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Entscheidend ist das Vorwissen

von Elsbeth Stern

Fragen an die Kognitionswissenschaftlerin Elsbeth Stern.

Entscheidend ist das Vorwissen© Elsbeth SternDie Kognitionswissenschaftlerin Elsbeth Stern gibt Tipps zum erfolgreichen Lehren und Lernen
Forschung & Lehre: Mancher Hochschullehrer fragt sich von Zeit zu Zeit, wie viel von dem, was er lehrt, tatsächlich in den Köpfen der Studierenden haften bleibt. Wovon hängt das ab?

Elsbeth Stern: Je besser die Lernenden eine eingehende Information an bestehendes Wissen anknüpfen können und je besser sie verstanden haben, was man mit dem neuen Wissen erklären, beziehungsweise welche Probleme man damit lösen kann, desto mehr bleibt haften. Begriffe und Definitionen, die nicht eingeordnet werden können, werden spätestens nach der Prüfung wieder vergessen. Auch muss man sich der so genannten Situiertheit des Wissens bewusst sein: Menschen neigen dazu, das Wissen genauso zu nutzen, wie sie es erworben haben. Spontaner Transfer ist auch bei weit überdurchschnittlich intelligenten Menschen nicht die Regel, sondern kann nur erreicht werden, wenn ein Sachverhalt während des Lernprozesses auf vielfältige Weise verankert wird. Dies zu unterstützen ist Aufgabe der Lehrenden auf allen Schul- und Ausbildungsstufen.

F&L: Sind Prüfungen der beste Weg, Lernfortschritte zu messen?

Elsbeth Stern: Im Prinzip ja, aber gute Prüfungen verlangen, dass Lehrende das Lernziel möglichst detailliert und konkret ausarbeiten und ihre Inputs in der Lehre darauf abstimmen. Möchte man, dass das angebotene Wissen reproduziert wird, soll es auf ähnliche Probleme angewendet werden wie die in der Veranstaltung behandelten, oder möchte man Ferntransfer erreichen? Das sind unterschiedliche Lernziele, die alle ihre Berechtigung haben, aber je nachdem, was man anstrebt, muss man unterschiedlich unterrichten und prüfen.

F&L: Was sind die Nachteile?

Elsbeth Stern: Institutionalisiertes Lernen ist zwar ohne Prüfung nicht denkbar, aber man muss auch deren Kehrseite sehen, insbesondere was die Auswirkungen auf die Motivation angeht: Durch Prüfung und Benotung werden Schüler und Studierende eher leistungs- als lernmotiviert. Sie versuchen, mit dem geringsten Aufwand die beste Note zu bekommen und lernen deshalb Dinge auswendig, ohne sie verstanden zu haben. Der Ausdruck Bulimielernen hat sich dafür eingebürgert. Benotete Zwischenprüfungen können sehr negative Auswirkungen haben. Besser ist es, die Abschlussleistung zu benoten, aber zwischendurch bei Lernkontrollen inhaltliche Rückmeldung zu geben, die den Lernenden zeigen, woran sie noch arbeiten müssen. Ob Schule oder Universität: Eine inhaltsorientierte Kultur, in der die Lehrenden deutlich machen, dass es auf Verstehen ankommt, ist entscheidend.

F&L: Lernen erwachsene Menschen anders als Kinder? Welche Rolle spielen die Umgebung, Tageszeit und Pausen?

Elsbeth Stern: Die wichtigste Erkenntnis der Lernforschung ist, dass das Vorwissen entscheidend ist für den weiteren Lernfortschritt. Auch hohe Intelligenz ist nur hilfreich, wenn sie zuvor in Wissen umgesetzt wurde. Völlig falsch wäre jedoch die Annahme, wonach angesichts der überragenden Bedeutung des Vorwissens die Lehrenden selbst keinen Einfluss auf den Lernfortschritt ihrer Schüler hätten. Das Gegenteil ist der Fall: Lehrende müssen Angebote machen, mit deren Hilfe die Lernenden ihr bestehendes Wissen aktivieren, erweitern oder umstrukturieren können. Nur so kann gelernt werden. Keine noch so gut gemeinte pädagogische Intervention kann ihre Wirkung entfalten, wenn es nicht gelingt, sie einzuordnen. Jeder Lehrende muss sich überlegen, an welches systematisch erworbene oder im Alltag erworbene Wissen er anknüpfen kann. Kinder und Erwachsene unterscheiden sich vor allem in der Qualität und der Quantität des verfügbaren Wissens. Aufgrund ihres geringeren Lebensalters sind Kinder so genannte universelle Novizen, weshalb sie meist nur ein geringeres Lernpensum bewältigen können. Unterschiede zwischen Experten und Novizen bestehen aber nicht nur in der Menge des Wissens, sondern vor allem in der Bedeutung, die Begriffen gegeben wird. Kinder kennen das Wort "Gewicht", aber sie verstehen darunter "schwer anfühlen". Deshalb hat in ihrem Verständnis ein Reiskorn für einen Menschen kein Gewicht, für eine Ameise aber schon. Wenn darauf nicht angemessen im Physikunterricht eingegangen wird, kann man sich diesen gleich sparen. Die Diskrepanz zwischen dem Begriffswissen von Experten und Novizen ist auch an der Universität die größte Herausforderung in der Lehre.

