediert. Er setzt die vegetativen Funktionen wie Herzschlag, Pulsbeschleunigung, Blutdruck herab, aber nicht das Erinnern. So schlicht strukturiert ist unser Gehirn nicht.

ZEIT: Und wie werden Traumatisierte bei Ihnen behandelt?

BIESOLD: Zuerst muss man die Betroffenen stabilisieren, dann muss man mit ihnen das Trauma noch mal durcharbeiten, und dann muss man sie wieder in ihr Alltagsleben integrieren. Zusätzlich können Medikamente eingesetzt werden, etwa angstlösende Mittel oder moderne Neuroleptika, wenn der Betroffene sehr starke Bilder hat. Bei Depression und Rückzug haben sich Serotonin- Wiederaufnahmehemmer bewährt.

ZEIT: Wie hat man sich eine solche Therapiesitzung konkret vorzustellen?

BIESOLD: Wenn der Patient etwa ein Bild hat, das quälend immer wieder kommt - etwa wie ein Kamerad bei einem Attentat in die Luft gesprengt wird -, dann fordert der Therapeut ihn auf, sich das Bild immer wieder vor Augen zu führen. Bei dieser Erinnerung stellt sich oft ein Schuldgefühl ein: »Ich hätte das verhindern müssen!« Mit diesem Schuldgefühl ist immer auch ein Körpergefühl verbunden: eine Reaktion des Magens, starkes Herzrasen oder Kopfschmerzen. Dann bespricht der Therapeut mit dem Patienten, was ihn mit der Situation versöhnen könnte, etwa: »Ich hab getan, was ich konnte.« Das arbeitet man immer wieder durch.

ZEIT: Was ist der Sinn dieser dauernden Wiederholungen?

BIESOLD: In der traumatischen Situation gibt es zu viele Sinneseindrücke, die man nicht verarbeiten kann: Eine Explosion ereignet sich - da sieht, hört, riecht schmeckt man irgendwas. Es entsteht ein Bild, das wir aufgrund der Kürze des Augenblicks und der fehlenden Information nicht vollständig abscannen können. Dennoch ist es irgendwo im Gehirn gespeichert, nur dem Bewusstsein nicht zugänglich. Durch die für Traumata modifizierte Verhaltenstherapie versucht man dieses Mosaikbild wieder zusammenzukriegen. Erst wenn das Bild vollständig ist, ist es auch verstehbar, und die Handlung kann psychisch zum Abschluss gebracht werden.

ZEIT: Kann der Therapeut diese Bewusstwerdung unterstützen oder beschleunigen?

BIESOLD: Es gibt eine seit 2006 auch bei uns offiziell zugelassene amerikanische Methode namens EMDR; das Kürzel steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing und ist keine eigenständige Therapie, sondern nur eine Technik. Der Therapeut bewegt dabei seine Hand unmittelbar vor den Augen des Patienten schnell hin und her. Die Augenbewegung bewirkt, dass die Bilder und Assoziationen des Patienten schneller entstehen. Wir wissen zwar immer noch nicht genau, warum das Verfahren so katalytisch wirkt, aber die Wirksamkeit als solche ist inzwischen in vielen Studien nachgewiesen.

ZEIT: Wie erfolgreich ist die Behandlung der Afghanistan- Traumatisierten insgesamt?

BIESOLD: Wir erreichen bei fast allen Patienten doch eine Verbesserung der Lebensqualität, auch wenn manche Soldaten - rund 30 Prozent - nicht mehr einsatzfähig sind.

Aus DIE ZEIT :: 26.03.2009

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