Zu den Unterschieden im Vorwissen zwischen Kindern und Erwachsenen kommen Unterschiede in den Arbeitsgedächtnisfunktionen hinzu: Wie effizient kann man eingehende Information einordnen, Irrelevantes unterdrücken und kontrollieren, ob das Ziel noch verfolgt wird? Diese Funktionen sind an die Entwicklung des Frontalhirns gebunden, welches im Kindes- und Jugendalter noch vielfältigen Veränderungen unterliegt. Was sonstige Bedingungen angeht: Man sollte zum Lernen ausgeschlafen sein und weder durch Durst, Hunger oder Lärm beeinträchtigt sein, aber ansonsten werden Kontextfaktoren überschätzt. Mit einem tollen Raum kann man schlechte Vorbereitung auf Seiten der Lehrenden und Lernenden nicht kompensieren.

F&L: Gibt es aus kognitionswissenschaftlicher Sicht eine Lehrform, die besser als andere für die Hochschullehre geeignet ist?

Elsbeth Stern: Lehrformen sind nicht per se gut oder schlecht, sondern sie müssen an die Randbedingungen und die Lernziele angepasst sein. Wenn sich 50 Studierende angemeldet haben, wird man das Seminar anders gestalten müssen, als wenn man 20 Teilnehmer hat. Da an Universitäten anders als in allgemeinbildenden Schulen die Lehre nur eine von vielen Aufgaben ist, spielen Gesichtspunkte der Effizienz eine wichtige Rolle. Die traditionelle Vorlesung - ergänzt mit Aufträgen zum Selbstlernen - muss an der Hochschule dauerhaft ihre Berechtigung behalten.

F&L: Was ist wichtiger für den Erfolg des Lernens: die spezielle Lehrform oder die Persönlichkeit des (Hochschul) Lehrers - oder ein Mix von beidem?

Elsbeth Stern: Egal welche Lernform man wählt, sie kann nur wirksam sein, wenn sich die Lehrenden gut vorbereiten und gleichzeitig in der Lage sind, vom Plan abzuweichen, wenn sie erkennen, dass die Lernenden noch nicht das Wissen mitbringen, auf dem aufgebaut werden soll. Frontalunterricht, Lehrervorträge und Erklärungen werden zu Unrecht verteufelt, sie können äußerst lernwirksam sein, wenn bei den Lernenden entsprechendes Vorwissen vorhanden und aktiviert ist. An der Interaktion mit den Lernenden kommt niemand vorbei, und die Informationstechnologie bietet hier auch bei großen Vorlesungen zeitsparende und effiziente Möglichkeiten.

F&L: Wie wichtig sind Belohnungen für erwachsene Lernende?

Elsbeth Stern: Die wichtigste Belohnung beim Lernen ist Kompetenzerleben. Selbst wenn man eine Sache nicht übermäßig prickelnd oder wichtig findet, bleibt man eher dabei, wenn man die eigenen Fortschritte sieht. Expertenwissen von Lehrern zeigt sich vor allem in einem großen Repertoire an unterschiedlich anspruchsvollen Fragen und Aufgaben, die man den Lernenden stellen kann. So können auch Lernende mit unterschiedlichen Voraussetzungen vorankommen. Lernende aller Altersstufen müssen in die Lage versetzt werden, sich Zwischenziele zu setzen. Wenn man eine vorher festgelegte Etappe erreicht hat, darf man sich eine kleine Belohnung gönnen.

F&L: Wann ist aus kognitionswissenschaftlicher Perspektive ein Hochschullehrer ein guter Wissensvermittler?

Elsbeth Stern: Wenn es ihm oder ihr gelingt, den Geist der Wissenschaft zu vermitteln. Dazu gehört, dass die Begründung eines Sachverhaltes genauso wichtig ist wie der Sachverhalt selbst.


Über die Autorin
Elsbeth Stern hat die Professur für Lehr- und Lernforschung an der ETH Zürich inne. Ihre Forschungsschwerpunkte sind menschliche Intelligenz, Grundlagen des Wissenstransfers, mathematisches und naturwissenschaftliches Verständnis im Kindes- und Jugendalter

Aus Forschung & Lehre :: Juni 2012

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